14.05.2001

SERIE - TEIL 2 MANAGER OHNE MORALDIE MANAGER DER NAZIS

Wohl kalkuliert und bereitwillig hat sich die deutsche Großwirtschaft in Hitlers militärisch-industriellen Komplex eingefügt. Der I. G.-Farben-Konzern wurde aktiver Teil der Kriegsmaschine - er baute sogar ein eigenes KZ: in Auschwitz-Monowitz / VON NORBERT FREI
In der Frankfurter Konzernzentrale herrschte Unzufriedenheit. Vor ein paar Monaten erst hatte das Unternehmen ein übereiltes politisches Engagement mit einer millionenschweren Bauruine bezahlt. Der "Gedanke eines wirtschaftlichen Aufschlusses des Ostraumes", dem die I. G. Farben gern und gierig gefolgt waren, hatte sich als Flop erwiesen. Nun, so wollte es die Politik, sollte sich die Sünde wider Wettbewerb und Weltmarktpreise wiederholen - gegen alle ökonomische Vernunft und offenkundig vor dem Hintergrund riskanter Pläne.
Im Spätherbst 1940 rangen die Manager der I. G. Farben, wieder einmal, mit den Spitzen des Dritten Reiches. Ein Jahr zuvor, in der Aufbruchstimmung nach dem "Polenfeldzug", als das eroberte Territorium nur darauf zu warten schien, den "neuen großen fabrikatorischen Stützpunkt für die I. G." abzugeben, hatte man sich auf den Bau einer Anlage für synthetischen Kautschuk im grenznahen Rattwitz bei Breslau verständigt; das Werk sollte die Produktion in Schkopau und Hüls ergänzen.
Doch dann war auch Frankreich gefallen wie im Spiel, und die nationalsozialistische Nachkriegszukunft verhieß ein deutsches Kolonialreich mit unbegrenztem Zugriff auf billigen Naturkautschuk. Noch mehr teures Buna aufwendig aus Kohle zu erzeugen ergab wirtschaftlich keinen Sinn; im Sommer 1940 ließ I. G.-Vorstand Dr. Otto Ambros die Baustelle Rattwitz einmotten.
Die verlorene Luftschlacht über England und die sich mehrenden Zeichen für einen langen Krieg veränderten die Situation schon wenig später allerdings erneut, jedenfalls aus der Perspektive der Rüstungsplaner, die nun nicht nur auf höhere Kapazitäten zur Herstellung des potenziell kriegswichtigen Buna drängten, sondern auch auf "luftgeschützte" Produktion.
Wollte die I. G. ihr Kunstgummi-Monopol in Deutschland nicht gefährden, musste sie reagieren. Immerhin hatte das Regime mit der Gründung der "Reichswerke Hermann Göring" demonstriert, dass es zur Durchsetzung seiner Autarkieziele auch vor drastischen Eingriffen in die private Unternehmerwirtschaft nicht zurückschreckte.
Statt es zur Kraftprobe oder gar zum offenen Konflikt mit der NS-Führung kommen zu lassen, suchte der I. G.-Vorstand nach Wegen, das politisch Gewünschte mit dem ökonomisch Profitablen zu verbinden - was am Ende um so leichter fiel, als im neuen deutschen Osten glänzende steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten winkten. Also entschloss sich der Konzern im Spätherbst 1940 dann doch, ein Buna-Werk "im Osten" zu bauen. Wochen später stand auch der genaue Standort fest: Auschwitz.
Dieser moralfreie Pragmatismus war mitnichten eine Spezialität des größten deutschen Unternehmens: Es war die Basis jener verhängnisvollen Kooperation mit dem Regime, die die deutsche Wirtschaft in ihrer Gesamtheit seit 1933 eingegangen war. Dabei gab es zunächst deutliche Unterschiede. Anders als etwa bei den deutschnationalen Häuptern der Schwerindustrie an Rhein und Ruhr konnte im vielköpfigen Vorstand der "Interessengemeinschaft Farbenindustrie A. G." von besonderer Nähe zum Nationalsozialismus vor der "Machtergreifung" keine Rede sein. Ein einziges Vorstandsmitglied, so berichtet der amerikanische Historiker Peter Hayes, war 1932 für ein paar Monate in der NSDAP.
