23.04.2001

GEHEIMDIENST„Nach dem Lesen sofort vernichten“

Mit gigantischem Hightech-Aufwand zu Land, zu Wasser und hoch am Himmel sammelt die NSA, Washingtons mächtige Abhörbehörde, Gespräche und elektronische Daten rund um den Erdball. Bestsellerautor James Bamford enthüllt Erfolge und Pannen der globalen Lauscher.
Blitz, Blitz, Blitz", rief Funker Joe Ward in sein Mikrofon. "Wir werden von Flugzeugen und Schnellbooten angegriffen. Ich rufe noch einmal Blitz, Blitz, Blitz."
Sein Schiff, die USS "Liberty", brannte bereits lichterloh im Napalm-Feuer. Im Rumpf klaffte nach einem Torpedotreffer ein Leck - so groß, dass ein Wal hätte hineinschwimmen können. Brücke und Decks waren zersiebt von mehr als 850 Einschlägen aus den Maschinenkanonen angreifender Schnellboote, "Mirage"-Bomber und "Super Mystère"-Jagdflugzeuge.
Dennoch wussten die Amerikaner nicht nur in der Kommandozentrale der 6. Mittelmeerflotte, sondern auch in den Krisenzentren der Bundeshauptstadt Washington, 9500 Kilometer entfernt, sofort, dass der eigene Verbündete, Israel, diesen mörderischen Angriff auf die "Liberty" gestartet hatte. 34 US-Bürger starben, 170 wurden verletzt, ein viele Millionen Dollar teures Spezialschiff war ruiniert.
Doch die Reaktion der Weltmacht, die sonst schon aufschreit, wenn einer ihrer Bürger irgendwo auf der Welt unter zweifelhaften Umständen in Polizeigewahrsam genommen wird, blieb seltsam gedämpft. Wohl wider besseres Wissen gab sich Präsident Lyndon Johnson mit der Entschuldigung aus Tel Aviv zufrieden, die "Liberty" sei das Opfer einer Verwechslung geworden.
Das war am Donnerstag, dem 8. Juni 1967, am vierten Tag des israelischen Sechstagekriegs gegen die arabischen Nachbarn. Jetzt, beinahe 34 Jahre nach dem Vorfall, enthüllt der Autor James Bamford die skandalösen Hintergründe dieses nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor schwersten Angriffs auf ein amerikanisches Schiff in Friedenszeiten.
Bamford, der 1982 mit dem Buch "The Puzzle Palace" einen ersten Bestseller über den Abhörgeheimdienst National Security Agency (NSA) veröffentlicht hatte, legt mit "Body of Secrets" nun ein zweites Buch über die "größte, geheimste und modernste Spionageorganisation der Erde" vor*. Die Wahrheit über den Angriff auf die "Liberty", ein Spionageschiff der NSA, gehört zu Bamfords schockierendsten Enthüllungen.
Bei seinen Recherchen stieß er auf hochgeheime Dokumente, die vermuten lassen, dass Israels Entschuldigung, der Angriff sei irrtümlich erfolgt, eine bis heute aufrecht- erhaltene Schutzbehauptung ist. Bamford fand auch Belege dafür, dass Washington präzise Informationen über den Angriff und seine Hintergründe besaß: Eine Abhörmaschine vom Typ Lockheed EC-121 habe hoch über der "Liberty" ihre Kreise gezogen und den gesamten Funkverkehr der Israelis mitgeschnitten. Für Militärs und Geheimdienstler ergibt sich aus dem Material, dass die Israelis genau wussten, welches Schiff sie zu versenken suchten.
Wirklich empört habe jene Hand voll Amerikaner, welche die geheimen Aufzeichnungen kannten, so Bamford, vor allem der Verdacht, die Israelis hätten das mit Elektronik voll bepackte Spionageschiff möglichst mit Mann und Maus auf den Meeresgrund schicken wollen und deshalb sogar noch Rettungsflöße gezielt beschossen. Sie fürchteten, der US-Aufklärer habe Beweise für Menschenrechtsverletzungen
sammeln wollen, die israelische Soldaten zur fraglichen Zeit in der Küstenstadt al-Arisch auf dem Sinai begingen.
