30.04.2001

Generation Guido

Von Kurbjuweit, Dirk

Sie verehren Captain Kirk und belächeln Che Guevara. Sie wollen cool sein, nicht moralisch. Sie glauben an sich selbst statt an Solidarität. Die 40-Jährigen lieben die Pose - und wüssten gern, was sie wirklich wollen. Von Dirk Kurbjuweit

Als der Entertainer Harald Schmidt in einer Zeitschrift las, er sei entbehrlich, fand er das in Ordnung. Es ging nicht um ihn persönlich, sondern um seine Generation. Gelobt wurden die hungrigen Jungen und die radikalen Alten. Von den mittleren Jahrgängen sei nicht viel zu erwarten. Stimmt, fand Schmidt, 43.

Stimmt nicht, findet Guido Westerwelle, 39. "Wir sind die erste Auflehnung gegen die Alt-68er", sagt er, "die erste Gegenwelle." Am Wochenende wird er zum Vorsitzenden der FDP gewählt, und dann will er an der Spitze seiner Generation für einen "Kulturbruch" sorgen. Die 40-Jährigen sollen das Erbe von "'68" abschütteln und ein frisches, selbstbewusstes, pragmatisches Deutschland schaffen.

Schmidt und Westerwelle sind die bekanntesten Vertreter einer unbekannten Generation. Während ihre Vorgänger, die 68er, ihre Lebensgeschichten und Befindlichkeiten genüsslich verbreiten und diskutieren - zuletzt in der Fischer-Debatte -, kommen die 40-Jährigen aus der Stille, aus dem Dunkeln. Unbekannte Biografien, unbekannte Haltungen, unbekannte Dramen. Über ihrer Generation liegt ein Schatten, der Schatten von "'68".

Den Kulturbruch will Westerwelle nicht zufällig jetzt. Denn allmählich übernehmen die 40-Jährigen die Macht in Deutschland (siehe Seite 92). Was sie verbindet, sind die Erfahrungen einer Kindheit in den Sechzigern und einer Jugend in den Siebzigern. Für viele folgte das Studium in den Achtzigern und die Karriere in den Neunzigern. Es geht hier um die Westdeutschen. Die Ostdeutschen haben eine andere Geschichte.

In die Kriegsangst hineingeboren - Bau der Mauer im August 1961, Kuba-Krise im Oktober 1962 -, erleben die Westdeutschen dieser Generation dann doch eine Kindheit ohne Not, eine Kindheit in einem wohlhabenden, konservativen Land. Neu ist das Fernsehen, sie werden die ersten Fernsehkinder. Der junge Westerwelle guckt "Bonanza", guckt "Flipper", guckt "Raumschiff Enterprise". In den Nachrichten sieht er junge Deutsche, die Hörsäle besetzen und Steine auf Polizisten werfen. Er weiß nicht, dass diese Leute zu seinem Lebensthema werden.

Als Jugendlicher, in den Siebzigern, hört er Supertramp, im Kino wirft er mit Reis, während die "Rocky Horror Picture Show" läuft, das Musical von der großen sexuellen Freiheit. Zu Hause macht er eine seltsame Erfahrung. Er lässt sich die Haare wachsen und trägt einen schmuddeligen Parka. Sein Vater sagt nichts. Guido Westerwelle hört auf, sich die Haare regelmäßig zu waschen. Sein Vater sagt immer noch nichts.

Diese Erfahrung, die Provokation, die ins Leere läuft, hat seine Generation geprägt wie nichts anderes. Von der Kindheit in den Sechzigern bis zur Jugend in den Siebzigern ist die Bundesrepublik ein liberales Land geworden, und das ist für Westerwelles Generation ein Segen und ein Fluch zugleich.

Von ihren Vorgängern haben sie gelernt, dass zur Jugend der Aufstand gehört. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt, heißt es. Aber gegen wen sollen sie sich wehren?