Allerdings gilt für die I. G. wie generell für die deutsche Industrie: Viel ist über die "Männer der Wirtschaft" und ihr individuelles Verhalten im Dritten Reich noch immer nicht bekannt. Zwar mehren sich in den letzten Jahren - als Folge der Globalisierung und einer kritischen internationalen Öffentlichkeit - die Unternehmensgeschichten: von VW über die Deutsche und die Dresdner Bank bis zu IBM. Managerbiografien aber sind noch immer äußerst dünn gesät.
Der Fall der I. G. Farben ist nicht allein wegen der Größe des Konzerns von besonderem Interesse, er ragt auch als moralisches Desaster heraus: Annähernd die Hälfte der 333 000 Menschen, die das 1925 zusammengefügte Kartell gegen Kriegsende in seinen 334 Betrieben beschäftigte, waren Fremd- und Zwangsarbeiter. Kein anderes Privatunternehmen war in höherem Maße Teil der Kriegsmaschine geworden - obwohl die Vorstellungen der Nationalsozialisten von einer rassenimperialistisch geprägten Großraumwirtschaft der ursprünglich liberalen Weltmarktorientierung des Unternehmens zuwiderliefen.
Doch seit dem "Benzinvertrag" vom Dezember 1933, durch den es gelungen war, das Verlustgeschäft der synthetischen Treibstoffproduktion staatlich abzusichern, hatten die I. G.-Chefs begonnen, sich den neuen Gegebenheiten anzuverwandeln. Zu den Feinheiten dieses Arrangements mit dem "Führerstaat" gehörte eine Personalie, die selbst in dem an Interessenverquickungen nicht armen Hitler-Reich ihresgleichen suchte.
Als es dem Regime nach der erstaunlich raschen Überwindung der Arbeitslosigkeit seit 1935 verstärkt darum ging, die Wirtschaft auf Autarkie und Rüstungsproduktion zu verpflichten, hatte der Konzern den richtigen Experten im Angebot: Vorstandsmitglied Carl Krauch. In der neu geschaffenen "Vermittlungsstelle W" (W wie Wehrmacht) koordinierte er die Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und Reichsbehörden. Er tat dies offenkundig zur Zufriedenheit sowohl von Wirtschaftsminister Schacht als auch von Göring, dem kommenden starken Mann auf diesem Gebiet, der den promovierten Chemiker schon bald zum Leiter der Abteilung für Forschung und Entwicklung im "Amt für Deutsche Roh- und Werkstoffe" machte.
Im Sommer 1936, als der "Führer" höchstselbst auf dem Obersalzberg an der Vierjahresplan-Denkschrift feilte, arbeite-
te ihm der I. G.-Manager entgegen: mit detaillierten Berechnungen über die Verfüg-
barkeit kriegswichtiger Rohstoffe und über deren Produktionskapazitäten.
Zwei Jahre später, 1938, im Jahr der von Hitler inszenierten internationalen Krise, gelang der Durchbruch. Krauch, inzwischen Parteigenosse, wurde "Generalbevollmächtigter für Sonderfragen der chemischen Erzeugung beim Beauftragten des Führers für den Vierjahresplan". Die neue Aufgabe, zu der auch noch die Ehrenpflichten eines "Wehrwirtschaftsführers" kamen, vertrug sich nicht nur mit der Tätigkeit als Vorstandsmitglied der I. G. 1940, auf dem Höhepunkt der deutschen Siegeszuversicht, betrauten die Kapitaleigner den "GBChem" mit dem Vorsitz im Aufsichtsrat der I. G. Farben. Die Personalunion war perfekt.
