14.05.2001

FUSSBALLYin und Yang im Ruhrpott

28 Millionen Mark investierte Schalke 04 in zwei kaum bekannte Stürmer. Mit seinen Toren hat das ungleiche Paar dem Club die Teilnahme an der lukrativen Champions League gesichert.
Zum Zeichen seiner Bußfertigkeit zieht Ebbe Sand noch immer die Schultern ein, wenn er aus dem drei Wochen alten Brief zitiert. An den "sehr geehrten Herrn Sand" schrieb, irgendwie bedrohlich distanziert, die elfjährige Denise ihre Beschwerde: Er habe sie mit ihrem Autogrammwunsch am Trainingsplatz achtlos übergangen.
Sand ist untröstlich. Wie konnte das nur passieren? Bis zu 20 Minuten unterschreibt er täglich, noch im verschwitzten Trainingsdress, für wartende Fans nach Dienstschluss Poster oder Trikots. Denise, stöhnt er, müsse er übersehen haben.
Für Sands Partner im Sturm des FC Schalke 04 wäre solches Ungeschick wohl keine Reue wert. Kritische Fanpost dürfte Emile Mpenza, so er sie denn verstehen könnte, nicht den Schlaf rauben. Als ihm das letzte Mal eine junge Dame schriftlich ihr Leid klagte, kommentierte der Belgier das achselzuckend in seiner Heimatsprache Französisch: "Alles nur Gerüchte."
Es handelte sich - während der Europameisterschaft 2000 - um Mpenzas Lebensgefährtin, die via Zeitungsinterview darüber Klage führte, dass der geliebte Fußballprofi seit einem halben Jahr eine neue Gespielin bevorzuge.
Es ist ein seltsames Paar, das bei dem Kultverein aus Gelsenkirchen die Abteilung Angriff bildet. Und dass es höchst erfolgreich funktioniert, ist nicht nur wegen der unterschiedlichen Sensibilitäten eine mittlere Sensation. Unterschiedlicher als diese beiden Kollegen könnten zwei Mitarbeiter nicht sein. Manager Rudi Assauer nennt den verlässlichen Dänen einen "geborenen Schwiegersohn" und den Sohn zairischer Belgien-Immigranten einen "Luftikus".
Mögen Sand und Mpenza als Doppel annähernd so geistesverwandt sein wie Anna Kurnikowa und Mutter Teresa: Auf dem Fußballplatz harmoniert das Schalker Gespann wie kein anderes in der Bundesliga. Die sportlichen Stärken des Duos münden in einer gemeinsamen Torausbeute, die am Saisonende wohl die der gesamten Spielvereinigung Unterhaching übertroffen haben wird.
Zu den meisten Sand-Treffern gab Mpenza die Vorlagen - und umgekehrt. "Der Fußball", sagt der Belgier, der wegen eingeschränkter Deutsch- und Englischkenntnisse kaum einen ganzen Satz mit dem Partner wechseln kann, "vereinigt uns".
Dieser Ruhrpott-Dualismus hat den Schalker Frühling gebracht. Weil nämlich der Angriff, wie Mitspieler Michael Büskens weiß, "bei uns das i-Tüpfelchen" ausmache, ist vornehmlich dem dänisch-belgischen Sturm der Aufschwung zu danken: Mit der Qualifikation für die Champions League wurde das Saisonziel des Clubs, der zudem das DFB-Pokalfinale erreicht hat, vorzeitig übertroffen.
Damit hat sich der finanzielle Kraftakt - Sand kostete 11 Millionen Mark, Mpenza 17 Millionen - bezahlt gemacht. Gezielte Risikobereitschaft, so lehrt die Schalker Einkaufspolitik, verspricht in der Bundesliga ziemlich rasche Rendite.
Denn noch sind die hiesigen Clubs nicht gespickt mit Superstars wie etwa Real Madrid. Ein einziger Zukauf kann den Unterschied zwischen Mittelmaß und Spitze, zwischen Überlebenskampf und der Zugangsberechtigung zu Europas Fleischtöpfen bedeuten. So verspricht sich auch Borussia Dortmund mit dem Erwerb Tomàs Rosickýs aus Prag (für 25 Millionen Mark) mittelfristig einen nachhaltigen Qualitätssprung.
