Von Beste, Ralf; Deckstein, Dinah; Deupmann, Ulrich; Hawranek, Dietmar; Hildebrandt, Tina
Nie blickte Joschka Fischer so angewidert drein wie an einem Mittwoch im Januar im Bundestag. Der CDU-Abgeordnete Eckart von Klaeden, 35, grillte Joschka Fischer wegen politischer Jugendsünden aus dessen Lederjacken-Zeit: "Erstens: Stimmt dieses Zitat, oder stimmt es nicht? Zweitens: Darf ich Sie um Erläuterung des Zusammenhangs bitten, in dem dieses Zitat einen Sinn macht?"
Mal mit ironischer Gönnermiene, mal mit Zitronengesicht rechtfertigte sich der Außenminister in der Fragestunde des Parlaments - aber nur, weil es das Grundgesetz von ihm verlangte. Dass sich solche Bubis wie von Klaeden erdreisteten, ihm gemeine Fragen zu stellen, empfand er sichtlich als Zumutung.
Plötzlich war Fischer nicht mehr der Draufgänger, der die Alten im Parlament erzürnte ("Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch"). Plötzlich war er der Altvordere, der von karrierebewussten Nachwuchspolitikern provoziert wird. Wie rasch doch die Jahre zwischen Dauerjugend und Pensionssehnsucht verflogen sind: Staatsmann Fischer schaute, als fände er den legendären Satz, den der Traditions-Sozi Holger Börner vor fast 20 Jahren auf die aufsässigen Grünen gemünzt hatte, gar nicht mehr so abwegig: "Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit Dachlatten erledigt."
Auch bei den Journalisten, die Joschka Fischer über die Jahre hinweg hofierten, fand der Außenminister in der 68er-Debatte mit seiner Leier von der verfolgten Unschuld erstaunlich wenig Gehör. Der Umzug von Bonn nach Berlin löste nicht nur in den Ministerialapparaten einen Generationsbruch aus, sondern auch in den meisten Parlamentsredaktionen. Einen 53-Jährigen wie Fischer ließ das schlagartig um eine Epoche altern. Nun kapselt sich der Außenminister, in Bonn Liebling der Journalisten, immer mehr ab. Warum sollte er diesen jungen Leuten, die er für ahnungslos hält, die Welt erklären?
30 Jahre nachdem die 68er den Marsch durch die Institutionen begonnen haben, steht Deutschland wieder ein einschneidender Generationswechsel bevor. In allen Bereichen des Landes räumt die Elite des Landes beinahe auf einen Schlag unzählige Ämter und Chefsessel: Professoren, Lehrer, Politiker und Manager.
Nahezu einhellig wetten die politischen Beobachter in Berlin darauf, dass der Kanzlerkandidat der Union 2006 Roland Koch heißen wird, derzeit 43 Jahre alt und Ministerpräsident von Hessen. Falls Schröder dann nochmals antritt, wird er - nach derzeitigem Stand - Sigmar Gabriel, 41, Regierungschef in Niedersachsen, als designierten Nachfolger herausstellen. Als flexibler Koalitionspartner und Vizekanzler bietet sich Guido Westerwelle, 39, an, der diese Woche zum Vorsitzenden der FDP gewählt wird.
Rascher als gedacht hat sich die Republik aus der Erstarrung der 16-jährigen Ära Kohl gelöst - infolge der Spendenaffäre sogar dessen eigene Partei. Die Rekordniederlage der CDU, verursacht durch den Überdruss am ewigen Kanzler Kohl, brachte die 40-Jährigen an die Macht. Nach den Regeln der Traditionspartei hätten sie eigentlich noch zehn Jahre warten müssen. Roland Koch wurde trotz eigener Spendenaffäre Hoffnungsträger, im Saarland stieg sein liberaler Gegenspieler Peter Müller, 45, zum Regierungschef auf. Auch die Parteivorsitzende Angela Merkel ist erst 46.
