02.06.2001

Die Macht des Propheten

Keine Weltreligion ist uns so fremd, keine so dynamisch, keine scheint so viel von den Gläubigen zu verlangen - und ihnen so viel zu geben: Verwirrt beobachtet der Westen den Vormarsch des Islam. Droht der Koran mit einem „Heiligen Krieg“, oder predigt er Toleranz? Forscher liefern bemerkenswerte Erkenntnisse über das Leben und Denken des Propheten Mohammed.
Gaza-Streifen, palästinensisches Autonomiegebiet, ein Zimmer in einem Hinterhof:
Der Mann, auf den sich die Videokamera richtet, wirkt entspannt. "Ich gehöre zum militärischen Arm der Hamas und bin einer von zwölf Selbstmordattentätern", sagt er, und seine Stimme zittert nicht. Vor ihm auf dem schlichten Holztisch sind drei Sturmgewehre platziert. An den sonst kahlen Wänden hängen die grünen Fahnen des Islam. Der "Märtyrer" rezitiert noch einen Vers aus dem Koran, dann stoppt die Aufzeichnung. Das Abschiedsvideo wird postum veröffentlicht: Am 27. März hat sich Dia Tawil, 19, an einer Bushaltestelle in Jerusalem mit einer an seinem Körper festgezurrten Sprengladung in die Luft gejagt. Er war sofort tot. Wie durch ein Wunder starb damals kein Israeli, aber 30 wurden verletzt.
"La ilaha illa ''llah, Muhammadun rasulu ''llah" - "Es gibt keinen Gott außer Allah, Mohammed ist der Gesandte Gottes", betete der Gläubige in Gaza.
Granada, Südspanien, eine Buchhandlung im Herzen der geschichtsträchtigen Stadt:
Es ist eine fröhliche Gemeinde, die da den Worten eines bärtigen Autors lauscht. In der Luft hängt der Duft von Honig und Sesam, gerösteten Mandeln und Pfefferminz. Kein Alkohol. Im "Morabitun" treffen sich die alteingesessenen Muslime der Stadt und zahlreiche junge Andalusier, die erst kürzlich zum Islam konvertiert sind. Sie predigen Koexistenz mit der katholischen Mehrheit - und verändern Granada. Das Viertel gegenüber der Alhambra wird wieder zu einem Stück Orient in Europa. In Keramikwerkstätten stellen Muslime die mit Granatapfelmotiven bemalten traditionellen Tontöpfe her, prägen maurische Münzen neu. Die Renaissance ist für den Historiker Emilio de Santiago ganz natürlich: "Die islamische Herrschaft über al-Andalus war unsere Glanzzeit, verbunden mit Fortschritt und Menschlichkeit."
"La ilaha illa ''llah ... Es gibt keinen Gott außer Allah, Mohammed ist sein Gesandter", betet der Gläubige in Granada.
Aufforderung zum Widerstand gegen eine brutale Besatzung - auch mit terroristischen Mitteln: Das bedeutet der Islam für die einen, Anleitung zur Toleranz für die anderen. Auf jeden Fall aber ist der Islam die vitalste und dynamischste aller Weltreligionen. Sind es 1,2 Milliarden Menschen, die sich zu der vom Propheten Mohammed übermittelten Lehre bekennen, oder schon 1,3 Milliarden? Niemand weiß es so genau, doch als sicher darf gelten: Keine Glaubensgemeinschaft wächst so schnell.
Manchen scheint es wie ein Flächenbrand, andere sehen einen riesigen Gürtel, der sich bedrohlich zuzieht: Vom Senegal bis Sumatra, von Somalia bis Xinjiang verneigt sich fast ein Fünftel der Menschheit gen Mekka. Auch in Westeuropa beschwören immer mehr Menschen, vor allem Einwanderer aus Nordafrika, Südostasien und der Türkei, die Macht des Propheten: rund 15 Millionen. In Deutschland bekennen sich 2,8 Millionen Menschen zum Islam, Tendenz steigend.
Die Muslime stellen in über 30 Staaten der Erde die Bevölkerungsmehrheit (in Indien sind sie eine Minderheit von 140 Millionen Menschen); in gut einem Dutzend ist die "Hingabe an Gott", so der Wortsinn von "Islam", offizielle Staatsreligion. Zu den islamisch geprägten Ländern zählen einige der reichsten der Welt (Brunei in Fernost, die Emirate am Persischen Golf) und einige der ärmsten (Somalia in Afrika, Bangladesch in Asien).
