23.04.2001

SCHAUSPIELVorletztes Gericht in Manila

Der Dramatiker Werner Fritsch galt lange als Außenseiter. Nun präsentiert das Berliner Theatertreffen sein Stück „Chroma“ - ein Traumspiel um den Tod des Bühnendämons Gustaf Gründgens.
Im vergangenen November entlud sich die große Wut des Werner Fritsch in einem langen Aufsatz: Gegen den "Teufels-Cocktail aus Geilheit und Gewalt", der sich aus den Medien über uns ergießt, wetterte der Autor da, gegen die Nachäffung einer "mumifizierten Gegenwart" im Film, gegen die Anbiederung und Verflachung einer Literatur, in der "mit immer weniger Sprache immer dickere Bücher geschrieben werden".
Vor allem aber zürnte Fritsch gegen das, was derzeit auf deutschen Schauspielbühnen zu sehen ist: Das Theater ziehe angesichts des grassierenden Fun-Zeitgeistes "den Schwanz ein", schlingere "im Schmusekurs mit Moden und Medien" und sei nur mehr ein "Rumpf ohne Kopf".
Natürlich lieben Kulturmenschen solche Attacken, und so kann man die jüngs-
te Wendung in der komplizierten Geschichte des Schriftstellers und Dramatikers Fritsch, 40, ganz einfach erzählen: Das Fachblatt "Theater der Zeit" druckte den Wutanfall - und die Jury des Berliner Theatertreffens nominierte flugs die jüngste Fritsch-Produktion für die wichtigste Leistungsschau der deutschsprachigen Bühnen.
Ganz sicher war es anders, logisch beteuern alle Beteiligten, dass das eine (der Zornausbruch) und das andere (die Einladung nach Berlin, wo es offiziell nicht um Stücke, sondern um Inszenierungen geht) nichts miteinander zu tun haben. Fest steht: Der Autor Fritsch, der sich lange Zeit missachtet fühlte vom Gegenwartstheater, hat es in diesem Jahr in die Top Ten der Theaterhitparade geschafft.
"Chroma" heißt der griechische und eher abweisende Titel des Stücks, das letzten Sommer als Produktion des Darmstädter Staatstheaters auf der Expo in Hannover uraufgeführt wurde, der Held des Dramas aber ist zumindest Kulturgeschichtskundigen sehr vertraut: der deutsche Theaterdämon Gustaf Gründgens.
"Chroma", das im Untertitel eine "Farbenlehre für Chamäleons" sein will, ist ein kurioses Traumspiel über das kuriose Lebensfinale des Schauspielers, Regisseurs und Theaterchefs Gründgens. Der nämlich machte sich 1963 (er hatte gerade seinen Job als schon zu Amtszeiten legendärer Boss des Hamburger Schauspielhauses aufgegeben) zu einer Weltreise auf - und starb auf der ersten Station in Manila einen bis heute geheimnisumraunten Tod.
"Ich habe, glaube ich, zu viel Schlafmittel genommen, mir ist ein bißchen komisch, lass mich ausschlafen", soll er in der letzten Nacht im Hotelzimmer auf einen Zettel gekritzelt haben.
Aber Fritschs Stück schert sich wenig um die Frage, ob der damals 63jährige Gründgens womöglich freiwillig aus dem Leben schied. Stattdessen entwirft der Autor in seinem Text eine Art surrealen Lebensfilm, wie er sich im Kopf des Gustaf Gründgens in dessen letzter Nacht abgespult haben könnte - oder besser: wie ihn vielleicht Fausts Mephisto vom berühmten Mephisto-Darsteller Gründgens träumen würde. Natürlich treten die Gründgens-Bewunderer Hitler und Emmy Göring in dieser Nachtphantasie auf, natürlich geht es um Gründgens'' sexuelle Abenteuer mit Männern und Frauen; und natür-lich kreist das ganze Stück um die Kunsttriumphe und Lebensniederlagen des berühmten, berüchtigten Verstellungskünstlers.
Es seien die "Banalitäten, die mich töten", sagt der Fritsch-Gründgens, vom Glanz Berlins redet er und von der Unmöglichkeit seiner Ehe mit Erika Mann: "Und des Morgens trugen wir / in Begleitung pinguinschwarzer Männer / im Weichbild der Stadt / unsere Liebe zu Grabe."
Auf der Bühne könnte diese biografische Geisterstunde durchaus im trüben Kitsch versacken. Der Regisseur Thomas Krupa aber formt daraus eine strenge, elegante Revue: Unter einem müde kreisenden Deckenventilator strampeln da halb ulkige, halb gruslige Gestalten durch die Tropennacht; und schon wenn der schwergewichtige, drollig ungelenke Gründgens-Darsteller Matthias Scheuring zum ersten Mal seine Stimme hebt, ist klar, dass hier nicht die Halluzinationsbilder eines Morphiumrauschs nachgestellt werden.
"Chroma" ist in Krupas Version ein Prozess. Der Ankläger heißt Mephisto und wird von der Schauspielerin Karin Klein so flink und geschmeidig gespielt, dass diese Figur tatsächlich an den jungen Gründgens erinnert. Der Angeklagte aber muss die Schuld erkennen, die er nicht nur durch zeitweilige politische Liebedienerei, sondern auch durch seine Arbeit auf der Bühne angehäuft hat: "Meine Rollen fallen über mich her." Die Hölle, das sind für den Theatermenschen nicht die anderen, nicht die Zuschauer - sondern die ausgeliehenen, die geklauten Identitäten.
Krupa, 41, ist da ein schöner Balanceakt gelungen, ein irrlichterndes Spiel, das sich nicht um historische Schuldzuweisungen kümmert, das aber jederzeit offenbart, dass der vors vorletzte Gericht gezerrte Gründgens kein Bösewicht ist, sondern ein genialer Hasardeur. Vor allem aber merkt man "Chroma" an, dass Krupa umzugehen weiß mit Fritschs poetischer, mitunter jedoch überladener Sprache.
