DER SPIEGEL



FORSCHUNGSPOLITIK

Gestatten, was gestattet ist

Von Neffe, Jürgen

Der "Nationale Ethikrat" des Kanzlers stößt auf Skepsis. Spielt eines seiner Mitglieder, DFG-Chef Ernst-Ludwig Winnacker, eine Schlüsselrolle beim Wandel der rot-grünen Biopolitik?

Ernst-Ludwig Winnacker ist kein Mann lauter Töne, eher ein Abwäger, einer jener Konsensmenschen, wie Kanzler Gerhard Schröder sie schätzt. Diesmal aber wusste der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dass er sich nicht nur Freunde machen würde: Am Donnerstag, wie immer bedächtig und zurückhaltend, trat Winnacker vor Mikrofone und Kameras und trug die "DFG-Stellungnahme zur Forschung mit menschlichen Stammzellen" vor.

Seit längerem schon war bekannt, dass die DFG einen Kurswechsel bei der Bewertung embryonaler Zellen plane und sich wohlwollend zur Forschung mit ihnen äußern werde. Pikant war nun der Zeitpunkt, an dem Winnacker, 59, an die Öffentlichkeit trat: Tags zuvor erst hatte der Kanzler den DFG-Chef in den neu gegründeten "Nationalen Ethikrat" berufen.

"Zufall" nennt Winnacker dieses Zusammentreffen. Und einen "Zufall" sieht er auch darin, dass schon am Freitag der DFG-Hauptausschuss zusammentrat, um über einen Forschungsantrag zu befinden: Der Bonner Neuropathologe Oliver Brüstle bat darum, künftig mit embryonalen Stammzellen des Menschen forschen zu dürfen.

Wenn es sich wirklich um Zufälle handelte, dann waren es dumme Zufälle. Denn sie schüren den Verdacht, dass der Biochemiker Winnacker einer der Regisseure bei der Wende in der rot-grünen Biopolitik ist.

Schon der programmatische Aufsatz, den der Kanzler kurz vor Weihnachten veröffentlichte, trug die Handschrift Winnackers: Schröders Ausführungen mit dem mittlerweile viel zitierten Plädoyer gegen "ideologische Scheuklappen und grundsätzliche Verbote" ging wesentlich auf ein Manuskript des DFG-Präsidenten zurück.

Schröder erwog darin auch die Bildung eines nationalen Ethikrates. Der DFG-Chef jedoch beteuert, er habe erst am 8. März, bei einem Abendessen in der Dahlemer Kanzlervilla, von dieser Idee des Hausherrn erfahren. Dass Winnacker bis zum letzten Donnerstag beteuerte: "Ich weiß nicht, ob ich Mitglied des Ethikrates bin", rief dann nur noch Spott hervor.

Winnacker ist in der deutschen Biotech-Landschaft eine Zentralfigur. Dem Münchner Professor ist die Gründung des Gen-

zentrums in der bayerischen Hauptstadt maßgeblich zu verdanken. Anfangs leitete er das Zentrum selbst und brachte es zur heutigen Blüte. Das Modell möchte Schröder nun am liebsten auf das ganze Land übertragen und Deutschland so zur führenden Biotech-Nation machen.

Auch mit der Industrie ist Winnacker gut vertraut. Er sitzt in den Aufsichtsräten mehrerer Unternehmen: des Chemie- und Pharma-Konzerns Bayer, der von ihm mitgegründeten Firma MediGene und des Biotech-Start-up NascaCell. Interessenkonflikte fürchtet er deshalb nicht.

Dass er in jahrelanger Lobbyarbeit im Dienste der Gentechnik die Kunst beherrscht, Grenzen beharrlich, aber behutsam zu verschieben, stellte er am Donnerstag erneut unter Beweis. Die Art, wie er den DFG-Vorschlag zur Stammzellforschung vortrug, war bemerkenswert: "Als ersten Schritt empfehlen wir dem Gesetzgeber, den Import von im Ausland hergestellten pluripotenten Stammzellenlinien, der nach geltendem Recht gestattet ist", sagte er ohne einen Anflug von Ironie, "in der Tat zu gestatten."