Der militärisch-industrielle Komplex, der durch die Zusammenarbeit zwischen Großwirtschaft und Kriegerstaat entstand, verwickelte den Chemiegiganten massiver noch als viele andere Unternehmen in die Verbrechen des Regimes. Exemplarisch dafür steht die I. G. Auschwitz.
Zuständig für das neue Buna-Werk im ostoberschlesischen Grenzstreifen wurde, wie schon für Rattwitz, Otto Ambros. Von einer mehrtägigen Erkundungsfahrt nach Auschwitz war der Buna-Spezialist Anfang Februar 1941 ein wenig enttäuscht zurückgekehrt. Nicht nur hatten die Stadt und die umliegenden Dörfer auf ihn "einen sehr schmutzigen und verwahrlosten Eindruck" gemacht. Mehr noch bekümmerte den Manager, dass seine reichsdeutschen Gesprächspartner in den Besatzungsbehörden allesamt die "Arbeitsleistung der Polen" als "sehr gering" bezeichneten.
Da war es gut zu wissen, dass nahe der vorgesehenen Baustelle für "die Juden und Polen ein Konzentrationslager gebaut" - genauer gesagt: das seit Mai 1940 bestehende KZ "vergrößert" wurde. Denn Arbeitskräfte waren - neben Kohle, Wasser, reichlich Platz und einer guten Eisenbahnverbindung - ein entscheidender Standortfaktor, angesichts des leer gefegten Arbeitsmarktes aber besonders schwer zu beschaffen. Also musste man mit denen sprechen, die über die Häftlinge in Auschwitz geboten.
Am 6. Februar 1941 besuchten Ambros und sein Vorstandskollege Fritz ter Meer in Berlin ihren Aufsichtsratsvorsitzenden Krauch, und zwar in dessen Eigenschaft als "GBChem". Rasch kamen sie überein, das nunmehr vierte Buna-Werk in Auschwitz zu bauen. Krauch informierte seinen Duzfreund Hermann Göring, der wiederum Heinrich Himmler. Innerhalb von nicht einmal vier Wochen hatte Ambros, was er brauchte: eine Zusage des Reichsführers SS, "das Bauvorhaben durch die Gefangenen aus dem Konzentrationslager in jedem nur möglichen Umfange zu unterstützen". Darüber hinaus befahl Himmler, der das KZ am 1. März besichtigte - in seiner Begleitung auch "führende Herren der I. G. Farben" -, die "Juden in Auschwitz ... raschestens auszusiedeln, ihre Wohnungen ... frei zu machen und für die Unterbringung der Bauarbeiterschaft des Bunawerkes sicherzustellen".
Tatsächlich begannen unverzüglich die Deportationen, und schon im April stand die Stadt Auschwitz zur Hälfte leer. Bald wurde jedoch klar, dass die Entvölkerung der einstmals stolzen, mehrheitlich jüdischen Stadt nur der Anfang sein konnte. Bei der I. G. nämlich hielt man den gewonnenen Wohnraum für unzumutbar. "Keine Wasserversorgung, keine geordnete Fäkalbeseitigung, keine Bildungsstätte, kein deutsches Kino", klagten Ambros und sein Mann vor Ort, Walther Dürrfeld, im Herbst 1941 gegenüber Krauch.
Das Schreiben sollte vorantreiben, was der Breslauer Architekt Hans Stosberg inzwischen entworfen hatte: eine monumentale "Musterstadt Auschwitz", in der es den deutschen Volksgenossen an nichts fehlen würde. Neben einer neuen "Bereitschaftssiedlung" für bis zu 15 000 Werker und deren Familien plante Stosberg die radikale Umgestaltung der Altstadt.