Beherrscht werden sie von konservativen Königen wie König Fahd in Saudi-Arabien, hitzköpfigen Revolutionären wie Oberst Gaddafi in Libyen, aufgeklärten Autokraten wie Präsident Mubarak in Ägypten, hinterwäldlerischen Gotteskriegern wie Mullah Omar in Afghanistan. Und von einem blutrünstigen Diktator Saddam Hussein im Irak, der sich damit brüstet, die Weltmacht USA herausgefordert zu haben, und der wohl immer noch darauf hofft, seine Glaubensbrüder in einen Konflikt mit dem Westen hineinzuziehen.
Die überwältigende Mehrheit der Muslime lebt glücklich mit den strengen Regeln ihrer Religion, mit sich selbst im Reinen und mit ihren Nachbarn in Frieden. Aber auch an politischen Scharfmachern herrscht in der islamischen Welt weiß Gott kein Mangel. "Den Koran in der einen Hand, das Schwert in der anderen: So führte unser Prophet seinen göttlichen Auftrag aus - der Islam ist der Glaube derjenigen, die den Kampf und die
Vergeltung schätzen", verkündet grimmig Ajatollah Chameini, der starke Mann im Gottesstaat Iran. Scheich Saïd Schaaban im Libanon fordert seine Kämpfer auf zum Heiligen Krieg: "Unser Marsch hat begonnen, der Islam wird zu guter Letzt auch Amerika und Europa erobern. Er ist der einzige Weg zur Erlösung, der dieser verzweifelten Welt bleibt."
Satanischer Westen, dämonischer Islam: Seit der Kommunismus mit seinem "Reich des Bösen" tot ist, beschwören auch westliche Politiker und Publizisten - pauschal und spiegelbildlich zu den nahöstlichen Scharfmachern - ein neues Feindbild: den islamischen Fundamentalismus. Die arabischen Muslime setzten womöglich an "zum Sturm auf die Zitadellen des Wohlstands, der Freiheit und der Demokratie", bangt die "Süddeutsche Zeitung". Harvard-Professor Samuel Huntington nennt die Konflikte an den "blutigen Grenzen" des Islam sogar unüberbrückbar. Aus dem Zusammenprall der Kulturen könnte sich seiner Meinung nach sogar ein Weltkrieg entwickeln.
Darf der Korantext neuzeitlich interpretiert werden? Zwingt er wirklich zum Heiligen Krieg gegen Andersgläubige, zum Handabhacken bei Diebstahl, zur Degradierung der Frau, Verfolgung ketzerischer Schriftsteller? Was genau sagt Mohammed Menschensohn, dem Gottes Wort offenbart wurde?
Auch für den Ungläubigen, der einen himmlischen Auftrag nicht zu akzeptieren vermag, ist dieser Mohammed einer der ganz Großen der Geschichte. Kaum jemand hat in so wenigen Jahren so viel bewegt wie der Kaufmann aus Mekka, alles Bestehende herausgefordert, alles umgewälzt. Und keiner hatte in Europa jahrhundertelang so konstant eine so schlechte Presse.
Seine Feinde nannten ihn einen "Betrüger", sogar den "Antichrist". Dante (1265 bis 1321) beschreibt ihn in seiner "Göttlichen Komödie" beim Gang durch die Hölle genüsslich mit aufgeschlitztem Bauch. Voltaire degradiert ihn im Jahr 1741 in seinem Theaterstück "Der Fanatismus oder Mohammed, der Prophet" zum "Mörder und Wollüstling". Für den Schriftstellerkollegen Diderot ist er 1775 "der größte Feind der gesunden Vernunft", dem Theologen Karl Barth ist sein Gott noch 1938 nichts anderes als "ein Götze wie andere Götzen".
Selbst in der Trivialliteratur werden der Prophet und seine Verkündigung niedergemacht. Karl May schuf Hadschi Halef Omar als tumben Muslim, dem seine Rückständigkeit um die Ohren gehauen wird: "Und kämt ihr zu Hunderttausenden, so hast du gar keine Ahnung, wie schnell wir mit euch aufräumen würden."
