Von Schlink, Bernhard
I.
In den nächsten Jahren wird meine Generation 60. Wir wurden in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren geboren und sind mit der Bundesrepublik aufgewachsen. Wir genossen die heile Welt der fünfziger Jahre, wurden ihrer überdrüssig und begehrten gegen sie auf. In den Sechzigern wurden wir politisch, in den Siebzigern traten wir ins Berufs- und Arbeitsleben ein, in den Achtzigern machten wir Karriere, und seit den Neunzigern haben wir in Politik und Regierung, Wirtschaft, Bildung und Medien die maßgeblichen Positionen inne. Noch ein paar Jahre, dann wird unser Stern wieder sinken.
Wir werden an unseren Geburtstagen Reden darüber halten, was wir gewollt und gemacht haben. Die meisten Reden werden auf die Vergangenheit des Dritten Reichs und des Holocaust zu sprechen kommen.
Wenn wir in Wissenschaft und Schule, Kultur und Medien tätig sind, war die Vergangenheit früher oder später einmal unser Thema, oder sie ist es noch; wenn wir in Politik, Verwaltung und Rechtsprechung arbeiten, hat sie unser Verständnis von Freiheit, Gleichheit und gerechter Ordnung geschärft; wer in der Wirtschaft oder in den freien Berufen über deren Verantwortung nachdenkt, denkt auch über ihre Verstrickung ins Dritte Reich und den Holocaust nach.
Für die meisten von uns war die Vergangenheit des Dritten Reichs und des Holocaust prägend. Sie stand im Zentrum unserer Auseinandersetzung mit den Eltern und unserer Absetzung von ihnen; unter ihrem Schatten gewann unser Bild der deutschen Geschichte seine Gestalt; auf sie im Ausland als Deutsche angesprochen, erfuhren wir uns als Deutsche. Die Beschäftigung mit ihr wurde, ob sie in unserer Arbeit eine kleinere oder größere Rolle spielte und spielt, Bestandteil unserer Selbstwahrnehmung und -darstellung.
Das ist der aktuelle Grund für die Gegenwart der Vergangenheit. Nach einer Generation, in der gerade die Opfer und Täter Scheu hatten, von der Vergangenheit zu reden, ist meine Generation tonangebend geworden, für die das Reden über die Vergangenheit selbstverständlich geworden ist. Indem unsere Erfahrungen, Vorstellungen und Themen Mainstream sind, ist es auch die Vergangenheit, die uns geprägt hat und weiter beschäftigt.
Das ist nicht ohne Gefahr. Als Drittes Reich und Holocaust in den sechziger Jahren thematisiert wurden, musste das Thema gegen Widerstände durchgesetzt und behauptet werden. Um die Widerstände des Vergessen- und Verdrängenwollens zu brechen, musste auf dem Thema insistiert werden, wieder und wieder. Aber das Insistieren, das meine Generation damals mit rebellischem Stolz und nicht ohne moralische Kraft eingeübt hat, hat sie auch dann noch beibehalten, als es seine Funktion verloren hatte. Als niemand mehr überzeugt werden musste, dass die Vergangenheit nicht vergessen und verdrängt werden darf. Als es keiner Kraft mehr bedurfte und zu keinem Stolz mehr berechtigte, die Vergangenheit zu thematisieren.
Das Ergebnis ist eine gewisse Banalisierung. Noch ein Gedenkereignis und eine Gedenkstätte, noch eine Tagung, ein Buch, ein Artikel gegen das Vergessen und Verdrängen, Vergleiche von Kosovo mit Auschwitz, Saddam Hussein mit Hitler, Mauerschützen mit KZ-Mördern, heutiger Fremden- mit damaliger Judenfeindlichkeit - dieses Erbe des damals notwendigen Insistierens verspielt die Vergangenheit in kleiner Münze.