Ein paar Kilometer östlich, in Monowitz, wuchs derweil eines der größten industriellen Investitionsvorhaben des Zweiten Weltkriegs aus dem Boden - als Beitrag der I. G., wie Ambros formulierte, "für ein kräftiges, gesundes Deutschtum im Osten".
Auf der Baustelle allerdings hielt sich die Präsenz der Deutschen in engen Grenzen. Gerade ein Zehntel der 2700 Mann, die mittlerweile neun verschiedene Teilprojekte voranbrachten - längst ging es nicht mehr nur
um Buna, sondern auch um Treibstoff-Synthese, Phenol-Erzeugung und Chlorchemie
-, waren Fachleute aus dem "Altreich". Etwa 1000 Beschäftigte waren Fremdarbeiter, deren Anwerbung der Konzern in den nächsten Jahren sogar in Paris und Rom betrieb. Den größten Anteil an der Baubelegschaft aber, rund die Hälfte, stellten im ersten Jahr die Häftlinge aus dem benachbarten KZ.
Dass der Bedarf an Bauhäftlingen auch in den beiden kommenden Jahren nicht abreißen würde, hatte Dürrfeld dem Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, schon in den ersten Verhandlungen signalisiert. Damals, im Frühjahr 1941, hatte man sich in "herzlichem Einvernehmen" gegenseitig "jede mögliche Hilfe" zugesagt und die Bedingungen des Häftlingseinsatzes festgelegt: vier Reichsmark pro Tag und Facharbeiter, drei für jeden Hilfsarbeiter.
Zwar schätzte Dürrfeld die Arbeitsleistung der KZ-Insassen nur "auf 75 Prozent eines normalen deutschen Arbeiters", aber er war mit dem Geschäft ganz offenbar zufrieden: "In diesen Kosten ist alles einbegriffen, Transport, Verpflegung u.s.w. Über diese Kosten hinaus fallen keinerlei Unkosten für uns für die Häftlinge an, es sei denn, dass zum Ansporn dann und wann kleine Vergütungen (Zigaretten u.s.w.) gegeben werden."
Im Winter 1941/42 war die allgemeine Zuversicht verflogen. Denn nicht nur herrschte in Monowitz gewaltiger Termindruck, auch die Zusammenarbeit mit der Lager-SS hatte sich eingetrübt. Die nämlich hatte das Angebot der I. G., bei der Materialbeschaffung für die Erweiterung des KZ behilflich zu sein, allzu großzügig interpretiert und ein eigenes Bauprogramm über sieben Millionen Reichsmark aufgelegt; bei zwei Millionen setzten die Werksdirektoren nun ein Limit.
Die Episode illustriert, wofür die Geschichte der I. G. Auschwitz nur ein Beispiel unter vielen ist: Anders als die deutsche Industrie seit 1945 verbreitete, stand sie keineswegs ohnmächtig unter der Kuratel der SS, bestimmte Himmler beim Handel mit den Häftlingen nicht allein die Geschäftsbedingungen. Im Falle des Farben-Trusts war das Machtverhältnis sogar eher umgekehrt.
Als der Nachschub von Arbeitskräften aus dem KZ Auschwitz wiederholt stockte und im Sommer 1942 wegen einer Fleckfieber-Epidemie vorübergehend völlig zum Erliegen kam, forcierten die Manager in Monowitz ein Projekt, das allen späteren Bekundungen, unter dem Druck der SS gestanden zu haben, Hohn sprach: Um die Häftlingskommandos nicht zweimal täglich auf den kilometerlangen, zeitraubenden und kräftezehrenden Marsch vom Konzentrationslager zur Baustelle und zurück schicken zu müssen, planten sie, diese direkt am Einsatzort zu internieren. Die I. G. baute ihr privates KZ.