Ein Gegenbeispiel unter den Geistesgrößen ist Johann Wolfgang von Goethe. Der Dichterfürst, nicht kirchenfromm und dogmengläubig, las im Koran und plante sogar eine "Mahomet-Tragödie". Wohl vor allem, um zu provozieren, schrieb er in die Vorankündigung seines 1819 erschienenen "West-östlichen Diwan", er lehne "den Verdacht nicht ab, er sei selbst ein Muselmann". Besonders gründlich hat sich Goethe aber nicht mit dem Korantext beschäftigt, er reduziert ihn auf wenige Aussagen und beklagt reichlich arrogant "endlose Wiederholungen".
Die katholische Kirche hat die Muslime im Konzil von Florenz 1442 dem "ewigen Feuer" preisgegeben - sie brauchte mehr als ein halbes Jahrtausend, um den glaubensverwandten Monotheisten 1964 beim Zweiten Vatikanischen Konzil "ewiges Heil" in Aussicht zu stellen. Und erst vor vier Wochen betrat ein Papst - in Damaskus - zum ersten Mal eine Moschee.
Genützt hat es beim Christenvolk wenig. Noch immer ist Angst die Reaktion der Deutschen, wenn sie vom Islam hören. Der Prophet hat ein Image-Problem: Laut einer Emnid-Umfrage ist er der Mehrheit fast so unsympathisch wie der Jesus-Richter Pilatus. Einen Muslim als Ehepartner ihres Kindes würden 52 Prozent ablehnen oder nur unter starken Vorbehalten akzeptieren, einen Buddhisten 46, einen Juden 30 Prozent. Gegenüber keiner anderen Weltreligion haben die Deutschen so große Vorbehalte. Sie wissen denn auch verschwindend wenig über Mohammed; nicht einmal ein Prozent hat je im Koran geblättert. Aber fast alle sagen, sie wüssten gern mehr.
Forscher aus aller Welt kommen zu erstaunlichen, zu provozierenden Erkenntnissen. Semantiker sezieren die Sprache des Korans, gebeugt über das älteste bekannte Handschriftenfragment aus Sanaa im Jemen, das ihnen erst in den letzten Jahren zugänglich gemacht wurde. Soziologen beschäftigen sich mit der frühen Gesellschaftsstruktur auf der arabischen Halbinsel. Historiker setzen mit Genealogen den Stammbaum des Propheten fest.
Wer also war dieser Mohammed? Was ist das Geheimnis des Islam?
Unfruchtbar ist das Tal, zerklüftet die Bergwelt, knapp das Wasser. Aber keiner kann sagen, dass die Mekkaner im 6. Jahrhundert nicht das Beste aus diesem Platz machen.
Sie haben eine wohlhabende Stadt erbaut, mit einem Reichenviertel in der Ebene und dem Handwerker- und Plebejerviertel an den Berghängen, wo auch viele Beduinen vorübergehend ihre Zelte aufgeschlagen haben. Es geht streng hierarchisch zu in der Stadt: Ein Rat der reichen Familien bestimmt die politischen Geschicke, die meisten der Aristokraten gehören dem Stamm der Kureisch an. Sie kontrollieren das Kreditwesen, sie versorgen die zahlreichen durchreisenden Geschäftsleute und garantieren gegen Entgelt deren Sicherheit.
Mekka liegt am Knotenpunkt der Karawanenstraßen, die den südlichen Jemen mit Syrien und dem Zweistromland im Norden verbinden. Im Winter tragen oft 2000 Kamele Datteln und Weihrauch, sogar Edelsteine und Seide aus Indien und China gen Norden, zurück bringen sie Baumwollstoffe, Weizen und Öl. Und dann ist da noch das Heiligtum, das die Kureisch kontrollieren: ein schwarzer Meteorit, damals schon Kaaba genannt, unweit davon der geweihte Samsam-Brunnen, aus dem Pilger sich Wasser holen müssen.
Angebetet wird ein ganzes Bündel von Gottheiten: Hausgötzen in Form von geformten Datteln, aufgerichtete Steine, die der Pilger mit Blut und Öl bespritzt, Standbilder, bei denen der Orakel-Suchende Pfeile wirft. Kamelmarkt, Kult und Kirmes gehen geschäftsfördernd ineinander über - unter dem Schutz eines drei Monate anhaltenden jährlichen Gottesfriedens, der Blutrache und Plünderung verbietet, aber Sangeswettbewerbe wie Essensgelage fördert.
