07.05.2001

PRESSEFREIHEITGrenzen ziehen

Wladimir Gussinski, 48, Gründer und Minderheitseigentümer des privaten TV-Senders NTW in Moskau, ist vor dem Zugriff des russischen Staates zunächst nach Spanien geflüchtet, in der vergangenen Woche hielt er sich in Washington auf.
SPIEGEL: Hat die Pressefreiheit in Russland eine Zukunft?
Gussinski: Ja; aber leider kann ich nicht sagen, wann die Zukunft beginnt. Zurzeit gibt es keine Achtung vor der Pressefreiheit, dem Privatbesitz, den Gesetzen, vor einer unabhängigen Justiz und den Menschenrechten.
SPIEGEL: Kommt ein autoritäres Regime?
Gussinski: Das ist möglich - und wäre übrigens auch gefährlich für Russlands Nachbarn.
SPIEGEL: Immerhin gehen Russen für die Meinungsfreiheit auf die Straße.
Gussinski: Auf der letzten Demonstration zur Unterstützung des Fernsehsenders NTW haben sich 25 000 bis 30 000 Leute eingefunden, obwohl es ein verregneter Tag war. Zudem hatte die Regierung die Zufahrtswege gesperrt. Ich war überrascht.
SPIEGEL: Wie reagiert das TV-Publikum auf die Übernahme der Fernsehstation NTW durch den staatlich kontrollierten Energiekonzern Gasprom?
Gussinski: Die Zuschauer votieren für wahre Nachrichten. NTW hat die Hälfte der Zuschauer verloren. Dagegen hat sich die Quote des Senders, bei dem meine NTW-Kollegen heute arbeiten, verdreifacht.
SPIEGEL: CNN-Gründer Ted Turner würde gern Ihre Minderheitsbeteiligung an NTW aufkaufen. Wie stehen die Verhandlungen?
Gussinski: Die Vereinbarung, die ich mit Turners Firma getroffen habe, gestattet es mir nicht, Einzelheiten auszuplaudern. Allerdings hat die russische Regierung alles darangesetzt, Herrn Turners Investitionen in eine russische Fernsehgesellschaft zu verhindern. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass man ihm eine bestimmte Redaktionspolitik aufzwingen könnte, ist gleich null.
SPIEGEL: Wollen Sie nach Russland zurückkehren?
Gussinski: Eine Rückkehr würde wohl eine Reise ohne Wiederkehr. Wo ich künftig leben werde, kann ich noch nicht sagen; in Israel, nehme ich an.
SPIEGEL: Welchen Beistand erwarten Sie aus dem Westen?
Gussinski: Russland muss zur Beachtung von Grenzen gezwungen werden, die man nicht verletzen darf, wenn man Teil der zivilisierten Welt sein möchte. Dazu gehören Pressefreiheit, Menschenrechte und viele andere Dinge, die in Russland erst noch verwirklicht werden müssen. Das einzige Land der Welt, das solche Grenzen wirklich setzen kann, sind die Vereinigten Staaten.

DER SPIEGEL 19/2001
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DER SPIEGEL 19/2001
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