Von Leick, Romain
Eine Frau richtet den Blick auf sich selbst, scharf, kalt und teilnahmslos. Sie beobachtet sich bei der einzigen Aktivität, die für sie zählt: bei der Kopulation. Und was sie sieht, beschreibt sie in einer geordneten Folge von Bildern und Szenen so präzise und ungerührt wie ein Forscher Insekten unter dem Mikroskop.
Die Kritiker sind sich einig: Noch nie hat in Frankreich eine Frau ihr Geschlechtsleben so schonungslos erzählt wie Catherine Millet. Ihr Bericht, vor einem Monat erschienen, steht auf Platz eins der Bestsellerliste, an die 100 000 Exemplare wurden bisher verkauft - wie es heißt, an eine überwiegend weibliche Leserschaft*. Vorige Woche sicherte sich der Münchner Goldmann Verlag zum Preis von 650 000 Mark die deutschen Rechte.
Natürlich haftet dem Buch der Ruf des Skandalösen an, voyeuristische Gier erklärt zum Teil seinen Erfolg. Die Autorin Catherine Millet, 53, ist eine Dame von anerkanntem Rang in der Gesellschaft wie im Kulturbetrieb. Chefredakteurin der Zeitschrift "artpress", Spezialistin für das Werk des Malers Yves Klein, hat sie mehrere Bücher über zeitgenössische Kunst geschrieben und war 1995 Kommissarin des französischen Pavillons bei der Biennale in Venedig.
Und nun das: "Ich habe im Alter von 18 Jahren aufgehört, Jungfrau zu sein - was nicht besonders früh ist -, aber ich habe gleich in den ersten Wochen nach meiner Defloration zum ersten Mal an Sexpartys teilgenommen." Diese Wende ihres Lebens bleibt für sie bis heute eine fast zufällige, unerklärte Tatsache. Seitdem "fickt sie, wie sie atmet",
in einer endlosen Folge von Umarmungen
mit Männern, die sie nicht mehr zählen kann, vollkommen verfügbar, "eine Person ohne jedes Verbot und außergewöhnlich hemmungslos".
Catherine M. treibt es überall, in freier Natur, auf Parkplätzen, im Büro und in Swinger-Clubs. Sie kennt keine Grenzen, die ihr Ekel oder auch nur Widerwille ziehen könnten. Sie vögelt mit Muskulösen genauso wie mit Dickbäuchigen und Schwitzenden. Manchmal verharrt sie beim Akt drei, vier Stunden lang auf dem Tisch ausgestreckt, bis am Ende ihre weit gespreizten Schenkel ganz steif werden.
An den größten Sexorgien, zum Beispiel im "Chez Aimé", einem inzwischen geschlossenen Etablissement außerhalb von Paris, konnten bis zu 150 Personen teilnehmen, darunter "ein Viertel oder ein Fünftel, deren Geschlecht ich nach allen Modalitäten nahm: in die Hände, in den Mund, mit der Möse und mit dem Arsch".
Immer nur das Eine, überall Schwänze, die sich begierig erheben, in staunenswerter Formenvielfalt, so exakt beobachtet, wie einst der britische Anonymus "Walter" in seinem erotischen Tagebuch aus dem viktorianischen England die Vulva studierte. "Sie kamen, um über mein Gesicht zu spazieren oder ihre Eichel an meinen Brüsten zu reiben. Ich liebte es, einen im Vorbeigehen zu erwischen, in meinen Mund zu nehmen, meine Lippen darüber kommen und gehen zu lassen, während schon ein weiterer auf der anderen Seite, an meinem gestreckten Hals, seinen Anspruch erhob."
Die Frau als aktive Spinne in der Mitte ihres Netzes, während sich die Männer mit grotesker, ameisenhafter Entschlossenheit darauf zu bewegen - für Liebe und Gefühl gibt es da keinen Platz, und selbst die Lust bleibt ungreifbar: "Wenn ich mich während des Akts im Spiegel sehe, sehe ich vollkommen ausdruckslose Züge."
Die Radikalität dieses lakonisch und minutiös geschriebenen Berichts, der kein eigentliches Bekenntnis und schon gar keine Beichte ist, keine Provokation und keine Verherrlichung des Sexus, besteht in seiner totalen, unerhörten Gelassenheit. Weil Catherine M. überhaupt keine Scham kennt, kann sie auch nicht schamlos sein.
Der Marquis de Sade, der in Frankreich gern der Göttliche genannt wird, phantasierte von Frauen "im Naturzustand", die alle Bindungen und Vorurteile abgelegt hätten. Aber er brauchte zu seiner Erregung zwingend den Tabuverstoß, während die feinsinnige Madame Millet in einer Welt ohne moralische Schranken lebt, mit nur ganz wenigen Regeln: niemals im Ehebett, niemals vor Kindern und keinerlei sadistische Impulse.
Catherine Millet fühlte sich immer gut und aufmerksam behandelt, nie hatte sie unter ungeschickten oder brutalen Gesten zu leiden. Das mag daran liegen, dass sie bei aller Wahllosigkeit in besten Kreisen verkehrte, obwohl sie ihre Orgien (Französisch "partouzes") als eine Art sexueller Sozialdemokratie schildert, in der Männer ohne Gesicht und Identität, mithin ohne Ansehen des Standes und der Person, nehmen und genommen werden.
Sogar ihr Ehemann, der Schriftsteller Jacques Henric, den sie seit 30 Jahren kennt und den sie vor gut 10 Jahren "wegen der Steuern" heiratete, bleibt seltsam fremd. Eher ein Schürzenjäger der konventionellen Sorte, ist er vor allem von ihrem Hintern fasziniert. Vom Gruppensex hielt er sich immer fern, ohne Regungen von Eifersucht zu zeigen. Genüsslich wie ein Spanner machte er seit Beginn ihrer Beziehung Tausende Nacktaufnahmen von Catherine Millet, auch unvermutet an öffentlichen Orten, zum Beispiel einer Bahnhofshalle. Eine kleine Auswahl aus dem bizarren Familienalbum hat er, mit Kommentaren dazu, zeitgleich in einem eigenen Bändchen veröffentlicht*.
Entblößt sich hier wirklich die total befreite Frau, als die Catherine Millet nun halb ehrfürchtig, halb schaudernd gerühmt wird? Sie könnte einem Roman von Michel Houellebecq entsprungen sein.
Aber anders als Houellebecq oder so offenherzige Autorinnen wie Christine Angot, Annie Ernaux und Camille Laurens kennt Millet keine Verzweiflung, keine Angst, Fremdheit und Hörigkeit. Das Verblüffende - oder Bestürzende, je nachdem - an Catherine Millets sexueller Autobiografie ist ihre absolute "Gleichgültigkeit gegenüber der Benutzung der Körper", das Ficken "in der vollständigen Unentschlossenheit der Lust", Sex als nihilistisches Gedankenspiel - Porno schick statt Porno schock. ROMAIN LEICK
DER SPIEGEL 20/2001
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