14.04.2001

KUNST

Wunden kann ich nicht malen

Der Maler Gerhard Richter, 69, über seinen sechsteiligen Bilderzyklus, der im Juni bei der Biennale von Venedig gezeigt werden soll

SPIEGEL: Herr Richter, Ihre rhombenförmigen roten Gemälde waren für einen kirchlichen Raum gedacht. Warum ist dieser Plan gescheitert?

Richter: 1997 hat mich der Architekt Renzo Piano gefragt, ob ich für das von ihm entworfene Pilgerzentrum zu Ehren des selig gesprochenen Paters Pio nahe der italienischen Adriaküste etwas malen könnte. Ich fand die Architektur interessant und auch die Idee, überhaupt eine neue Kirche zu bauen. Ich bin ja ein Sympathisant des Katholizismus - ohne ihm anzugehören.

SPIEGEL: Was wurde von Ihnen erwartet?

Richter: Die Bilder sollten figürlich sein, sie sollten mit dem Leben des Padre Pio zu tun haben, mit dem Franziskanerorden und mit der Stigmatisation des Titelheiligen. Da habe ich gleich gesagt: Ich glaube nicht, dass mir das gelingt. Ich konnte also keinen Auftrag annehmen, sondern nur etwas versuchen und das Ergebnis anbieten.

SPIEGEL: Wer befand darüber?

Richter: Eine Kommission, in der Piano, Franziskanermönche und Vertreter des Vatikan saßen. Sie hat mir mit Bedauern abgesagt. Ich verstehe das.

SPIEGEL: Was qualifiziert die Bilder für ein Pilgerzentrum?

Richter: Irgendwie wirken sie sakral auf mich. Aber ich wollte sie nicht durch einen Titel aufladen. Wie bei all meinen Abstraktionen habe ich mit vagen Vorstellungen angefangen und dann die Flächen immer wieder übermalt.

SPIEGEL: Darf man bei den roten Rhomben an Wundmale, Stigmata, denken?

Richter: Vielleicht kommt das unbewusst herein, es auszusprechen wäre mir zu heikel. Ich kann keine blutende Wunde malen.

SPIEGEL: Die Bilder sind dann vom Kunstmuseum in Houston (Texas) angekauft worden, das sie nun zur Biennale ausleiht. Was bleibt von der sakralen Aura?

Richter: Im Augenblick wohl nur das absurde Zeitungsschlagwort "Vom Vatikan abgelehnt".


DER SPIEGEL 16/2001
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