14.04.2001

MILITÄREinmaliges Experiment

Taugen Frauen nicht als Soldatinnen? Ein prominenter Militärhistoriker behauptet sogar, dass sie die Armeen schwächen.
Kämpfende Frauen lösten seit jeher einen besonderen Kitzel aus, aber sie waren eine weltgeschichtliche Rarität. Als paradoxe Geschöpfe in der männlichen Sphäre wirkten sie faszinierend und abstoßend zugleich. Besonders wenn sie mit entblößtem Busen Waffen schwangen, verbanden sie Wildheit mit Sex- Appeal, das kam aber meist nur in Mythen vor und einige Jahrtausende später in manchen Nachtclubs bei Damen-Ringkämpfen im Schlamm.
Allerdings waren in der Phantasiewelt verschiedenster Völker die Gottheiten für den Krieg weiblichen Geschlechts, etwa die sumerische Inanna, die "wie ein Hund die Leichen isst", oder die aus Kanaa stammende Anat, die "knietief im Blut" watet. Während die griechische Athene und die römische Minerva vergleichsweise zivilisiert erschienen, offenbarte sich die indische Kali als grausige Gestalt mit heraushängender Zunge.
In der Realität hängt den Soldatinnen von heute weder der Busen noch die Zunge heraus. Sie verloren viel von dem blutrünstigen und schillernden Flair. Stattdessen eroberten sie sich in den Streitkräften vor allem der westlichen Welt ein Verwendungsprofil nach dem anderen, seit in der Leit-Armee - nämlich der USA - in den siebziger Jahren das diskriminierende Verdikt fiel, dass Frauen keine Vorgesetzten von Männern sein durften, sondern adrett in Uniform das Gebäck zu reichen hatten. Mittlerweile dienen Frauen mit einiger Selbstverständlichkeit als Bedienungspersonal von Raketen, fliegen Jagdflugzeuge oder fahren Gabelstapler in Munitionsdepots. Norwegen brachte die erste U-Boot-Kommandantin hervor.
Die weibliche Penetration des männlichen Militärs - ermöglicht durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs nun auch für die Bundeswehr - ist ein historisch junges, geradezu revolutionäres Phänomen.
Doch soll der "Triumphzug der Frauen" nichts weiter sein als eine "Illusion"? Der das behauptet, ist ein bemerkenswerter Chauvinist: Martin van Creveld, 55, gilt als einer der bedeutendsten Militärtheoretiker der Welt, er lehrt seit drei Jahrzehnten an der Hebräischen Universität in Jerusalem und genießt auch im Washingtoner Pentagon Wertschätzung - eine zivile Karriere als Surrogat für die Zurückweisung vom Wehrdienst, weil er mit einer Hasenscharte geboren worden war.
Seine Abhandlung über "Frauen und Krieg" ist durchdrungen von Verständnis für militärischen Männerstolz*: "Vor allem anderen war der Krieg eine Bestätigung der Männlichkeit." Für die "hässlichste und gefährlichste" aller menschenmögli-
chen Betätigungen taugt nach seiner Ansicht das weibliche Geschlecht nicht.
So sieht er im Vormarsch der Frauen "gleichermaßen Symptom und Ursache für den Niedergang des Militärs". Dieser Prozess sei mit der Verbreitung von Atomwaffen in Gang und mit dem Ende des Kalten Krieges erst recht in Schwung gekommen. Je unwahrscheinlicher Kriege zwischen mächtigen Staaten als gleichwertigen Gegnern geworden seien, desto mehr sei die politische und gesellschaftliche Bedeutung von Kampfmaschinen gesunken. In der Tat nahmen die Armeen zahlenmäßig ab, ihre Budgets schrumpften.
Damit seien sie reif geworden für ein "Experiment in politischer Korrektheit", so Creveld, "das in dieser Form einmalig in der Geschichte ist". Frauen seien als "zweitrangiger Ersatz" gelegen gekommen für schlecht bezahlte Posten, die Männer nicht mehr wollten, und je höher der weibliche Anteil gestiegen sei, desto mehr sei die Attraktivität der Streitkräfte für Männer gesunken.
"In Wahrheit stehen die Frauen im Aus", konstatiert der Militärexperte. Statt dem Emanzipationsziel, die Instrumente der Gewalt kontrollieren zu können, näher zu kommen, blieben die Frauen in den Armeen eine Minderheit ohne Einfluss. Tätig überwiegend in untergeordneten Rängen, leisteten sie wie eh und je Hilfsdienste für Männer.