Wahllos hatten die unter dem Davidstern vorrückenden Panzer zunächst eine wehrlose Marschkolonne indischer Uno-Friedenstruppen zusammengeschossen, dann einen Stützpunkt der Weltorganisation mit schwerem Feuer belegt.
"Der Angriff könnte von einem hohen Kommandeur auf der Sinai-Halbinsel befohlen worden sein, der irrtümlich annahm, die ,Liberty'' beobachte sein Vorgehen", hielt Louis Tordella, damals stellvertretender NSA-Chef, zwei Wochen nach dem Vorfall fest. Reden über die ganze Sache war ihm jedoch bei Strafandrohung ebenso verboten wie allen anderen Mitwissern: Bis heute zählten die Hintergründe der Affäre zu den bestgehüteten amerikanischen Staatsgeheimnissen.
Von denen werden nirgendwo auf der Welt mehr verwahrt als in jener Satellitenkommune vor den Toren der Bundeshauptstadt, die den Benutzern der Autobahn zwischen Washington und Baltimore hinter Hügeln und Wäldern verborgen bleibt. Nur eine Sonderausfahrt bei dem Weiler Annapolis Junction weist Eingeweihten den Weg.
Weit kommen sie nicht, bis ihnen kamerabewehrte Stacheldrahtzäune, massive Steinblöcke, hydraulische Lkw-Sperren und dicke Betonbarrieren den Weg versperren. Ungebetene Gäste erhalten ihrerseits Besuch - von den "men in black", schwer bewaffneten Kommandosoldaten, die den Zugang zu Crypto City, der gigantischen Zentrale der NSA, abschirmen.
Auch die Geheimniskrämerei um jene Männer und Frauen, die mit Entschlüsselungsarbeiten und Codeknacken, mit Funkaufklärung und Radaranalyse zu Wasser, zu Land, in der Luft und längst auch im All weltweit Informationen auf der Spur sind, wird mit enormem Aufwand betrieben.
Selbst die Pfarrer von Crypto City sind als Geheimnisträger für Informationen überprüft, die noch höher als "top secret" eingestuft sind. In der Lausch-und-Analyse-Gemeinschaft, die mehrere zehntausend Angehörige zählt, trägt sogar das Mitteilungsblättchen mit so brisanten Informationen wie den Ergebnissen des Softball-Turniers oder den Terminen des Keramikclubs den Warnhinweis: "Nach dem Lesen sofort vernichten."
Aus Angst, die Mieter eines geplanten elfstöckigen Bürohochhauses in der Nähe könnten nach Crypto City hineinschauen, mietete die NSA kurzerhand das ganze Gebäude, noch ehe es fertig war. "No Such Agency" - eine solche Behörde gibt es nicht - galt lange Zeit als der treffendste Klarname für das Kürzel NSA.
In Wahrheit ist der Geheimdienst höchst aktiv, unterhält Horchposten rund um den Globus, liegt mit U-Booten und antennenbestückten Frachtschiffen vor fremden Küsten auf Lauer und hält mit supergeheimen Flugzeugen und Satelliten Ausschau nach Wissenswertem für seine unersättlichen Elektronengehirne. In Crypto City findet sich die wohl weltweit größte Ansammlung von Supercomputern und von Mathematikern, Informatikern und Sprachwissenschaftlern, die nahezu alle Zungen der Welt beherrschen.
Um die gewaltigen Datenberge zu bearbeiten, die ihnen täglich ins Haus geliefert werden, teilen die Geheimniskrämer die Zeit ihrer Rechner in Femtosekunden auf, Millionstel-Milliardstelsekunden. Und in ihren Labors erforschen sie Elektronenrechner, die mehr als eine Billiarde Operationen pro Sekunde ausführen können.
Mit diesem Aufwand will die NSA jene völlig neuen Aufgaben bewältigen, vor die sie sich im Informationszeitalter gestellt sieht. Nach einem halben Jahrhundert voller grandioser Erfolge, aber auch peinlicher Pleiten - die Notlandung eines Spionageflugzeugs auf der chinesischen Insel Hainan ist die jüngste Panne - steht die NSA inmitten eines dramatischen Wandels, dessen Ausgang keineswegs abzusehen ist.