Schon im Knabenalter hat sich Roland Koch zum Ziel gesetzt, Kanzler zu werden. Zielstrebig landete er bald auf dem Schoß von Kohl. Inzwischen steht er auf eigenen Füßen, gilt als stoisch und nervenstark. Gabriel kommt aus kleinen Verhältnissen, wuchs bei seiner allein erziehenden Mutter auf, faktisch aber auf der Straße. "Mir ist nix Menschliches fremd", sagt Gabriel, der sich einst, um hochzukommen, an den SPD-Bezirksfürsten Gerhard Glogowski klettete, ehe er rasch flügge wurde.
Fast ausnahmslos sei die neue politische Klasse "von keinem Geschick gezeichnet, das außerordentlich genannt werden müsste", schrieb der sozialdemokratische Publizist Klaus Harpprecht, 74, kürzlich. Die Normalität der prosperierenden Nachkriegszeit, so Harpprecht, habe Leute hervorgebracht, "die sozusagen keine Biografie" hätten, eine "Generation ohne Eigenschaften", eine "Gähn-Generation".
Solche Vorwürfe tropfen an den Attackierten ab. "Wir selbst gähnen nicht", erwidert Peter Altmaier, 42, Bundestagsabgeordneter der CDU. Die aktuellen politischen Fragen und Herausforderungen seien spannender denn je: die Einheit Europas, der Niedergang der Sozialsysteme, die fortwährende elektronische Revolution oder die Gentechnik. Die Frage ist nur, ob die 40-Jährigen die Bundesrepublik lange durch die neuen Zeiten führen werden. Denn da lauern schon die 30-Jährigen, die als besonders entschlossen und zukunftsfähig gelten.
Katherina Reiche, 27, die jüngste CDU-Abgeordnete im Deutschen Bundestag, kann das Gerede von der langweiligen Jugend nicht mehr hören. Nach der Wende hat sie zusammen mit ihren Eltern den von der SED enteigneten Betrieb für Kunststoff-Fertigung zurückgeholt und saniert, in Rekordzeit ihr Studium zur Diplomchemikerin hingelegt, zum Teil im Ausland.
In den Sitzungswochen fährt sie jeden Nachmittag von Berlin nach Potsdam, um ihre kleine Tochter zu sehen, und fährt abends wieder zurück ins Büro. Mehr, findet Reiche, ist in ihrem Alter kaum drin, wenn nicht gerade Bürgerkrieg tobt. Aber sollen die Jungen einen Krieg anzetteln, um sich eine Biografie zuzulegen?
Reiche gehört vielleicht zu den jungen Mächtigen, die den Kochs und Gabriels folgen - und sich von diesen schon wieder stark unterscheiden. Auch sie werden die Jahrtausende alten Gesetze des Machterwerbs nicht auf den Kopf stellen, aber durch ihre Erfahrungen könnten sie die Politik grundlegend verändern.
"Die Vierziger sind noch in einem nationalen Rahmen großgeworden und denken politisch in nationalen Kategorien", sagt Hildegard Müller, 33, Vorsitzende der Jungen Union. Die jüngere Generation dagegen denke zunehmend grenzüberschreitend. Fast immer, so die Bankmanagerin Müller, tauchten bei politischen Diskussionen mit Altersgenossen zwei Fragen auf: Wie läuft das eigentlich im Ausland? Und: Funktioniert das eigentlich noch in einer globalisierten Welt?
Zudem sind die ganz jungen Politiker noch weniger ideologisch als die 40-jährigen. Dass die Welt untergeht, wenn die Sozis drankommen, glaubt kein jüngerer Unionspolitiker mehr. "Insoweit ist die Politik ein Stück anständiger geworden", sagt Altmaier. Das ändert auch den Stil der Debatten: "Wir müssen rhetorisch nicht gleich mit Kanonenkugeln schießen, wir artikulieren uns anders", sagt Katrin Göring-Eckardt, 34, Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion der Grünen.
