30.04.2001

ZEITGESCHICHTEDie Pflicht des Majors

Holocaust-Überlebende haben die Spur eines Wehrmachtoffiziers verfolgt, der im Zweiten Weltkrieg Hunderte von Juden gerettet hat - ähnlich wie Oskar Schindler.
Am 30. Juni 1944 versammelte Major Karl Plagge, Leiter des deutschen Heeres-Kraftfahrzeug-Parks (HKP) 562 im litauischen Wilna, viele seiner jüdischen Arbeiter und deren Familienangehörige, um ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen: Die Sowjetarmee stehe kurz vor der Stadt, die Wehrmacht rücke ab. Deshalb werde das Reparaturlager mit seinen etwa 350 Insassen von der SS übernommen.
Und dann warnte Plagge seine Zwangsarbeiter: "Sie wissen alle genau, wie sorgfältig die SS ist beim Schutz ihrer jüdischen Gefangenen."
Alle verstanden die verschleierte Botschaft. Noch in der gleichen Nacht floh Wilhelm Beigel, 17, zusammen mit drei Dutzend anderer junger Männer durch das geöffnete Fenster einer Werkstatt in die umliegenden Wälder. Andere verschwanden in Verstecken, die sie mit Plagges Wissen vorbereitet hatten. Sie mauerten sich in Nischen ein oder kletterten auf Zwischendecken.
Perella Esterowicz, 15, kroch mit ihren Eltern und fast 100 weiteren Leidensgenossen in eine unterirdische Abwasserkloake. Es war das Grauen, ohne Trinkwasser, ohne Nahrung, und die Luft wurde immer dünner. Eine Frau fiel ins Delirium, eine andere wurde wahnsinnig vor Angst - aber sie überlebten.
Oben im Hof des Geländes riefen derweil die einrückenden SS-Truppen jene Insassen zusammen, die kein Versteck hatten oder nicht fliehen konnten - noch fast 200 Männer, Frauen und Kinder. Den Appell überlebte niemand, die SS-Männer erschossen alle.
Das Mädchen Perella und der Jugendliche Wilhelm kamen heil durch die Wirren des Kriegsendes und wanderten in die USA aus. Sie haben sich viele Jahre später dort als Pearl Good und William Begell wieder getroffen und gehören zum Kreis jener Holocaust-Überlebenden aus dem Ghetto von Wilna, die sich immer wieder fragten, was denn wohl aus jenem Major Plagge geworden war, der ihnen das Leben rettete.
Nach langen Recherchen in Archiven ist seine in Vergessenheit geratene Geschichte nun bekannt. Seit wenigen Tagen liegt Plagges Akte in der Jerusalemer Gedenkstätte Jad Waschem. Dort soll er nach dem Willen seiner ehemaligen Schützlinge ähnlich wie der Judenretter Oskar Schindler als "Gerechter unter den Völkern" geehrt werden.
Die Suche nach Informationen über Plagge begann im Sommer 1999, als die Überlebende Perella mit ihren Söhnen und Enkeln auf eine Reise in die Vergangenheit ging. Sie besuchten, was vom Ghetto in Wilna übrig geblieben ist, das HKP-Camp, das Jüdische Museum und auch die berüchtigte Hinrichtungsstätte im Wald von Ponary, wo Zehntausende Juden ermordet wurden.
"Mir wurde auf dieser zutiefst emotionalen Reise klar", sagt Perellas Sohn Michael Good, 43, "dass es ohne Plagge weder mich noch meine Kinder gäbe." Die Familie beschloss, den Major oder zumindest seine Angehörigen zu finden.
Michael und sein Bruder Leonard, beide Ärzte in Durham (Connecticut) nutzten die neue Technik für ihre Suche. Sie verschickten Hunderte von E-Mails und stellten eine Art Steckbrief ins Internet. Bald knüpften sie Kontakte zu Menschen, die Informationen hatten und sich für den Fall interessierten: Das Jüdische Museum von Vilnius (damals Wilna) beteiligte sich an der Suche, zwei Hamburger Hobby-Historiker, vor allem aber Marianne Viefhaus, mit 70 Jahren noch ehrenamtliche Archivarin an der Technischen Universität Darmstadt. Bei der Suche in zahlreichen Archiven fanden sie schließlich Plagges Spur.
Bereits vor der Machtergreifung der Nazis war Ingenieur Plagge, geboren 1897, in die NSDAP eingetreten, weil er, so sagte er selbst, "den sozialen Versprechungen und Friedensbeteuerungen Hitlers glaubte". Die Ernüchterung folgte bald.
Stark beeinflusste ihn die Zusammenarbeit und spätere Freundschaft mit dem Geschäftsführer der Maschinenfabrik Hessenwerke GmbH, Kurt Hesse, der mit einer Frau jüdischer Abstammung verheiratet war. Kurz nach der Pogromnacht 1938 wurde Plagge Patenonkel von Hesses Sohn.
Bald nach Kriegsbeginn musste Reserveoffizier Plagge zur Wehrmacht einrücken. Da er wegen einer frühen Kinderlähmung als frontuntauglich galt, bekam er das Kommando über den Heeres-Kraftfahrzeug-Park Wilna, wo Gerät der Wehrmacht gewartet und repariert wurde. Mit dem Überfall der Hitler-Armee auf die Sowjetunion 1941 begann auch die Vernichtung der 57 000 Juden Wilnas.