Ein Rückblick auf einige der riskantesten Fehlschläge: Während der Kubakrise 1962 war der NSA völlig entgangen, dass mit den sowjetischen Raketen auch Atomsprengköpfe auf die Zuckerinsel gebracht worden waren. Einige von ihnen waren ausschließlich für den Fall vorgesehen, dass die USA tatsächlich eine Invasion begonnen hätten. Noch heute schaudert es Ex-Verteidigungsminister Robert McNamara bei dem Gedanken, dass "die Welt damals um Haaresbreite an einem Atomkrieg vorbeigeschlittert ist".
Die wirklich umwälzende Zeitenwende nahm die hoch gerüstete NSA allerdings ebenso wenig wahr wie ihr Schwestergeheimdienst, die CIA. Das ganze Ausmaß der katastrophalen Wirtschaftslage des Ostblocks blieb den Fernspähern genauso verborgen wie das rasch nahende Ende des Kalten Krieges. Und der Golfkrieg geriet, so der damalige CIA-Chef Robert Gates, zum Waterloo der Geheimdienste: "Wir besaßen nur lückenhafte Erkenntnisse über die Absichten des Irak vor dem Einmarsch in Kuweit, die Fähigkeit des Irak, Sanktionen zu widerstehen, und über den Zustand des irakischen Waffenprogramms."
Fragwürdig scheint der Nutzen der weltweiten Schnüffelei auch noch aus einem anderen Grund: Von 1967 an lieferte der Navy-Nachrichtenspezialist John Walker den Sowjets 18 Jahre lang nahezu alle amerikanischen Verschlüsselungsgeräte und Kodierkarten und "gab uns so die Möglichkeit, in Amerikas prekärste militärische Geheimnisse Einblick zu nehmen", freut sich noch heute der pensionierte KGB-Generalmajor Boris Solomatin. Dieser beispiellose GAU der amerikanischen Abwehr blieb gleichwohl ohne erkennbaren Einfluss auf den Ausgang des Kalten Krieges.
Inzwischen hat das weltweite Lauschnetz zumindest teilweise ausgedient. Viele der Horchstationen, die den Globus einst umspannten, sind abgeschaltet.
Die verbliebenen elektronischen Ohren der NSA zapfen heute ganz neue gewaltige Kommunikationskanäle an: das Netz der Fernsprechsatelliten. Wie mit gigantischen elektronischen Staubsaugern wird alles aufgesogen, was der Äther hergibt.
Es ist die umfassendste Abhöraktion, welche die Welt bislang gesehen hat. Streng geheim werten Amerika, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland den weltweiten Nachrichtenverkehr aus.
Vollautomatisch erfasst das Suchprogramm "Echelon" dabei, was immer die Fahnder vorher an Kriterien eingegeben haben: Telefonnummern, Namen, Begriffe. Auf diese Weise belauschten die Kommunikationsspezialisten beispielsweise den US-Staatsfeind Nummer eins, den Terroristen Ussama Ibn Ladin, wenn er auf seinem tragbaren Inmarsat-Satellitentelefon sprach.
Der globale Fischzug nach elektronischen Daten erregt jedoch auch Besorgnis. Das Europäische Parlament leitete eine Untersuchung gegen diese Spionageaktivitäten ein, denen oft auch völlig unbescholtene Bürger zum Opfer fallen.
So wurde ein französischer Industrieller jahrelang verdächtigt, Iran beim Erwerb chinesischer Marschflugkörper vom Typ 801 behilflich gewesen zu sein. Dank Echelon geriet sein Name in Fahndungscomputer auf allen Kontinenten, obwohl sich der Verdacht bei einer Kontrolle als völlig unbegründet erwies.
Auch U-Boot-Vorstöße in sowjetische Hoheitsgewässer gehörten einst zum riskanten Arsenal der NSA. Die "USS Nautilus", das erste Atom-U-Boot der Welt, beobachtete so nahe vor der Insel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer, dass das Boot noch unter Wasser bei jeder Explosion erbebte.