Besonders Dichter und Wahrsager sind gefragt. Die Mekkaner glauben, diese seien von Dschinn besessen, halb menschliche, halb überirdische Wesen. (In Mohammeds Offenbarung tauchen sie später häufig auf, manche hat er bekehrt, andere wurden zu "Holzscheiten" im Höllenfeuer. Spätere Verwandte der Dschinn sind der Geist in Aladins Wunderlampe, Meister Proper und die "Bezaubernde Jeannie" aus der TV-Serie.)
Mekka ist zur Zeit der Geburt des Mohammed nicht gerade der spirituelle Mittelpunkt der Welt, liegt aber auch nicht im toten Winkel der Ökumene. Juden leben mitten unter den Götzenanbetern und auch einige Christen. Das Konzept von einem einzigen Gott ist den merkantilen Mekkanern also nicht unbekannt, doch besonders attraktiv finden sie es nicht: Die Fremdgläubigen gehören nicht zur Oberschicht, ihre Religionsgesetze sind nicht auf Arabisch formuliert. Sie sind geduldete Außenseiter.
Der Vater stirbt, bevor Mohammed (der "Hochgepriesene") geboren wird, die Mutter Amina ist nicht gerade auf Rosen gebettet. Aber sie gehört zu einer Untersippe der Kureisch und hat deshalb Anspruch auf Stammesloyalität. Laut islamischer Überlieferung soll die Geburt im "Jahr des Elefanten" stattgefunden haben, in dem ein bedeutender Sieg über Eindringlinge gefeiert wird. Doch ähnlich wie beim Geburtsjahr Jesu ist das nur ein Trick späterer Geschichtsschreiber, um große Ereignisse in Verbindung zu bringen. Durch eine detektivische Kombination anderer Lebenstermine haben Historiker 570 (eventuell 569) als Geburtsjahr festgelegt.
Mohammed erlebt eine schwere Jugend: Er ist gerade erst sechs, als auch seine Mutter stirbt, acht, als der geliebte Großvater von ihm geht. Der Onkel Abu Talib wird ihm zur lebenslangen Vaterfigur, begleitet ihn bis zur Selbstentäußerung loyal durch alle Tiefen - ein Anhänger der neuen Religion wird er allerdings nie.
Noch deutet nichts auf ein besonderes Leben hin. Mohammed begleitet in seiner Jugend Karawanen bis nach Syrien, dürfte dort auch mit christlichen Eiferern zusammengekommen sein. Dass ihn ein Mönch als "Prophet" erkannt habe, wird von Historikern in den Bereich der Legende verwiesen. Mohammed macht seinen Job als Karawanenführer so erfolgreich, dass er einer wohlhabenden Witwe auffällt. Er heiratet mit 25 Jahren diese Chadidscha, die mindestens ein Jahrzehnt älter ist. Sie schenkt ihm vier Töchter (und zwei oder drei Söhne, die aber im Kindesalter sterben). Sie wird zu seiner zweiten großen Vertrauensperson.
Glücklich verheiratet, gut situiert - und dann kommt mit 40 die große Krise, die ihn aus der Bahn wirft. Mohammed wird zum Aussteiger. Er lässt die Geschäfte ruhen, zieht sich in die Einsamkeit der Berge zurück, meditiert in Höhlen.
Ab jetzt teilt sich die Geschichte seines Lebens im Auge des Betrachters, ganz nach dessen Einstellung, nach dessen Gläubigkeit: Mohammed erfährt in einer dramatischen Nacht als "Siegel der Propheten" die erste Offenbarung Gottes, wird jeder Muslim sagen. Mohammed hat geniale Einfälle, wird in einer revolutionären Bewusstseinswandlung zur religiös-politischen Führerfigur, urteilt der Ungläubige.
"Die Wahrheit" kommt jedenfalls schmerzlich über ihn, der nach Ansicht mancher Islamforscher ein Analphabet ist. Der Engel Gabriel, den er vor sich sieht, packt ihn mit aller Kraft und schnürt ihm die Luft ab, als er auf dessen Worte nicht reagiert: "Trage vor im Namen deines Herrn!" Noch einmal würgt der Engel ihn und fordert: "Trag vor!"