Matthias Hartmann, 37, heute Intendant in Bochum, hat Eltern, die sind "klassische 68er der allerbesten Sorte". Sein Vater sei der Gründer von Terre des Hommes in Deutschland, und er habe die Idee gehabt, Dritte-Welt-Läden einzurichten. "Unsere Eltern waren die Ersten, die Müsli gegessen haben, die in Solarenergie investiert und die gegen globale Umweltzerstörung protestiert haben", sagt Hartmann. "Sollten wir gegen die einen Aufstand machen?"

Alexander Fest, 41, heute Verlagsleiter, hat, wie Westerwelle, eher konservative Eltern, sein Vater Joachim Fest war Herausgeber der "FAZ". Aber das war nicht mehr der Konservatismus der sechziger Jahre. Der Kulturbruch von '68 hatte auch das Bürgertum verändert. Als Vater war Joachim Fest, erzählt sein Sohn, ziemlich liberal. Aufstand unmöglich.

Fest erinnert sich an einen Deutschlehrer, "zu dem ich Günther sagen sollte". Hartmann erzählt von "den bärtigen Kunstlehrern, die alles diskutieren wollten". Sie waren nicht begeistert von diesen Lehrern, die 1968 an den Unis gewesen waren, aber ein Aufstand gegen den gutherzigen Günther wäre Alexander Fest albern vorgekommen. Genauso Hartmann: "Wir hatten nicht diesen Begriff von Revolte, wir wurden ja verstanden."

Im Juni 1972 sieht Fest ein Foto, das er nicht vergessen kann. Es zeigt den Terroristen Holger Meins nach dessen Verhaftung, nur mit einer Unterhose bekleidet. "Dieser nackte Mann, der etwas Skeletthaftes hatte, dieser unendlich dünne Mann, seine fanatische Körperhaltung, nur Sehne und Muskel, das strahlte für mich eine grenzenlose Aggression aus." Später horcht Fest in sich hinein und merkt: So aggressiv wie Meins kann er nicht sein, ihm fehlt der Grund. Hartmann sagt: "Ich glaube nicht an böse Menschen, das war das Privileg meiner Eltern."

So wächst in den Siebzigern nicht eine zornige Generation heran, sondern eine genervte. Den jungen Hartmann nerven seine Eltern, weil sie wichtige Begriffe besetzen. Was jung ist, was modern, das entscheiden erstmals nicht die Jungen, sondern die 68er.

Fest ist genervt von der "Überpolitisierung". Um sich abzugrenzen, liest er Autoren wie Ernst Jünger, Jack Kerouac oder Rolf Dieter Brinkmann. Ihm gefällt "die starke Ich-Bezogenheit, die Ästhetisierung des Lebenslaufes als Gegengewicht zum starken politisch-ideologischen Einfluss". Freiheit, Individuum, das werden seine Begriffe. Die 68er hatten Kommune, Solidarität auf ihre Fahnen geschrieben.

Den Jüngeren fehlt der Feind und damit das einende Band. Die Jugend spaltet sich auf: Punks, Popper, Teds, Freaks. Es ist der Versuch, in kleineren Gruppen Sicherheit zu finden, doch einen gemeinsamen Aufstand kann das nicht ersetzen. Das hat Folgen für das Selbstbewusstsein der Heranwachsenden.

Alexander Fest sagt, seiner Generation fehle "die Überzeugung, etwas Bedeutsames getan zu haben, das schöne Gefühl des Wichtigseins, das heroische Selbstverständnis".

Fest und Hartmann sind immer noch Grübler, Zweifler. Bei Alexander Fest merkt man es an jedem Satz, er denkt und denkt und wirkt selten so richtig sicher. Matthias Hartmann kann über Stunden reden, als wisse er alles ganz genau und ha- be granitene Überzeugungen. Dann stellt er mit zwei Sätzen alles in Frage.