Natürlich kann Creveld seinen Blick nicht vor einigen militärischen Karrierefrauen verschließen, aber derlei herausragende Persönlichkeiten würden sich nicht mit "ihren schwächeren Schwestern identifizieren, sondern mit ihren männlichen Kameraden". Indessen höhlten die schwachen Schwestern die Kampfkraft der Streitkräfte aus, die, wenn das so weitergehe, am Ende "überhaupt nicht mehr kämpfen können".
Da möchte man als Frau dem Macho aufs Maul hauen, aber es lohnt schließlich doch, ihn anzuhören. Es ist leider wahr: Körperlich können sich nur 20 Prozent der stärksten Frauen mit 20 Prozent der schwächsten Männer messen. Wie sich bei der Rekrutierung in den USA zeigte, sind Frauen im Schnitt 12 Zentimeter kleiner und 14,3 Kilo leichter als Männer, sie haben 16,9 Kilo weniger Muskeln und 2,6 Kilo mehr Fett. Sie sind zwar weniger empfindlich gegen Kälte, können aber schlechter bei Hitze mit schwerem Gepäck marschieren.
Beim Werfen von Handgranaten, einer Waffe mit Zukunft in Stadtkriegen, hatten Frauen Schwierigkeiten oder drohten sich gar in die Luft zu sprengen, wie sich im Training zeigte. Als Frauen während der achtziger Jahre in der US-Militärakademie West Point gleichberechtigt geschunden wurden, erlitten sie zum Beispiel zehnmal so viele Ermüdungsbrüche wie Männer. Daher werden auch in anderen Ländern Soldatinnen bei der Ausbildung weniger hart rangenommen, was für Männer zu einer "Farce und Demütigung" geführt hätte.
Besonders wurmt den Autor ein Phänomen, das die Streitkräfte als "sexuelle Belästigung" schwäche. Die Armeen verläpperten Potenzen durch unzählige Vorschriften, Einrichtungen von Hotlines und Sensibilisierungstraining: mit dem Effekt, dass in einer Organisation, die das Prahlen mit der Männlichkeit von jeher toleriert habe, Männer in "Eunuchen" verwandelt worden seien - und die Verwirrung groteske Formen angenommen habe: "Es gab ,Sexismus durch Tun'' und ,Sexismus durch Unterlassen''." Das wirkt nicht nur belustigend.
Während Frauen "ohne besonderen Schutz" nicht bestehen könnten, müssten Männer im Ernstfall als Ausgleich für weibliche Schwäche zusätzliche Strapazen auf sich nehmen. Umfragen und Studien belegen in Crevelds Augen, dass allenfalls ein Zehntel der Soldatinnen bereit sei, sich für Kampfeinsätze zu melden, also "freiwillig das zu tun, wozu die Organisation geschaffen wurde, der sie angehören".
Seiner Verachtung können Frauen entgegenhalten, dass die geringe Kriegslüsternheit der Soldatinnen ideal zur Entspannungspolitik passt. Allerdings muss dem intellektuellen Haudegen zugestan-
den werden, dass bei friedenssichernden Missionen ein martialisches Auftreten zur wirksamen Abschreckung gehört. Das mag eine gewisse Spezies von Männern an vorderster Front vermutlich besser ausstrahlen können.
Die Kriege und bewaffneten Konflikte unserer Zeit - rund 50 im vergangenen Jahr - schwären überwiegend in unwegsamen Gebirgen, Sümpfen oder Dschungeln so genannter Entwicklungsländer. Sie sind schmutzig und erbarmungslos hart. "Wo Kriege noch Kriege sind und Männer noch Männer sein dürfen", da stellten sich Söldner ein, die nach einer konventionellen Ächtung im 19. Jahrhundert fast verschwunden waren und nun fatalerweise wieder im Kommen seien. Frauen hielten sich fern, das grausige Handwerk des Tötens werde fast ausschließlich von Männern betrieben. Creveld machte nur eine "Hand voll Mannweiber" für Propagandazwecke aus: Verhältnisse wie eh und je.
Vielleicht hat er Recht, dass die Rollen der Geschlechter weniger flexibel sind, als es den vorherrschenden Erwartungen in der westlichen Gesellschaft entspricht. Vielleicht aber sind die Probleme mit Frauen in den Armeen nur eine Kinderkrankheit in dem weltgeschichtlichen Umbruch. Strategisches Denken fängt nicht im Fettgewebe, sondern in den Köpfen an. ARIANE BARTH
* Martin van Creveld: "Frauen und Krieg". Gerling Akademie Verlag, München; 324 Seiten; 58 Mark. * Gemälde von Bartholomäus Spranger (um 1591).
Von Barth, Ariane

DER SPIEGEL 16/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.