Endlich glaubt Mohammed begriffen zu haben - er solle die ihm vorgebeteten Worte rezitieren und sich für alle Zeiten merken: die Lehre von Gott, der ihn als seinen Gesandten dazu bestimmt habe, die Mitmenschen von ihrem heidnischen, egoistischen und unbarmherzigen Leben abzubringen. Damit ihnen nicht am Tage des Jüngsten Gerichts "eine auseinander klaffende Erde, lodernde Feuer" und weitere Höllenqualen drohten.
Seiner Sendung ist sich Mohammed anfangs keinesfalls sicher. Er weint sich bei seiner Frau aus, spielt mit Gedanken an Selbstmord ("mich von einem Berg herab-
zustürzen"). Die Offenbarungen reißen ab, kommen dann wieder. Der gequälte Prophet, schweißgebadet, nur von seiner unmittelbaren Umgebung ermuntert, gibt die Bestellungen schließlich weiter - und erntet bei den Mekkanern meist Spott und wütende Ablehnung.
Als mittelgroßen Mann mit einem buschigen Bart, der stets ernst war und niemals aufbrausend oder nachtragend, mit einer Schwäche für Parfum und schöne Frauen - so beschreiben ihn später phantasievolle Geschichtenerzähler. Erwiesen sind solche Details nicht. Eine charismatische Persönlichkeit muss er jedenfalls gewesen sein, selbst seine Gegner sprechen ihm die besondere Ausstrahlung nicht ab.
Das macht Mohammeds Botschaft in ihren Augen nicht besser: Mekkas Elite fühlt sich bedroht. Soll sie eines neuen Propheten wegen auf die Einkünfte an der Kaaba-Pilgerstätte verzichten? Und warum denn teilen mit den Armen - für eine Belohnung in einem zweifelhaften Jenseits, wo die Knochen doch "ohnehin morsch" sind, wie sie sagen? Da nennen sie ihn lieber einen "Besessenen" und seine Lehre ein "wirres Bündel von Träumen".
Mohammed nimmt nie für sich in Anspruch, Gottes Sohn zu sein. Der Islam verurteilt eine solche "Beigesellung" gegenüber dem Höchsten ausdrücklich. Als einige Mekkaner ihn auffordern, sein Prophetentum doch mit einem Wunder zu untermauern, muss er passen: Er kann nicht über Wasser gehen, Lahme laufen lassen, Brot vermehren. Und er gibt zu, dass er nicht der erste Prophet gewesen ist. Mohammed sieht sich in einer Reihe mit Stammvater Ibrahim (Abraham), Moses und Issa (Jesus).
Einige Anhänger, viele aus der Unterschicht, suchen wegen der zunehmend feindlichen Haltung der Stadtväter Zuflucht in Abessinien, wo der christliche König sie gnädig aufnimmt und Parallelen zur Bibel erkennt: "Wahrlich, dieses und die Offenbarung an Mose kommt aus einer Nische." Den Gottesgesandten trifft ein weiterer schwerer Schicksalschlag: Sein Ersatzvater Abu Talib und seine geliebte Chadidscha sterben, beide im Jahr 619.
Mohammed ist 52, als er seiner Stadt den Rücken kehrt: ein Prophet, der in seiner Heimat nichts zählt. Ein Gescheiterter, der zwei Drittel seines Lebens hinter sich hat und nicht viel mehr als einige Dutzend um sich scharen kann, die an ihn glauben. Dass er in dieser Situation nicht an seiner Botschaft verzweifelt und aufgibt, grenzt für den Ungläubigen an ein Wunder.
Mit der "Auswanderung" ("Hidschra") des Verfemten am 16. Juli 622 fängt die islamische Zeitrechnung an. Es ist ein Markstein der Weltgeschichte, denn jetzt beginnt Mohammeds kometenhafter Aufstieg. In nur einer Dekade ruft er eine mächtige Gemeinschaft ins Leben, etabliert den Islam, legt die Grundlagen für ein Weltreich.
Er zieht mit seinen Anhängern ins 300 Kilometer nördlich gelegene Jathrib, das später zu seinen Ehren Medina al-Nabi genannt wird, "die Stadt des Propheten". In der Oase herrscht Streit, zwei arabische Stämme bekriegen sich, etwa die Hälfte der Bevölkerung sind Juden. Die Medinenser suchen einen von außen, der Ideen hat, der sie mit irgendeiner Botschaft zusammenschweißt. Sie sind im Gegensatz zu den Mekkanern, die nach eigenen Worten "nur den Spuren ihrer Väter folgen" wollen, aufnahmebereit.
