30.04.2001

AUTORENGefrorene Seufzer

In seinem Roman „Rote Handschuhe“ erzählt der Siebenbürger Eginald Schlattner die Geschichte eines Verrats im kommunistischen Nachkriegs-Rumänien - es ist seine eigene.
Ein Student sitzt in der Zelle. Sieben Quadratmeter Finsternis, ein Kübel als Klo, ein Strohsack als Matratze. So ist es 1958 in Stalinstadt, Rumänien. Die Schergen vom Geheimdienst Securitate verhören, bei Tag und bei Nacht.
Nach Monaten ist der junge Mann gebrochen. Er beginnt, Freunde zu belasten. Gemeinsame Ziele zu verraten. Sich als linientreuer Kommunist anzudienen. Gleichzeitig nimmt er wahr, wie mit jedem neuen Verrat ein Stück seiner selbst verloren geht. Er befürchtet, am Ende bleibe nichts mehr übrig von ihm: "Irgendwann wird mich ein Windhauch durch den Maschendraht des Fensters hinausziehen."
Ein Protokoll peinvoller Selbstbezichtigung, eine Vivisektion am eigenen Leib mit dem Werkzeug Sprache ist der Roman "Rote Handschuhe" von Eginald Schlattner**. Der namenlose Ich-Erzähler tritt im Hochverratsprozess gegen fünf deutschrumänische Schriftsteller 1959 als Zeuge der Anklage auf. Wie der wirkliche Schlattner: "Zwischen rigoroser Wahrhaftigkeit und angenäherter Wahrheit" sei sein Buch angesiedelt, sagt der Autor.
Er, der nach langen Jahren als Tagelöhner, Landarbeiter und Ingenieur seit 1978 als Pfarrer in Rothberg (Rosia) bei Hermannstadt arbeitet, hat vor drei Jahren mit seinem Roman "Der geköpfte Hahn" im reifen Debütanten-Alter von 65 Schlagzeilen gemacht. Die vor barocker Erzählfreude strotzende siebenbürgische Saga aus dem Jahr 1944 bewog den Rezensenten der "FAZ" zu dem frommen Wunsch, aus Schlattner möge ein zweiter Fontane werden.
Kenner der rumänischen Verhältnisse wandten umgehend ein, die Dichtung des spät berufenen Schlattner sei in Wahrheit an seiner Rolle im Schauprozess 1959 von Kronstadt (ehemals Stalinstadt, heute Brasov) zu messen. Die angeklagten Schriftsteller sind damals zu insgesamt 95 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Knapp fünf Jahre hat jeder von ihnen verbüßt.
Schlattners Antwort auf die Vorwürfe, er habe damals Freunde und literarische Weggefährten als Zeuge der Anklage ins Gefängnis gebracht, ist nun, 608 Seiten stark, im Zsolnay-Verlag auf den Markt gekommen - eine epische Reise zurück in die Zeit, da Arbeiter- und Bauernführer, Politkommissare und Schnüffler die Macht im Staat Rumänien übernommen hatten und da die Siebenbürger Sachsen als Hitlers einstige Volksgenossen im kollektiven Staatsfeind-Verdacht standen.
"Ich freue mich, wie gut der neue Mensch in mir funktioniert",
sagt im Gefängnis der Roman-Protagonist, und ertappt sich beim Traum vom Leben draußen als Kommunist - "Wiesen mähen bei der Staatsfarm ,Roter Sieg''". Der Weg in die Freiheit aber führt nur über den Verrat. Und also kriecht der Held zu Kreuze, zeichnet marxistisch-leninistische Diagramme für die Securitate-Schergen, macht sich nützlich.
Das als Fiktion verpackte Mea culpa Schlattners werden Zeitgeschichtler und überlebende Angeklagte des Kronstädter Schauprozesses zu würdigen wissen. Auf den Rest der Leser wartet eine zweite Erzählebene, voll von präzisen Miniaturen aus der Zeit des Übergangs zur scheinbar klassenlosen rumänischen Gesellschaft.
"Sie träumten von Faltfächern aus Elfenbein und still stehenden Stutzuhren", schreibt spöttisch stabreimend Schlattner, Großmeister im Abmalen siebenbürgischer Bourgeoisie, über jenen Teil seiner Familie, der den Kommunismus auch und vor allem als ästhetische Katastrophe begriff. Er lässt die prototypischen Chargen aus "Der geköpfte Hahn" noch einmal auftreten.
Die grandios manierierte Hertatante - "delikat wie ein gefrorener Seufzer" - wohnt nun, unter Kommunisten, Lindenblütentee schlürfend Tür an Tür mit der Kaderchefin der Friseurgenossenschaft "Higiena". Tante Melanie, auf Republikflucht Richtung Nordpol schon im erstbesten rumänischen Kukuruz-Feld gestellt, antwortet auf die Frage, wohin sie wolle: "In das Franz-Josephs-Land. Hier ist es mir zu heiß geworden."
