28.05.2001

Massengrab an der Raketenrampe

Historiker Jens-Christian Wagner über Heinrich Lübkes Rolle beim Einsatz von KZ-Häftlingen in Peenemünde

Wagner, 35, ist Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen. Sein Buch "Produktion des Todes - Das KZ Mittelbau-Dora" (688 Seiten; 98 Mark) ist soeben im Göttinger Wallstein-Verlag erschienen. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Sie haben neue Dokumente vorgelegt, die den früheren Bundespräsidenten schwer belasten.

Wagner: Heinrich Lübke war oberster Bauleiter in Peenemünde. Fest steht, dass er von 1943 bis 1945 die Verantwortung für den Einsatz von KZ-Häftlingen hatte.

SPIEGEL: Raketenpionier Wernher von Braun behauptete, dass es dort keine Sklavenarbeit gab.

Wagner: Das Bild vom sauberen Peenemünde und der Hölle in den fernen Montagestollen im Harz lässt sich nicht länger halten. Es existierten zwei KZ-Außenstellen auf dem Gelände in Peenemünde.

SPIEGEL: Was waren das für Einrichtungen?

Wagner: Ein Lager bestand aus fünf Baracken. Das zweite Camp befand sich direkt unter der Fertigungshalle F 1, in der die A4-Rakete produziert werden sollte. 500 Menschen waren in dem Keller eingepfercht.

SPIEGEL: Wie viele Häftlinge lebten in Peenemünde insgesamt?

Wagner: Etwa 1400, zeitweise waren es vielleicht noch wesentlich mehr. Peenemünde war ein Mikrokosmos der deutschen Kriegswirtschaft. Hier arbeiteten auch italienische Vertragsarbeiter und französische Zivilarbeiter. Dazu kamen über 3000 "Ostarbeiter" aus Polen und der Sowjetunion.

SPIEGEL: Und was hatte Lübke damit zu tun?

Wagner: Er war auf Usedom Chef der Baugruppe Schlempp, die für den späteren Rüstungsminister Albert Speer Bauten errichtete. Lübke hat in Peenemünde die Planung vorangetrieben und die verschiedenen Firmen koordiniert. Und er war als Bauleiter für den Einsatz des Personals verantwortlich.

SPIEGEL: Mussten die KZ-Arbeiter direkt unter seiner Regie schuften?

Wagner: Ja.

SPIEGEL: Der Historiker Rudolf Morsey behauptete vor fünf Jahren in seiner großen Lübke-Biografie das Gegenteil. Der spätere Bundespräsident habe keinen Einfluss auf "Einsatz und Behandlung" der Gefangenen gehabt.

Wagner: Das können wir jetzt einwandfrei widerlegen. Im Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen liegt ein Dokument, das von einem Vorarbeiter der Baugruppe Schlempp stammt, der selber ein KZ-Häftling war. Die Existenz dieses "Kapo BGS" bedeutet, dass unter Lübke eigenständig ein Häftlingskommando beschäftigt wurde.

SPIEGEL: Was schreibt der KZ-Vorarbeiter?

Wagner: Er berichtet, dass die Häftlinge 30 Zentner schwere Wasserrohre 400 Meter weit auf den Schultern tragen mussten, weil ein ziviler Lkw-Fahrer der Baugruppe Schlempp sich weigerte, die Rohre nahe genug an die Baustelle zu fahren.

SPIEGEL: Wurden Lübke die Entrechteten nicht von der SS aufgedrängt?

Wagner: Er hat sie sogar angefordert. In einer Notiz aus dem Jahr 1942 heißt es: "Herr Lübke, der am 21. 7. nochmals mit HAP/L (Leitung der Heeresanstalt Peenemünde) verhandelte, hofft, 500 Holländer Anfang August zu erhalten."

SPIEGEL: Die Stasi hatte Lübke schon 1966 im Visier. Die SED-Propaganda nannte ihn einen "Kriegsverbrecher".

Wagner: Diese Vorwürfe richteten sich auf Lübkes Tätigkeit in Neu-Staßfurt, wo ein Flugzeugwerk in einen unterirdischen Schacht verlegt werden sollte. Dafür wurden von der Schlempp-Gruppe unter Lübkes Leitung Baracken errichtet, in denen später KZ-Häftlinge lebten. Daher der Vorwurf vom "KZ-Baumeister".

SPIEGEL: Die DDR-Kampagne brach allerdings in sich zusammen, weil die Stasi Dokumente gefälscht haben soll.

Wagner: Die Unterlagen aus Neu-Staßfurt waren authentisch. Doch das reichte Ost-Berlin nicht, weil das Wort KZ in den Unterlagen nicht vorkam. Also stellte die Fälscherwerkstatt der Stasi zwei Aktendeckel her, auf denen das böse Wort vom Konzentrationslager zu lesen war. Dieser Schwindel flog auf. Damit war das gesamte Material diskreditiert.

SPIEGEL: Und Lübke triumphierte. Zu seiner Verteidigung sagte er, er habe an Häftlinge sogar Kuchen und Zigaretten verteilt und sie von "unserem besten Porzellan" essen lassen.

Wagner: Das ist der übliche Mythos vom "Brot zustecken". In Wahrheit mussten die Gefangenen schwerste Arbeit verrichten. Sie wurden auf dem Flugplatz und am Kraftwerk eingesetzt und verrichteten Transportaufgaben - ein Zwölf-Stunden-Tag, der schnell zur körperlichen Erschöpfung führte.

SPIEGEL: Gibt es Hinweise auf die Zahl der Opfer?

Wagner: Allein 171 Namen von Häftlingen, die zwischen November 1943 und September 1944 starben, sind auf einer Verbrennungsliste des Krematoriums in Greifswald aufgeführt. Dann ging man dazu über, die Toten vor Ort zu verscharren.

SPIEGEL: Wo haben Sie diese Informationen her?

Wagner: Aus der Gauck-Behörde. Dort ist ein Bericht über eine Exhumierung abgelegt. Im April 1968 hatte die Stasi an der Kapelle von Peenemünde ein Massengrab freigelegt. Es befand sich knapp außerhalb der Friedhofsmauer. 56 Leichen wurden entdeckt. Ihre Schädel wiesen zum Teil Einschusslöcher auf.

SPIEGEL: Warum sind diese Stasi-Berichte in der Versenkung verschwunden?

Wagner: Lübke hatte im September 1968 für Juli 1969 seinen Rücktritt angekündigt. Ost-Berlin war offensichtlich nicht an einer Neuauflage der Kampagne interessiert. Das Material wurde jedenfalls nicht mehr propagandistisch verwertet.


DER SPIEGEL 22/2001
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