14.05.2001

AFFÄRENDas Geheimnis von Pöcking

Wer ermordete den Arzt Otto Praun? Waren Vera Brühne und Johann Ferbach wirklich die Täter in dem spektakulären Mordfall? Mischte der BND mit, wie ein fulminanter Sat.1-Film mutmaßt? Gegenüber dem SPIEGEL bricht der Dienst sein jahrzehntelanges Schweigen.
Ein letzter Gruß vom Boulevard: "Doppelmörderin starb", titelte süffig die Münchner "AZ", als die Meldung vom Ableben der 91-jährigen Vera Brühne im April die Runde machte. Ungerührt von den Zweifeln am Urteil im spektakulärsten Mordprozess der Bundesrepublik tat das Massenblatt, was die bunten Gazetten angesichts der aufreizend eleganten Frau schon immer gern getan hatten: den Leser statt mit Fakten mit Stimmungsmache zu bedienen.
Denn dass die Hausfrau Vera Brühne zusammen mit dem Büchsenmacher Johann Ferbach den Münchner Arzt Otto Praun und dessen Haushälterin Elfriede Kloo am Gründonnerstag des Jahres 1960 in dessen Villa in Pöcking am Starnberger See aus Geldgier heimtückisch ermordet hat, wie das Schwurgericht beim Landgericht München II bis heute rechtskräftig geurteilt hat, glauben immer weniger Kenner der Materie; ein aufwühlender Sat.1-Zweiteiler von Hark Bohm, der in der kommenden Woche gesendet wird, bestärkt die Zweifel.
Der Ferbach/Brühne-Prozess, schrieb Rudolf Augstein acht Jahre nach dem Urteil in einer SPIEGEL-Serie, sei "bis zum heutigen Tag ein fortwirkender Skandal geblieben". Andere Kritiker sprachen von "Fehlurteil", "Hexenprozess" und "bundesdeutscher Dreyfus-Affäre".
Die 22-tägige Verhandlung in München hatte das von den Illustrierten aufgestachelte Volk auf die Beine gebracht, der Ansturm auf das Gerichtsgebäude legte zeitweise den Verkehr lahm. Die spießige Adenauer-Republik feierte eine ihrer letzten großen Messen bigotter Entrüstung: Da schien mit Vera Brühne der Gegenentwurf zum braven Mutti-Bild der Epoche vor Gericht zu stehen: eine Femme fatale, blond, sinnlich, raffgierig, eiskalt.
Doch es gab Kritiker, die früh begriffen, dass hier eine bornierte Justiz selbstherrlich die Fakten interpretierte. Der Fall Brühne wurde zum erbittert geführten Glaubensstreit. Zahlreiche Aufsätze, Artikel und Bücher nahmen sich das Urteil vor, und siehe da: Was sich auf den ersten Blick als "zwingend, überzeugend und unangreifbar" (so ein Anwalt) darstellte, war eine skandalös einseitige Interpretation der Fakten durch Ermittlungsbehörden und das Gericht.
Ein Revisionsverfahren und zahlreiche Versuche, die Sache wieder aufzunehmen, scheiterten. Die Gerichte blieben unerbittlich. Der Fall Brühne bedeutet bis heute ein Waterloo für liberale Juristen. Kein Wunder, dass nach dem Tod der Brühne, die nach 18 Jahren Haft zwar Gnade (Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß unterschrieb 1979 ein entsprechendes Gesuch), aber keine Chance auf einen neuen Prozess bekam, die Aktendeckel nicht zugeschlagen werden. Der Hamburger Rechts-anwalt Gerhard Strate kündigte jetzt einen neuen Wiederaufnahmeversuch an, den er im Auftrag des Adoptivsohns der Verstorbenen unternehmen will. Neue Erkenntnisse über den Eintritt der Leichenstarre sollen eine späte Wende bringen.
Doch nicht nur juristisch geht es darum, einen Fehler zu korrigieren. Über dem, was in Pöcking wirklich geschah, liegt der Schatten eines möglichen Skandals: Hatten da andere ihre Hände im Spiel?
Die Spekulationen entzünden sich an der Figur des Opfers Praun. War der zum Zeitpunkt seines Todes 65-Jährige wirklich nur der harmlose Arzt mit Arme-Leute-Praxis, wie ihn das Gericht in seiner glasperlenspielreinen Konstruktion der Alleinschuld von Ferbach und Brühne sehen wollte?