Wie vielen Juden Plagge das Leben rettete und wie viele er zeitweise schützen konnte, wird wohl nie genau herauszufinden sein; wahrscheinlich sind es einige hundert. Über Jahre hinweg weitete er seinen Betrieb aus und forderte so viele Häftlinge als Arbeitskräfte an, wie er bekommen konnte. Zeugenaussagen belegen, dass er viele aus den Fängen des berüchtigten Sicherheitsdienstes befreite.
"Herr Plagge", so Alfred Stumpff, Oberleutnant unter Plagge im HKP, "hat eine große Zahl Juden eingestellt, die für die eigentlichen Aufgaben weder brauchbar noch notwendig waren. Es wurden zum Beispiel Juden als Frisöre, Schuster, Schneider und Küchenpersonal, jüdische Frauen und Mädchen als Gartenarbeiterinnen, sogar ein jüdischer Arzt zur Überwachung des Gesundheitszustands der Zivilarbeiter beschäftigt. Nach außen hin wurden sie als Facharbeiter für die Kraftfahrzeuginstandsetzung getarnt."
Sieben eidesstattliche Erklärungen bezeugten die Rettungsaktionen des Majors bereits vor 53 Jahren. Sie stammen alle von Soldaten, die unter Plagges Kommando in Wilna dienten. Denn am 9. Februar 1948 hatte sich der kränklich wirkende Mann mit dem kleinen Schnurrbart vor der Spruchkammer Darmstadt-Land wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit verantworten müssen. Zur Verteidigung erzählte er, wie er in Wilna Juden vor der Ermordung rettete.
Auf die Frage eines Richters, warum er das getan habe, antwortete Plagge: "Das habe ich getan, weil ich das für meine Pflicht hielt. Es muss auch Menschen geben, die das deutsche Ansehen im Ausland aufrecht erhalten. Man musste sich ja schämen."
Auch eine nicht geladene Zeugin stand damals auf und sprach für Plagge: Maria Eichmüller aus Darmstadt. Die Frau war von einer jüdischen Anwältin gebeten worden, "nach einem gewissen Plagge" zu suchen. Mandanten und Freunde von ihr wollten sich bei diesem Mann bedanken, weil er ihnen das Leben gerettet habe.
Sonderlich beeindruckt waren die Richter von den Taten Plagges freilich nicht. "Die von ihm unternommenen Handlungen zugunsten von Polen und Juden", schrieben sie in ihrer Begründung, "stellten ohne Zweifel Widerstand dar, wenn gleichfalls hätte erwiesen werden können, dass ihre Ursache in antinazistischer Einstellung begründet ist."
Plagge sei zwar "weder als Belasteter noch als Militarist oder Nutznießer" anzusehen, werde aber, so beschloss die Kammer, in die "Gruppe 4" eingestuft. Und das waren die Mitläufer im Dritten Reich.
Faktisch war das Verfahren folgenlos für Plagge, er arbeitete nach dem Krieg weiter in seiner alten Firma. Am 19. Juni 1957 starb er an einem Herzinfarkt. Seine Ehe war kinderlos, und auch seine Frau ist tot.
Die Archivarin Viefhaus fand die Protokolle des Spruchkammerverfahrens beim Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden. Jetzt schickte die Familie von Pearl Good diese Akten zusammen mit neuen eidesstattlichen Erklärungen von Überlebenden an die Gedenkstätte Jad Waschem.
"Für mich ist Plagge mehr als der Retter meiner Familie", argumentiert der Amerikaner Michael Good, "er ist ein Beispiel für die Kraft des einzelnen Menschen, Nein zum Bösen zu sagen."
Die jüdischen Experten in Jad Waschem haben nun erst mal eine Akte Plagge angelegt. Die Recherchen über seine Taten sind noch nicht vollständig. In einem knappen Jahr will die Kommission der Gedenkstätte entscheiden, ob der Major von Wilna posthum ausgezeichnet und in den Kreis der "Gerechten unter den Völkern" aufgenommen wird. ALMUT HIELSCHER
Ehrung für Gerechte
Seit 1963 erhielten über 18 000 Männer und Frauen - darunter 342 Deutsche - von der israelischen Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem die höchste jüdische Auszeichnung für Retter von Holocaust-Opfern: den Titel "Gerechte unter den Völkern". Die Namen der Geehrten werden im "Garten der Gerechten" an einer Mauer angebracht, aus Platzgründen werden für sie inzwischen keine Bäume mehr angepflanzt. Wer geehrt wird, entscheidet eine Kommission, deren Vorsitzender ein Oberster Richter ist. Seit Steven Spielberg dessen Leben verfilmte, ist der deutsche Unternehmer Oskar Schindler, der während des Zweiten Weltkriegs mehr als tausend Juden vor der Ermordung bewahrte, wohl der bekannteste Geehrte.
Von Almut Hielscher

DER SPIEGEL 18/2001
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