02.06.2001

PENG, PROBLEM GELÖST

DER AMERIKANISCHE BESTSELLER-AUTOR T. C. BOYLE ÜBER DIE ZERSTÖRUNG DER NATUR UND SEINEN PRÄSIDENTEN GEORGE W. BUSH
Nach dem Geheimnis seines Schreibens befragt, gibt T. Coraghessan Boyle, 52, schon mal verwirrende Hinweise. Er würde morgens ein Huhn schlachten, eine Schale mit Blut unter den Schreibtisch stellen und seine Füße darin baden, erklärte er in einem Interview. Auch in seinem jüngsten Werk "Ein Freund der Erde" (Hanser Verlag, München; 360 Seiten; 39,80 Mark), einem ökologischen Science-Fiction-Roman, zeigt Boyle jene typische Mischung aus Sarkasmus, wuchernder Phantasie und hingebungsvollen Naturbeschreibungen, die ihn berühmt machte. Boyle, der von Kritikern mit Charles Dickens und John Steinbeck verglichen wird, lebt in der Nähe von Santa Barbara (Kalifornien). -------------------------------------------------------------------
Stephens Island ist eine winzige Felseninsel vor der Küste Neuseelands. Um 1900 herum lebte da ein Leuchtturmwärter. Weil er so allein war, beschaffte sich der Mann eine Katze. Und eines Nachmittags kam die Katze mit einem sonderbaren Vogel im Maul zu ihm. Der Mann nahm ihr den Vogel ab, rätselte, um welche Spezies es sich handeln mochte, und schickte ihn schließlich ins Nationalmuseum, um ihn identifizieren zu lassen. Drei Wochen später kam die Antwort: Er hatte eine neue Art entdeckt - den Stephen-Schlüpfer.
In der Zwischenzeit aber hatte ihm die Katze 14 weitere Exemplare dieses seltsamen kleinen gelbbraun-weißen Vogels gebracht. Lebendig bekam der Mann die Tiere nie zu sehen. Und nach einer Weile brachte ihm die Katze auch keine mehr.
Ich fand diese Episode schon immer bemerkenswert und habe sie auch schon mal verarbeitet, als ich an der University of Iowa Literatur studierte und Short Storys schrieb. Damals bevölkerten rund vier Milliarden Exemplare unserer Spezies die Erde; heute könnte diese kleine Geschichte vom Stephen-Schlüpfer noch weit lehrreicher sein. Weil wir nämlich die Ära Bush Jr. schreiben. Und weil wir mittlerweile sechs Milliarden Menschen sind - und der Zähler weiter tickt. Das Aussterben dieses kleinen Vogels, den kein Mensch überhaupt bemerkt hatte, bis er für immer verschwand, war eine Art Unfall. Ein brutaler Schabernack des Kosmos, nichts weiter, aber doch verursacht durch die Einschleppung einer fremden Art (der Katze) in eine Umwelt, in der sie garantiert nichts zu suchen hat.
Ein anderes Beispiel: Yellowstone. Wenn es auf dieser Welt noch eine unerschlossene Wildnis gibt, einen Ort für unsere kühnsten Träume von Urtümlichkeit, dann ist es Yellowstone. Fast eine Million Hektar unberührter Natur. Umgeben von einem Schutzwall aus Nationalforsten. Grizzlys und Wapitihirsche leben dort. Fischermarder, Schwarzbären, Wölfe. Es gibt ein packendes Buch dazu, die amerikanische Ausgabe heißt Playing God in Yellowstone, zu Deutsch also etwa "Gott spielen in Yellowstone", und der Autor Alston Chase erzählt darin, wie die US-Forstbehörde während der 130 Jahre ihrer Verwaltung dieses Naturparks dessen Ökosystem beinahe vollständig zerstört hat.
Es ist eine komplizierte Geschichte, in der die menschliche Hybris eine tragende Rolle spielt. Es läuft darauf hinaus, dass irgendwann einmal beschlossen wurde, alle Raubtiere im Park auszumerzen, weil man sich davon beschaulich dahinziehende Herden auf endlosen Wiesen erhoffte. Stattdessen verursachte man damit aber eine ganze Reihe unvorhergesehener und unlösbarer Probleme - das Habitat wurde durch Überweidung zerstört. Wir können eben nicht Gott spielen - die Systeme sind zu komplex und funktionieren nach ihren eigenen Prinzipien.
Eine dritte Geschichte. Die Geschichte eines von der US-Regierung finanzierten Projekts zur Moskitobekämpfung auf Borneo. Man setzte DDT ein. Das Gift eliminierte zwar die Moskitos, aber versehentlich auch eine kleine Wespe, die sich von den Raupen ernährte, welche wiederum die Palmwedel fraßen, mit denen die Hütten der Eingeborenen gedeckt waren, wodurch ganze Dörfer ihr Obdach verloren. Außerdem brachte das DDT noch die Fliegen um. Die toten Fliegen wurden von den Geckos aufgefressen, und die machte das Gift schwerfällig, dass sie eine leichte Beute für die Hauskatzen wurden. Sobald die Hauskatzen ausfielen, explodierte die Rattenpopulation. Und so weiter.
Selbst hier bei mir zu Hause, im sonnenwarmen, idyllischen Santa Barbara, hängen uns diese Probleme von früher nach. Zurzeit gilt der Insel-Graufuchs als vom Aussterben bedroht. Die Ursache: das DDT, das in den fünfziger und sechziger Jahren verwendet wurde. Worauf der Weißkopf-Seeadler, der sich vorwiegend von Fischen ernährt, von den wilden Felseninseln vor der kalifornischen Küste verschwand. Was eine ökologische Nische für seinen Vetter, den Steinadler, hinterließ. Der Steinadler flog nun unangefochten vom Festland hinüber und verspeiste den nur dort heimischen Fuchs (der etwa so groß wie eine Katze ist).