Wären die Ermittler, so die Kritiker, bereits damals Gerüchten nachgegangen von angeblich dunklen Geld- und Waffengeschäften Prauns, von seiner panischen Angst vor Anschlägen, derentwegen er stets eine Pistole mit sich führte, von seinem großen Vermögen, wäre vielleicht eine andere Wahrheit über den Fall herausgekommen. Das Desinteresse der bayerischen Justiz war bemerkenswert.
Der Sat.1-Zweiteiler, eine im Mai 2000 gesendete ARD-Dokumentation sowie das im vergangenen Jahr erschienene Buch des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Karl-Hans Kern, gehen noch weiter: Sie legen nahe, dass Praun beim Treffen mit einem BND-Mann Schröder, dem bei Brüssel geborenen Zuckerbäcker und Agenten Roger Hentges sowie dem ehemaligen Strauß-Referenten und Bundeswehr-Oberst Werner Repenning erschossen worden sein könnte. Diese Mutmaßungen fußen größtenteils auf den Aussagen des schillernden Hentges, die dieser im Herbst 1967 vor der Staatsanwaltschaft zu Protokoll gegeben hat.
So ranken sich um Praun Spekulationen und Verschwörungstheorien. Doch auch die Gegenfrage ist erlaubt: Sind am Ende die Kritiker zu weit vorgeprescht und tun selber genau das, was sie dem Brühne-Gericht vorwerfen: Interpretationen und Hören-Sagen für Fakten zu halten?
Gesicherte Erkenntnisse liegen in diesem verworrenen Fall nur wenige vor. Immerhin ließ der BND in der vergangenen Woche erstmals Unterlagen über die Affäre Brühne zusammentragen und brach dem SPIEGEL gegenüber sein jahrzehntelanges Schweigen. Mit dem Mord, darauf legt der Dienst Wert, habe er als Institution nichts zu tun. Nichts sei aus den Akten ersichtlich, das für die Erteilung eines Auftrags zu einer solchen Aktion spräche, nichts belege eine Täterschaft.
Das ist es aber auch schon mit den guten Nachrichten. Denn die Suche förderte etliche Dossiers zu Tage, in denen der Fall Praun/Brühne auftaucht. So stand Hentges früher in Verbindung mit der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des BND. Nur Reste der Akten über ihn wurden bisher gefunden, und sie bestätigen, dass Hentges schon vor dem Zweiten Weltkrieg für den deutschen Nachrichtendienst arbeitete.
Zum Mordopfer Praun findet sich kein Dossier, nur eine vage BND-Notiz, er sei in Waffenschiebereien verwickelt. Gerüchte über finstere Machenschaften hat es schon immer gegeben: Er habe, so hieß es, der Spionage von Hitlers Wehrmacht als Offizier oder V-Mann gedient und später auch dem BND. Für Sohn Günther ist das "Schmarrn". Tatsächlich findet sich bisher im Bundesarchiv und beim BND kein Hinweis auf eine geheimdienstliche Karriere. Allerdings entstammt das Mordopfer einem Clan, dessen Mitglieder seit dem Zweiten Weltkrieg zum Establishment der deutschen Geheimdienstbranche gehörten. Cousin Albert Praun war im Dritten Reich General der Nachrichtentruppe, 1956 übernahm er (Deckname "Schwarz") in Pullach den Chefposten der Fernmeldeaufklärung. 1965 schied er aus.
Neffe Dietrich Praun brachte es zum Leiter der Gruppe 348 a (Sicherheit/Gegenspionage) und wurde schließlich unter dem Decknamen "Pranner" Resident in Tunesien. 1990 ging er in Pension.
So geht das munter weiter. BND-Gründervater Gehlen hatte gern ganze Familien rekrutiert, nur auf Blutsbande, so meinte er, könne man sich wirklich verlassen.
Letzte Aufklärung des Falls bringen die vergilbten, teilweise noch in Sütterlin geschriebenen und mit Kaffeeflecken bekleckerten Unterlagen aus dem BND-Keller zwar nicht. Aber sie legen nahe, dass sich in Otto Prauns Umfeld möglicherweise mehr abspielte, als die Justiz sehen wollte.
Dem BND ist die Sache unangenehm, er weiß, dass die vielen Querverbindungen des Dienstes zum Komplex Praun/Brühne Spekulationen anheizen, und fürchtet, der Fall könne seine Schatten dauerhaft auf die Schlapphüte werfen.