Westerwelle ist anders. Er hat früh Überzeugungen, und deshalb kann er mit 18 Jahren einen Aufstand machen, den größten Aufstand, der seiner Generation möglich ist: 1980 tritt Guido Westerwelle der FDP bei. Bald darauf zählt er zu den Mitgründern der Jugendorganisation Junge Liberale. Ihr Programm ist die Antwort auf '68, Freiheit statt Sozialismus, Individualität statt Solidarität.

Bald sieht man Westerwelle, ein schmales Bürschchen, mit Anzug und Krawatte hinter Rednerpulten stehen. Er wird als Anpasser Nummer eins der Bundesrepublik geschmäht. Ein Irrtum, die Uniform in seiner Welt, der Universitätswelt, ist die Jeans.

Seit 1980 studiert er in Bonn Jura. Hier macht er die nächste entscheidende Erfahrung seiner Generation. Die Seminare sind überfüllt, es gibt zu viele Studenten. Das ist zum einen Folge des Babybooms, der Ende der fünfziger Jahre begann. Zum anderen ist dies eine Folge der Bildungspolitik seit '68. Fast jeder kriegt einen Platz an der Uni, aber längst nicht jeder einen Platz im Hörsaal. Bildungspolitik wird zum großen politischen Thema von Guido Westerwelle.

In den achtziger Jahren studiert auch Walter Wüllenweber, heute 38 und Reporter beim "Stern". Schon damals will er Journalist werden, aber ein Mann vom Arbeitsamt rät ab. Es gebe keine Volontariate und Jobs sowieso nicht. Die Welt, muss Wüllenweber feststellen, ist verstopft, zum großen Teil von den 68ern, die den Marsch durch die Institutionen angetreten sind.

Die Nachfolger lernen ein altes Wort neu: "Massenarbeitslosigkeit", bald kommt "Lehrstellenmangel" hinzu. Man entdeckt den Altersgenossen als Konkurrenten. Wie soll man da solidarisch sein? Wüllenweber studiert Politik, Sport, Jura; "Perspektive Taxifahrer", denkt er.

"No Future" wird zum Schlagwort, keine Zukunft. Die Achtziger sind ein Jahrzehnt der Angst. Angst vor der Arbeitslosigkeit, Angst vor dem Atomkrieg, Angst vor dem Gau, Angst vor Aids.

Für die Nachfolger der 68er gelten die Verheißungen der sexuellen Befreiung schon bald nicht mehr. Die "Rocky Horror Picture Show" würde nicht funktionieren, müssten sich Frank N. Furter, Brad und Janet ständig Kondome überziehen.

In den Achtzigern entdeckt die Generation der heute 40-Jährigen den Protest, Großdemonstrationen gegen Atomkraft in Brokdorf und gegen die Nachrüstung in Bonn. Man will die Welt nicht umbauen, sondern retten. Ein großes Ziel, aber auch ein abstraktes. Die 68er haben verknöcherte Professoren Tag für Tag erleben müssen. Ihre Nachfolger merken bald, dass man trotz zigfacher Overkill-Kapazität herrlich leben kann. Die Achtziger werden auch zum Jahrzehnt der Partys und des Konsums. Letzten Endes fehlt die Wut zum echten Aufstand.

Mit 30 schreibt Walter Wüllenweber ein Buch über sich und seine Altersgenossen, "Wir Fernsehkinder - Eine Generation ohne Programm". Wüllenweber mokiert sich, "dass unsere Generation ein Haufen von langweiligen, antriebslosen Sesselpupsern ist". Es gebe "ja tatsächlich nichts Besonderes an uns, nichts Unverwechselbares, nicht Eigenes".

Heute urteilt Wüllenweber nicht mehr ganz so hart. "So ziellos, so erfolglos, wie in dem Buch beschrieben, sind wir doch nicht", sagt er. Gleichwohl bleibt er dabei, seine Generation sei im Mittelmaß stecken geblieben.

"Es gab immer so viele von uns", sagt Wüllenweber, "deshalb war das Ziel nicht, ganz toll sein, sondern durchkommen." Zudem war "Elite" nach '68 zu einem Unwort geworden. Als Wüllenweber an der Uni ein Seminar zur Elitentheorie macht, wird dort der Wunsch nach Eliten "ganz nah am Faschismus" eingeordnet.