Fünf Millionen Reichsmark ließ sich der Konzern das doppelt umzäunte, elektrisch gesicherte und von der SS bewachte "Lager Buna" kosten, das Ambros eine halbe Dekade und ein Moralsystem später als "groß angelegt, geheizt und hygienisch" in Erinnerung hatte. Derart komfortabel jedoch waren nicht einmal die Unterkünfte für die Mehrzahl der knapp 5000 deutschen "Gefolgschaftsmitglieder" und schon gar nicht die Baracken der, in der üblichen rassistischen Abstufung, getrennt nach Nationalitäten untergebrachten 15 000 "fremdvölkischen" und "fremdländischen" Arbeiter.
Mitten in einem Krieg, in dem die Wehrmacht längst in der Defensive kämpfte, Millionen sowjetischer Kriegsgefangener verhungert waren und sieben Kilometer weiter westlich der Genozid an den europäischen Juden auf vollen Touren lief, konzipierten die Ingenieure der I. G. - in klarem Gegensatz zu Himmlers Vorstellungen von einer einfachen Rohstoffproduktion für Rüstungszwecke - in Monowitz für mehr als eine halbe Milliarde Reichsmark ein multifunktionales, nachkriegstaugliches "Großwerk der deutschen chemischen Industrie". Im Spätsommer 1944 war es schließlich so gut wie produktionsbereit. Doch da kamen, am helllichten Tag, die "Fliegenden Festungen" der Amerikaner. Für Häftlinge und Zwangsarbeiter bedeuteten die Bomberverbände Hoffnung auf baldige Befreiung und Gefahr zugleich, denn in die Schutzräume auf dem Werksgelände durften sich nur die deutschen Belegschaftsangehörigen flüchten. Trotz der erheblichen Schäden, die 300 Tonnen Sprengstoff angerichtet hatten, drängte die
Betriebsleitung weiter kompromisslos auf die Fertigstellung der Anlagen. Nach zwei weiteren Fliegerangriffen im Dezember 1944 sollte die Buna-Produktion schließlich Mitte Februar 1945 angefahren werden.
Mitte Januar jedoch begannen sich die Reichsdeutschen vor der sowjetischen Großoffensive aus Ostoberschlesien abzusetzen. Am 27. Januar 1945 marschierte die Rote Armee in Auschwitz ein; seit 1996 gedenken die Deutschen auf Anregung von Roman Herzog an diesem Tag der Opfer des Nationalsozialismus.
Während der letzten Monate in Monowitz hatte I. G.-Manager Dürrfeld einen Kurs gesteuert, in dem sich Realitätsverlust, Durchhalte-Fanatismus und exaltierte Selbststilisierung in einer Weise vermengten, wie sie auf den Führungsebenen auch der Industrie nun häufiger anzutreffen war. Gegen alle Moral, aber auch gegen alle Rationalität, auf die man sich in der Wirtschaft ansonsten viel zugute hielt, kalkulierte der Betriebsführer am Ende ganz offen den "Verbrauch" der auf der Baustelle eingesetzten KZ-Häftlinge.
Als im Sommer 1944 in Birkenau die Ermordung Hunderttausender ungarischer Juden begann, zählte auch das Leben der wenigen nichts mehr, die kräftig genug erschienen, um anstatt direkt ins Gas, zur Arbeit nach Monowitz geschickt zu werden. Kaum einer dieser Arbeitssklaven überlebte die extremen Bedingungen länger als ein paar Wochen.
Von den im Laufe der Bauarbeiten in Monowitz insgesamt eingesetzten 35 000 KZ-Häftlingen starben etwa 25 000: viele davon zu Tode erschöpft direkt auf dem Gelände der I. G., andere - nach entsprechender Selektion im Häftlingskrankenbau des konzerneigenen KZ - in den Gaskammern von Auschwitz. Ein rentierliches Geschäft, das haben die Untersuchungen des jungen Historikers Bernd Wagner ergeben, war der Häftlingseinsatz im Übrigen nicht. Doch er nützte dem Konzern insofern, als andere Arbeitskräfte in ausreichender Zahl nicht zur Verfügung standen. Es war interessanterweise allenfalls diese Frage des "Profits", den die I. G. in Auschwitz erwirtschaftet hatte oder auch nicht, mit der man sich im Nachkriegsdeutschland befassen mochte: im Osten zum Zwecke der Agitation gegen einen vorgeblich prinzipiell mörderischen Kapitalismus; im Westen um darzutun, welche Werte dem Bolschewismus in die Hände gefallen waren. Den Blick auf die konkreten Verbrechen überließ man drei Richtern aus Amerika.
