30.04.2001

PSYCHIATRIESpuk im Morgengrauen

Manche Menschen begegnen ihren eigenen Doppelgängern. Die Geisterfiguren tauchen aus heiterem Himmel auf. Nun versuchen Hirnforscher, das Rätsel dieser Halluzinationen zu lösen.
Als sich die alte Dame im Stuhl nebenan erblickte, war ihr eher zum Schmunzeln zumute. Die Doppelgängerin bewegte sich nicht, lächelte ihr zu, trug ein Kleid, das sie kannte - und war ein knackiges junges Ding.
Die 75-Jährige betrachtete ihr Double amüsiert, als wäre sie in einem Album auf eine vergilbte Fotografie aus jungen Jahren gestoßen. Geschmeichelt registrierte sie, wie gut ihr der Flitter einst gestanden hatte und welch ein ansehnlicher Teenager sie gewesen war. Die Erscheinung dauerte Sekunden, vielleicht sogar Minuten. Sechs Stunden später lag die Seniorin mit einem schweren Schlaganfall in der Klinik.
Der 35-jährige Schlosser fand die Begegnung mit seinem stummen Gast hingegen kein bisschen komisch. Als er ihn entdeckte, fingen seine Knie an zu schlottern. Sein Doppelgänger stand mitten am Arbeitsplatz vor ihm, schleppte einen schweren Werkzeugkasten und schaute ihn unverwandt an.
Der Chef, dem er von der Halluzination erzählte, ließ ihn sofort mit dem Rettungswagen ins nächste Krankenhaus bringen. Doch die Untersuchungen der Ärzte blieben ohne Befund: Der junge Handwerker war kerngesund. Auch später war an seiner Patientengeschichte nur auffällig, dass er eines Tages seinem eigenen Trugbild gegenübergestanden hatte - und dass er es erst nach einer Weile, die ihm wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen war, wieder abgeschüttelt hatte.
Halluzinationen der eigenen Gestalt, so genannte Heautoskopien, scheinen der Phantasie eines Edgar Allan Poe entsprungen zu sein. Dennoch berichten wissenschaftliche Zeitschriften in Einzelfallbeschreibungen immer mal wieder über das merkwürdige Phänomen.
Die Opfer des Verdoppelungsspuks sehen ihr eigenes Körperbild in den Raum projiziert. Ihre Doubles sitzen an leer geglaubten Schreibtischen, tauchen als Bilder an der Wand auf, starren die vom Schreck gerührten Beobachter auf überfüllten Plätzen mitten aus der Menge an - oder baumeln erhängt am nächsten Laternenpfahl.
Rund 70 Fälle solcher Doppelgänger-Wahrnehmungen sind in der psychiatrischen Literatur bis heute dokumentiert. Allerdings vermuten Experten wie der Schweriner Neurologe Bernd Frank eine "hohe Dunkelziffer", weil die Opfer heautoskopische Erlebnisse - aus Angst, von ihren Mitmenschen für verrückt gehalten zu werden - nicht gern an die große Glocke hängen. Neuerdings versuchen Forscher, mit modernen Diagnosemethoden eine hirnorganische Erklärung für den Spuk zu finden.
An der Existenz des Phänomens hegen die Sachverständigen keinen Zweifel. "Das Gehirn", erklärt Neurologe Frank, der in 17 Jahren klinischer Arbeit sieben Patienten mit Heautoskopien behandelt hat, "schlägt manchmal Purzelbäume, und wir wissen nicht, warum."
Erst im vergangenen Dezember warnte das Fachblatt "Medical Tribune" seine Ärzteleser davor, Heautoskopien auf die leichte Schulter zu nehmen: Patienten etwa, die sich tot am nächsten Baum hängen sähen, so das Blatt, könnten "akut suizidgefährdet" sein.