In seinem Buch schreibt Wüllenweber: "Wir wuchsen auf dem Mist der Achtundsechziger-Generation heran. Was sich die alten Apo-Kämpfer ausgedacht hatten, wurde an uns ausprobiert."

Guido Westerwelle legt 1991 sein Zweites Staatsexamen ab. Er ist da schon ein Polit-Funktionär, seine Erfahrungen koppeln sich vom Rest der Altersgenossen ab. Auf die Frage, welche Musik für ihn wichtig war in dieser Zeit, fällt Westerwelle nichts ein. Er nennt einen Film, "Susan ... verzweifelt gesucht", Hauptdarstellerin war Madonna.

Sie wird in den Achtzigern zur Ikone ihrer Generation. Nach Punk und New Wave setzt sich mehr und mehr der fröhliche Pop durch, Madonna, Michael Jackson, Prince; alles ist durchgestylt, von den Noten bis zu Frisur und Kostümen der Interpreten.

Pop ist bald mehr als Musik, wird Kultur und Lebensgefühl, und 1986 kommt eine Zeitschrift auf den Markt, die das in Bilder und Texte fassen will. "Tempo" macht außer Madonna auch Leute wie Jeff Koons oder Bret Easton Ellis zu Helden, der eine ist Kitschkünstler, der andere ein Schriftsteller, der Horror und Ästhetizismus verknüpft. Die Autoren der Zeitschrift nehmen Abschied von der Objektivität im Journalismus, feiern das "Ich".

Anything goes, alles ist möglich. Politik steht neben Pop, und manchmal ist Pop bedeutender als Politik. "Wir wollten das Ernste aus dem Ghetto des Ernsten holen, das Leichte aus dem Ghetto des Leichten", sagt Markus Peichl, heute 42, der erste Chefredakteur von "Tempo".

In den späten Achtzigern ist er die Hauptfigur in einem Kulturkampf. Die 68er haben ihre Nachfolger eine Weile betrachtet, und sie sind unzufrieden. Sie finden, dass die nächste Generation oberflächlich ist und unpolitisch. Der beste Beweis sei die Popkultur, sei "Tempo". Markus Peichl, heute Filmproduzent, sagt, er sei in seiner "frühen Jugend sehr 68er-mäßig drauf gewesen". Das gilt für viele seiner Generation. Sie ordnen sich ein in die Konflikte, die sie vorfinden und kämpfen einen übernommenen Kampf. Peichl macht in Wien "Schülerpolitik ohne Ende und vier Jahre massive Gewerkschaftsarbeit".

Er bricht mit den 68ern, weil er sie Tag für Tag erlebt und irgendwann findet, sie würden ständig ihre Ideale verraten. Er sieht Karrieregeilheit und Machtbesessenheit, von Solidarität keine Spur. Er fragt sich, was Solidarität eigentlich wert ist, wenn sie so leicht verraten werden kann. Verspätet sucht er etwas Eigenes für sich und seine Generation. Er findet die Popkultur, die Coolness, die Postmoderne, den Ästhetizismus.

Er beginnt, gute Anzüge zu tragen. Die 68er liefen immer so schlampig herum. Er beginnt, die Welt gut und schön zu finden. Die 68er sahen immer das Schlechte. Er hört auf, alles politisch einzuordnen. Die 68er hielten selbst das Private für politisch. Er hört auf, eine Moral vor sich herzutragen. Die 68er wussten immer genau, was gut und was schlecht ist.

So wird Peichl, der Mann, der "'68" entkommen wollte, der Mann, der am meisten davon geprägt ist, indem er immerzu das Gegenteil tun muss.

"Tempo" ist der Versuch eines Aufstands gegen die Älteren, aber er bleibt begrenzt. Die Auflage schwankt zwischen 100 000 und 190 000.

