DER SPIEGEL



POP

Wolken über dem Bunker

Von Wellershoff, Marianne

Mit politischen deutschen Texten ist die Hamburger Band Blumfeld erfolgreich geworden. Nun legen sie ihr neues Album vor.

Vielleicht sähe die Welt für Jochen Distelmeyer ein wenig sonniger aus, wenn er nicht in Hamburg leben würde. So aber fragt er sich: "Wo ist der blaue Himmel hin?" Dann singt er traurig: "Es regnet, und ich kann nicht mehr."

"Graue Wolken" heißt dieses Stück von Distelmeyers Band Blumfeld, das die Trübseligkeit des Lebens beschreibt und die ewigen Selbstzweifel - mit denen Distelmeyer sich seit dem 1992 erschienenen Debüt "Ich-Maschine" herumquält. Anfang nächster Woche veröffentlicht die Hamburger Band mit "Testament der Angst" (Eastwest/Warner) nun ihr viertes Album.

"Diskurspop" heißt die nicht zuletzt für Blumfeld erfundene Kategorie, mit der die ungewöhnliche Mischung aus Popmusik und zergrübelten, manchmal auch aggressiv gesellschaftskritischen Texten beschrieben werden soll: "Die Diktatur der Angepassten/Das Geld vibriert, und auf den Genchips diktiert ein freier Markt das Leben", klagt Distelmeyer beispielsweise auf dem neuen Album und hat mit diesem Zorn des Gerechten den Protestsong in das neue Jahrtausend gerettet.

Zusammengefunden hatten Blumfeld sich Anfang der neunziger Jahre als Rocktrio und wurden bald tragender Teil der so genannten Hamburger Schule: Irritiert von der National-Euphorie nach der Wiedervereinigung, suchten linksintellektuelle Bands damals nach einem politischen Standpunkt. Dazu gehörte auch, dass Blumfeld niemandem ein Interview gaben, den sie nicht für politisch korrekt hielten.

Für Distelmeyer wurde die Suche nach der richtigen Haltung, nach dem richtigen Ort zum Dauerzustand. Auf dem zweiten, 1994 erschienenen Album "L'Etat Et Moi" sang er beispielsweise: "Überall wo ich nicht bin, bin ich am besten aufgehoben". Von ihrer Grübel-Musik verkauften Blumfeld nicht nur in Deutschland Zehntausende von Alben. Die Gruppe ging auch in den USA auf Tour und war bei einem englischen Label unter Vertrag. Das Goethe-Institut schickte Blumfeld sogar auf eine Südamerika-Reise als Beispiel für modernes deutsches Kulturgut.

Die Gruppe scheut sich nicht davor, ihre Fans immer wieder zu irritieren. So trug Distelmeyer auf "Old Nobody" noch vor dem ersten Lied minutenlang ein selbst geschriebenes Gedicht vor. Und Blumfeld, inzwischen vom Trio zum Quartett erweitert, spielte keine Rockmusik mehr, sondern harmonischen, leichten Pop. Natürlich war in den Musikzeitschriften gleich die Rede vom Ausverkauf an den Mainstream. Auf "Testament der Angst" klingt die Musik nun noch eingängiger, und die Band gibt auch Musiksendern ausführliche Interviews.

Trotzdem ist Distelmeyer sich über die Jahre treu geblieben. Zwar ist er reifer geworden, und auch klappt es mit der Liebe besser - auf "Ich-Maschine" erklärte er noch: "Ich will kein Versprechen geben, beim Frühstück würde ich es brechen", während er nun singt: "In guten wie in schlechten Zeiten will ich dich lieben und mit dir leben." Aber er protestiert noch immer gegen Krieg und Nato.

Vielleicht liegt das auch ein bisschen daran, dass Blumfeld in einem Bunker proben. MARIANNE WELLERSHOFF


DER SPIEGEL 20/2001
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