Verblüffend an den Schilderungen vieler Heautoskopie-Opfer ist, wie detailgenau und körperhaft sie ihre Doppelgänger wahrgenommen haben. Obwohl sich die Betrachter fast immer des irrealen Charakters der Erscheinungen bewusst sind, glauben sie sich den Geisterwesen bei der Begegnung auf rätselhafte Weise verbunden: Sie registrieren oftmals deren Gefühle, als wären es ihre eigenen.
Manche empfinden den Doppelgänger deutlicher als sich selbst - während sie sich im Nachhinein daran erinnern, dass sich ihr eigener Körper in den Schrecksekunden des Treffens eher blutleer und kalt angefühlt habe, hätten sie im Double das lebendigere Wesen von beiden gespürt.
Vor allem einige britische Hirnforscher haben sich gründlich mit dem Phänomen beschäftigt und im renommierten Fachblatt "British Journal of Medical Psychology" eine Art Steckbrief der halluzinierten Doppelgänger veröffentlicht:
* Doubles tauchen danach fast immer wie aus heiterem Himmel auf. In manchen Fällen haben die Opfer erst kurz vor der Begegnung das Gefühl, als stünde jemand hinter oder neben ihnen.
* Die Doppelgänger erscheinen ihren Opfern entweder grau oder schemenhaft verschwommen, in der Mehrzahl der Fälle allerdings leibhaftig, vielfarbig und klar umrissen. Keines der Opfer vermochte sich je daran zu erinnern, ob die Spukgestalt einen Schatten geworfen habe.
* Meist sind die Geisterfiguren stumm und starren ihre Opfer an. In einigen Fällen bewegen sie sich spiegelbildlich, imitieren die Mimik der Betrachter oder agieren ähnlich, wie diese es zuvor in stark affektgeladenen Situationen getan haben.
* Doppelgänger bleiben in der Regel außerhalb der Reichweite ihrer Beobachter und verschwinden, wenn die Opfer nach ihnen greifen oder sich ihnen nähern wollen.
* Am häufigsten erscheinen die Truggebilde in der Abenddämmerung oder im Morgengrauen. Bei einigen treten sie nur ein- oder zweimal im Leben auf. Andere erschrecken ihre vom Schlag gerührten Betrachter über längere Zeit hinweg immer wieder.
Hinter den Halluzinationen der eigenen Gestalt verbergen sich nach Meinung der Experten oftmals psychische Erkrankungen wie Schizophrenie, Depression oder Hysterie. Doch anders als bislang angenommen, verhelfen den Doppelgängern wohl auch organische Leiden und Hirnschädigungen zu ihrer spukhaften Existenz. Zur Basisdiagnostik in den Kliniken gehören jedenfalls stets Computertomografien, Hirnstrommessungen sowie Untersuchungen der Rückenmarksflüssigkeit und Labortests. Obligatorisch ist auch ein Drogentest.
Verbürgt sind als Ursachen von Trugwahrnehmungen Schlaganfälle und Tumoren an der erbsengroßen Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Von einem Patienten mit einer solchen Geschwulst wird berichtet, er habe sieben Jahre lang ununterbrochen unter einer klar wahrgenommenen Doppelgänger-Halluzination gelitten.
Auch im Fleckfieber-Delirium nehmen Kranke mitunter wahnhaft einen anderen Körper neben sich im Bett wahr. Von Querschnittsgelähmten wird dieses Phänomen ebenfalls gelegentlich erwähnt. Den französischen Literaten Guy de Maupassant sollen Körperbild-Projektionen gequält haben, als er das Krankenbett wegen fortgeschrittener Syphilis hüten musste.
Der US-Psychiater George Krizek vom St. Elizabeth''s Hospital in Washington glaubt kürzlich herausgefunden zu haben, dass nach Unfällen mit traumatischen Hirnschädigungen hauptsächlich Läsionen in der rechten Hirnrindenhälfte für den Verdoppelungsspuk sorgen können.
So war einer von Krizeks Patienten im Alter von 15 Jahren nach einem Verkehrsunfall mit Blutungen in ebendiesem Hirnareal in die Klinik eingewiesen worden. Beim Washingtoner Psychiater tauchte der junge Mann Jahre später auf, weil er hartnäckig behauptete, auf der Straße einem jüngeren Double von sich begegnet zu sein - und sich mit diesem sogar 15 Minuten lang unterhalten zu haben.
