DER SPIEGEL



FRAUEN

Emanzen auf Japanisch

Von Jardine, Anja

Bisher galt Japan nicht gerade als großes Land der Gleichberechtigung, jetzt wird eine Frau Außenministerin. Im Land der Geishas brechen die Frauen mit Traditionen, laufen herum wie Moderebellen und kämpfen sich nach oben.

Nur wenig Licht fällt durch die Holzverschläge zu dieser Stunde, als Sakurako Tsuchiya ihren ersten Rundgang durch das Lagerhaus macht. Sie schlüpft in die Plastiklatschen an der Tür, geht über den penibel sauberen Steinfußboden zu den mannshohen Holzbottichen und kontrolliert Temperatur, Farbe und Konsistenz der Flüssigkeit darin. Der Sake gärt, ein sensibler Prozess.

Als Kind durfte sie nicht einmal die Schwelle des Sake-Lagerhauses betreten - im Gegensatz zu ihrem Bruder. Und auf keinen Fall durfte ihre Mutter in Gegenwart ihres Vaters Sake trinken. Tsuchiya trinkt den Reiswein nicht nur vor und mit Männern, sie ist die Chefin der Brauerei. Allerdings musste dazu der Bruder sterben.

Nun aber ist es so, wie es ist, und die alten Männer auf den Verbandssitzungen der Sake-Produzenten gewöhnen sich daran. Trotzdem wird Tsuchiya immer wieder gefragt, aufrichtig, gar nicht bösartig: Was tust du hier? Warum heiratest du nicht? Und dann antwortet sie: "Es ist ja wohl näher liegend, dass ich den Laden schmeiße, als dass mein toter Bruder auf die Erde zurückkehrt, oder?"

Befremdlich, irritierend finden japanische Männer diese Art Frau, die Tsuchiya verkörpert: selbstbewusst, ehrgeizig, anspruchsvoll. Junge Mädchen müssten doch eigentlich rein und fragil sein wie "sasameyuki", der leichte Schnee. Sie gehörten direkt von der Obhut des Vaters überantwortet in die des Ehemanns. Und nicht ins Lagerhaus, an den Konferenztisch oder ins Labor. Schämen sollten sie sich - als "übrig gebliebener Weihnachtskuchen", die sie sind, wenn sie, wie Tsuchiya, mit 30 noch immer keinen Ehemann haben.

Die Frauen schämen sich aber nicht, ganz im Gegenteil. Ein Wandel manifestiert sich in der japanischen Öffentlichkeit. Am Donnerstag vor zwei Wochen besetzte der neue Premier Junichiro Koizumi erstmals 5 von 17 Ministerposten mit Frauen. Neben Justiz, Bildung, Verkehr und Umweltschutz ist auch ein besonders wichtiges und prestigeträchtiges Amt darunter: Makiko Tanaka, 57, ist Außenministerin. Und gerade die Ernennung dieser Frau lässt die Hoffnung zu, dass es Japans neuem Premier Ernst ist mit Reformen. Makiko Tanaka zählt zu den schärfsten Kritikern der verkrusteten Politik Japans - einschließlich ihrer Partei -, sie sagt, was sie denkt und steht dafür ein. So geschieht es allerorten: In Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft tauchen Frauen mit Autorität auf, die mitmischen wollen.

Die Männer wissen nicht so recht, wie ihnen geschieht. Elf Jahre Rezession haben ihr Weltbild erschüttert, statt einer Anstellung vom College bis zur Bahre drohen Entlassung und Umstrukturierung. Und nun spielen auch noch die Frauen verrückt. Halten die Suppe nicht warm, sondern gründen ein Start-up am Küchentisch. Und sei es nur eine Tauschbörse für Kinderkleider. Doch damit verdienen sie Geld.

"Männer, was ist mit euch los?", fragte ein großer Verlag in einer Anzeigenkampagne, und ein zweites Motiv zeigt eine modern gekleidete, junge Frau, die einen erschöpften Angestellten auf ihren Schultern trägt. Drunter steht: "Japan 2000".