Nie standen den Jüngeren die Tore der Politik so weit offen wie in diesen Zeiten, in denen die Parteien personell wie gedanklich ausbluten. Händeringend suchen die Parteimanager, gleich welcher Couleur, talentierte Leute, die sich dem Dienst am Gemeinwesen verschreiben.
Wer sich meldet, kann jetzt auch in den Volksparteien schnell Karriere machen. Der SPD-Nachwuchspolitiker Hans Martin Bury, 35, rückte plötzlich vom Bundestagsabgeordneten zum Staatsminister im Kanzleramt auf. Ute Vogt, 36, erfreute sich als Spitzenkandidatin in Baden-Württemberg der Förderung durch den Bundeskanzler, der ihr das höchstmögliche Lob zollte: "Die ist in ihrem Alter weiter, als ich damals war."
Freilich scheuen die Talentierten und Begabten den Weg in die Politik - den Beruf, der auf der Ansehensskala ganz unten und bei der Bezahlung im Mittelfeld liegt.
Viele der Jüngeren haben wenig Lust, sich bei Wahlkämpfen in Fußgängerzonen zu verschleißen. Klaus Escher, 35, von 1994 bis 1998 Vorsitzender der Jungen Union, könnte in seiner Partei längst wichtige Ämter innehaben. Stattdessen führt er das Hauptstadtbüro von BASF. Dort versammelt er Politiker, Wissenschaftler und seine Vorstände zum Meinungsaustausch. Am Ende solcher Abende, wenn das wechselseitige Verständnis gewachsen ist, hat Escher das Gefühl, mehr zu bewirken als mit Reden im Parlament. "Leute, die etwas entscheiden wollen, gehen nicht mehr in den Bundestag", sagt Escher.
Wer Politik machen will, wird so schnell verschlissen wie nie zuvor in demokratischen Gesellschaften. Kerstin Müller, 1994 als 30-Jährige in den Bundestag eingezogen, ist sechseinhalb Jahre später gleichzeitig jüngste und dienstälteste Fraktionschefin des Bundestages. Für die nächste Bundestagswahl wünscht sie sich "junge, freche, selbstbewusste Frauen vorn". Früher hätte Müller als Mittdreißigerin selbst als so eine gegolten.
Wo sich Politik wie im Zeitraffer ereignet, verlieren sogar in einer Partei mit kurzer Geschichte wie den Grünen die Generationen den Halt zueinander. Der 30-jährige Staatssekretär Matthias Berninger sah im Fernsehen, wie der Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Buback in einer Talkshow klagte, dass der grüne Umweltminister Jürgen Trittin sich nicht von dem "Mescalero"-Brief distanziert habe. Berninger hatte von diesem Brief, der klammheimliche Freude am Mord Bubacks ausdrückte, noch nie etwas gehört.
Folgt man Berningers Analyse, so kommt die Gründergeneration der Grünen mit der heutigen Politik nicht mehr zurecht. Seit 1989 habe sich die Politik "fundamental geändert", sagt er. Mitten im europäischen Einigungsprozess müsse man sich nicht damit aufhalten, große politische Visionen zu erarbeiten: "Es geht einfach darum, Dinge zu machen. Deswegen habe ich auch mit dem Begriff Macht so wenig Probleme", sagt Berninger. "Gestalten empfinde ich als Glücksfall."
Demnächst wollen sich Avantgardisten wie Berninger und Göring-Eckardt zusammensetzen, um zu klären, wie sie der Partei das Image der 68er-Bewegung nehmen und ihr selbst den Stempel aufdrücken können.
Es ist gerade dieser Konflikt der Jüngeren mit den 68ern, der derzeit das gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik prägt. Wie eine Emnid-Umfrage für den SPIEGEL ergab, unterscheiden sich die 40-Jährigen in vielen Haltungen deutlich von den 68ern.
