21.05.2001

AUTORENZerbrochenes Glas im Herzen

Der Rekordpreis für ein Manuskript von Céline reißt alte Wunden auf. Der Witwe des umstrittenen Genies bereitet er einen späten Triumph.
Die Verehrung der Reliquie hat ihren Preis, und die stolze Kulturnation ist bereit, ihn zu bezahlen. Für 11 Millionen Francs, mit Auktionskosten sogar über 12 Millionen (mehr als 3,5 Millionen Mark), ging vorigen Dienstag in Paris das Originalmanuskript von Louis-Ferdinand Célines monumentalem Erstlingsroman "Reise ans Ende der Nacht" in den Besitz der französischen Nationalbibliothek über.
Noch nie wurde für einen literarischen Urtext so viel geboten wie für diese 876 handgeschriebenen Blätter, sorgsam verwahrt in einem Köfferchen aus fahlrotem Schweinsleder. Damit hat Frankreich seinen verfluchten und verfemten Dichter fast 40 Jahre nach dessen Tod endgültig rehabilitiert. Céline, der Reiter der Apokalypse, der Vaterlandsverräter und Kollaborateur im Zweiten Weltkrieg, der rasende Antisemit, hat seinen Platz im Allerheiligsten des literarischen Pantheon gefunden.
Die Versteigerung des verschollenen und jetzt überraschend wieder aufgetauchten Manuskripts, das Céline 1943 für 10 000 Francs und einen kleinen Renoir an den Kunsthändler Etienne Bignou verkauft hatte, ist auch ein später Triumph für eine alte Dame, die längst mit dem Leben abgeschlossen hat. Lucette Destouches, 88, ist die Witwe des Arztes Louis-Ferdinand Destouches, der sich als Schriftsteller nach dem Vornamen seiner geliebten Großmutter Céline nannte.
Seit dessen Tod am 1. Juli 1961 lebt sie allein, nur noch umgeben von Tieren, in dem Haus in Meudon bei Paris, wo Céline seine letzten zehn Lebensjahre mit ihr verbracht hat. "Die ganze Zeit ohne ihn wollte ich ihn verteidigen, und das war meine einzige und unermessliche Stärke", vertraute die greise Frau einer Freundin an. Sie wartete darauf, dass aus "dem Gerippe, das ich noch bin, das Leben nach und nach herauströpfelt".
Lucette Destouches hat keinen leichten Kampf geführt. Céline war nach dem Krieg geächtet und verachtet, ein gebrochener, halb verrückter Mann, der voller Hass steckte und kaum noch einen Menschen sehen wollte. Verwahrlost wie ein Clochard, redete er fast nur noch mit dem Papagei Toto, den seine Frau ihm geschenkt hatte. Aber er schrieb bis zuletzt. Am Tag bevor er starb, schloss er sein letztes Werk ab, "Rigodon", eine Reportage über seine Odyssee durch das brennende, in Schutt und Asche liegende Deutschland im März 1945, die Beschreibung eines gespenstischen Totentanzes.
Wie etliche andere französische Autoren hatte Céline für das Vichy-Regime und das Dritte Reich Partei ergriffen. Aber niemand sonst schrieb derart ungeheuerliche, wahnsinnige Pamphlete gegen die Juden und ihre vermeintlichen Verschwörungen. Sogar vielen Nazis war er unheimlich; sie sahen in diesem unberechenbaren Verbündeten einen wilden Anarchisten.
Lucette Destouches erinnert sich, dass sie während der Besatzungszeit mit der Post kleine Särge in ihre Wohnung auf Montmartre zugeschickt bekamen - Todesdrohungen der Résistance. "Die Kommunisten kündigten ihm seine Ermordung an, später waren es die Juden, die es ihm besorgen wollten."
Nach der Landung der Alliierten in der Normandie floh Céline mit seiner Frau und der Katze Bébert nach Deutschland. Er wollte nach Kopenhagen, wo er vor dem Krieg Gold hinterlegt hatte. In Sigmaringen erlebte er den letzten Auftritt der Vichy-Regenten ("1142 Todgeweihte"). Beim Spaziergang im Schlosspark traf Lucette manchmal den greisen Marschall Pétain; er grüßte sie mit einer kleinen Handbewegung und streichelte sogar Bébert.
Das Exil dauerte sieben Jahre, von denen Céline anderthalb in einem dänischen Gefängnis verbrachte. Seit seiner schweren Kriegsverwundung im Herbst 1914 litt er unter ständigen Kopfschmerzen. Die Haft, erinnert sich Lucette, zerstörte ihn ganz, "sie machte einen lebenden Toten aus ihm, danach gab es nur noch Agonie".
Durch eine Amnestie vor weiteren Strafen sicher, kehrte das Ehepaar - mitsamt der treuen Katze - 1951 nach Frankreich zurück. Seine antisemitischen Pamphlete hat Céline nie bereut. Er wollte sie noch nicht einmal als schrecklichen Fehler anerkennen, erklärte sie vielmehr mit radikalem Pazifismus: Er habe um jeden Preis einen neuerlichen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland verhindern wollen, die Juden aber hätten zum Krieg gegen Hitler gedrängt.
Lucette Destouches wacht sorgfältig darüber, dass die infamen Schriften, etwa "Bagatelles pour un massacre", nie wieder veröffentlicht werden. "Immer habe ich versucht, seinen Charakter weicher zu machen", erzählt sie. "Ich mäßigte ihn, warnte ihn, diente als Puffer zwischen ihm und den anderen. Nie hat es etwas genutzt."
Im Jahr 1932 war Célines "Reise ans Ende der Nacht" mit der Gewalt eines Vulkans in der literarischen Welt ausgebrochen. Ein Roman wie ein Urschrei - Céline hatte auf Anhieb einen neuen Stil geschaffen, atemlos und emotionsgeladen, eine Sprache fürs Ohr. Er schrieb seine Bücher wie ein Komponist seine Musik und lud seine Leser zum wirbelnden Tanz.
Es bleibt ein Rätsel, wieso der Autor, der so viel Mitgefühl für die Schwachen und die Opfer empfand, der als Armenarzt in der Pariser Banlieue seine Patienten oft ohne Honorar behandelte, sich in einen tobsüchtigen Verfolger verwandeln konnte. Auch seine Witwe vermag das Geheimnis nicht ganz zu entschlüsseln, sie verweist nur auf seine abgrundtiefe Traurigkeit, vor der jedermann die Flucht ergriff: "Mein ganzes Leben mit ihm, das war, als hätte man mir Glas im Herzen zerbrochen. Ich suchte nicht das Glück mit ihm, ich strebte nur danach, ihn weniger unglücklich zu machen."
Vielleicht ist auch sie jetzt, da in den nächsten Wochen die Nationalbibliothek den frisch erworbenen Schatz ausstellen wird, ein bisschen weniger unglücklich.
ROMAIN LEICK
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 21/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUTOREN:
Zerbrochenes Glas im Herzen

  • Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet