14.05.2001

Die Gegenwart der Vergangenheit„HEIL, HERR HITLER“

Ist der Parvenü Hitler dank Millionenspenden der Großindustrie an die Macht gelangt? Tatsächlich schafften die Nationalsozialisten den Aufstieg ohne nennenswerte Hilfe der Schlotbarone.
Normalerweise ließ der Düsseldorfer Industrieclub nur einen kleinen Konferenzraum im Parkhotel reservieren, wenn er seine Mitglieder zum Vortrag eines Gastredners lud. Der Clubvorstand wusste, dass üblicherweise lediglich ein Bruchteil der Mitglieder kommen würde.
Doch am Abend des 26. Januar 1932 war sogar der Große Ballsaal des Luxushotels überfüllt. Einige der über 600 Industriellen mussten stehen; zu spät Gekommene konnten nur noch in einem angrenzenden Raum über Lautsprecher mithören, was der Referent von der Rednertribüne im Ballsaal herab vortrug.
Es war Adolf Hitler, der Shooting Star der Polit-Szene Anfang der dreißiger Jahre, der dem vornehmen Industrieclub ein volles Haus bescherte. Die Unternehmer, Verbandsfunktionäre oder Syndizi wollten von ihm Näheres über die obskuren Wirtschaftsprogramme der Nationalsozialisten (NS) erfahren, die mal die Verstaatlichung der Banken und der Großindustrie forderten, mal das Privateigentum garantierten.
Hitler wusste natürlich, was das konservative Auditorium von ihm hören wollte - und was nicht. Er pries Leistungsprinzip und Privateigentum, wetterte gegen die Demokratie, in der die Fähigen von den Dummen, Feigen und Faulen majorisiert würden. Er geißelte die Vorstellungen von einer Wirtschaftsdemokratie und warnte, natürlich, vor dem Bolschewismus.
Dass der Parvenü Hitler vor einem so illustren Kreis auftreten durfte, werteten Sozialdemokraten und Kommunisten prompt als Beweis für das Zusammenspiel von Großkapital und NSDAP. Und auch linke Nazis, die - anders als Hitler selbst - das Sozialistische im Namen der Partei ernst nahmen, wurden misstrauisch, weil die NS-Propaganda den Abend in Düsseldorf als "Durchbruch bei den westdeutschen Industriekapitänen" feierte.
So entstand und verfestigte sich das Bild vom Großkapital, das den Aufstieg Hitlers förderte, weil der versprach, die Macht der Linken zu brechen, und mit seinem Traum von der nationalen Wiedergeburt große Rüstungsaufträge verhieß. Wie sonst denn hätten die Nazis ihre Daueragitation finanzieren können, wenn nicht mit Millionen von Krupp, Klöckner und Co.? Und dankte nicht der "Führer" nach 1933 seinen Gönnern, indem er die Linken ausschaltete und die Konzerne mit Rüstungsorders eindeckte?
Richtig ist die These vom frühen Machtkartell der Reichen und der Braunen dennoch nicht. "Bei den Ereignissen, die Hitler schließlich an die Macht brachten", konstatiert der US-Historiker Henry Turner, "spielte das Unternehmertum keine nennenswerte Rolle. Politisches Gewicht und politischer Einfluss, nicht wirtschaftliche Potenz, gaben beim Zustandekommen des Dritten Reiches den Ausschlag."
Auch die Bedeutung des Düsseldorfer Treffens wurde weit überschätzt. Die wirklich einflussreichen Industriellen an Rhein und Ruhr waren dem Abend ferngeblieben oder zeigten sich enttäuscht.
Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Chef des Hauses Krupp und Vorsitzender des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Paul Reusch, Vorstands-
vorsitzender der Gutehoffnungshütte, Fritz Springorum vom Hoesch-Konzern, Stahlmagnat Peter Klöckner und Paul Silverberg, Herr über das größte Braunkohle-Unternehmen, mochten sich nicht dem Volkstribun im Ballsaal zu Füßen setzen. Krupp schützte einen anderen Termin vor.
Albert Vögler, Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Stahlwerke, und dessen Stellvertreter Ernst Poensgen waren zwar erschienen, aber angetan von Hitlers Rede waren sie keineswegs. Vögler warnte, aus Düsseldorf heimgekehrt, "aufs Eindringlichste vor den nationalsozialistischen Experimenten", berichtete der Dortmunder "Generalanzeiger".
Unter den Angehörigen der Crème de la Crème im Revier war allein Konzernerbe Fritz Thyssen vom Gast begeistert. Seine Dankadresse an den Redner beendete er mit einem "Heil, Herr Hitler". Thyssen hatte auch die Einladung betrieben.