Die Jüngeren schätzen materielle Werte höher ein. "Mehr Geld" nannten sie als wichtigstes Motiv für einen Wechsel des Arbeitsplatzes. Die 68er würden sich für einen neuen Job entscheiden, wenn ihnen der mehr Erfüllung verspricht.
Die 40-Jährigen sind seltener bereit, sich in Bürgerinitiativen und Parteien zu engagieren und halten eine ungestörte Freizeit für doppelt so wichtig wie die ältere Generation.
Staat und Nation gegenüber sind die Jüngeren weniger emotional eingestellt. Fast ein Drittel von ihnen hält den Tag der Maueröffnung für einen Tag wie jeden anderen auch - bei den Älteren sagt das nur ein Fünftel. Soziologen gehen heute davon aus, dass alle zehn Jahre eine neue Generation heranwächst. Innerhalb dieser Zeit verändern sich Gesellschaft, Politik und Wirtschaft so stark, dass auch die Einsichten grundsätzlich wechseln.
Eine Generation entsteht in der Jugend, im Alter von 15 bis 25. Dann gilt der Mensch als besonders aufgeschlossen und empfänglich für das, was passiert. Jeder macht andere Erfahrungen, aber es gibt ein paar Erlebnisse, die Menschen einer Altersgruppe verbinden. Und die prägen dann eine Generation.
Je stärker die Kollektiverlebnisse, desto deutlicher tritt eine Generation hervor. Als starke Generation gelten die 68er, die sich gegen einen vermufften Konservatismus auflehnten und lange Haare auch für Männer durchsetzten. Vor ihnen prägten die Flakhelfer die Bundesrepublik. Letztere mussten in einen verlorenen Krieg ziehen und erlebten in einem Alter, in dem man sich normalerweise Hoffnungen macht, den totalen Zusammenbruch. Der Soziologe Helmut Schelsky nannte sie "die skeptische Generation". Ihre Umsicht, ihre Illusionslosigkeit bestimmten die nüchterne Staatsräson der Bundesrepublik.
Altersgruppen, denen solche Erlebnisse fehlen, schaffen es nur als Zwischengeneration in die Geschichtsbücher der Soziologie. Oft sind es jene Altersgruppen, die einer starken Generation folgen. Die Nachfolger der Flakhelfer und der 68er teilen das Schicksal, "weniger im Blickpunkt zu stehen, die eigene Befindlichkeit eher aus der Abgrenzung zu den Früheren und den Kommenden zu definieren, denn als kraftvolle Generationsgestalt sui generis präsent zu sein", schreibt der Politologe Claus Leggewie.
In jüngerer Zeit wird in der Soziologie oft die Frage gestellt, ob es überhaupt noch Generationen gibt. Zu verschieden seien die Lebensstile auch innerhalb einer Altersgruppe, zu schwach die Gemeinsamkeiten. Allerdings wurden auch nicht alle Deutschen, die 1968 jung waren, klassische 68er. Es war eine Minderheit, die den Eindruck von einer ganzen Generation geprägt hat. Das ist typisch. Oft unterscheiden sich nur die Eliten der jeweiligen Altersgruppen wesentlich.
In der Wirtschaft sind die ehemaligen Aktivisten der Außerparlamentarischen Opposition nicht in die Eliten vorgedrungen. Eine Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung über die beruflichen Laufbahnen von 68ern entdeckte keine "spektakulären Karrieren".
Es wird wohl auch keine mehr geben, denn sogar die deutsche Wirtschaftselite erlebt derzeit einen Generationswechsel. Bekommt der Münchner Personalberater Dieter Rickert einen Suchauftrag, fragt er erst einmal nach, wie jung der Kandidat sein darf. "Seit etwa anderthalb Jahren", sagt Rickert, heißt die Antwort immer häufiger: 'Ab 35 aufwärts.'"