Bei der nächsten Generation trägt das fatale Früchte. Der Überdruss gegenüber der Vergangenheit von Drittem Reich und Holocaust, den die nächste Generation oft zeigt, hat seinen Grund in der banalisierenden Häufigkeit, mit der sie der Vergangenheit in Schule und Medien begegnet. Ebenso hat der leichtfertige bis zynische Ton, in dem die nächste Generation manchmal über die Vergangenheit redet, seinen Grund in dem moralischen Pathos, mit dem meine Generation die Vergangenheit in Bezug nimmt und zum Vergleich heranzieht, ohne dass die Bezüge und Vergleiche ein entsprechendes moralisches Gewicht hätten.
Nicht, dass keine Vergleiche gezogen werden dürften. Die These von der unvergleichbaren Einmaligkeit des Holocaust ist ähnlich fatal wie die kleine Münze der banalisierenden Vergleiche. Was einmalig, unvergleichbar und vergangen ist, engagiert uns bei hinreichendem historischem Abstand nicht mehr, und das moralische Pathos, mit dem gleichwohl darüber geredet wird, geht ins Leere. Moralisches Pathos, das nicht in moralischem Engagement existenziell eingelöst wird, stimmt nicht, und die nächste Generation hat dafür durchaus ein Gespür.
II.
Das zugleich historisch Einmalige und bleibend Beunruhigende des Holocaust und des Dritten Reichs ist, dass unser Land mit seinem kulturellen Erbe, auf seinem zivilisatorischen Stand zu derartigen Furchtbarkeiten fähig war. Es fordert zu vergleichenden Fragen heraus: Wenn damals das Eis, auf dem man sich kulturell und zivilisatorisch sicher wähnte, in Wahrheit so dünn war - wie sicher ist das Eis, auf dem wir heute leben? Was schützt uns vor dem Einbrechen? Die individuelle Moral? Die gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen? Ist das Eis mit dem Ablauf der Zeit dicker geworden, oder hat uns der Ablauf der Zeit nur vergessen lassen, wie dünn es ist?
Es sind Fragen nach den Grundlagen unserer individuellen moralischen Existenz und unseres gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenlebens. Es sind Fragen, die gerade nach Jahrzehnten des Lebens in politischer und ökonomischer und auch kultureller und zivilisatorischer Sicherheit wieder beunruhigend und herausfordernd sind. Zugleich sind es aber Fragen, die uns nicht tagtäglich begegnen, die nicht tagtäglich gestellt und beantwortet werden müssen. Vielleicht gibt es auf sie ohnehin keine andere Antwort als die, unser Leben in Verantwortung für das zu leben, was uns gegeben ist: unsere Beziehungen zu anderen Menschen, unsere Arbeit, unsere Institutionen.
Das ist die andere Gefahr, die aus der Beschäftigung meiner Generation mit der Vergangenheit des Dritten Reichs und des Holocaust resultiert: Die Lehre, die wir aus der Vergangenheit gezogen haben, ist eher eine moralische als eine institutionelle. Was wir unseren Eltern, Lehrern, Professoren oder Politikern vorwarfen, war Blindheit, Feigheit, Opportunismus, ehrgeiziges, rücksichtsloses Verfolgen der Karriere, mangelnde Zivilcourage. Mit den Vorwürfen wurde individuelles moralisches Versagen gerügt, und in ihnen lag die Verpflichtung auf ein anderes moralisches Verhalten.
Der moralische Anspruch, mit dem die Vorwürfe erhoben wurden, verstand sich daraus, dass mit dem Erheben der Vorwürfe nicht nur das Falsche gerügt, sondern auch das Richtige getan wurde: Es wurde Courage gezeigt. Soweit wir Lehrer geworden sind, hat meine Generation der nächsten beizubringen versucht, zivile und moralische Courage zu zeigen. Dies sei die Lehre aus der Vergangenheit. Es gelte, Courage einzuüben. Es gelte, den Anfängen zu wehren, wenn Courage noch eine größere Chance habe als später. Es gelte, im Fragen, was man selbst in dieser oder jener vergangenen Situation getan hätte, sich auf mögliche kommende Situationen vorzubereiten.