Untersuchungen gegen den Farben-Trust, der natürlich auch in den USA operierte, waren dort schon während des Krieges im Rahmen der Antikartellpolitik angelaufen. Doch die Vorbereitungen für eine Anklage begannen erst nach Abschluss des Internationalen Militärtribunals von Nürnberg, gegen Jahresende 1946, als deutlich war, dass dem "Hauptkriegsverbrecherprozess" keine weiteren gemeinsamen Verfahren der zerfallenden Anti-Hitler-Koalition folgen würden. Ziel der zwölf so genannten Nürnberger Nachfolgeprozesse, die die Amerikaner nun im Alleingang auf den Weg brachten, war - mehr noch als die Abrechnung mit der SS - die exemplarische Auseinandersetzung mit führenden Vertretern der deutschen Funktionseliten in Staat und Justiz, Wehrmacht, Wissenschaft und Wirtschaft.
Bei den Unternehmen konzentrierten sich die Amerikaner auf drei große Namen: Krupp, Flick und die I. G. Farben. Das gesamte Feld des Zusammenwirkens von Wirtschaft und NS-Staat vermochte diese Auswahl nicht abzubilden - beispielsweise blieben die Banken, anders als noch 1945 vorgesehen, am Ende so gut wie unberücksichtigt, obwohl ihre Bedeutung für Aufrüstung und "Arisierung" auf der Hand lag. Doch keineswegs konnte, wie später gern behauptet wurde, die Rede davon sein, die USA hätten im Kalten Krieg alles Interesse daran verloren, Hitlers Manager zur Rechenschaft zu ziehen.
Im Gegenteil mussten 1945/46 nicht wenige erfahren, mit wie viel Kenntnis und Konsequenz die amerikanischen Spezialteams ermittelten. Hermann Josef Abs etwa, der starke Mann der Deutschen Bank, schien einigermaßen irritiert zu sein, als er sich nach ein paar freundlichen Interviews mit den Briten, die ihn im Spätsommer 1945 zu ihrem Berater machten, auf Druck der Amerikaner plötzlich in der Internierung wiederfand. Und mancher Unternehmer, der inzwischen schon wieder wirtschaftete, als sei nichts geschehen, rieb sich verwundert die Augen, als er nach einem Spruchkammerverfahren seinen Posten verlor.
Auch wenn es in den Wirren der ersten Nachkriegswochen mancherorts vielleicht so ausgesehen haben mochte: Für "business as usual" war keine der Besatzungsmächte zu haben. Zu frisch war die Erinnerung daran, mit welcher Verve die deutsche Wirtschaft sich Hitler an den Hals geworfen hatte. Und allzu oft hatten Deutschlands Unternehmer im okkupierten Osten, aber auch im Westen demonstriert, dass sie dem Nationalsozialismus nicht nur ihre Fähigkeiten geliehen, sondern sich mit den ideologisch begründeten Ansprüchen auf Hegemonie und "Lebensraum" identifiziert hatten. Sie waren darüber Teil des Verbrechens geworden - und wenigstens ein Teil von ihnen sollte dafür vor Gericht.
