21.05.2001

FUSSBALL

Aufstieg aus Ruinen

Von Thielke, Thilo

Union Berlin, zu DDR-Zeiten der Club der Andersdenkenden, steht am Samstag im DFB-Pokalfinale gegen Schalke 04. Zwei Wessis haben den Drittligisten vor dem Bankrott bewahrt.

Der Stammplatz des Trainers befindet sich ganz hinten im Bistro eines Plattenbaus. Georgi Wassilew, Coach des 1. FC Union Berlin, macht es sich abends gern im Tierparkhotel in Lichtenberg bequem. Zu DDR-Zeiten war das ein Jugendtouristhotel - und so sieht der graue Klotz mit 278 Zimmern, trotz renovierter Fassade und neuer Rezeption, eigentlich immer noch aus. Hier, im Berliner Osten, finden Tagungen statt, auf denen die "Rückgangsursachen des Feldhasen" erforscht werden oder der "Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe" zum Terristik-Symposium einlädt.

Unermüdlich karren Busse Reisegruppen heran, und alle zwei Wochen, vor ihren Heimspielen, kommen auch die Fußballer vom 1. FC Union. Andere Menschen würden an diesem Ort depressiv werden, doch Georgi Wassilew, 54, fühlt sich wohl. Die schüttere Herberge erinnert den Bulgaren, der ohne seine Familie nach Deutschland gekommen ist, ein wenig an daheim.

Von seinem Präsidenten wird der bisweilen etwas grantelig wirkende Mann nicht ganz zu Unrecht "der Ernst Happel des Balkan" genannt. In seiner Heimat ist er schließlich eine Autorität, gewann viermal die bulgarische Meisterschaft und hat mehr Europapokalerfahrung als mancher deutsche Fußball-Professor. Dieses Renommee hielt Wassilew indes vor zwei Jahren nicht davon ab, sich einen deutschen Drittligisten anzutun, der im Tabellenmittelfeld dümpelte und den Ruf genoss, eigentlich untrainierbar zu sein.

Union, das war ein verwelkter Mythos. Eine Institution, von den Zeitläuften überflüssig gemacht. Denn der Verein aus dem alten Arbeiterbezirk Köpenick galt in der DDR als Sammelbecken der Andersdenkenden. Im Stadion an der Alten Försterei trafen sich Hippies, Punks, Dissidenten, kurzum: gesellschaftliche Quergeister. "Nicht jeder Union-Fan ist Staatsfeind", formulierte ehedem der Chefredakteur des Ost-Berliner Satireblatts "Eulenspiegel", "aber jeder Staatsfeind ist Union-Fan."

Wassilew hat die Legende mehr als nur wiederbelebt. Bereits drei Spiele vor Saisonschluss konnte die Mannschaft den Aufstieg in die Zweite Liga perfekt machen, am Samstag steht sie gegen den FC Schalke 04 im Finale des DFB-Pokals, und im September wird sie infolge dessen den deutschen Fußball sogar auf der internationalen Bühne des Uefa-Pokals vertreten. Wassilew könnte selbstzufrieden Champagner trinken und wie andere vom FC Barcelona oder AC Milan als möglichen Gegnern reden, er bestellt sich einen Kaffee.

Als nach dem geglückten Aufstieg 7000 Zuschauer das Union-Ensemble feierten und den Trainer hochleben ließen, hatte Wassilew minutenlang herumgerechnet und vor der Tordifferenz gewarnt - so schwer fiel es ihm, an den Erfolg zu glauben. Wenn er sagt, er sei sehr stolz auf die Leistung seiner Mannschaft, dann sagt er das so leise, als sei ihm der Erfolg ein bisschen peinlich.

Lieber redet er vom "Kollektiv". Das habe die ganze Saison sehr konzentriert gespielt und es geschafft, seine "Idee von westöstlicher Flexibilität" umzusetzen - worunter er eine Mischung aus deutscher Disziplin und südosteuropäischer Spiellaune versteht.