Aufgewachsen ist Fritsch in der hintersten Oberpfalz, in Tirschenreuth. Mit 14 hat er dem Münchner Gewaltdichter und Filmemacher Herbert Achternbusch erste Texte zugeschickt und durfte später bei dessen epochalem Kinowerk "Der Depp" den Regieassistenten machen. Mit 27 hat er nach rund zehnjähriger Arbeit den Roman
"Cherubim" veröffentlicht, in dem ein Knecht namens Wenzel grausam-komische Episoden aus seinem Leben erzählt.
Nebenbei fing Fritsch selbst das Filmemachen an, schrieb über Erfahrungen bei der Bundeswehr ein Stück und eine Erzählung, ließ im Monolog "Sense" einen Oberpfälzer Bauern übers Leben und das Morden im Krieg erzählen - kurz: Er zog zwar schon bald nach München und vor einigen Jahren nach Berlin, als Dichter aber kam er aus der Oberpfalz nicht heraus.
Verständlich ist das einerseits, weil die Kritiker die vom Renommierverlag Suhrkamp aufgelegten Fritsch-Werke bejubelten und mit Preisen auszeichneten; andererseits, weil Fritsch dem Glauben anhing, dass das Schreiben über eine sehr begrenzte Region die Grundkonflikte der Menschen verständlich abbilde - "da kann ich mich auf große Regionalisten der Weltliteratur wie William Faulkner oder Gabriel García Márquez berufen". Was Fritsch erst allmählich bemerkte: Von den Fachleuten wurde er mit seiner nah am Mündlichen angesiedelten, dabei mit Metaphern wuchernden Kunstsprache in ein Exoteneck hineingelobt.
Dem Dichter fiel auf, dass die Dramaturgen seine Stücke zwar reservierten, aber dann in der Warteschleife hängen ließen - ja, dass er spätestens Anfang der Neunziger ins Theaterabseits geraten war: "Meine Stücke fielen plötzlich in eine Zeit, in der man lieber den Klassiker als Comicstrip oder Videoclip auf die Bühne brachte als den neuen zeitgenössischen Autor", sagt Fritsch, "und als man sich doch wieder für Gegenwartsdramen, zumal für britische, interessierte, galten meine Sachen als zu sperrig und zu individualistisch."
So wuchs die Wut des Dichters, und sie wurde kaum dadurch gemildert, dass er Mitte der Neunziger mit dem notorisch wütenden österreichischen Regisseur Johann Kresnik zusammenkam. Kresnik ließ Fritsch 1995 eine Vorlage für seine eigene "Gründgens"-Abrechnung schreiben (die mit "Chroma" außer der Heldenfigur wenig gemein hat) und 2000 für ein blutiges Kriegsende-Spektakel namens "Aller Seelen", beides kam in Hamburg heraus.
Doch mag Fritsch auch von Kresniks "Grundvertrauen" schwärmen und von "der Theaterpragmatik, die ich bei ihm gelernt habe" - dass er mit seinen ureigenen Theatertexten kaum mehr zum Zug kam, wurmte ihn schon sehr: Mal setzte Thomas Langhoff am Berliner Deutschen Theater einen Fritsch-Text in den Morast, ansonsten blieb Darmstadt. Das ist zwar Theaterprovinz, aber in Krupa fand Fritsch einen Regisseur, der die Provinz als Chance begriff. "Chroma" ist ihre dritte gemeinsame Arbeit.
Und tatsächlich ist Werner Fritsch ja einer, wie ihn das deutsche Theater dringend braucht. Einer, der im Theater "einen Gegenraum, einen Ort der Erleuchtung" sucht. Einer, der seine Figuren (in "Chroma") wundersame, traumschöne Sätze sagen lässt wie "Lass dich von mir zur Einsamkeit verführen". Und einer, mit dem man neuerdings rechnen muss.
Im Augenblick sieht es so aus, als ob die Kraft des Werner Fritsch endlich Anerkennung findet. Die Einladung zum Theatertreffen ist nur ein Beleg. In Düsseldorf wollen sie sein Bundeswehr-Stück "Fleischwolf", in dem es um den alltäglichen Rechtsradikalismus geht, aufführen. Seine jüngste Erzählung "Jenseits", die Beichte eines Sexualmörders, preisen Kritiker als "Meisterwerk"; der Schauspieler Josef Bierbichler hat daraus bereits ein Hörspiel gemacht und will das Werk in Frankfurt am Main auch auf der Bühne spielen.
Und noch wichtiger: Fritsch selbst wehrt sich nun schreibend gegen den Ruch, bloß ein Oberpfälzer Heimatdichter zu sein. Seine beiden neuen Stücke heißen "Supermarkt" und "Das Lied der Deutschen Nico". Das eine ist eine Farce über ein Einkaufszentrum im deutschen Osten, das auf dem Gelände eines früheren Konzentrationslagers errichtet wurde. Das andere schildert die Geschichte der großen, drogenkranken Sängerin, die im New York der Sechziger zur Poplegende wurde.
"Ich begann mit dem Heroin", sagt Nico im Stück, "weil ich einfach zu viele Gedanken hatte." Man merkt schon: Werner Fritsch ist dabei, dem deutschen Theater, diesem "Rumpf ohne Kopf", das Hirn zurückzugeben. WOLFGANG HÖBEL
* Mit Matthias Scheuring, Karin Klein am Staatstheater Darmstadt. * Mit Regina Stötzel (M.).
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 17/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 17/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHAUSPIEL:
Vorletztes Gericht in Manila