Beim Rivalen Schalke blickte die Fangemeinde noch konsterniert, als sich das Management 1999 vom Aufsichtsrat grünes Licht für eine Kreditaufnahme über 20 Millionen Mark geben ließ. Inzwischen hat das stürmende Tandem, das mit langfristigen Verträgen an den Revierclub gebunden ist, nicht nur den eigenen Marktwert gesteigert. Auch der Verein hat wirtschaftlich profitiert.
Sand, im Sommer 1999 von Brøndby Kopenhagen gekommen, und Mpenza, ein halbes Jahr später bei Standard Lüttich ausgelöst, sorgten zunächst mal dafür, dass die Konkurrenz mächtig Respekt vor den Blau-Weißen hat. Kaum ein Gegner besaß in dieser Spielzeit den Mut, das Team von Trainer Huub Stevens gleichsam mit offenem Visier zu bekämpfen. Die Furcht vor Konterattacken der technisch wie athletisch versierten Stürmer war meistens zu groß.
So kehrt der Uefa-Cup-Sieger von 1997 nun, nach zwei mageren Jahren, genau rechtzeitig ins lukrative internationale Geschäft zurück. Denn am 13. August wird das neue Stadion eröffnet, die wohl modernste Fußball-Spielstätte Europas. Und für die Auslastung der Arena "Auf Schalke" ist die Teilnahme an der Champions League ebenso entscheidend wie für die Vermarktung der Immobilie. Einnahmen von rund 30 Millionen Mark sind mit den Auftritten in der europäischen Eliteliga schon mal garantiert.
Standesgemäß lässt sich in diesen Tagen der belgische Nationalspieler Mpenza von einem Freund im offenen BMW-Cabrio vor dem Nachmittags-Training zum Club der Neureichen chauffieren. "Bild" nannte ihn den "lockersten Jungen der Liga".
Kamerad Sand ist vom Mittagsschlaf an seinem Wohnort Borken gekommen und steht als Erster auf dem Platz. Er schleppt die Trainingsbälle und die Trainingsleibchen, und als ihn die Eltern eines jungen Fans bitten, für ein Erinnerungsbild zu posieren, nimmt er auch noch das Kind auf den Arm.
Typisch Sand. Der Däne, erinnert sich Manager Assauer, habe sich nach der Vertragsunterzeichnung "für das Vertrauen" bedankt: "Das Wort ,Danke' hatte ich von einem Profi lange nicht gehört."
Längst ist Ebbe Sand bei Sponsorenterminen der Vorzeige-Schalker. Auf dem Platz, lobt Trainer Stevens, kämpfe er "um jeden Zentimeter Boden". In Kopenhagen holte er einst einen Trainingsball, den er weit über den Zaun geschossen hatte, persönlich von der Autobahn zurück. Warum, war für ihn keine Frage: "Wissen Sie, was so ein Ball kostet?"
Mpenza ist anders. Wenn er ein Tor erzielt hat, reißt sich der Belgier das Trikot vors Gesicht, damit das Publikum seinen imposanten Oberkörper sieht. Wenn Sand ins Tor trifft, läuft der brav auf den Flankengeber zu, um sich zu bedanken.
Die beiden Stürmer ergänzen sich in ihrer Gegensätzlichkeit wie Yin und Yang. Wenn Mpenza in der Abwehr mithilft, grätscht er spektakulär und spielt den eroberten Ball mit der Hacke weiter. Wenn Sand die Defensivabteilung unterstützt, fällt das nicht weiter auf, weil es eine pure Selbstverständlichkeit ist. "Ich mag viel in Bewegung sein", sagt er. Außerdem sei er "so ein Typ, der denkt: Ich hab viel gekostet, das gebe ich zurück".
Womöglich war der Karriereverlauf stilbildend. Sand, im Fischerort Hadsund auf der Halbinsel Jütland aufgewachsen, wechselte mit 19 Jahren, gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Peter, aus der siebten in die erste Liga. Bis dahin hatte er nur einmal pro Woche trainiert.