Die Frauen nutzen die Krise der Männergesellschaft. Ohne große Aufmärsche, Manifeste oder gar Proteste nehmen sie sich immer mehr Macht - das ist die Frauenbewegung auf Japanisch, 30 Jahre später als die im Westen. Obwohl die Frau nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Druck der Allierten rechtlich gleichgestellt und ihr alle Ausbildungswege eröffnet wurden, ließ das enge Netz der Familienbande doch keinen Freiraum, um sich von Kind und Küche zu entfernen.

Sakurako Tsuchiya, die Sake-Brauerei-Chefin, wollte als Kind unbedingt raus aus dieser Welt. "Meine Mutter hatte ein hartes Leben", erinnert sie sich. "Oma bedienen, für die Gesellen kochen, die Kinder versorgen, meinem Vater den Rücken freihalten. Dienen und bedienen, rund um die Uhr. Keine Minute für sich." Die Großmutter hatte das Sagen im Haus, bestimmte über Finanzen, Ausbildung, Anschaffungen, Haushalt, eigentlich in allen Fragen. "In japanischen Familien herrscht das Matriarchat", sagt Tsuchiya. Sie sieht ihre Großmutter noch vor sich: im Kimono, wie sie vor dem Spiegel steht, mit dem Kamm ihr dünnes, graues Haar kämmt, Befehle erteilt.

Tsuchiya hat Englisch gelernt, Informatik studiert und Europa bereist. Viele Japanerinnen nutzen solche Ausbildungschancen, studieren wie Prinzessin Masako in Harvard oder an anderen Universitäten im Ausland, um dann doch eine bescheidene Ehefrau und Mutter zu werden. Tsuchiya saß gerade an ihrer Doktorarbeit, als nach dem Tod ihres Bruders die Lichter in der Brauerei endgültig auszugehen drohten. Nach 123 Jahren. Das Lagerhaus stammt sogar noch aus der Zeit, als Tokio Edo hieß, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine Nacht lang hat Tsuchiya mit sich gekämpft. Als es hell wurde, hatte sie eine Mission. Sie wollte dem Sake zu neuem Ansehen verhelfen und den Frauen zu einem neuen Terrain.

Nach Besuch einer staatlichen Sake-Akademie entwickelte sie eine neue Sorte mit weniger Alkohol, speziell für Frauen, von der sie mittlerweile 70 000 Flaschen im Jahr verkauft. Sie füllt den Reiswein nicht länger in plumpe, braune Flaschen, sondern hat grazile, durchscheinende auf den Markt gebracht. Der Umsatz der Tsuchiya- Brauerei ist in kürzester Zeit um 30 Prozent gestiegen.

"Seit dem Platzen der Bubble-Economy ist alles in Frage gestellt", sagt Tsuchiya. "Die Frauen reagieren flexibler und kreativer. Vielleicht, weil sie nicht in den alten Firmen-Hierarchien gefangen sind."

Bisher kannte ein Großteil der berufstätigen Frauen die Arbeitswelt nur von einer Stippvisite als so genannte Office Lady, aus der Zeit zwischen Junior College und Ehe. Etwa neun Millionen dieser "Büroblumen" schmücken mit ihrer Präsenz Sekretariat, Empfang und Verwaltung. Die Kündigung bei Eheschließung ist von vornherein vertraglich geregelt. Und die Office Ladys selbst betrachten das Bürogebäude oft vorrangig als Jagdrevier für einen Ehemann.

Nicht von ungefähr werden die auf Frauen ausgerichteten Junior Colleges, an denen man innerhalb von zwei Jahren ein Diplom erwerben kann, als Brautschulen bezeichnet. Lächeln mit entsprechender Gesichtsgymnastik und Sichverbeugen gehören zu den Pflichtfächern: 15 Grad Körperbeuge bei flüchtiger Begegnung, 30 Grad Körperklappe als Standardgruß für Gäste und Chefs, 45 Grad Leibesknick als Ausdruck von Dankbarkeit und Zerknirschung. Das ist auch heute noch so.