Dem Neuen gewährt man Schutz vor Feinden, auch mit den Mitteln der Blutrache. Dafür erwartet man von ihm Vermittlung: Mohammed wird zum Schlichter unter den Zerstrittenen, zum Stifter einer neuen Stammessolidarität. Er entwirft den Vertrag für "eine einzige Gemeinschaft, unterschieden von allen anderen".
Das Merkmal, das sie vereint und von der Umwelt abhebt, ihr gemeinsamer Kitt, wird der Glaube an einen einzigen Gott. Mohammed hält seine neue monotheistische Religion zunächst offen für andere, besonders für die Jathriber Juden.
Der Prophet empfängt weiter seine Offenbarungen. Doch mit seiner Funktion in der neuen Stadt verändert sich auch der Schwerpunkt der Eingebungen: Handelte es sich in Mekka zumeist um eschatologische Themen vom Jüngsten Gericht, so richten sich die Medina-Botschaften vor allem auf das diesseitige Leben. Mohammed predigt von der sozialen Verpflichtung des Eigentums, dem pfleglichen Umgang mit Frauen, von Wucherzins, Glücksspiel und Alkohol.
Wer bei einer Erbschaft zwei Drittel, wer nur ein Achtel bekommen soll, wird vom Propheten festgelegt. Wie genau Waren gewogen werden sollen ("Gebt volles Maß"). Was einem Dieb gebührt ("Haut ihm die Hand ab"). Die Lehre mit ihren präzisen Alltagsvorschriften durchdringt alle Bereiche des menschlichen Daseins. Bis hin zum Zähneputzen, zum Händewaschen nach dem Sex. Allah: ein Gott auch der kleinen Dinge.
Der Islam ist mehr als andere Religionen - er ist "der Entwurf einer Gesellschaftsordnung", schreibt der britische Philosophieprofessor Ernest Gellner. Der Islam unterscheidet sich auch wesentlich vom Christentum, mit dessen Lehren wie mit denen des Judentums Mohammed in Medina konfrontiert wurde. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", sagt im Johannes-Evangelium der angeklagte Jesus zu Pilatus. Im Islam fehlte diese Trennung zwischen Religion und weltlicher Macht von Anbeginn: Der Medina-Stadtstaat ist Mohammeds Gottes-Entwurf auf Erden, sein Reich ist von dieser Welt.
Gerade weil Mohammed in vielen Bereichen so visionär und bis in unsere Tage revolutionär erscheint, enttäuscht es viele, dass er in anderer Beziehung ein Kind seiner Zeit und seiner Stammeskultur geblieben ist. Er hat die Stellung der Ärmsten in der Gesellschaft verbessert. Aber er dachte gar nicht daran, etwa die Sklaverei abzuschaffen. Und besonders verstörend ist seine ambivalente Einstellung zur Gewalt.
Als Mohammed seine Position in Medina konsolidiert hat, greift er zum damaligen Brauch der Raubzüge. Einmal überfällt er sogar im heiligen Monat eine mekkanische Karawane und bricht damit den Landfrieden. Gerechtfertigt wird dieses Vorgehen in einer göttlichen Offenbarung, Koran-Sure 2, Vers 217: "Kampf in dieser Zeit wiegt schwer, aber jemanden abzuhalten vom Weg Gottes ... das wiegt schwerer."
Bei der Schlacht von Badr im Jahr 624 schlagen die zahlenmäßig weit unterlegenen Muslime die Mekkaner in die Flucht, den Sieg werten sie als besonderen Gnadenerweis des Himmels. Drei Jahre darauf sammeln sich die Krieger aus Mohammeds Heimatstadt zur Revanche vor den Toren Medinas. Sie scheitern an einer sehr weltlichen List des Propheten: Breite Gräben hat er um die Oasenstadt ausheben lassen, die Pferde der feindlichen Armee können sie nicht überwinden.
Bevor Mohammed sich anschickt, seinen Geburtsort zu erobern, muss er sich mit einem Problem beschäftigen, das er überwunden glaubte: den Juden von Medina. Er hat ihnen Respekt entgegengebracht und vorausgesetzt, sie würden im Islam eine Fortentwicklung ihrer eigenen Religion erkennen. Doch die Juden sehen Mohammed nicht als Propheten. "Sie frevelten und zerschnitten den Bund, der zwischen ihnen und dem Gesandten Gottes bestand."