Auch über die Leistung einzelner Spieler spricht er ungern. Selbst wenn er jetzt ständig auf den 33-jährigen Daniel Teixeira angesprochen wird. Der Brasilianer war ursprünglich nur dritte Wahl, als Wassilew ihn aus Uerdingen holte, weil seine beiden Wunschspieler nicht kommen wollten - und hatte bis zum vergangenen Wochenende bereits 31 Saisontore erzielt. "Plötzlich denken alle, was wir erreicht haben, sei normal." Ist es aber mitnichten, findet Wassilew, der 1988 an der Sporthochschule Köln sein Trainerexamen mit der Auszeichnung "Bester Abschluss eines ausländischen Absolventen" bestanden hat.

Denn vor nicht allzu ferner Zeit war Union eigentlich schon dem Tode geweiht, und der jetzige Präsident Heiner Bertram, 60, hatte noch wenig Ahnung vom Fußball. Dreimal in vier Jahren wurde dem Ost-Berliner Verein die Lizenz für den Profifußball verweigert - in einem Fall entdeckten die Buchprüfer des DFB eine gefälschte Bankbürgschaft über eine Million Mark. Im Sommer 1997 ging schließlich nichts mehr, und Bertram wurde vom damaligen Nike-Sportmanager Rolf Dohmen angesprochen.

Ob er sich nicht vorstellen könne, einen maroden Berliner Verein zu sanieren, fragte Dohmen den Geschäftsfreund, den er noch aus einer Zeit kennt, als dieser Manager beim Kaufhof in Köln war. Und weil Bertram Erfahrung darin hatte, defizitäre Unternehmen wieder flottzumachen und "sich zudem für Fußball interessierte", willigte er etwas leichtfertig ein und kandidierte für den Posten des Präsidenten.

"Einen Verein zu sanieren kann nicht so schwer sein", glaubte Bertram und täuschte sich zum ersten Mal gewaltig. 5,5 Millionen Mark Schulden und 10 Millionen Mark Forderungen der Finanzbehörden lasteten auf dem Club, und bereits nach einer Woche wusste Bertram, warum er der einzige Kandidat für den Job in Köpenick gewesen war: "Ein Verein im sportlichen Niedergang in einer Region in wirtschaftlicher Depression."

Es war trostlos: "Im Clubheim standen Nierensessel aus den sechziger Jahren und verstaubte Gummibäume wie im Finanzamt." Mit einem guten Dutzend vereinstreuer Fans packte Bertram alles zusammen: "Die halbe Geschäftsstelle landete im Müllcontainer."

Nach einigen Monaten Sisyphusarbeit wollte Bertram "aus wirtschaftlicher Vernunft" Konkurs anmelden: Den Rücktritt hatte er schon formuliert, als er sich mit Trainer und Spielern gemeinsam zur Weihnachtsfeier "in einer bescheidenen Kneipe" traf. Doch in dem Moment, da er loslegen wollte mit seiner niederschmetternden Bilanz, wurde es dem Union-Chef flau im Magen. Er steckte den Zettel mit seiner Rede von Rücktritt und Konkurs wieder in die Sakkotasche und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Dass er bei Union nicht so einfach hinschmeißen konnte, glaubt Bertram, liege wohl an seiner eigenen Geschichte. 14 Jahre alt war er, als er ohne seine Familie aus Magdeburg nach West-Berlin flüchtete und sich als Heimkind durchschlagen musste. Bertram verpflichtete sich bei der Bundeswehr und schlug eine siebenjährigen Offizierslaufbahn ein - mit der Konsequenz, dass er jahrelang nicht in die DDR einreisen durfte. Als er Ende der sechziger Jahre Vater und Mutter wiedersah, war er bereits ein erwachsener Mann.

Nach dem Mauerfall zog er sofort zurück nach Berlin: "Ein Teil meiner Motivation war es, dem Osten etwas Selbstwertgefühl zurückzugeben." Und nun stand er plötzlich da als Präsident des 1. FC Union und sollte dem Traditionsverein das Lebenslicht auspusten? Über Lokalzeitungen rief Bertram die Berliner auf, jeweils fünf Mark zur Rettung zu spenden; und auch wenn statt der erhofften einen Million nur 200 000 Mark zusammenkamen, war die Mutlosigkeit etwas gewichen.