Das alles klingt dermaßen deprimierend, dass meine Empfehlung an den geneigten Leser darin besteht, hinters Haus in den Garten zu gehen, es sich beim Komposthaufen gemütlich zu machen und sich dann eine Kugel in den Kopf zu jagen. Peng, Problem gelöst. Denn das Problem sind offen gestanden wir. Wir sind viel zu erfolgreich. Und meinen sardonischen Ratschlag - der nicht sehr intelligent ist aus der Sicht eines Schriftstellers, der sich treue Leser, vor allem aber lebende, treue Leser wünscht -, diesen Vorschlag wird ja doch niemand befolgen. Weil wir alle so wertvoll und einmalig und unersetzlich sind, jeder von uns ein selbstverliebter Gott in seinem Universum.
Was kann man da tun, abgesehen davon, einen Roman zu verfassen, in den man seinen Groll hineinschreibt, abgesehen von Selbstentleibung und Händeringen? Okay, tretet den Grünen bei. Okay, sortiert euren Müll. Spart Energie. Seid nett zu den Tieren. Liegt ja alles auf der Hand.
Andererseits haben wir jetzt einen Präsidenten namens George W. Bush - gegen dessen Kandidatur ich eingetreten bin und dessen Politik ich bedaure -, der mit herrischer Geste das Kyoto-Protokoll in den Papierkorb pfeffert und Ölbohrungen in den Wildreservaten der Arktis befürwortet. Nichts darf dem Fortschritt, dem Dollardrucken, der Ölförderung im Weg stehen. Das ist das Problem: Wir sind einfach Viecher wie alle anderen, die um jeden Preis ihre Bequemlichkeit suchen, und das kapitalistische System bietet ziemlich viel Bequemlichkeit. Allerdings setzt der Kapitalismus leider die grenzenlose Produktion und den grenzenlosen Verbrauch von Gütern auf einem begrenzten Planeten voraus. Das muss irgendwann krachen.
So wie Tyrone Tierwater, meine grämliche, knorzige Hauptfigur in meinem Roman "Ein Freund der Erde", bin auch ich in Westchester im Staat New York aufgewachsen, in einem Vorort der größten Stadt auf dem ganzen Planeten - denn das war New York in den fünfziger Jahren -, und wie Tyrone bin auch ich Teil des Problems. Ein Konsument von Waren, von Energie, von Nahrung. Und wie ist das nun mit der Umwelt, die mir dieses lockere Leben ermöglicht? Kann die sich denn nicht endlos wieder erholen?
Vor 100 Jahren gab es keinen einzigen Hirsch mehr in unserem County. Die Wälder waren zu 90 Prozent gerodet worden, um alle New Yorker mit Milch zu versorgen - und der Hirschbestand war, schwuppdiwupp, zu Wildbret geworden. Aber um dem kleinbürgerlichen Wunsch nach schattigen Alleen und der Illusion von Wald nachzukommen, ist die Gegend meiner Jugend heutzutage wieder aufgeforstet. Jagden, ohnehin nur mit Pfeil und Bogen gestattet, finden kaum statt, und deshalb sind die Hirsche jetzt so zahlreich, dass sie bereits eine Gefahr sowohl für den Verkehr als auch für Picknickurlauber darstellten (weil die Hirsche Zwischenwirte für Zecken sind, die die Erreger der tückischen Lyme-Borreliose übertragen). Okay. Fein. Die Hirsche sind wieder da. Aber ich wette: Sobald an den Supermärkten erst mal Schilder hängen, auf denen steht: Leider nichts mehr zu essen - dann wird es diese Hirsche nicht allzu lange mehr geben.
Man könnte einwenden, ich hätte leicht reden, leicht schreiben, leicht jammern. Stimmt. Doch es ist das Vorrecht des Schriftstellers, über die Schlagzeilen von heute zu meditieren - über den Treibhauseffekt, das Ozonloch, die Ausdehnung der Wüsten - und daraus seine eigenen Szenarien der Zukunft zu entwerfen. Und so habe ich, denke ich, einen einigermaßen komischen Roman aus dem denkbar trübsinnigsten Thema gemacht: dem Ende von allem, was uns etwas wert ist. In meiner Vision von 2025 ist die Menschheit dazu verdammt, industriell produziertes Wels-Sushi zu fressen, weil die Meere längst leer gefischt sind. Wegen der völlig überschwemmten Weinbaugebiete in Frankreich, Italien und Kalifornien trinkt man aus Reis gebrauten Sake, und die Natur besteht mehr oder weniger aus Hochhäusern. Das alles kam mir beim Schreiben sehr, sehr wirklich vor. Und so unglaublich es klingt: Es hat Spaß gemacht. Weil mir Schreiben immer Spaß macht. Aber trotz der Freude an meinen Figuren und am Stoff empfand ich Sorge und eine entsetzliche Hilflosigkeit angesichts all dieser Zukunftsaussichten. Der einzige Trost, den ich spürte, war der: Ich würde längst tot sein, bevor dies alles einträte. Es geht mich also nichts an. Aber wehe der Generation, die nach uns kommt.
Es geht mich etwas an.
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Werner Richter
Von T. C. Boyle

DER SPIEGEL 23/2001
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