Nach dem Ende des Hauptprozesses in Nürnberg bereiteten zwölf US-Ankläger, unterstützt von einer Hand voll Mitarbeiter, die Auseinandersetzung mit den führenden Köpfen der I. G. Farben vor. I. G.-Farben-Manager Fritz ter Meer und einige weitere Vorstandsmitglieder befanden sich seit Frühsommer 1945 in alliiertem Gewahrsam, Walther Dürrfelds wurden die Amerikaner gegen Jahresende habhaft. Otto Ambros hingegen übergaben die Franzosen erst Tage vor Prozessbeginn.
In gewisser Weise war Ambros dadurch ins Hintertreffen geraten, denn er hatte die sorgfältigen Beratungen versäumt, in denen seine länger internierten Kollegen unter der rigiden Leitung Fritz ter Meers ihre Erklärungen aufeinander abgestimmt hatten. Wer dabei Schwächen zeigte, wie Georg von Schnitzler, wurde unter Druck gesetzt, die "Vorstandsinteressen" nicht zu vergessen. Als der Prozess gegen Ambros, Dürrfeld, Krauch, ter Meer und 20 weitere I. G.-Manager am 27. August 1947 begann, waren vor allem die Aussagen zu Auschwitz exakt justiert.
So bestritten die Angeklagten, dass bei der Standortwahl für das vierte Buna-Werk die Frage des Häftlingseinsatzes von Bedeutung gewesen sei. Sie behaupteten, sie seien von der SS genötigt worden, KZ-Häftlinge zu verwenden - und hatten nichts gewusst von den Vergasungen in Birkenau (für die eine I. G.- und Degussa-Tochter namens Degesch das Zyklon B geliefert hatte).
Lediglich zwei- oder dreimal wollte Dürrfeld einen "besonderen Geruch" bemerkt haben, als er in Auschwitz Richtung Westen fuhr. Während sein Fahrer wusste, "dass dies vom Krematorium kam, wo, wie die Leute sagten, Leichen verbrannt wurden", habe ihn ein SS-Mann beruhigt: Schuld sei die "hohe Sterblichkeitsrate im Lager" gewesen, "wegen der Typhus-Epidemie, die aus dem Osten kam".
Doch weder taktisches Leugnen und ein gesäubertes Firmenarchiv noch eine Armada von 87 Verteidigern konnten verhindern, dass das Gericht nach 152 Verhandlungstagen klare Schuldsprüche fällte: nicht allein wegen der Plünderung ausländischen Eigentums und des massenhaften, als "Kriegsverbrechen" gewerteten Einsatzes von Zwangsarbeitern in den Niederlassungen der I. G., sondern auch und vor allem wegen der in Monowitz begangenen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".
Die Hauptverantwortlichen bekamen am 30. Juli 1948 Höchststrafen von acht (Ambros und Dürrfeld) beziehungsweise sieben (ter Meer) und sechs Jahren Gefängnis (Krauch). 10 der verbliebenen 23 Angeklagten sprach das Militärtribunal frei, die übrigen 9 erhielten Haftstrafen zwischen 18 Monaten und 5 Jahren. Hatte ein Großteil der Deutschen das Urteil im Nürnberger Hauptprozess seinerzeit noch akzeptiert, lehnten weite Teile der deutschen Öffentlichkeit die neuen Schuldsprüche ab - als "Siegerjustiz" und "Kollektivschuldvorwurf".
Hans-Georg von Studnitz, der die Nürnberger Nachfolgeprozesse für die "Zeit" beobachtete, schrieb, diese Verfahren dienten dazu, die 1945 von Amerikanern und Russen verfügte Zerschlagung der deutschen Wirtschaft zu rechtfertigen. Viele - auch kleine - Aktionäre und Pensionäre der I. G. seien dadurch geschädigt worden.
"Beschämend" an dem "Monsterprozess" erschien dem "Zeit"-Berichterstatter, "dass der größte und angesehenste deutsche Industriekonzern, dazu noch der Erzeuger von Mitteln, die die Menschheit von Geißeln wie der Malaria und der Schlafkrankheit befreit haben, im Zusammenhang mit Dingen genannt wird, die zu den fürchterlichsten Gräueln der abgelaufenen Epoche gehören". Welche Gräuel das waren, erläuterte von Studnitz so wenig wie der SPIEGEL, der die Legitimität der Industrieprozesse überhaupt in Zweifel zog.