Sein Düsseldorfer Kollege Hubert Johannsmann sagt: "Die Zeiten, als nur 50-Jährige nach einer jahrelangen Ochsentour Chef werden konnten, sind vorbei." Neuerdings wird einer Generation von 40-Jährigen in Vorständen Verantwortung für Milliardenumsätze und Zehntausende von Arbeitsplätzen übertragen.
Ulrich Schumacher, 43, ist Chef des Chip-Herstellers Infineon, einer Tochter von Siemens.
Mathias Döpfner, 38, wird am 1. Januar 2002 Vorstandsvorsitzender des Axel Springer Verlags. Wolfgang Bernhard, 40, ist einer der Sanierer, die Chrysler, und damit auch den Gesamtkonzern DaimlerChrysler, retten sollen. Kai-Uwe Ricke, 39, ist bei der Deutschen Telekom verantwortlich für die beiden wichtigsten Geschäftsfelder, T-Mobile und T-Online. Leonhard Fischer, 38, wird nach der Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz im Vorstand des Unternehmens das Investmentbanking steuern.
Die Generation der 40-Jährigen verdankt ihre gestiegenen Chancen vor allem zwei Entwicklungen, die so ziemlich alles in der Wirtschaft durcheinander wirbeln: der Globalisierung und dem Shareholder-Value.
Konzerne, die Geschäfte in Nord- und Südamerika und Asien machen, brauchen an der Spitze auch Leute mit Auslandserfahrung. Die fehlt vielen der über 50-Jährigen. Und sie ist für Männer wie Bernhard oder Fischer selbstverständlich. Beide haben in den USA studiert. Konzerne, die unter dem gestiegenen Druck des Shareholder-Value ihren Aktionären schnell bessere Ergebnisse vorlegen müssen, nehmen keine Rücksichten mehr auf verdiente Manager. Wenn die Zahlen nicht stimmen, müssen die Bosse gehen. Die Sanierungsarbeit wird eher Jüngeren anvertraut, die ohne Rücksicht auf Firmentradition und gewachsene Beziehungsgeflechte ans Werk gehen können.
Wolfgang Bernhard, dem Vorstände von DaimlerChrysler "Wadenbeißer-Qualitäten" nachsagen, ist so einer. Bei McKinsey hat er nach dem Studium gelernt, wie man die Kosten senkt. Als er danach zu Mercedes-Benz kam, brauchte er nur sieben Monate, bis die Bänder für die neue S-Klasse auf vollen Touren liefen - halb so lange wie die Umstellung beim Vorgängermodell gedauert hatte.
Dennoch wäre Bernhards Aufstieg zum stellvertretenden Vorstandsmitglied in Stuttgart vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen. Schließlich war der smarte Manager bei DaimlerChrysler zuletzt noch in die Führungsebene E 2 eingruppiert. Er hätte erst in E 1 aufsteigen und sich dort bewähren müssen.
Für Bernhard war die Krise des Konzerns die Chance. Jürgen Schrempp, der Chef von DaimlerChrysler, konnte auf den üblichen Beförderungsweg keine Rücksicht nehmen. Er musste den Manager in die USA schicken, dem er den Job am ehesten zutraut.
Der Aufstieg der Jungen soll oft als Signal wirken, für das eigene Unternehmen und die Öffentlichkeit. Steueraffären mehrerer Vorstandsmitglieder hatten den Ruf der Dresdner Bank vor einigen Jahren so stark ramponiert, dass auch die eigenen Mitarbeiter arg verunsichert waren. Als dann überraschend Leonhard Fischer mit 35 Jahren in den Vorstand berufen wurde, wusste er, dass damit auch eine Botschaft verbunden war: "Die Dresdner Bank ist ein Unternehmen, in dem engagierte, junge Leute ihren Weg gehen können."