Doch immer weniger Frauen wollen einsehen, warum ein Ring am Finger sie am Arbeiten hindern soll, sie möchten sogar weitermachen, nachdem sie ein Kind geboren haben. So hat eine Stewardess von Japan Airlines 1999 nach jahrelangem Kampf durchsetzen können, dass auf die vertraglich geregelte automatische Kündigung bei Heirat verzichtet wird. Möglich war das nur, weil im selben Jahr das Gleichstellungsgesetz überarbeitet wurde. Und das wiederum war auch deshalb geschehen, weil Japan sich durch eine auf der Internationalen Frauenkonferenz in Peking veröffentlichten Statistik blamiert sah: Nur 9,3 Prozent der Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Verwaltung in Japan waren demnach weiblich, in Deutschland sind es 26,6 Prozent, in Norwegen 30,6 Prozent und in den USA 44,3 Prozent. Der Premierminister ernannte eine Frauenbeauftragte. Seitdem ist das Klima für Karrierewillige etwas besser.

Ikuno Fujii ist eine von ihnen, sie arbeitet in der Zentrale von Ford Japan, und dort sind von 342 Mitarbeitern die Hälfte Frauen. Außer Fujii sitzen zwei weitere in Chefsesseln. Fujii sagt es so: "Ich surfe geschickt in einer heiklen Gesellschaft." Das Kostüm korrekt und unauffällig, das Lächeln sparsam, die Bewegungen effizient - sie passt perfekt in das helle, funktional gestaltete Shuwa Kamiyacho Bürogebäude. Fujii ist Corporate Communications Manager, zuständig für die Vermarktung zukünftiger Produkte. Wenn also Ford einen benzinarmen Motor entwickelt, muss Fujii dem japanischen Konsumenten vermitteln, warum das eine gute Idee ist.

Um mit Aufgaben wie dieser ihre Tage verbringen zu können, hat Fujii auf Kinder verzichtet. Eine Entscheidung, mit der sie nicht allein steht: Während verheiratete Frauen 1940 durchschnittlich noch fünf Kinder zur Welt brachten, sank die Zahl bereits in den siebziger Jahren unter zwei. Und das, obwohl die Antibabypille in Japan erst seit anderthalb Jahren zu haben ist. Mit seltsamen Argumenten hatte die Gesundheitsbehörte die Zulassung verhindert: Die Pille fördere die Ausbreitung von Aids, schädige - über menschliche Ausscheidungen - die Umwelt und senke die Geburtenrate. Das Monopol auf unbeschwerten Sex hält in Japan die Gummiindustrie. Und ein Viertel aller Schwangerschaften werden abgebrochen.

Im Durchschnitt hat die japanische Frau im gebärfähigen Alter heute 1,4 Kinder. "Beruf und Familie sind für Frauen in Japan noch nahezu unvereinbar", sagt Fujii. "Es fehlt die Infrastruktur - Kindergärten sind rar und teuer -, und es fehlen die geeigneten Männer."

Und so wie ihre Mutter - die außer mit ihren Kindern nur mit Kalligrafie, Blumenbinderei und Tanz beschäftigt war - hat Fujii nicht leben wollen. Womit sich ihr Vater nie abgefunden hat. Bei ihrer Hochzeit hat er sich bei den Eltern des Bräutigams für die Andersartigkeit seiner Tochter entschuldigt. "Dabei war er es", sagt Fujii, "der mir eine gute Ausbildung hat zukommen lassen". Angefangen damit, dass er sie auf ein 1000 Kilometer entferntes Mädcheninternat geschickt hat, wo sie Sinn für Freiheit und Spaß an der Alpha-Rolle entwickelte. Als sie dann noch ein Stipendium für ein einjähriges Studium in Ithaka, USA, erhielt, war Fujii endgültig für ein normales japanisches Frauen-Dasein verkorkst.

Während es in Japan heißt: "Den Nagel, der herausragt, trifft der Hammer", wurde sie in Amerika unentwegt aufgefordert: "Speak up!" Und einmal daran gewöhnt, eine Meinung zu haben und diese zu artikulieren, konnte sie sich das nicht wieder abgewöhnen.