Der bestverkaufte Titel in der Ära Peichl zeigt die nackte Brigitte Nielsen, die perfekte, chirurgisch gestylte Hülle, das Symbol der Achtziger für den großen Spaß bei gleichzeitiger Unnahbarkeit.

Ich will dich und will dich nicht, strahlt die Nielsen aus. Eindeutigkeit ist von ihr nicht zu haben, auch nicht von "Tempo" und Peichl. Die Zeichen der Popkultur werden versteckt gesetzt, sie begründet eine neue Dialektik: In der Affirmation steckt auch Kritik, die Anbetung der Schönheit richtet die Schönheit zu Grunde.

Die 68er bezichtigen Peichl und seine Leute, sie hätten keine Moral, keine Werte, keine Ideale. Peichl hält dagegen: Ihr habt doch auf ewig Moral, Werte, Ideale für euch in Anspruch genommen. Für ihn ist die Bundesrepublik ein geistig besetztes Land. Wer sich nicht anpassen will, muss schweigen.

Zudem wirft er seinen Gegnern die "Entwertung der Werte" vor, durch Verrat. "Die 68er wollten die absolute Wahrheit verbreiten und haben die absolute Verlogenheit hinterlassen."

Und seine Generation? "Wir haben immerhin nichts verraten. Wir haben einen Zustand hergestellt, in dem Verrat nicht mehr möglich war. Es ist nicht so bedeutend, ob man eine Jacke von Helmut Lang oder von Gaultier verrät." Er ist noch immer grimmig, wenn er über die 68er redet, er wirkt noch immer verletzt, weil sie verraten haben, was er als junger Mann von ihnen übernommen hat.

Im Jahr 1990 gibt Peichl die Chefredaktion auf, 1996 wird "Tempo" eingestellt. "Es war keine Epoche für große Worte, große Heroen", sagt er.

Es gibt allerdings zwischendurch die Gelegenheit wenn nicht für Heroismus, dann doch für großen Einsatz. Im Herbst 1989 machen die Bürger der DDR ihre Revolte, und Westerwelle schaut in Bonn gerührt am Fernseher zu, wie sich die Mauer öffnet. Er überlegt, nach Berlin zu fahren.

Er überlegt und überlegt. Das Problem ist, dass er für die Uni lernen muss. Eigentlich hat er keine Zeit. Das Problem ist auch, dass er von 1200 Mark im Monat lebt. Eigentlich hat er kein Geld, um den Fall der Mauer zu feiern. Westerwelle bleibt in Bonn und lernt. Die deutsche Einheit wird nicht zum großen Thema seiner Generation.

Walter Wüllenweber schreibt dazu in seinem Buch: "Zehn Jahre hatten wir in den Startlöchern gesessen, in der Hoffnung, dass es endlich losgeht. Am 9. November 1989 hat es einen gewaltigen Startschuss gegeben. Wir haben ihn überhört. Wer so lange wartet, der vergisst leicht, worauf. Für uns war das Warten längst zum Selbstzweck geworden. Stell dir vor, unsere große Chance kommt, und keiner nutzt sie."

Es kommen die neunziger Jahre, und die Generation der Nach-68er macht dann doch noch Karriere.

Walter Wüllenweber wird Reporter und findet sein großes Thema: der Krieg auf dem Balkan, die Unmöglichkeit, auch fürderhin Pazifist zu bleiben. Er ist ein bisschen verzweifelt, dass auch diese Frage seine Generation offensichtlich nicht umtreibt.

Matthias Hartmann wird ein gefragter Regisseur und übernimmt im Sommer 2000 das Schauspielhaus Bochum.

Alexander Fest gründet einen Verlag, der sich vor allem mit politischen Buchessays von Autoren seiner Generation profiliert.

Guido Westerwelle wird 1994 Generalsekretär der FDP.