Fischer lebt nicht im Taunus, wo die meisten Bankenvorstände sich nach Feierabend in ihre Villen zurückziehen, sondern in einem Penthouse am Mainufer, in dem er gern Partys gibt. Fischer ist locker, direkt und gilt in der Dresdner Bank als kreativ, weil er gern Erkenntnisse aus der Physik oder von griechischen Philosophen zitiert, um damit unkonventionelle Vorschläge für das Bankgeschäft zu begründen.
Alles nur flott angelesen, alles nur Halbwissen, werfen ihm Kritiker vor. Mag sein. Aber es reicht, um in einer Masse grauer Mäuse wie ein bunter Vogel zu wirken.
"Die meisten der neuen Aufsteiger sind erfrischend unkonventionell", sagt der renommierte Unternehmensberater Roland Berger, "und diese Eigenschaft wird in einer Welt, die sich immer schnell dreht, zunehmend wichtiger."
Statussymbole wie Dienstwagen mit Fahrer oder Edelkantinen in der Vorstandsetage sind den 40-Jährigen ein Graus. Statt in einer dunklen Limousine dahinzurollen, sitzt Infineon-Chef Schumacher lieber in einem seiner neun privaten Porsches. In seinem Lieblingsflitzer fuhr er vor, als sein Unternehmen vor gut einem Jahr an der Wall Street eingeführt wurde. Wegen seiner lässigen Kleidung musste er sich schon anhören, dass er sich damit keinen Gefallen erweise.
Durch ihre ungezwungene Art vermitteln viele der jungen Top-Manager den Eindruck, sie pflegten auch einen anderen Führungsstil. Doch sie sind nicht weniger machtbewusst als ihre Vorgänger. Kritiker werden abgelöst, Freunde und Vertraute in wichtige Positionen gehievt.
Manager wie Bernhard und Fischer haben ein unverkrampftes Verhältnis zur Karriere. Die Nachkömmlinge der 68er bekennen sich dazu, brennend ehrgeizig zu sein. Unter den Alt-Revoluzzern galt das noch als Makel. Wer dennoch aufstieg, erklärte fast entschuldigend, angestrebt habe er den Job nie und nimmer, er sei ihm geradezu aufgedrängt worden.
Aber freiwillig räumen die Älteren trotzdem nicht das Feld. Diese Erfahrung musste erst kürzlich Ralf Teckentrup, 43, machen. Er ist bei der Lufthansa als Bereichsvorstand zuständig für das so genannte Netzmanagement und entscheidet, welche Strecken mit welchen Flugzeugen wie oft angeflogen werden.
Bislang ist ihm kein Fehler unterlaufen, und Lufthansa-Chef Jürgen Weber wollte Teckentrup im vergangenen Herbst weiter befördern. Doch als drei altgediente Kollegen davon erfuhren, drohten sie dem Chef mit Rücktritt. Weber lenkte ein. Die alte Garde hatte gewonnen. Einmal muss auch sie gewinnen. Im Bereich Medien und Kultur haben sich die Jüngeren schon weitgehend durchgesetzt, ein Vorteil im Generationen-Kampf, weil sich hier entscheidet, wer die Deutungshoheit im Lande hat.
Den Wandel der Bundesrepublik in eine Mediengesellschaft haben sie von Anfang an erlebt und für sich genutzt. Kai Diekmann, 36, ist Chefredakteur bei "Bild", Marion von Haaren, 43, ist Chefredakteurin beim WDR-Fernsehen und Fred Kogel, 41, war lange Programmchef bei Sat.1, bevor er leitender Manager im Medienkonzern von Leo Kirch wurde.
Leise, ohne Aufstand hatten sich die Jüngeren nach vorn gearbeitet. Das schien ihnen an den deutschen Theatern nicht zu gelingen. Seit Monaten wird in den Feuilletons gestritten, wer das bessere Theater macht: die effektsicheren 68er, mit ihrem Sinn für die Wünsche des Publikums, oder die Jüngeren, mit ihren großen künstlerischen Ambitionen, mit denen sich das Publikum mitunter schwer tut.