"Würde ich mich jedoch hier wie eine Amerikanerin benehmen, würde ich als sehr aggressive Frau empfunden werden und nicht weit kommen." Egal, mit wie viel formaler Macht ausgestattet, eine Japanerin tue gut daran, zu bitten statt zu befehlen.

Fast die Hälfte der Japanerinnen im Alter zwischen 25 bis 29 ist heute unverheiratet. Lauter "übrig gebliebene Weihnachtskuchen". Während die Mütter dieser Frauen spätestens mit 20 ihre ersten Heiratsinterviews zu absolvieren hatten, denken die Töchter gar nicht daran zu heiraten. Und wenn, dann muss der Ehemann nicht unter demselben Dach wohnen.

Den jungen Männern soll es recht sein. Auch sie wohnen lieber bei Muttern als mit ihren Partnerinnen. So führen diese "parasitären Singles", wie sie genannt werden, Pendler-Ehen, und die Emanzipation der Frau geht mit einer gewissen Geschlechtertrennung einher.

Den Demografen bereitet das Sorgen, aber die Marktforscher sind begeistert. Die schätzungsweise 10 Millionen im Haus der Eltern wohnenden Singles haben ein gutes Einkommen, das sie vollständig und lustvoll ausgeben, am liebsten für Gucci, Prada, Ferragamo. Das Pariser Modelabel Louis Vuitton macht 70 Prozent seines Umsatzes in Japan.

"Japanerinnen sind Fashion-Victims", sagt Yoko Aoki, Chefredakteurin von "Cafeglobe", einem Frauenmagazin im Internet. Bis Aoki vor zwei Jahren mit einer Freundin "Cafeglobe" gründete, war sie Mitarbeiterin einer typischen Frauenzeitschrift und verzweifelt über das, was sie tat. Dort gab es zum Beispiel die Rubrik "Dies ist mein Ehemann", in der Frauen sich vorstellten, indem sie ihren Mann vorzeigten. 80 Prozent aller Mitarbeiter bei Frauenmagazinen seien Männer, sagt Aoki, und immer seien die es, die auf den Chefsesseln sitzen, und die somit letztendlich auch das Frauenbild bestimmten. "Japanische Männer wollen eine Mutter als Ehefrau", sagt Aoki, "das ist das Problem."

Bei "Cafeglobe" sind vorwiegend Frauen am Werk, 30 Mitarbeiter hat das Magazin mittlerweile. Fast rund um die Uhr speisen sie neue Artikel ins Netz, konferieren und kochen Nudelsuppe. Aoki arbeitet sieben Tage die Woche. "Cafeglobe" ist ihr Baby. "Die New Economy war unsere Chance", sagt Aoki. "Innerhalb von wenigen Tagen hatten wir 180 000 Dollar Venture Capital, normalerweise geben Banken Frauen kaum Kredite."

Wer die Site von "Cafeglobe" aufmacht, findet selbstverständlich Fashion, Beauty, Kochen, Gesundheit. Daneben aber eine polemische Kolumne aus der Politik und Reportagen über Adoption, sexuelle Belästigung, Erziehungsurlaub, rechtliche Gleichstellung von unverheirateten Paaren. Lauter Themen, über die man bisher nicht sprach und nicht schrieb. Jetzt aber stehen diese Themen auch dort auf der Tagesordnung, wo es wirklich darauf ankommt: in der Politik.

Seiko Noda ist Abgeordnete der regierenden Liberaldemokraten und in den langen Fluren des Parlaments unermüdlich unterwegs, um Fäden zu spinnen. Wenn sie ein konkretes Ziel verfolgt, wie zurzeit das Namenswahlrecht bei Eheschließung, wird sie einen Teufel tun, das bei der nächsten Parlamentssitzung zu verkünden. Noda sucht sich stattdessen einen geeigneten Senior - einen älteren, männlichen Kollegen mit Einfluss. Monate- notfalls jahrelang infiltriert sie dessen Unterbewusstsein nun mit scheinbar nebensächlichen Kommentaren und Anmerkungen zu Ehe und Namen im Allgemeinen. In homöopathischen Dosen wird dem Mann revolutionäres Gedankengut verabreicht. Und irgendwann glaubt der dann plötzlich, eine besonders gute Idee zu haben, die das Image der Partei in Frauenangelegenheiten ein bisschen aufpolieren könnte, und fragt: Frau Noda, was sagen Sie dazu?