1975 begab sich die "USS Halibut" auf Schleichfahrt ins Ochotskische Meer und setzte sich auf eigens dafür angeschweißten Kufen über ein Unterseekabel, das die geheimen U-Boot-Basen auf der Halbinsel Kamtschatka mit der Führung der sowjetischen Pazifikflotte in Wladiwostok verband. Wochen lang hörten Taucher den unverschlüsselten Nachrichtenverkehr ab, bis das ganze Unternehmen - weniger riskant - automatisiert wurde.
Von 2004 an, wenn ihre Umrüstung abgeschlossen ist, soll die "USS Jimmy Carter" als das "höchstentwickelte Spionage-U-Boot aller Zeiten" ähnliche Arbeiten verrichten. Doch nach dem Ende des Kalten Krieges haben die Lauscher notgedrungen andere Prioritäten erhalten. "Bei der NSA genießt Wirtschaftsspionage inzwischen besonderen Vorrang", schreibt Bamford. Auch vor Verbündeten machen die US-Späher dabei keinen Halt.
Computerisierung und Digitalisierung, Handy und Internet bescheren den Abhörern mittlerweile eine kaum noch zu bewältigende Datenflut. Hinzu kommt, dass bei zunehmend raffinierter "digitaler Ver-
schlüsselung auf Dauer schon der Versuch überflüssig wird, diese Signale zu knacken", fürchtet ein früherer NSA-Beamter. Er nimmt an, dass innerhalb der nächsten sieben Jahre 85 Prozent aller Nachrichten in komplexen Kodierungssystemen verborgen sein könnten. Zusätzlich erschwert der verstärkte Einsatz von nicht so einfach anzuzapfenden Glasfaserkabeln den Nachrichtensammlern das Leben.
Deshalb stellt sich die NSA schon heute auf einen totalen Kurswechsel ihrer Arbeit ein. Sie will weg von den großen Abhörnetzen, in denen sich Myriaden von elektronischen Kommunikationspartikeln verfangen, die täglich weltweit ausgestrahlt werden. "Daten im Ruhezustand" heißt das neue Ziel.
Mit Hilfe des "Special Collection Service", einer Geheimtruppe von NSA und CIA, wollen die Aufklärer künftig in die gewaltigen Datenspeicher einbrechen, die weltweit nahezu alles Wissenswerte konservieren. Hacker und Computeringenieure stehen deswegen schon seit längerem auf der Wunschliste der NSA ganz oben.
Um auch künftig den rasend anschwellenden Datenstrom bewältigen zu können, den die Digitalisierung erzeugt, hat der Abhörgeheimdienst in einer Ecke von Crypto City sogar eine eigene Computerfabrik aufgebaut. In deren Forschungsinstituten arbeiten NSA-Wissenschaftler an den Supercomputern für übermorgen. Schon heute könnten dort Petaflop-Computer rechnen, die kaum vorstellbare 1015 Operationen pro Sekunde absolvieren.
Neue Superrechner, deren Bauteile auf atomare Größe geschrumpft sind, versprechen Quantensprünge in der Leistungssteigerung. Rechnerkomponenten aus biologischen Elementen gelten unter Fachleuten - auch bei der NSA - als das Nonplusultra der elektronischen Technologie.
"Vielleicht", so Autor Bamford über die Zukunftsperspektiven der NSA, "erreicht die ja ganz im Geheimen das Höchste an Schnelligkeit, Vielseitigkeit und Effizienz - einen Hochgeschwindigkeitscomputer, der in eine Eineinhalbliterdose passt und nicht mehr als 15 Watt Leistung benötigt - das menschliche Gehirn." SIEGESMUND VON ILSEMANN
* Die deutsche Ausgabe erscheint am 10. Mai unter dem Titel "NSA. Die Anatomie des mächtigsten Geheimdienstes der Welt" im C. Bertelsmann Verlag; 673 Seiten; 68 Mark. * Animation auf der Grundlage des Bauentwurfs.
Von Ilsemann, Siegesmund von

DER SPIEGEL 17/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.