Im März sollte dann der Showdown sein. Claus Peymann, 63, trat in einer öffentlichen Debatte gegen Sasha Waltz, 38, an. Der eine ist Intendant vom Berliner Ensemble, die andere gehört zum Führungsquartett der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. Die Spannung war gewaltig, doch die zwei plauderten nur nett miteinander, keine Spur von offenem Generationenkampf.
Das ist durchaus typisch für die Jüngeren, die bei aller Kritik an den 68ern eine neue Revolution nicht für nötig halten. Matthias Hartmann, 37, Intendant des Bochumer Schauspielhauses: "So schlimm sind sie nicht, dass wir sie vom Hocker putzen müssen."
RALF BESTE, DINAH DECKSTEIN,
ULRICH DEUPMANN, DIETMAR HAWRANEK, TINA HILDEBRANDT
Die 68er halten nicht viel von ihren Nachfolgern: alles nur Langweiler und Ahnungslose
BILDUNTERSCHRIFTEN:
SIGMAR GABRIEL, 41, Ministerpräsident In Hannover hat der Sozialdemokrat Schröders Nachfolge schon angetreten.
UTE VOGT, 36, Politikerin (SPD) Die Baden-Württembergerin gehört zur "Führungsreserve erster Klasse" - sagt der Kanzler.
MATTHIAS BERNINGER, 30, Politiker (Grüne) War einst jüngster Abgeordneter im Bundestag, inzwischen ist er Staatssekretär - und immer noch jung.
ROLAND KOCH, 43, Ministerpräsident Ein moderner Konservativer mit starken Nerven und Machtinstinkt: Er wollte schon als Knabe Kanzler werden.
MATHIAS DÖPFNER, 38, Manager Der promovierte Musikwissenschaftler soll den Springer-Konzern in die multimediale Zukunft führen.
WOLFGANG BERNHARD, 40, Manager Erst half der DaimlerChrysler-Manager bei Mercedes die Kosten zu senken, nun soll er in den USA sanieren.
TIM RENNER, 36, Manager Der Ex-Punk gilt als Wunderkind und leitet Universal Music, Deutschlands führende Plattenfirma.
ANNE WILL, 35, "Tagesthemen"-Moderatorin Kollege Wickert ist ein 68er, die Kölnerin aber will "kein Revoluzzer sein" und versucht es mit Ironie.
KAI-UWE RICKE, 39, Manager Das wachsende Mobilfunkgeschäft ist das Terrain des Telekom-Vorstands.
DURS GRÜNBEIN, 38, Schriftsteller Der Enzensberger aus dem Osten ist das universelle Sprachrohr einer zukunftspessimistischen Kulturelite.
ULRICH SCHUMACHER, 43, Manager Er führte die Siemens-Tochter Infineon an die Börse und löste eine Aktienhysterie aus.
FRANKA POTENTE, 26, Schauspielerin Lola rennt und rennt - und ist inzwischen in Hollywood angekommen.
HANS MARTIN BURY, 35, Politiker (SPD) Der Kanzler plauscht gern mit seinem hochgehandelten und ehrgeizigen Staatsminister.
SASHA WALTZ, 38, Choreografin Die Berliner Schaubühnen-Co-Chefin löste die alte Regie-Riege ab. Das Publikum macht mit.
WOLFGANG TILLMANS, 32, Fotokünstler Prägte das Gesicht einer lässigen Generation, heute ein Superstar der jungen europäischen Kunst.
(v.l.o.n r.u.) K. B. KARWASZ; F. OSSENBRINK (3); PHALANAX; TERZ; CARO; A. RIVAL; DDP (2); U. GRABOWSKY; W. TILLMANS; N. LÜTH; REUTERS; ACTION PRESS; DPA
LEONHARD FISCHER, 38, Manager Betreut das Investmentbanking der Dresdner Bank, bleibt auch nach der Allianz-Übernahme im Vorstand.