Gewiss lehrt die Vergangenheit auch diese Wahrheit. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Was die Vergangenheit ebenso deutlich bezeugt, ist die völlige Hilflosigkeit individueller Moral beim Fehlen von Institutionen, in denen sie sich anerkannt wissen, an die sie appellieren, auf die sie rechnen kann. Sind Parteien, Gewerkschaften und Verbände, Kirchen und Vereine, Universitäten, Schulen und Gerichte einmal gleichgeschaltet, dann bleibt der widerständigen Moral nur noch die Selbstbewahrung in der riskanten heroischen Geste.
Soweit es in der Vergangenheit des Dritten Reichs und des Holocaust Widerstand gegeben hat, der über diese Geste hinausgegangen ist, hatte er seine Grundlage nicht nur in individueller Moral, sondern in kommunistischer oder sozialistischer Solidarität, christlichem Glauben und kirchlicher Verantwortung, Adels- und Offiziersehre. Die Lehre aus der Vergangenheit gilt - und das haben die Mütter und Väter der Bundesrepublik und des Grundgesetzes noch besser gewusst als meine Generation - ebenso wie der individuellen Moral den gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen, in denen die individuelle Moral aufgehoben sein muss, wenn sie im entscheidenden Augenblick die Kraft des Widerstands haben soll. Sie gilt dem Einsatz für sie und in ihnen.
Das heißt nicht, dass das Funktionieren von Institutionen moralisch eigens durchwirkt und überhöht werden müsste; moralisierende Appelle in der Politik, moralisierende Argumente in der Rechtsprechung, das Moralisieren der Kirchen auf allen Feldern des gesellschaftlichen Lebens oder die Erörterung der Verantwortung von Schulen und Universitäten mit moralisierender Emphase sind wieder falsches Erbe der Vergangenheit. In richtig funktionierenden Institutionen versteht sich das Moralische von selbst.
III.
Ist das Bewältigung der Vergangenheit? Das Nachdenken über das, was uns die Vergangenheit über das Leben auf dem Eis lehrt?
Je länger wir mit der Vorstellung leben, die Vergangenheit könne und müsse bewältigt werden, desto paradoxer erweist sie sich. Bewältigung im ursprünglichen und eigentlichen Sinn gibt es bei Aufgaben; sie stehen zunächst vor uns, werden dann bearbeitet und sind schließlich erledigt und bewältigt. Dann sind wir sie los.
Die Vorstellung von der Möglichkeit und Notwendigkeit der Vergangenheitsbewältigung enthält nicht nur die Sehnsucht nach der Freiheit von der Vergangenheit, sondern stützt sogar einen Anspruch darauf. Wie bei jeder Aufgabe erwartet auch hier, wer tüchtig arbeitet, dass die Aufgabe schließlich erledigt ist, und beansprucht, an der einmal bewältigten Aufgabe nicht mehr festgehalten zu werden. Wer tüchtig Erinnerungsarbeit leistet, will nicht mehr an der Vergangenheit festgehalten werden. Wer erinnert, will vergessen dürfen.
Das Paradox wird augenfällig, wenn gerade die besonders vergangenheitssensiblen und erinnerungsengagierten Angehörigen meiner Generation im Ausland wegen der Vergangenheit auf Ablehnung stoßen und empört sind: Nun lassen sie sich so sensibel und engagiert auf die Vergangenheit ein - wie können die anderen sich da unterstehen, sie grollend an ihr festzuhalten.
Zwar ist die Sehnsucht, an einer traumatischen Vergangenheit nicht festgehalten zu werden, nicht abwegig. Abwegig ist aber die Vorstellung, die Fixierung auf die traumatische Vergangenheit verbürge die Befreiung von ihr. Eine kollektive wie eine individuelle Vergangenheit ist traumatisch nicht nur, wenn sie nicht erinnert werden darf, sondern ebenso, wenn sie erinnert werden muss. Fixierung auf die Vergangenheit ist nur die Kehrseite der Verdrängung. Enttraumatisierung ist Erinnern- und Vergessenkönnen, ist ein Ruhenlassen, das gleichermaßen Erinnern und Vergessen einschließt.