Gleichzeitig beginnt der Grundkonsens der Bundesrepublik aufzubrechen. Seit Willy Brandt, also im Prinzip seit "'68", gilt das Prinzip der Solidarität in der Politik als unanfechtbar, symbolisiert durch den starken Sozialstaat. Als der Druck der globalen Konkurrenz auf die Bundesrepublik zunimmt, fordern Neoliberale einen neuen Kurs, am lautesten Guido Westerwelle. Nach Peichls "Tempo"-Attacke ist dies der zweite Aufstand gegen die Kultur von "'68".

Westerwelle nimmt eine Grundidee seiner Generation auf und treibt sie auf die Spitze. Er überträgt Individualisierung, und Ich-Bezogenheit auf die Organisation der Gesellschaft. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, der Staat greift nur noch in größter Not ein. Das wirkt auf viele gnadenlos, kalt.

"Wer hat mich denn der sozialen Kälte angeklagt?", fragt Westerwelle und gibt die Antwort selbst: "Die Fischers, die Schröders, die Lafontaines", die Alt-68er also. Wie einst Peichl bekommt er zu spüren, dass die Älteren das Hassen gelernt haben und noch immer beherrschen. Er ist der "Dauergrinser", der "aalglatte Guido", Mitte der neunziger Jahre ist er der Bösewicht Nummer eins im Land, vor allem aber der Feind aller, die am Solidargedanken festhalten.

Westerwelle wehrt sich, indem er den Alt-68ern immer wieder genussvoll vorhält, wem sie einst gehuldigt haben, an der Spitze der kambodschanische Massenmörder Pol Pot.

Fischer ist für Westerwelle ein Mann, der "nur geirrt hat", und "wann sieht man den mal lachen. Die Alt-68er tragen ihre ganze Unzufriedenheit über sich selbst wie eine Leuchtschrift auf der Stirn".

Wenn ein politischer Streit so persönlich geführt wird, dann geht es um mehr als um Politik. Die einen verteidigen eine Lebensidee, der andere versucht eine eigene zu etablieren, und alle sehen sich als Vertreter ihrer Generationen.

Während dieser Streit tobt, entwickelt sich eine Wirtschaftsform, die zunächst Westerwelle Recht gibt. Die New Economy bringt Unternehmen hervor, die ohne die klassische Solidarität auskommen. Ein Betriebsrat ist nicht nötig, jeder fühlt sich wie ein Selbständiger. Gegen die märchenhaften Gewinnaussichten mit Stock Options wirkt die solidarische Rentenversicherung albern.

Viele der Start-up-Unternehmer sind aus Westerwelles Generation. Als 1995 das Internet langsam in Mode kommt, steigt Heike Arnold ein, heute 41. Sie hatte als Sekretärin gearbeitet, "aber ich war nie die gute Kollegin", sagt sie. Und sie hat das Problem, das fast alle Frauen ihrer Generation haben: Sie will Kinder, und sie will arbeiten.

Vom Feminismus unberührt, sucht sie nach einer pragmatischen Lösung und kommt auf Computerarbeit zu Hause. Sie berät Firmen der Old Economy, wie sie mit dem Internet Geld verdienen können. Ihr Unternehmen ist "100-prozentig virtuell", keine Angestellten, bei Bedarf greift sie auf ein Netzwerk von 60, 70 freien Mitarbeitern zurück.

Inzwischen ist Arnold so erfolgreich, dass sie ihre Kinder nur am Wochenende sehen kann. In ihrem Netzwerk sind keine Frauen. An der Frage, wie sich die berufliche Freiheit der Frauen harmonisch mit der Familie verbinden lässt, ist diese Generation gescheitert.

Heike Arnold spricht heute von sich als "Überlebender". Im Jahr 2000 bricht die New Economy schwer ein. Ihr Niedergang bedeutet für viele der 40-Jährigen das erste große Scheitern im Beruf.

Auch Guido Westerwelle ist unter den Verlierern. Er hat einen Teil seines Geldes am Neuen Markt angelegt. Es ist deutlich weniger geworden.