Angesichts einer solchen öffentlichen Stimmung konnten die in Landsberg einsitzenden Industriekapitäne seit Gründung der Bundesrepublik auch in der Politik auf Fürsprecher hoffen: von Konrad Adenauer über Theodor Heuss bis zu Herbert Wehner.
Carl Krauch, Otto Ambros und Fritz ter Meer wurden, ebenso wie ihr "Schicksalsgenosse" Friedrich Flick, bereits im Sommer 1950 auf Grund neuer Anrechnungsregeln für "gute Führung" entlassen. Vollends erledigte sich das Problem der "industriellen Kriegsverbrecher" (Heuss), als der amerikanische Hohe Kommissar John McCloy Ende Januar 1951 einen Großteil der Landsberger Häftlinge begnadigte; auch Alfried Krupp von Bohlen und Halbach und acht seiner Mitarbeiter kamen nun frei.
Die Erfahrung dieser Zwangspause im Rücken, hielten sich die Manager des Wiederaufbaus mit Selbstzweifeln nicht auf, allerdings auch nicht mit politischer Fundamentalopposition - im Unterschied zu 1918. Vielleicht war dafür, so paradox es klingen mag, ein Hauptgrund das außerordentlich hohe Maß an - wiederhergestellter - Kontinuität.
Auch da ging die I. G. Farben, obwohl auf Druck der Alliierten 1952 doch noch "zerschlagen", voran: Bei der BASF, bei Bayer oder bei Hoechst (um nur die wichtigsten der Nachfolgegesellschaften zu nennen) begegnete man längst wieder alten Führungskräften, und überall wurden glänzende Geschäfte gemacht. Das Anlagevermögen der "Großen Drei" lag 1955 mit gut zwei Milliarden Mark fast um das Dreieinhalbfache über dem der I. G. im Siegjahr 1940; die Bilanzsumme hatte sich mit fast vier Milliarden Mark mehr als verdoppelt.
Otto Ambros beriet die Bundesregierung nach seiner Entlassung aus amerikanischer Haft bei der Neuordnung der süddeutschen I. G.-Werke. Wo er auftrat, wurde die Vergangenheit diskret beschwiegen, jedenfalls von seinen Generationsgenossen. Im Frankfurter Auschwitz-Prozess trat er 1965 als Zeuge auf. Mit Blick auf seine Nachkriegshaft sagte er: "Mir ist heute noch unklar, warum ich verurteilt wurde."
"Im Frieden für die Menschheit, im Krieg für das Vaterland."
Fritz Haber, Erfinder der von BASF genutzten Ammoniakgewinnung
"Hitlers Hauptauftrag an die I. G. lautete: Die Befreiung der deutschen Außenpolitik von den Fesseln, die sie an die Ölquellen
und Kautschukplantagen ihrer Feinde banden."
Joseph Borkin, US-Autor ("Die unheilige Allianz der I. G. Farben")
* Oben: I. G.-Farben-Vorstandsmitglieder Heinrich Hörlein, August von Knieriem, Fritz ter Meer (vordere Reihe); Carl Lautenschläger, Hans Kühne, Wilhelm Mann und Monowitz-Betriebsmanager Walther Dürrfeld (hintere Reihe); unten: 1997 in Frankfurt am Main während der Hauptversammlung der "I. G. Farben in Abwicklung". * Baustellen-Inspektion mit SS-Führer Heinrich Himmler (2. v. r.) und Buna-Bauleiter Max Faust (r.). * Nach seiner Verhaftung (1947).
Von Norbert Frei

DER SPIEGEL 20/2001
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SERIE - TEIL 2 MANAGER OHNE MORAL:
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