In diesem Alter war Mpenza schon Nationalspieler. Gemeinsam mit Bruder Mbo sorgte der schüchterne Emile, bei Mutter Rosalie immer "der kleine Verwöhnte", im Angriff des belgischen Provinzclubs Royal Excelsior Mouscron für Furore. "Magic Mpenza" ("Bild") fielen die frühen Erfolge ebenso zu wie die Angebote der Spielervermittler.
Sand dagegen musste fehlendes Talent kompensieren - "mit Willen und Einstellung", sagt er. In Kopenhagen beendete der frühere Mittelfeldspieler vorsichtshalber erst sein Studium, ehe er 1997 zum ersten Mal als Profi spielte. Ein Jahr lang arbeitete er aber noch nebenher 15 Stunden als Bauingenieur. 1998 wurde er Torschützenkönig und Dänemarks "Fußballer des Jahres".
Die Karriere hatte gerade richtig begonnen, als die Ärzte bei ihm Hodenkrebs diagnostizierten. Den Untersuchungstermin im Krankenhaus hatte der Stürmer um zwei Tage auf einen Donnerstag hinausgezögert, obwohl er schon "wusste, dass da irgendwas nicht richtig war". Mittwochs musste Sand nämlich noch mit Brøndby IF die Qualifikation zur Champions League gegen Kosice schaffen. Nach dem Sieg feierte er mit der Mannschaft die ganze Nacht.
Drei Wochen nach der Operation stand er beim 2:1-Sieg gegen Bayern München wieder auf dem Platz. "Ich wollte so schnell wie möglich diesen Kampf gewinnen."
Ebbe Sand gilt als geheilt. 15 Monate nach der Hodenoperation brachte Ehefrau Trine, seine Jugendliebe, den gemeinsamen Sohn Mikkel zur Welt.
Mpenza hat sich die Ratschläge des Sturmpartners eingeprägt: "Man muss an sich selbst glauben. Man darf niemals die Hoffnung verlieren. Man darf nie die Hände in den Schoß legen." An dem freundlichen Dänen mag er "die Gelassenheit".
Seit er Sand kennt, ist Mpenza sein Popstar-Image offenkundig peinlich. Er sei "gereifter" inzwischen und will "mit mehr Respekt behandelt" werden.
Er möchte keine Termine mehr vergessen und nicht mehr ständig zu Clubs nach England oder Italien wechseln. Neuerdings redet er von Disziplin und Muskeltraining; und um "den Organismus zu stärken", legt er Wert auf drei Mahlzeiten pro Tag. Das praktische Hotelleben gab er auf und suchte in Stadionnähe eine Wohnung für sich und seine Freundin, die Kosmetikerin Nathalie.
Es scheint, als werde Mpenza solide. Früher trugen seine wechselnden Bekanntschaften Titel wie "Miss Belgien" oder "Miss Beauty". Und seine Fahrzeuge hatten bis zu 400 PS.
Nach zwei Totalschäden innerhalb eines Jahres auf belgischen Autobahnen wechselte der leichtlebige Porsche- und Ferrari-Fan in einen gediegenen Geländewagen. Schalkes Manager Rudi Assauer trifft an der sich ankündigenden Imagekorrektur keine Schuld. Er hat ihn trotz aller Eskapaden "nicht umkrempeln" wollen - aus Furcht, Mpenza verliere sonst "seine Unbekümmertheit auch auf dem Platz".
Dabei möchte Mpenza wohl nur werden wie sein Vorbild. "Ich will mich seinem Charakter angleichen", verrät er leise. "Ebbe Sand lebt so schmucklos und einfach." JÖRG KRAMER
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 20/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 20/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FUSSBALL:
Yin und Yang im Ruhrpott

  • Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen: Die größte Felsbrücke der Welt
  • Recycling in China: Familie Peng im Plastikmüll
  • Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Seltene Aufnahmen: Hier schlüpft gerade ein Tintenfisch