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Bloß keine Tolle

Der Sänger und Teenie-Star Sasha, 29, über Statussymbole, Gruppendruck und Frust in der Pubertät

SPIEGEL: Sasha, die meisten Ihrer Fans sind Teenager. Es ist aber auch noch nicht so lange her, dass Sie selber einer waren. Ist es schwerer geworden, erwachsen zu werden?

Sasha: Ich habe den Eindruck, dass heute alles eher passiert. Zumindest gibt es diesen Anspruch an die Kids, erwachsen zu sein. Ich weiß aber nicht, ob sie dem nachkommen können. Vieles macht da natürlich der Umgang in der Clique aus, ob man gezwungen wird, mitzuziehen oder nicht. Bei uns gab es früher auch einen Gruppenzwang, aber der kam später.

SPIEGEL: Wie wichtig waren Cliquen zu Ihrer Schulzeit?

Sasha: Enorm wichtig. Zwischenzeitlich wurde ich sogar depressiv, weil ich feststellte, dass auch in der Clique Statussymbole wichtig wurden. Ich war zeitweise sehr neidisch auf Kinder, deren Eltern sich etwas leisten konnten.

SPIEGEL: Was zum Beispiel?

Sasha: Klamotten. Als ich in die Pubertät kam, brach der Fanatismus der Markenartikel los. Es ging in den achtziger Jahren vor allem um die richtigen Turnschuhe. Ich bekam das besonders zu spüren, weil ich nicht aus einer besonders gut situierten Familie komme, sondern allein mit meiner Mutter und meinem Bruder aufgewachsen bin.

SPIEGEL: War einem denn klar, warum ausgerechnet Turnschuhe so wichtig waren, um dazuzugehören?

Sasha: Nein. Wir waren in der Pubertät, da wird nicht viel reflektiert. Man weiß ohnehin nicht, wo man steht, man will einfach nur dazugehören. Das war die Zeit, in der man dann mal eine Woche auf dem Bett lag, um an die Decke zu starren, um über seinen Platz in diesem Kosmos nachzudenken.

SPIEGEL: Das hört sich ja trostlos an.

Sasha: Natürlich, und auch melancholisch. Das gehörte doch dazu, um mal tiefer gehende Gedanken hegen zu können. Es war frustrierend, nicht mithalten zu können.

SPIEGEL: Auch weil Sie den Mädchen imponieren wollten und das ohne das richtige Outfit nicht ging?

Sasha: Ja, das auch. Aber ich habe sehr früh versucht, das durch andere Qualitäten zu kompensieren. Bei mir haben sich wohl deshalb früh meine Entertainerqualitäten entwickelt. Aber man konnte diesem Markenfetischismus trotzdem nicht entkommen. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, und da war das ganze Gerangel noch ausgeprägter, jeder kennt jeden, und man sieht sich jeden Tag.

SPIEGEL: Bezog sich dieser Gruppendruck nur auf das Aussehen? Was war mit anderen Gemeinsamkeiten, etwa Bücher oder Filme, die man mochte?

Sasha: In den achtziger Jahren definierten wir uns vor allem über die Popgrößen.

SPIEGEL: Wenn man da einem Lager angehörte, konnte man auch wechseln?

Sasha: Ich hatte meine eigene Clique, es ging alles ziemlich demokratisch zu, und wir haben uns nicht wirklich festgelegt, ich habe auch gerne Oldies gehört. Allerdings haben wir uns immer gleich angezogen, das war ein unausgesprochener Kodex, wir hatten Stoffturnschuhe, Jeansjacken und weiße T-Shirts an. Das war ein wenig das Fifties-Flair.

SPIEGEL: Haben andere Gruppen Abwerbungsversuche unternommen?

Sasha: Doch, ja, ich war damals einmal mit einem Freund in einer Bar, die Cadillac hieß, und dort war eine Gruppe von Teddys, die uns überreden wollte, in ihr Lager zu wechseln. Aber dann hätten wir uns eine Tolle frisieren müssen. Bloß das nicht.

SPIEGEL: War es Zufall, in welcher Clique man war?

Sasha: Zuerst ja. Als ich noch in die Ganztagsklasse ging, hatte ich zwei Freunde, wir haben uns gegen die verbündet, die uns diskriminierten. Später habe ich mir meine Freunde bewusster ausgesucht.

SPIEGEL: Und Mitschüler, die gar keinen Anschluss gefunden haben, was war mit denen?

Sasha: Das ist das Grausame. Viele von diesen Leuten treffe ich heute manchmal wieder, die tragen mir zum Glück nichts nach. Aber damals wurden einige ausgestoßen. Ich war da genauso grausam, wahrscheinlich, um von mir abzulenken. Man versucht, seinen eigenen Stand aufzuwerten, indem man andere niedermacht. Das war damals so.

SPIEGEL: Gab es auch gemeinsame Träume in den Cliquen?

Sasha: Vieles, was man sich so erträumt hat, versteckte man. Manches auch innerhalb der Clique, anderes nur nach außen. Voreinander versteckte man vor allem Gefühle und Emotionen. Meistens hatte man innerhalb der Gruppen noch einen besonderen Ansprechpartner. Mit einem Freund war ich mir darüber einig, dass wir gemeinsam nach Amerika ziehen sollten. Wir hatten schon unsere Taschen gepackt.

SPIEGEL: Aber Sie blieben hier und wandten sich der Musik zu.

Sasha: Mich hat sie dazu gebracht, mich von diesem engen Cliquendenken zu lösen. Natürlich hatte ich dann aber eine andere Clique. Das war meine erste Band. Und es war mein erster Kontakt zu Leuten, die nicht aus Soest kamen, die aber schnell zu besten Freunden wurden. Ich hatte ein Faible für Kalauer, die hatte vorher aber niemand verstanden. Und diese Leute verstanden meinen Humor. Ich habe mich befreit gefühlt, mir die Ärmel vom Hemd gerissen und gesagt, ich will Rockmusiker werden.


DER SPIEGEL 22/2001
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