Dazu passt, dass auch der verstorbene bayerische Richter Konrad Sattler, der 1964 die Wiederaufnahme des Verfahrens im Fall Ferbach ablehnte, in den Fünfzigern in Pullach wochenlange Seminare abhielt. Thema: Verfassungsrecht.
Wie vorsichtig man die Mosaiksteine in diesem Fall zusammensetzen muss, zeigt die Rolle des Ex-Kanzleramtsministers und Willy-Brandt-Vertrauten Horst Ehmke. Der hält das Urteil gegen Brühne für falsch und vermutet "illegalen Waffenhandel" als Motiv für den Mord an Praun. Und Ehmke ist bis heute das einzige Mitglied einer Bundesregierung, von dem bekannt ist, dass es sich um Aufklärung bemühte - wenn auch vergeblich.
Bohms Film freilich interpretiert den Minister auf seine Art. Der Ehmke-Darsteller äußert, dass der BND seine Hände im Fall Vera Brühne im Spiel habe. Wie Rambo stürmt er im Movie die Münchner Zweigstelle des Dienstes - ohne etwas zu Brühne und Praun zu finden. Am Abend zurück in Bonn, bei einem Empfang der bayerischen Landesvertretung, sagt ihm der CSU-Politiker Strauß, der SPD-Mann solle die Hände von den Brühne-Akten lassen, wenn ihm sein Leben lieb sei.
Der echte Ehmke erinnert sich anders. Er wollte damals die Praxis des BND, mit Waffen zu handeln, unterbinden. Nur das habe er Strauß gegenüber erwähnt, und nur darauf habe sich Strauß' Warnung, "er wolle wohl nicht mehr lange leben", bezogen. Von Brühne habe Strauß überhaupt nichts gesagt. Der gebürtige Danziger hält es bis heute "für ausgeschlossen", dass der BND den Mord in Auftrag gab.
Und was ist mit dem angeblichen BND-Mann Schröder, den der ehemalige Bundestagsabgeordnete Kern des Doppelmordes verdächtigt und den der Film als Täter in Aktion zeigt? Das werden wohl 41 Jahre danach die Gerichte klären müssen. Der frühere Hauptabteilungsleiter Rüstung des Verteidigungsministeriums, Karl Helmut Schnell, hat Kern auf Unterlassung verklagt. Kern habe nahe gelegt, Schnell könne "Schröder" sein. Dass Schnell auch gegen Bohms Film juristisch vorgehen wird, in dem von Schnell nicht explizit die Rede ist, schließt Schnells Anwalt Torsten Arp nicht aus.
Im Fall des Strauß-Vertrauten Repenning, den Bohm und Kern ebenfalls mit dem Mord in Verbindung bringen, besteht zumindest der Verdacht, dass manches nicht mit rechten Dingen zuging. Als das Kanzleramt 1973 beim BND nachfragte, ob Akten über den Doppelmord vorhanden seien, notierten die Geheimen unter der Überschrift "Anforderung des Vorgangs BRÜHNE": Die "Akte REPENNING" sei vorübergehend im Dienst verschwunden und habe sich im "Giftschrank" des damaligen Präsidenten Wessel wiedergefunden. Der Staatssekretär jener Jahre im Kanzleramt, Horst Grabert, kann sich jedoch nicht erinnern, die Akte jemals erhalten zu haben.
Was immer noch an neuen Fakten über Prauns Leben gefunden werden wird, einen Teil des bis heute bedrückenden Geheimnisses von Pöcking erklärt Hark Bohms glänzender Film schon jetzt: Der Zweiteiler "Vera Brühne" ist nicht nur eine exakte Chronik juristischer Fehlleistungen, er liefert auch das Psychogramm einer Epoche.
Die in dem Film aufmarschieren, Vera Brühne, Praun und all die klatschsüchtigen und bösartig verleumderischen Zeugen, sind von den Traumata der Nachkriegsgesellschaft geprägt. Eine fatale Mischung aus Lebensgier, Neid und Spießigkeit zeigt sich. Und wer immer den 68ern und ihrer aufgeregten Protestkultur am Zeuge flicken will, bekommt hier gezeigt: Die Zeit vor Dutschke war die Hölle.
Unerträglich erscheint eine Figur wie Praun, die der Film zeichnet. Da erlebt der Zuschauer einen alten, aufgeschwemmten jähzornigen Geldsack, der die Frauen benutzt, als wären sie Möbelstücke. Mit seiner Haushälterin Elfriede Kloo lebt er in einem eheähnlichen Verhältnis, was ihn aber nicht hindert, als Schürzenjäger auf die Pirsch zu gehen.
Der wahre Praun muss auch andere Seiten gehabt haben. Der Nationalsozialist (Mitgliedsnummer 1725299) zeichnete sich während des Dritten Reichs durch Zivilcourage aus - das behaupteten jedenfalls Zeugen in den späteren Gerichtsakten an Eides statt. 1937 und 1944 schützte der Arzt durch Krankschreibungen NS-Opfer vor Verfolgung. Ein Ehepaar entging so der Zwangsarbeit. Die Gestapo ermittelte gegen ihn wegen Abhörens von "Feindsendern", 1944 denunzierte ihn ein Ortsgruppenleiter wegen wiederholten "Nicht-Tragens" des Parteiabzeichens.
Der Film will von so edler Vergangenheit nichts wissen. Für Männer wie Praun scheint es ein Bewusstsein von Generationsgrenzen nicht zu geben, je jünger die Frauen sind, desto besser. Charme und Einfühlung sind unbekannt: Liebe wird über Geld geregelt, und Perversionen haben die Geliebten hinzunehmen. Eine Szene schildert, wie Praun Vera Brühne auf den Lokus bittet - da hat der Herr Doktor seine Exkremente auf dem Klodeckel hinterlassen.
Die Frauen haben die Spielregeln zwischen den Geschlechtern zu akzeptieren. Vera Brühne, die Tochter eines Bürgermeisters aus Essen-Kray, hat in der Unterprima die Schule verlassen, um sich auf ihre Rolle als Ehefrau vorzubereiten. Ohne Beruf, geschieden und mit einer Tochter lebend, muss sie sich durch die Nachkriegszeit schlagen. Aber das Leben hat sie hart gemacht. Die elegante Frau fügt sich nicht in die gängige Frauenrolle. Sie nutzt Männer aus. Unbefriedigte Ehekrieger oder reiche, kaputte Daddys wie Praun sind ihr bevorzugtes Jagdrevier.
Erfüllende Sexualität ist von der Brühne kaum zu bekommen. "Mein Frigidchen" nennt sie Praun, aber trotz gelegentlichen Murrens ist er nicht wirklich enttäuscht: Beide stellen ihre Beziehung auf eine geschäftliche Grundlage. Gegen ein monatliches Salär spielt die Brühne Prauns Chauffeuse und Verwalterin seiner spanischen Besitzungen.
Zu anderen Frauen steht die Blondine in Konkurrenz, weibliche Solidarität ist ihr ein Fremdwort, der Stutenbiss ihr vorherrschender Reflex. Gewiss, da ist die homoerotisch geprägte Beziehung zu einer Freundin, in der sich manchmal über Männer wunderbar lästern lässt, aber aufflackernde Eifersucht zerstört die Freundschaft rasch. Ihre Tochter Sylvia zur Selbständigkeit zu erziehen, traut sich Mutter Vera trotz der eigenen Lebenserfahrungen nicht: Mit Ermahnungen und Ohrfeigen wird das Mädchen in die Weiblichkeitsdressur der Epoche eingewiesen - die Tochter spürt diese Schizophrenie und flüchtet in eine Phantasiewelt, was der Brühne zum Verhängnis werden wird.
Von heute aus gesehen, zeigt Bohm seine Protagonistin als halbemanzipierte Frau, die an den Fesseln der Männerwelt zerrt, ohne sie zu zerreißen. In der Adenauer-Zeit lebten solche Frauen gefährlich, sie galten als Hexen, und es waren nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, die die Scheiterhaufen anzündeten.
Die eigentliche Leistung des Sat.1-Films besteht nun darin, nicht einfach das Sittenbild der Wirtschaftswunderzeit plakativ auf den Schirm zu malen, sondern es mit strenger Orientierung an den Fakten aus dem Prozessgeschehen heraus zu entwickeln. Bohm erhebt sich nicht über eine verflossene Epoche, er zwingt den Zuschauer in deren fatale Logik - Geschichte wird gefährlich.
Wunderbarerweise begegnet man in "Vera Brühne" keinem einzigen Klischee, das Casting hat ganze Arbeit geleistet, jede Rolle sitzt. Das gilt allen voran für Corinna Harfouch, die Brühne-Darstellerin. Mit präzisen Gesten lässt die Schauspielerin den ganzen Kosmos der inneren Widersprüche ihrer Figur aufscheinen: die mit eleganter Pose überdeckte Unsicherheit, die Blondinenhärte über einem Abgrund von Angst, die gefühlskalte Lebenslust, die mit der Attitüde des Stolzes überspielte Fassungslosigkeit. Dieses ambivalente Spiel entwickelt einen unglaublichen Sog - der Zuschauer weiß bei dieser Frau nicht, woran er ist: Sieht er da eine Hexe oder eine Heilige?
Ihr nicht minder virtuos gespielter Widerpart ist Ulrich Noethen als Staatsanwalt - ein harter Hund. Bohm zeigt einen von fanatischem Ehrgeiz zerfressenen Jäger, der wild entschlossen ist, die Verdächtigten wie Wild zur Strecke zu bringen. Und auch hier umschifft der Film die Tücken des Klischees: Dieser Ankläger ist nicht etwa eine raffinierte Intelligenzbestie, sondern er verfügt über eine Waffe, die das Gerichtsfilm-Genre gern übersieht: dummdreiste Penetranz, die Gabe, den Gegner durch ständige Wiederholung zu zermahlen.
Uwe Ochsenknechts schauspielerisches Verdienst in der Rolle des Ferbach besteht darin, diesen dumpfsinnigen Charakter Justitias herauszukitzeln: Da wird gegen einen einfachen, geradlinigen Mann Klassenjustiz geübt.
Konsequent zeichnet Bohm nach, was Augstein in seiner Serie "Die vielen Säulen des Richters Seibert" analysiert hat: die bodenlos schlampigen Ermittlungen und die Windigkeit der Belastungszeugen, auf die sich das Urteil stützt.
Als die Polizei zum Tatort gerufen wurde, ging sie von Selbstmord aus. Praun sollte seine Haushälterin und dann sich erschossen haben. Obwohl vorgeschrieben, wurde der Leichnam Elfriede Kloos nicht obduziert. Und wäre Praun verbrannt worden, hätte niemand erfahren, dass es sich bei dem, was zu Ostern 1960 in der Pöckinger Villa geschah, aller Wahrscheinlichkeit nach um Mord gehandelt hat: Erst auf Antrag des Praun-Sohns wurde der Vater exhumiert, im Kopf des Toten fand man Spuren eines weiteren Schusses.
Fingerabdrücke wurden nicht genommen, die Ermittler genehmigten sich aus herumstehenden Cognac-Gläsern lieber selbst einen Schluck, Spuren wurden so verwischt. Dass sich eine Tür zur Villa vom Garten aus öffnen ließ, mithin also jeder in das Haus eindringen konnte, ging bei der Bewertung der Fakten unter.
Kein handfester naturwissenschaftlicher Beweis wurde sichergestellt, der Eintritt der Leichenstarre - entscheidend für die Überprüfung von Ferbachs und Brühnes Alibi - bis an die Grenze der Unwahrscheinlichkeit zu Ungunsten der Angeklagten interpretiert. Das Gericht stützte sich nur auf Indizien und auf windige Kronzeugen: Einer war ein mehrfach vorbestrafter notorischer Betrüger namens Schramm, dem Ferbach im Knast erzählt haben sollte, dass er die Tat mit der Brühne ausgeführt hätte.
Die andere Hauptbelastungszeugin war die Tochter Sylvia, die einem Reporter und dann einem Untersuchungsrichter erzählte, "Mamska" habe Praun umbringen lassen. In der Hauptverhandlung widerrief die Zeugin, das Gericht glaubte aber der Ursprungsversion - sie passte besser zur Verurteilung.
Pöcking bleibt ein Geheimnis. Eine endgültige Klärung kommt vielleicht nie. Vera Brühne wurde 91 Jahre und wartete vergeblich auf Rehabilitierung - die Gerechtigkeit lässt sich oft länger Zeit, als selbst ein langes Menschenleben dauert.
NIKOLAUS VON FESTENBERG, GEORG MASCOLO,
CONNY NEUMANN, KLAUS WIEGREFE
Von Nikolaus von Festenberg, Georg Mascolo, Conny Neumann und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 20/2001
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