Von Smoltczyk, Alexander
Heute wird Geschichte geschrieben. Mein Gott, schon dieser Himmel: "Kaiserwetter" werden die Zeitungen schreiben. Es ist so weit, heute wird das Bundeskabinett die Einführung des Pflichtpfands beschließen.
Um zehn Uhr ist Kabinettssitzung. "An die Arbeit!", wird der Kanzler sagen. Aber vorher muss noch etwas erledigt werden.
Wenn in Frankreich das Machtzentrum der Republik eingeweiht würde, wenn in Paris ein 465 Millionen Mark teurer, über 300 Meter langer Prachtbau aus Glas und weißem Sichtbeton zu eröffnen wäre - dann gäbe es Feuerwerk und Hymnen, und Mirage-Flieger hätten die Trikolore in den Himmel gemalt. Mindestens.
Nicht in Berlin. Punkt neun Uhr stehen sechs klein gestutzte Buchsbäumchen auf dem Ehrenhof des Bundeskanzleramtes, das Musikkorps des Bundesgrenzschutzes spielt "Mr. Sandman". Der Bundesadler am Rednerpult ist neun Zentimeter groß und graublau auf graublauem Grund. Die Fahnen (Berlin, Deutschland, viel Europa) sind zu einem diskreten Bouquet gesteckt worden.
Auf grauer Auslegware steht die politische Macht Deutschlands und blinzelt in die Sonne. Man plauscht ein wenig. Die Justizministerin steht hinter dem Ur-Altkanzler Schmidt, als wäre sie dessen Krankenschwester. Der Kaugummi kauende Sicherheitsbeamte mit der Sonnenbrille im Hintergrund? Peter Struck. Dann spricht der Architekt Axel Schultes von der "Leichtigkeit der großen Massen im Licht", vom "Fluss" des Foyers und der "Schlucht" der Skylobby. Der Kanzler bewegt den Unterkiefer, als hätte er Nussreste zwischen den Zähnen. Peter Struck redet mit Franz Müntefering, vielleicht über das Dosenpfand.
Schultes spricht tapfer weiter, vom "Versuch, mit Mitteln der Architektur der grassierenden zynischen Vernunft unseres Gemeinwesens einen republikeigenen Enthusiasmus entgegenzustellen". Hinter ihm streckt der Bundestagspräsident die Beine von sich. Mit Sonnenbrand und -brille sieht er noch verwegener aus als sonst. Fast schon "Godfather"-Format. Wo ist eigentlich Helmut Kohl?
Der Kanzler spricht. Er erinnert an die Überstunden des inneren Dienstes und daran, dass dies Haus "kein Platz für große Gesten" sei: "Da geht es dann nicht in erster Linie um Architektur, sondern um die Arbeitsinhalte, die hier produziert werden." Der 36 Meter hoch aufragende Würfel der Macht hinter ihm ist nur ein Büro: "Von hier aus wird nicht geherrscht, sondern von hier aus wird regiert", sagt der deutsche Bundeskanzler, die Nachbarn sollten sich bitte keine Sorgen machen. "Übrigens", endet er, "wird das Kabinett gleich im Anschluss an diese kleine Feierstunde völlig unpathetisch zu seiner ersten Arbeitssitzung im neuen Haus zusammenkommen."
Das Pflichtpfand ruft, die Gäste eilen zu den Häppchen. Architekt Schultes steht mit hochgeschlagenem Kragen in der Skylobby und ist bemüht, Contenance zu bewahren: "Kleine Feierstunde! Ich hätte nie gedacht, wie tief die Angst vor Geschichte in den Deutschen steckt. Dies ist ein Land, das stolz ist, ein Völkchen zu sein."
Dabei habe er alles getan, um seinen Bau weicher zu machen. Hat Zier-Stelen aufgestellt, um der Fassade Tiefe zu geben, und sie mit Felsenbirnen bepflanzt; den Ehrenhof mit Rollrasen betupft, als wäre das Kanzleramt ein Waldorf-Kindergarten; einen "Ruheraum nach dem Mutterschutzgesetz" eingerichtet und die Heizung mit Rapsöl speisen lassen. Ziviler geht's nicht.
Wie war es mit Helmut Kohl doch wunderbar: "Der hat sich nie in die Arbeit eingemischt." Jetzt musste er zusehen, wie Doris Schröder-Köpf mit ihrer Innenarchitektin durch die Räume schnürte und Sichtblenden zu Gardinen machte. Ob er jetzt bitte das Gebäude räumen würde, sagt der Herr von der Pressestelle. Schultes boxt noch einmal gegen die Tür des Fahrstuhls, der auf sich warten lässt: "Zu langsam, viel zu langsam!"
Das war's. Jedes Spritzenhaus einer Feuerwehr wäre feierlicher eingeweiht worden. Schultes steht im Schatten seiner Stelen und sieht zu, wie die Buchsbäumchen abgeräumt werden. "Da hat dieses Land einmal die Gelegenheit zu etwas Großartigem und Gewagtem, und dann wird ängstlich genörgelt." Biedersinn statt Enthusiasmus. Die Krankheit des Deutschseins. Aber, sagt Schultes, der Kanzler werde schon bald merken, welch ein Instrument er hier bekommen habe.
Hoch über ihm, im achten Stock, tritt in diesem Moment ein eher kleiner Mann mit flatterndem Jackett an das Geländer, schaut ins Land, das dunkle Haar weht über weißem Stein, darüber mallorquinisch blauer Himmel, und dann streckt Gerhard Schröder den Arm aus und deutet in die Ferne.
Es funktioniert. ALEXANDER SMOLTCZYK
DER SPIEGEL 19/2001
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