Immer mehr Menschen erinnerten sich plötzlich des Underdogs, der im Ostfußball immer schon eine Sonderrolle gespielt hatte, weil er im Gegensatz zum Stasi-Club Dynamo und zum Armeesportclub Vorwärts den Nimbus des zivilen Vereins hatte.

Sich zu "Eisern Union" zu bekennen (der Schlachtruf geht zurück auf die Herkunft der ersten Spieler als Metallarbeiter), bietet im vereinten Berlin eine der wenigen Möglichkeiten, in Ostalgie zu schwelgen, ohne als Ewiggestriger zu gelten. Das Stadtduell des BFC Dynamo, dessen prominentester Fan der Stasi-Minister Erich Mielke war, gegen den 1. FC Union galt immer auch als Begegnung des Systems gegen das Abweichlertum. Eine sportliche Chance hatte Union nie, weil die besten Spieler regelmäßig zum Rivalen abkommandiert wurden und nicht selten die Schiedsrichter ein Übriges taten, um einen Erfolg des Außenseiters zu verhindern.

"Als Union-Fan brauchst du eine obskure Lust am Scheitern", glaubt Fanbeauftragter Sven Schlensog, 37, dessen "Masochismus" ihn schon seit 1976 ins Stadion an der Alten Försterei zieht. Es gab Zeiten, da wurden Wehrpflichtige bei der Musterung für die Nationale Volksarmee gefragt, welchen Verein sie unterstützten. "Als Union-Anhänger war man staatlichen Organen schnell suspekt."

Die emotionale Bindung hat auch den Sprung in den Kapitalismus überdauert. Als es dem Club finanziell besonders schlecht ging, fuhren Schlensog und die anderen zwar zum Auswärtsspiel gegen den West-Berliner Verein Tennis Borussia, warteten jedoch, bis sie zur Halbzeitpause ohne Eintrittskarte eingelassen wurden. Das gesparte Geld sammelten sie in einem Plastikeimer und überreichten dem Präsidenten noch im Stadion 11 000 Mark - weshalb sich dieser daraufhin "von Rentnern im grauen Anzug als Ostschwein beschimpfen" lassen musste. Dabei wohnt Bertram, der an mehreren Autohäusern beteiligt ist, selbst im noblen Charlottenburg. "Der Ost-West-Hass sitzt noch sehr tief", hat Bertram erkennen müssen.

Der Überlebenseifer der Union-Getreuen sprach sich auch bundesweit herum. Michael Kölmel, dessen Vermarktungsfirma "Kinowelt" sich inzwischen in 14 marode Traditionsvereine eingekauft hat, fand Gefallen an dem Club, den sie in Berlin gern den Kultverein nennen. Über zehn Millionen Mark investierte der Wessi Kölmel, was sich längst gelohnt hat: Bertram setzte einen rigorosen Sparkurs um, die DFB-Pokalspiele sorgten für außerplanmäßige Einnahmen, inzwischen ist der Verein schuldenfrei.

"Union ist die Nummer zwei in Berlin", freut sich Bertram. Um den unerwarteten Aufstieg aus den Ruinen nicht in Gefahr zu bringen, sieht sich der Sanierer jetzt vor der heiklen Aufgabe, den Spagat zwischen Ostidentität und professioneller Vereinsführung zu halten. Besonders gefühlslastig ist Bertram bislang nicht vorgegangen: Sofort entließ er die alten Mitarbeiter und ersetzte sie durch Westdeutsche, die er zum Teil noch von früheren Geschäften kannte. Oft spricht er von einem Unternehmen, das er vom Image der Ostinstitution befreien wolle - immerhin glaubt Bertram, auch schon West-Berliner aus Steglitz und Neukölln auf der renovierungsbedürftigen Tribüne ausgemacht zu haben.

Wie schnell Stimmung umschlagen kann und wie empfindsam Fußballfans bisweilen reagieren, weiß aber auch der Präsident. Als der Verein vor einiger Zeit zwei Spieler gehen ließ, hing im Stadion ein Transparent: "Tausche Präsidenten mit Porsche gegen Härtel und Schwanke". THILO THIELKE


DER SPIEGEL 21/2001
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