Das gilt für die Opfer und ihre Nachfahren nicht anders als für die Täter und ihre Nachfahren, und ganz kann Enttraumatisierung nur gelingen, wenn sie auf beiden Seiten gelingt. Aber dass sie auf der anderen Seite geschieht und gelingt, kann nur erhofft, nicht erwartet werden.
Es gibt keinen Anspruch darauf, dass die andere Seite bei tüchtiger deutscher Vergangenheitsbewältigung ihrerseits die Vergangenheit ruhen lässt. Wie und was sie erinnert und vergisst, wie weit sie sich von der traumatischen Vergangenheit zu befreien versucht, indem sie die Opfer beklagt oder die Täter anklagt oder von deren Nachfahren Entschädigung einklagt, ist ihre Sache. Was auch immer sie tut - wir haben uns darüber nicht zu erheben und nicht zu empören, sondern schulden dem schwierigen Umgang der anderen Seite mit einer Vergangenheit, die unsere Seite zum Trauma gemacht hat, Respekt.
Wir müssen, was die andere Seite tut, anklagt und einklagt, aber auch nicht einfach annehmen. Nicht allein, weil es die andere Seite ist, die anklagt, muss die Anklage stimmen, nicht schon, weil sie einklagt, muss gezahlt werden. Vielleicht gebietet nicht das Recht, aber der Takt und die Rücksicht nicht nur auf die Empfindung der anderen Seite, sondern auch auf die Wahrnehmung der Welt, selbst dann zu zahlen, wenn nicht geschuldet wird. Auch das hat dann seine Richtigkeit. Aber es hat mit unserem eigenen Verhältnis zu unserer Vergangenheit eigentlich nichts zu tun. Es zeigt an, dass die Vergangenheit für die andere Seite noch traumatisch ist, bedeutet aber nicht, dass sie für unsere gleichermaßen traumatisch sein müsste. Enttraumatisierung geschieht zugleich im Dialog und je für sich, und die eine Seite muss nicht warten, bis sie auf der anderen Seite gelingt. Man kann sich im Warten aufeinander auch wechselseitig im Trauma festhalten.
Es gibt keine Bewältigung. Aber es gibt das bewusste Leben mit dem, was die Vergangenheit gegenwärtig an Fragen und Emotionen auslöst. An Fragen und Emotionen - natürlich lässt die Vergangenheit uns nicht nur Fragen stellen, sondern auch die Fassung und die Sprache verlieren, traurig, ängstlich oder wütend werden, an göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit verzweifeln und an der Schuld leiden, in die sie nicht nur die verstrickt, die damals Täter waren, sondern auch die, die damals zu- oder weggesehen oder später die Täter unter sich geduldet haben.
Wo sie allerdings gegenwärtig keine Fragen oder Emotionen auslöst, da ist damit, dass sie in kleine Münze gewechselt und ausgegeben wird, nichts gewonnen; in der kleinen Münze ist das moralische Vermächtnis der Vergangenheit vielmehr verspielt und verloren. Was Drittes Reich und Holocaust die nächsten Generationen nicht fragen und fühlen lassen, das mögen sie auf andere, eigene Weise erfahren. Ohnehin stellt sich für sie manches nicht mehr so, wie es sich für die erste und für meine, die zweite Generation gestellt hat; in die Schuld ist schon die dritte Generation kaum noch verstrickt, und die folgenden Generationen werden es gar nicht mehr sein.
IV.
Abtun lässt sich die Vergangenheit in keinem Fall. Nicht nur weil ihre Furchtbarkeiten so furchtbar sind, dass sie nie vergessen werden können. Nicht nur weil sie uns der Gefährdungen unserer kulturellen und zivilisatorischen Existenz gewahr werden lässt. Sie ist auch der Stoff, der alle moralischen Themen und Probleme birgt. Verantwortung und Gesinnung, Widerstand und Anpassung, Treue und Verrat, Zaudern und Handeln, Macht, Gier, Recht und Gewissen - kein moralisches Drama, das sich nicht als Ereignis dieser Vergangenheit mit hinreichender Nähe zur gegenwärtigen Lebenswelt und mit hinreichender ästhetischer Qualität erzählen lässt.