Zudem muss er zusehen, wie der Solidargedanke Einzug hält in die New Economy. Beim Internet-Unternehmen Pixelpark ist jüngst ein Betriebsrat gewählt worden. In der Krise werden die Pseudoselbständigen dann doch lieber ganz normale Angestellte. Der angestrebte Kulturbruch verliert sein Fundament in der Wirtschaft.

Damit wird eine späte Revolte gegen "'68" unwahrscheinlich. Ohnehin haben sich die Fischers und Schröders so lange selbst reformiert, dass sie außer ihren bewegten Biografien kaum noch etwas von den 40-Jährigen unterscheidet.

Ihre Anzüge sind nicht schlechter als der von Markus Peichl, und Schröder verbiegt sich so geschickt zwischen Solidarpolitik und Neoliberalismus, dass er gleichzeitig Westerwelle umarmen und in den Hintern treten kann.

Aber auch der Parteivorsitzende Westerwelle wird ein anderer sein als der Generalsekretär. "Ich werde die FDP für alle Bevölkerungsgruppen öffnen", sagt er. Westerwelle will sie herausholen aus der Nische Mittelstandspartei, Partei der Besserverdienenden. Er sagt auch, dass er Fehler gemacht, dass er die sozialen Aspekte von Politik vernachlässigt habe.

Unter seiner Führung soll die FDP wieder zweistellig werden und die Grünen, also die Partei der 68er, aus der Regierung drängen. Das treibt die Radikalität aus Westerwelle, der letzte Rest von Radikalität in seiner Altersgruppe. Wenn es um die Macht geht, treffen sich alle Generationen letztlich in der Mitte.

Obwohl: Einer schreibt immer noch von Revolution, Frank Schirrmacher, 41, Herausgeber der "FAZ". Er meint die gen- und nanotechnische Revolution, den Umbau des Menschen, den Bau von Nano-Robotern. Schirrmacher, einer der wackersten Streiter wider die Leitkultur von "'68", schreibt mit so viel Feuer und Eifer für die neuen Techniken, als habe er seiner Generation endlich, endlich ein großes, großes Projekt entdeckt.

Denn die Forscher sind die Fernsehkinder, wie Schirrmacher feststellen konnte. So hat das ganze "Raumschiff Enterprise"-Gucken einen Sinn bekommen, als frühe Inspiration der Gen- und Nanotechniker. "Captain Kirk als Erzieher", hat Schirrmacher geschrieben.

Allerdings ist er mit seiner Begeisterung ziemlich allein. Nicht einmal der fortschrittsfreudige Westerwelle mag ihm folgen. "Ich bin in dieser Frage noch ein Suchender", sagt er.

Es bleibt wohl dabei, dass seine Generation nur ein großes eigenes Thema hat: die Auseinandersetzung mit den Vorgängern. Hartmann, Fest, Wüllenweber, selbst Peichl und Westerwelle, sie alle sind hin- und hergerissen zwischen Ablehnung und Bewunderung, auch hier keine Eindeutigkeit.

Am besten drückt diese Haltung ein gewundener Satz des Verlegers Fest aus: "Man kann einer Generation, die einen zum Zuspätkommen verdammt, die einem die Spannungen wegnimmt mit der Generation der Eltern, nicht nur dankbar sein."

Die Grübelei über "'68" taugt als Kitt zwischen den 40-Jährigen nicht. Jeder macht das mit sich selbst aus. Als Generation bleiben sie daher nach außen unkenntlich.

Matthias Hartmann hat einmal die Theaterleute seines Alters zu einem Symposium versammelt, um herauszufinden, ob es etwas Gemeinsames gebe. "Das Ergebnis hat mich schockiert." Da war nichts, gar nichts.

"Wir haben kein Logo", sagt Hartmann. Einer seiner Vorgänger in Bochum war 68er, was selbst schon ein Logo ist, und der pappte ein Schild mit einem durchgestrichenen AKW ans Theater. Unvorstellbar für Hartmann. Alles unter ein Motto zu stellen, das findet er schlicht. "Kein Logo zu haben ist schwieriger", sagt er.