Video 00:33

Waghalsiger Stunt Mountainbiker springt über "Tour de France"-Gruppe

  • Video "Licht aus für Trump: Der Versprecher, die Ausrede, das Desaster" Video 03:37
    Licht aus für Trump: Der Versprecher, die Ausrede, das Desaster
  • Video "Rettungsaktion: Helikopterpilot wagt spektakuläres Manöver" Video 01:27
    Rettungsaktion: Helikopterpilot wagt spektakuläres Manöver
  • Video "Wetterphänomen Habub: Frau von plötzlichem Sandsturm eingeschlossen" Video 01:47
    Wetterphänomen "Habub": Frau von plötzlichem Sandsturm eingeschlossen
  • Video "Land unter in Alcúdia: Mini-Tsunami auf Mallorca" Video 01:02
    Land unter in Alcúdia: Mini-Tsunami auf Mallorca
  • Video "Trump zu Russland-Äußerungen: Alles nur ein Versprecher?" Video 00:00
    Trump zu Russland-Äußerungen: Alles nur ein Versprecher?
  • Video "Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe" Video 01:11
    Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe
  • Video "Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet" Video 03:06
    Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet
  • Video "Schwarzenegger zu Trump: Weichgekochte Nudel, Fanboy!" Video 01:07
    Schwarzenegger zu Trump: "Weichgekochte Nudel, Fanboy!"
  • Video "Trump-Putin-Gipfel: Melania, nimm das mal!" Video 02:51
    Trump-Putin-Gipfel: "Melania, nimm das mal!"
  • Video "Amateurvideo von Hawaii: Lava-Bombe trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte" Video 01:52
    Amateurvideo von Hawaii: "Lava-Bombe" trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte
  • Video "Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen" Video 05:01
    Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen
  • Video "Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf" Video 01:06
    Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf
  • Video "Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus" Video 03:17
    Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus
  • Video "Überschwemmungen in Indien: Riesenwellen faszinieren Schaulustige" Video 01:02
    Überschwemmungen in Indien: Riesenwellen faszinieren Schaulustige
  • Video "Waghalsiger Stunt: Mountainbiker springt über Tour de France-Gruppe" Video 00:33
    Waghalsiger Stunt: Mountainbiker springt über "Tour de France"-Gruppe