Gestatten, was gestattet ist - harmloser lässt sich radikales Umdenken kaum formulieren. Und doch bahnt sich ebendieses an: Zunächst, so die DFG-Empfehlungen, sollten die Forscher embryonale Zellen, die sie in Deutschland nicht gewinnen dürfen, eben aus Großbritannien oder den USA beziehen. Anschließend, so Winnacker weiter, folge der "zweite Schritt": Dem Gesetzgeber wird nahe gelegt, "Wissenschaftlern in Deutschland - unter bestimmten Konditionen - aktiv die Arbeit an der Gewinnung embryonaler Stammzelllinien zu ermöglichen". Zu Deutsch: Produzieren statt importieren, der freie Zugriff auf den Embryo ist ein Standortfaktor.

Dazu allerdings müsste das Parlament das bislang wichtigste Bollwerk gegen eine entfesselte Fortpflanzungsforschung schleifen: das Embryonenschutzgesetz.

Bisher hatte die DFG erklärt, die - vom Gesetz nicht beanstandete - Erforschung so genannter adulter Stammzellen reiche aus. Diese werden aus dem Körper eines erwachsenen Menschen entnommen. Dann, so hoffen die Forscher, lassen sie sich so weit "zurückdifferenzieren", dass sie, ähnlich wie embryonale Stammzellen, zu jedem beliebigen Gewebe heranwachsen und zur Therapie etwa von Diabetes oder der Parkinson-Krankheit dienen könnten.

Zwei Vorteile sprechen für dieses Verfahren: Da die adulten Zellen dem Organismus des Patienten entstammen, wären Abstoßungsreaktionen bei der Implantation des gewonnenen Gewebes auszuschließen. Außerdem kommt die Methode ohne den Gebrauch von Embryonen aus.

Auch Winnacker verfocht einst diese Position. Noch vor einem Jahr trat der DFG-Chef "als Anwalt der Gesellschaft" gegen die "verbrauchende Embryonenforschung" auf. Seinen Sinneswandel begründet er nun damit, dass man sich den rasanten Fortschritten in der Forschung nicht verschließen dürfe: "Ich hätte nicht gedacht, dass sich das so schnell entwickelt." Nun sei es geradezu ein ethisches Gebot, das verblüffende Potenzial der Wunderzellen im Embryo gründlich zu erkunden.

Winnacker wird über diese Frage weiter diskutieren können. Denn am Freitag stellte der DFG-Hauptausschuss den Antrag des Bonner Forschers Brüstle zunächst zurück - ein Thema, so hieß es, für den neu gegründeten Ethikrat.

Den oft beschworenen "Dammbruch" kann Winnacker in der Embryonenforschung jedenfalls nicht erkennen. Der sei schließlich längst passiert: 1978, als das erste "Retortenbaby" geboren wurde. Ethisch anfechtbar sind nach Winnackers Meinung viel eher die Pläne zur Einführung der Präimplantationsdiagnostik (PID).

Das Kabinett ist darüber zerstritten, ob es künftig zulässig sein soll, Embryonen auf Erbkrankheiten hin zu testen, ehe sie in die Gebärmutter eingespült werden: Weder Kanzler, noch Forschungs- und Gesundheitsministerin haben Bedenken gegen die Methode, nur Justizministerin Herta Däubler-Gmelin sperrt sich dagegen. Ein Papier der drei SPD-Ministerinnen, das diesen Montag im Parteipräsidium behandelt werden sollte, wurde wegen der Streiterei kurzfristig von der Tagesordnung entfernt.

Hier bietet sich Winnacker die Gelegenheit, seine Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen: Bisher erklärt er, die PID halte er für überflüssig. Wer verhindern wolle, ein erbkrankes Kind zu bekommen, könne dieses Ziel auch mit einem Schwangerschaftsabbruch erreichen. Im Übrigen, so fragt er, hat das Recht, eigene Kinder kriegen zu dürfen, nicht auch Grenzen?

Im Ethikrat wird sich nun zeigen, ob Winnacker beim Thema PID standhaft bleibt - oder ob er sich, wie im Falle der embryonalen Zellen, am Ende auf die Seite des biotechnischen Fortschritts schlägt. JÜRGEN NEFFE

* Beim Besuch des Berliner Max-Planck-Instituts für Molekulare Genetik im Dezember vergangenen Jahres.

DER SPIEGEL 19/2001
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