Anders als die Killing Fields Stalins und Pol Pots sind Holocaust und Drittes Reich Perversionen bürgerlicher Kultur und bieten noch in pervertierter Gestalt deren inhaltliche und formale Universalität. So wird die Flut der Bücher, Filme, Stücke und Veranstaltungen zum Holocaust und zum Dritten Reich noch lange nicht enden, nicht in Deutschland und nicht in der Welt. Auch darin ist die Vergangenheit universal: Holocaust und Krieg sind das letzte historische
Ereignis, an dem auf die eine und andere Weise noch mal alle beteiligt waren, Deutsche und Juden, Ost- und Westeuropa, Amerika und sogar Asien und Afrika. Sie sind in besonderer Weise unser aller Geschichte.
Das bedeutet, dass die Vergangenheit nicht vergeht. Auch ohne dass es besonderer Bemühungen und Veranstaltungen bedürfte, auch ohne dass meine Generation das, was sie in den sie prägenden sechziger und siebziger Jahren eingeübt hat, heute wieder und wieder zu reproduzieren hätte, auch ohne dass die nächste Generation der Vergangenheit bis zur Gefahr von Überdruss und Zynismus konfrontiert werden müsste. Gerade weil Drittes Reich und Holocaust allgemeine Dimensionen haben, die nicht vergehen werden, kann ihre Vergangenheit für die nächsten Generationen Geschichte werden.
Wenn ein kollektives wie auch ein individuelles Ereignis Geschichte ist, dominiert es die kollektive beziehungsweise individuelle Biografie nicht mehr, sondern ist in sie integriert.
Beim Dritten Reich und beim Holocaust bedeutet es, dass die deutsche Geschichte nicht gesehen wird, als laufe sie auf ebendieses Ereignis hin und erfülle sich in ihm. Dass der deutschen Geschichte nicht nur im Licht dieses Ereignisses Bedeutung für die Gegenwart zuerkannt und sie nicht nur in diesem Licht erinnert und behandelt wird. Dass die im Dritten Reich verleugnete, in den fünfziger und sechziger Jahren marginal und seit den Siebzigern dominant behandelte Literatur der Verfolgung und des Exils literaturhistorisch im Kontext und literaturwissenschaftlich nicht nur in ihren Stärken, sondern auch in ihren Schwächen thematisiert wird. Es bedeutet auch, dass die deutschen Institutionen sich nicht die Betreuung und Verwaltung des jüdischen Erbes anmaßen - mit einem Aufwand überdies, zu dem die in Deutschland lebende jüdische Gemeinschaft selbst nicht in der Lage wäre und den sie als problematisch empfindet.
Die Dominierung zeigt hier ein zweites Gesicht: Sie verkürzt nicht nur die deutsche Geschichte, sondern vereinnahmt auch die jüdische, und in Gestalt der zahllosen deutschen Gruppen, die inzwischen Klezmer-Musik spielen, verniedlicht sie sie.
Wo die Biografie nicht stimmt, stimmen auch das Selbstbewusstsein und das Verhältnis zu den anderen nicht. Was beim Wunsch der jungen Generation, stolz darauf zu sein, deutsch zu sein, stimmt, ist das Bedürfnis nach einer Biografie, die ein stimmiges Selbstbewusstsein und ein stimmiges Verhältnis zu den anderen trägt. Für die junge Generation kann die Vergangenheit des Dritten Reichs und des Holocaust nicht mehr die Gegenwart sein, die sie für meine Generation ist, und wenn die Vergangenheit von ihr nicht abgetan werden soll, muss sie für sie in der Geschichte aufgehoben werden.
Stolz kann man nur auf das sein, was man leistet, nicht auf das, was man ist. Statt der jungen Generation zu versichern, sie habe das Recht, stolz zu sein, und wir seien es auch, schulden wir ihr die Integration der Vergangenheit in die kollektive Biografie. Die Zukunft der Gegenwart der Vergangenheit ist die Geschichte.
DER SPIEGEL 19/2001
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