Schon seit 1930 hatte der Ruhrindustrielle offen mit den Nazis sympathisiert. Zur Finanzierung des "Braunen Hauses" in München steuerte er sechsstellige Spendenbeträge bei. Seinem "Freund Hauptmann Göring", wie Thyssen den späteren Reichsmarschall nannte, steckte er persönlich Zehntausende zu, um diesem den "seiner Persönlichkeit angemessenen" Lebensstil zu ermöglichen.
Die anderen Ruhrmagnaten, die, wenn überhaupt, Nazis nur relativ geringe Summen zukommen ließen, betrachteten Thyssens NS-Engagement als dessen private Angelegenheit. Ärger gab es nur, als Thyssen den Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Nordwest veranlasste, den Nationalsozialisten 100 000 Mark aus einem Fonds zu spenden, der zur Unterstützung bestreikter Firmen dienen sollte. Thyssen musste, um den Rauswurf des Funktionärs durch Gustav Krupp zu verhindern, den Betrag erstatten.
Wie Göring hatten andere, vermeintlich moderate Nazi-Größen ebenfalls Gönner in der Industrie - wenn auch in bescheidenerem Maße. So erhielt NS-Wirtschaftsexperte Walther Funk spätestens seit Frühjahr 1931 vom Bergbauverein monatlich 2000 bis 3000 Mark, Organisationsleiter Gregor Strasser sogar 10 000 Mark. Vielfach verjuxten die Spendenempfänger die Zuwendungen einfach nur. So schilderte NS-Wirtschaftsberater Otto Wagener dem "Führer" empört, dass Funk bei einer Sauftour durch Münchner Lokale sturzbetrunken Kellner und Toilettenfrauen mit Trinkgeldern bis zu 100 Mark bedachte und dennoch überall herausgeflogen sei. Zur Enttäuschung Wageners lachte Hitler nur über Funks Eskapaden.
Bis zur Errichtung der Nazi-Diktatur blieb Fritz Thyssen der einzige Großindustrielle, der ganz und gar auf Hitler setzte. Die anderen spendeten ungleich mehr Geld für die bürgerlichen Rechtsparteien DNVP und DVP als für die suspekte NSDAP. Aber woher kam dann das Geld für Hitlers Partei?
Es waren vor allem die Beiträge, Geld- und Sachspenden, Eintrittsgelder und unentgeltlichen Arbeitseinsätze der Parteimitglieder und -anhänger selbst, die es den Nationalsozialisten von 1930 an ermöglichten, permanent Wahlkampf zu führen. Dank der Opferbereitschaft gläubiger Parteisoldaten war die NSDAP weit weniger auf Fremdmittel angewiesen als mitgliederschwache bürgerliche Parteien.
Als die NS-Macht installiert war, reagierten die standesbewussten Konzernlenker wie alle anderen Eliten: Sie ordneten sich geschmeidig den neuen Herren unter. Das fiel ihnen insofern besonders leicht, als sich nach der Weltwirtschaftskrise die Auftragsbücher füllten und Deutschland die Depression weit schneller überwand als die meisten anderen Industrieländer.
Während Hitler und seine Komplizen den Rechtsstaat beseitigten, die Juden verfolgten und politische Gegner terrorisierten, war in der Wirtschaft zunächst Business as usual angesagt. Ein so distinguierter Herr wie der einstige Berufsdiplomat Krupp von Bohlen und Halbach fand nichts dabei, seinen Arm zum Hitlergruß zu heben.
Der einzige Großindustrielle, der im Dritten Reich offen mit Hitler brach, war ausgerechnet jener Mann, der vor 1933 als Einziger seiner Kaste vom Führer geschwärmt hatte: Fritz Thyssen.
Am Tag des Kriegsausbruchs setzte sich der schon längst von der Gewaltpolitik der Nazis angewiderte Magnat in die Schweiz ab und ging dann nach Südfrankreich. Dort ließ die Marionetten-Regierung von Vichy das Ehepaar Thyssen 1940 festnehmen und lieferte es den rachsüchtigen Nazis aus.
Die steckten ihren einstigen Vorzeige-Industriellen und dessen Ehefrau erst in eine Nervenheilanstalt, später in die KZ Oranienburg, Buchenwald und Dachau. Während der Haft erschien im Ausland unter Thyssens Namen das Buch "I paid Hitler", geschrieben von einem Journalisten, dem der Emigrant seine Karriere unter dem Hakenkreuz geschildert hatte. Nach dem Krieg blieb der Ex-Nazi zunächst in Haft - diesmal als Gefangener der Amerikaner. 1948 stufte eine Spruchkammer ihn als "minderbelastet" ein und ließ ihn frei.
Auch Albert Vögler, den letzten der alten Revierfürsten, der bei Kriegsende noch an der Spitze seines Konzerns stand, wollten die Amerikaner internieren. Doch der Chef der Vereinigten Stahlwerke zerbiss eine Giftampulle, nachdem ihn US-Soldaten in seiner Villa festgenommen hatten. WALTER KNIPS
* Mit Albert Vögler (2. v. l.), Fritz Thyssen (4. v. l), Walter Borbet (5. v. l.) im Ruhrgebiet 1935.
Von Walter Knips

DER SPIEGEL 20/2001
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