Am häufigsten treten Heautoskopien bei Migräneopfern auf. Eine 42-jährige ansonsten völlig gesunde Patientin berichtete zum Beispiel, dass sie ihren Körper im Liegen gelegentlich verdoppelt fühle. Bei dem Erlebnis konnte sie nach eigenen Angaben ihren geisterhaften "zweiten Körper" deutlich spüren: Er fühlte sich warm an und hatte dieselben Proportionen wie ihr "erster".
Auch unter Epileptikern tauchen die Trugwahrnehmungen öfter auf, als es die Krankenakten verzeichnen. In einem Fall dürften sie sogar Eingang in die Literaturgeschichte gefunden haben, wie Heautoskopie-Kenner behaupten.
Der russische "Schuld und Sühne"-Autor Fjodor Dostojewski schrieb einen Ro-
man mit dem Titel "Der Doppelgänger"; in seinen anderen Werken erscheinen den Protagonisten häufig unheimliche Doubles - meist in Gestalt von grauen, farblosen Schattenwesen, die ihren Opfern im fahlen Licht der Dämmerung oder des beginnenden Morgens gegenübertreten.
Der Erzähler, so vermuten die Heautoskopie-Experten, hat sich wahrscheinlich Bilder von der Seele geschrieben, die ihn selbst bedrängten: Dostojewski soll an einer Schläfenlappen-Epilepsie gelitten haben - einer Variante der Anfallskrankheit, bei der Doppelgängererlebnisse auch in der Fachliteratur mehrfach dokumentiert sind.
Während sich die Truggebilde bei Migräneopfern und Epileptikern häufig durch helle Lichterscheinungen ankündigen, überfallen sie Gesunde in der Regel ohne jede Vorwarnung.
Starker emotionaler Stress, Ängste oder Erschöpfungszustände reichen offenbar aus, um die Gespensterwesen von der Kette zu lassen: "Wenn die Sinneswahrnehmung durch die Überbeanspruchung müde wird", erklärt Dirk Arenz, Psychiater und Psychotherapeut an der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, der bisher drei Heautoskopie-Patienten behandelt hat, "dann verdunkelt sich die äußere Realität, die inneren Bilder nehmen überhand und geraten nach außen."
Was sich dabei im Kopf der Opfer abspielt, glaubt Erich Kasten, Neuropsychologe an der Uni Magdeburg, zu wissen: Das neuronale "Zentrum", in dem das Selbstbild des Patienten gespeichert ist, vermutet er, beginnt in dieser Phase wachsender Erschöpfung ungehindert zu feuern und sorgt so für das Auftreten der Ich-Verdoppelungen.
Dafür, dass dieses Zentrum an der Entstehung der Doppelgänger beteiligt ist, spricht auch das umgekehrte Schicksal von Alzheimer-Patienten, bei denen es im Laufe der Krankheit für immer zerstört wird: Die Opfer des degenerativen Leidens erblicken sich eines Tages im Spiegel und begegnen einem Fremden.
Noch sind die meisten hirnorganischen Erklärungen für den Verdoppelungsspuk kaum mehr als Vermutungen. "Wir können über die Ursachen nur spekulieren", räumt Arenz ein, "es gibt noch zu wenige wissenschaftliche Daten." Das könnte sich allerdings, wie der Heautoskopie-Experte hofft, im Laufe der nächsten "10 oder 15 Jahre" ändern.
Dann würde es vielleicht sogar möglich werden, den Doppelgänger-Kranken mit Medikamenten gezielt zu helfen. "Bis dahin", sagt der Schweriner Neurologe Frank, "können wir nur zuhören, aufklären und beruhigen." GÜNTHER STOCKINGER
* Beim Anlegen der Elektroden für eine Hirnstrommessung (EEG). * Aus "Being John Malkovich".
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 18/2001
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