Der Vater, aus sowjetischer Haft zurück nach dem Krieg, gibt dem Marx lesenden Sohn mit auf den Weg: "Gegen den Sozialismus lässt sich nichts sagen, außer dass er wider die menschliche Natur ist."
Schlattner ist der Letzte, der protokolliert, wie es war, als turmhohe Maria-Theresia-Tabernakel, Trumeaukästchen, Luther-Büsten in Gips und Tirolerhosen in den Schrankregalen das kulturelle Rüstzeug der Sachsen waren im langen Kampf gegen eine Umwelt voll rumänisch-ungarisch-jüdisch-zigeunerischer Einflüsse. Und der Pfarrer aus Rothberg ist gleichzeitig ein penibler Chronist der politischen Umbrüche am Fuß der Karpaten.
Den Roman-Rückblenden ins Reich bourgeoiser Wohlanständigkeit stehen naturalistische Erörterungen der Frage gegenüber, wie sich die Gefangenen im Kronstädter Securitate-Knast nach dem Stuhlgang ohne Papier reinigen; auch kollidieren bisweilen "kecke Busen" und "Gekräusel über dem Venushügel" mit der Leser-Erwartung im dritten Jahrtausend.
"Ein gestörtes Verhältnis zur Zeit", stellt ein Psychoanalytiker beim Ich-Erzähler fest. Das mag auch für den Autor gelten. Er entschädigt dafür mit soziologischen Preziosen wie der Beschreibung erster kommunistischer Arbeiterbälle in seiner Heimatstadt Fogarasch nach dem Krieg - die distinguierte Mutter im "Rohseidenen" tanzt dort umschwärmt von Friseuren der Handwerksgenossenschaft "Fleiß und Preis", von Viehhaltern der Staatsfarm "Erntefront" und vom Eisenschmied aus der Kesselfabrik "Rote Spirale".
"Ich habe Schlattners Roman nicht gelesen, und ich werde ihn auch nicht lesen", sagt Hans Bergel, Jahrgang 1925, der heute bei München lebt. Im Kronstädter Schriftstellerprozess zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, hat er 61 erfolglose Gnadengesuche geschrieben und war bis 1964 in die Baragan-Steppe verbannt als Nachbar des Bauernführers Corneliu Coposu.
1968 durfte Bergel Rumänien verlassen - Günter Grass hatte beim damaligen Außenminister Willy Brandt interveniert. Noch heute wirft Bergel, der Mann, der dem kommunistischen Diktator Gheorge Gheorgiu-Dej mit einer Fabel den Spiegel vorhielt, seinem ehemaligen Zögling Schlattner zweierlei vor: "Er hat beim Verhör Dinge ausgesagt, nach denen die Securitate nicht einmal gefragt hat. Und - er hat unsere ausgestreckte Hand verweigert, er hat sich nicht entschuldigt."
Im Roman schreibt Schlattner über die Zeit, als er Schriftsteller-Kollegen an das System verraten sollte: "Der Betroffene verliert sein Gesicht. Sein Name wird ein Kürzel: zum Beispiel für Staatsfeind." Heute, als Dorfpfarrer in Rothberg und als Gefängnispfarrer in Aiud, scheint Schlattner noch immer um Sühne zu ringen. "Man verlasse den Ort des Leidens nicht, sondern wirke darauf hin, dass das Leiden den Ort verlässt", heißt es im Roman.
Schon führen Studenten der Hermannstädter Lucian-Blaga-Universität Seminare zur Erzählstruktur in Schlattners Erstling "Der geköpfte Hahn" durch. Originalschauplätze des Romans werden bei Exkursionen besichtigt. Die Vielzahl der ausgewanderten Sachsen hat, durch den im Land verbliebenen Schlattner, noch Sprüche wie diesen zu vererben: "Palukes (Maisbrei) explodiert nicht" - Rumänen sind kein rebellisches Volk.
Der Pfarrer lebt weiter im Land seiner Kindheit, im Land seiner Folterknechte und seines Verrats. Wie er sich fühlt, das lässt er den Ich-Erzähler in "Rote Handschuhe" andeuten, der, frisch aus der Haft entlassen, sich mit den zähen Kanalratten von Kronstadt vergleicht: "Sogar dem Fangeisen entkämen sie und lebten weiter mit halbiertem Leib. Davon konnte ich ein Lied singen." WALTER MAYR
* Mit rumänischen Arbeitern bei einem Wasserkraftwerk am Fluss Arges (1963). ** Eginald Schlattner: "Rote Handschuhe". Zsolnay Verlag, Wien; 608 Seiten; 49,80 Mark.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 18/2001
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