(v.l.n.r.) ULLSTEIN BILDERDIENST; FOCUS PLUS; ZENIT
KAI DIEKMANN, 36, Journalist Der "Bild"-Chef gilt als talentierter Blattmacher und wird als Machtmensch gefürchtet.
CHARLOTTE ROCHE, 22, Viva-2-Moderatorin Die Stil-Schöpferin macht Emanzipation wieder modern: Sie wettert gegen Sexisten und Rassisten.
CHRISTIAN THIELEMANN, 42, Dirigent Ein kleiner Karajan, der Musikchef der Deutschen Oper Berlin: provokant, arrogant, begnadet.
Die Generation der 40ER JAHRE: HITLERS JUGEND Helden: Keine mehr Ereignis: Kriegsende Motto: Davon haben wir nichts gewusst
KEYSTONE PARIS
(v.l.n.r.) EXTRAPRESS / ACTION PRESS; L. CHAPERON; SAT 1
TOM TYKWER, 36, Filmregisseur Bewies, dass deutsche Filme Spaß machen können und auch weltweit reüssieren.
KATRIN GÖRING-ECKARDT, 34, Politikerin (Grüne) Joschka Fischer und Renate Künast fördern sie, und Arbeitsminister Riester holt sich Rat bei ihr.
MARTIN HOFFMANN, 41, Manager Steht unter Intellektuellen-Verdacht - was sogar als Sat.1-Chef kein Makel sein muss.
Die Generation der 50ER JAHRE: DIE HALBSTARKEN Helden: Ted Herold, Fritz Walter Ereignis: Elvis Presleys Ankunft in Bremerhaven 1957 Motto: Rock around the Clock
DPA
Die Generation der 60ER JAHRE: DIE REBELLEN Helden: Ché Guevara, Herbert Marcuse Ereignis: Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 Motto: Ho-Ho-Ho-Tschi-minh
M. RUETZ / FOCUS PLUS / XXP / DER SPIEGEL
(v.l.n.r.) M. URBAN; ACTION PRESS; AP
HEIKO MAAS, 34, Politiker (SPD) Nachfolger von Lafontaine und Klimmt im Saarland, aber eine Landtagswahl hat er noch nicht gewonnen.
CHRISTIANE ZU SALM, 34, Managerin Brachte MTV aus der Krise und soll nun den Sender TM3 zum interaktiven Kanal umbauen.
KLAUS MÜLLER, 30, Politiker (Grüne) Nach nur einem Jahr als Umweltminister in Kiel gilt er schon als Aspirant für die Trittin-Nachfolge.
Die Generation der 70ER JAHRE: DIE AUSSTEIGER Helden: Timothy Leary, Willy Brandt Ereignis: Woodstock (die Siebziger begannen schon 1969) Motto: Peace
ECKELMANN / ULLSTEIN BILDERDIENST
(v..l.n.r.) ARGUM; F. OSSENBRINK; DEFD
STEFAN PICHLER, 43, Manager War Vertriebschef der Lufthansa, leitet nun Condor & Neckermann, Europas zweitgrößten Touristikkonzern.
HILDEGARD MÜLLER, 33, Politikerin (CDU) Will ihre Partei gedanklich auf einen neuen Weg bringen: Weniger Nation, mehr Globalisierung.
JAKOB CLAUSSEN, 39, Filmproduzent Mit Partner Thomas Wöbke produziert er profitable Kassenhits wie "Anatomie" und "Crazy".
Die Generation der 80ER JAHRE: DIE VERZAGTEN Helden: Madonna, Ich Ereignis: Tschernobyl, Mauerfall Motto: Die Revolution wird im Fernsehen übertragen
HIRSCHBIEGEL
Die Generation der 90ER JAHRE: DIE OPTIMISTEN Helden: Wir im World Wide Web Ereignis: Love Parade Motto: Friede, Freude, Eierkuchen
H. SCHWARZBACH / ARGUS
DER SPIEGEL 18/2001
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