Beim Gesetz gegen Kinderpornografie und Prostitution dauerte es sechs Jahre, bis der Funken zündete. Aber das Gesetz ist durch. "Die Mittel interessieren mich nicht", sagt Noda, "nur das Ergebnis."

Die Berufung von fünf Frauen ins Kabinett ist in ihren Augen nichts anderes als "Ausdruck des gesunden Menschenverstandes am Anfang des 21. Jahrhunderts". Vielleicht liegt es an Nodas Englischkenntnissen, aber sie hat eine überraschend direkte Sprache. Und eine Whisky-Stimme, die im Kontrast zu ihrer zierlichen Gestalt in dem Nadelstreifenkostüm und dem herausfordernd wachen Blick zweifelsfrei reizvoll ist - Kapital, das zu vergeuden Noda nicht einsieht. Vertrauen und Respekt aber, sagt sie, habe sie gerade dadurch erworben, dass sie ihre Erscheinung nicht medienwirksam eingesetzt habe. "Ich spiele hier nicht den Superstar. Ich bin zurückhaltend, kompetent und sachlich. Niemals hysterisch."

Noch in den zwanziger Jahren standen Frauen rechtlich mit Kindern und Schwachsinnigen auf einer Stufe, und wählen dürfen sie überhaupt erst seit 1945. Als Frau politisch aktiv werden zu wollen ist in den Augen vieler geradezu eine Anmaßung. Bei ihrer ersten Kandidatur 1990 fühlte Noda sich berufen, ihre Weltverbesserungsabsichten laut hinauszuposaunen. Keine gute Idee. Es waren vor allem die Frauen in ihrem Wahlkreis in der Präfektur Gifu, die Noda ihre Stimmen verweigerten.

Dabei waren ihre Chancen eigentlich nicht schlecht, denn in Gifu hat schon ihr Großvater die Strippen gezogen. Macht wird in Japan vererbt, die neue Außenministerin ist die Tochter des einstigen mächtigen und korrupten Premiers Kakuei Tanaka, und auch der neue Premier Koizumi übernahm seinen Wahlkreis von seinem Vater und der wiederum von dessen Vater.

Sie strebe nach Gleichstellung der Frau in allen Lebensbereichen - auch im Interesse der Männer, sagt Noda. Und unvermittelt fügt sie hinzu: "Ich werde meine Eier einfrieren lassen." Wie bitte? Ja, sie sei nun 40 Jahre alt und die Zeit dränge, wolle sie noch Kinder haben. Sie aber habe noch nicht einmal einen Partner. Noda spielt mit den Figuren und Kettchen, mit denen sie ihr Handy geschmückt hat wie einen Weihnachtsbaum. Sie springt auf, um 15 Uhr ist Sitzung. "Ich glaube", sie grinst, "es ist in jeder Hinsicht dumm, mit den Männern auf Konfrontation zu gehen."

Sanae Shida allerdings, Geschäftsführerin von Greenpeace Japan, bleibt gar nichts anderes übrig. Oder wie soll man das nennen, wenn Hunderte von Polizisten das kleine Büro im vierten Stock im Shibuya-Viertel stürmen? Sie preschten das Treppenhaus hinauf, als komme es auf jede Minute an, hangelten sich an Feuerleitern hinab, und über dem Haus kreisten Hubschrauber. Anlass war ein Banner gegen giftige Weichmacher in Plastikspielzeug, das die Umweltschützer auf einer Spielwarenmesse aufgehängt hatten.