Wenn alles möglich ist, fällt die Wahl schwer. Also hat Hartmanns Generation 25 Jahre Grübeln hinter sich, zu jeder Frage war alles neu zu bedenken. Das Ergebnis sind oft Kompromisse mit sich selbst, eine Prise "'68", eine Prise Yuppietum, über allem die große Unentschiedenheit.

Und wer jeden Gedanken dreimal wendet, wird zu Visionen nicht kommen. Die 40-Jährigen sind Pragmatiker.

Insgesamt wirken sie ein bisschen verkorkst, auf sympathische Weise. Bei aller Grübelei sind sie nicht verbiestert. Eine gewisse Milde liegt über dieser Generation, gespeist aus der Brüchigkeit ihres Selbstverständnisses, aus der Unfähigkeit, radikal zu sein. Auch Westerwelle hat diesen milden, sanften Zug, wenn er seinen Kältepanzer einmal ablegt.

Sie werden es daher schwer haben beim Machtkampf mit den anderen Generationen, und sie fangen schon an, über die 30-Jährigen zu grübeln. Sie gelten ihnen als härter, als taff, perfekt im Umgang mit Computer und Internet, unbekümmert.

"Wir sind eine Sandwich-Generation", sagt Markus Peichl. Eingeklemmt zwischen starken Vorgängern und starken Nachfolgern, eine Generation des Übergangs.

Wenn Westerwelle nicht eines Tages Bundeskanzler wird, könnten er und seine Altersgenossen rasch vergessen sein. Einen deutschen Popstar um die 40 gibt es nicht. Einen deutschen Großschriftsteller um die 40 gibt es auch nicht. Man hat sich da ans Mittelmaß gehalten.

Der einzige Star außerhalb des Sports, den sie hervorgebracht haben, heißt Harald Schmidt, erst ein Fernsehkind und jetzt ein Fernsehstar. Wie die anderen hat Schmidt einen Lebenslauf, der durch "'68" geprägt ist. Als er als junger Mann am Theater in Esslingen arbeitet, nervt ihn "das politische Drumherum, obwohl ich mich nicht getraut habe, mir das einzugestehen".

Mitbestimmung, pseudopolitische Sekundärliteratur zu Kleist und anderen, für Schmidt ist das eigentlich "Gedöns". Später macht er Kabarett am "Kom(m)ödchen" in Düsseldorf, wo ihn die "Links-rechts-Prägung" nervt.

Die "Harald Schmidt Show", die er seit über fünf Jahren viermal wöchentlich macht, ist frei davon. Sie galt vielen anfangs als Klamauk, unpolitisch, nichtig. Westerwelle reklamiert für sich, der erste Spitzenpolitiker gewesen zu sein, der dort aufgetreten ist. Und er kam wieder.

Schmidt behandelt ihn ironisch, aber nicht ohne Respekt. Sie sitzen da in ihren sehr guten Anzügen und plaudern wie zwei Männer, die sich grundsätzlich einig sind: Das Politische ist Show, und die Show ist politisch.

Insofern knüpft Schmidt an Peichls "Tempo" an. Man kann alles miteinander verbinden, das Ernste und das Leichte, man muss nicht immer sagen, was man meint und vor allem: nie eine Moral vor sich hertragen. Schmidts Dialektik geht so: Er erzählt so lange Polen-Witze, bis alle die Polen nett finden.

Schmidt hat mit seiner Show die Political Correctness abgeschafft. "PC", das war die linke Strenge, die der konservativen Strenge der fünfziger und sechziger Jahre folgte. Deutschland ist nun endlich locker geworden, ein Verdienst vor allem der Generation der Nach-68er.

Viel mehr als die lässig-freundliche Verwaltung des Übergangs ist aber nicht zu erwarten. "Wir halten den Laden am Laufen", sagt Harald Schmidt, "das ist doch schon was."


DER SPIEGEL 18/2001
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