Neun der zwölf Greenpeace-Aktivisten sind Frauen. Wenn junge Männer sich als Praktikanten bewerben, so Shida, seien sie in der Regel nur bereit, Büroarbeiten zu erledigen, auf irgendwelche Schornsteine zu klettern komme nicht in Frage. "Vermeide das Risiko", sei noch immer Erziehungsregel Nummer eins in Japan, sagt Shida, die selbst lange Lehrerin an einer Hochschule war. Der Leistungsdruck auf die Schüler dort sei gewaltig und unterdrücke all das, was heute am meisten gebraucht werde: Kreativität, Eigeninitiative, Mut.

Und so wie der Gruppenzwang unter Schülern gute Noten verlangt, verlangt er unter Freunden die richtigen Klamotten. Um das angesagte Label auf dem Gürtel tragen zu können, steigen Töchter aus gutem Hause für ein Extra-Taschengeld schon mal mit älteren Herren im Lovehotel ab. Oder sie verhökern ihren getragenen Slip. "Die wollen das Examen in jeder Hinsicht bestehen", sagt Shida, "auch als goodlooking Girl." Am späten Nachmittag sieht man diese jungen Mädchen auf der Takeshitadori im Szene-Viertel Harajuku. Sie tragen ihre Schuluniformen, haben blond gefärbte Haare und dazu weißen Lidschatten und streifen kichernd durchs Quartier, um neue Outfits fürs Handy zu erstehen - rosafarbene Verschalungen und Kettchen mit Kitty-chan. Hauptsache: "kawaii". Niedlich! Harmlos! Süß!

Und Hauptsache: nicht japanisch, sondern westlich, montiert aus dem, was die Mode aus Europa und den USA hergibt. Die bizarren Kostüme, die von den Mädchen spazieren getragen werden, brechen radikal mit Traditionen. Ob sie aber Emanzipation bedeuten oder nur Ausdruck einer Sehnsucht sind, die sich in rebellischer Mode erschöpft, wird sich zeigen. D zumindest trifft man nicht auf der Takeshitadori. Die Zeichnerin und Schriftstellerin nennt sich D, weil der Buchstabe keinen Rückschluss auf Mann oder Frau zulässt. Sie erzählt in ihren Büchern und Comics Geschichten wie die von der Stadt, in der hässliche Menschen nur in einem niedlichen Teddybär-Kostüm auf die Straße treten dürfen. Wer sich weigert, wird in einem Zwangslager interniert.

Stofftiere kommen oft in ihren Geschichten vor. "Nähme ich Menschen für das, was ich zu sagen versuche", sagt D, "wären meine Geschichten unzumutbar." D hat an der Kunstakademie Malerei studiert, als einem Verleger ihre Illustrationen auffielen. Sie gewann Preise, publizierte Bücher, darunter einen Roman, und ist heute mit 23 Jahren eine gut beschäftigte Manga-Zeichnerin für verschiedene Magazine. Sie lebt mit dem Mann, den sie liebt und denkt weder an Heirat noch an Kinder. Sie lächelt selten und nicht aus Höflichkeit.

"Es sind die Augen", sagt sie. Alles zeige sich darin, das Wesen eines Einzelnen und die Krankheit der Männergesellschaft. Sie habe oft diese furchtbaren Augen gesehen. Eng und hart. Gnadenlose Augen. Vor allem als Kind, als sie und ihre Familie versuchten, sich in immer neuen Provinzstädten einzufügen - für die kurze Zeit, die der Beruf des Vaters es erforderte. Sie hat die engen japanischen Gemeinschaften aus der Perspektive der Außenseiter erlebt. Sie tat sich zusammen mit anderen, die durch das Raster fielen, Schwule zum Beispiel. Das schule, sagt D, und mache frei. Frei, ein Leben zu führen, das den Segen der Gesellschaft nicht braucht. Eine Ungeheuerlichkeit in Japan. Eine ungeheuerliche Chance. ANJA JARDINE


DER SPIEGEL 19/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 19/2001

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

FRAUEN:
Emanzen auf Japanisch

TOP



TOP