Da lässt Mohammed die Seinen enttäuscht nicht mehr in Richtung Jerusalem beten, sondern gen Mekka. Und beansprucht den Stammvater Abraham ganz für sich, indem er ihn zum Ur-Muslim erklärt. Mohammed behauptet, Abraham habe einst den schwarzen Stein in die Kaaba von Mekka gebracht und dort gebetet. Damit erhebt er den Islam nicht nur zur Vollendung, sondern zum Ursprung aller monotheistischen Religionen. "Die genialste aller religiösen Schöpfungen" nennt das der niederländische Islamwissenschaftler Snouck Hurgronje.
Angeblich entkommt Mohammed nur knapp einem jüdischen Mordanschlag. Er rächt sich mit blutiger Vertreibung. Doch auch später werden die Juden - wie die Christen - als "Schriftbesitzer" Privilegien genießen. Sie können, anders als Polytheisten, gegen eine Kopfsteuer ("Dschisja") als Schutzbefohlene in islamisch beherrschten Gesellschaften leben.
Und dann fällt dem Propheten seine Heimatstadt praktisch kampflos zu. Mekka ist eine Stadt im Umbruch. Viele haben sie verlassen, um sich den mächtigen Muslimen anzuschließen. Die Gemeinschaft von Stamm und Sippe zerbröckelt, die traditionelle Wertordnung zeigt Auflösungserscheinungen. Zu dekadent sind die Reichen, zu bettelarm die Unterprivilegierten geworden. Der Islam stößt in dieses politische und spirituelle Vakuum.
Der Unruhestifter von einst kehrt im Triumph als Sinnstifter nach Mekka zurück.
Als Erstes reißt er die Götzenfiguren aus der Kaaba, funktioniert sie um zum Heiligtum des Einen Gottes. Er übt Milde, verschont weitgehend seine früheren Feinde, predigt Versöhnung statt Rache. Bei der Verbreitung seiner Lehre bevorzugt er die Diplomatie, wozu bekanntlich auch die Eheschließung zählt: Einige seiner insgesamt 13 Frauen, darunter viele Witwen, heiratet der Prophet, um einen weiteren Stamm an sich zu binden.
Der Harem ist ihm ebenso Last wie Lust. Mohammed zweifelt am Sex, stöhnt über die Intrigen um seine Lieblingsfrau Aischa - ein Mann, kein Übermensch.
Er ist jetzt der unbestritten mächtigste Mann Arabiens. Er hat praktisch alle Stämme der Halbinsel geeint, Bündnisse bis nach Irak und Syrien geschlossen. Sein Lebenswerk ist vollendet. Mohammed stirbt am 8. Juni 632, neun Witwen stehen an seinem Grab in Medina. Einen Nachfolger hat er nicht aufgebaut, sondern darauf vertraut, dass die Botschaft überlebt. Und doch sieht Mohammed in seinen letzten Stunden illusionslos in die Zukunft. Er fürchtet Spaltungen unter seinen Anhängern: "Die Juden sind in 71 Richtungen gegangen, die Christen in 72, ihr werdet in 73 Richtungen gehen."
Gottes Wort wurde von den nachfolgenden Kalifen schnell weit in die Welt hinaus verbreitet. Aber genauso schnell waren Mohammeds Erben untereinander zerstritten - wie vom Propheten prophezeit.
Noch sind keine 30 Jahre vergangen, da kommt es zum großen Schisma. Für eine Gruppe von Gläubigen ist Mohammeds Vetter Ali der allein rechtmäßige Nachfolger des Propheten. Sie spalten sich nach Alis Ermordung im Jahr 661 von der Mehrheit ab. (Die meisten dieser Schiiten warten bis heute auf die Wiederkehr ihres zwölften Imam, der im 9. Jahrhundert auf mysteriöse Weise verschwand. Oft unterdrückt, galten sie mit ihrem Glauben an das Märtyrertum und den blutigen Selbstgeißelungen bald als besonders fanatisch. Der Ruf blieb ihnen bis heute erhalten. In Teheran agieren Theologen als Stellvertreter des zwölften Imam; zum berühmtesten dieser Ajatollahs wurde der gnadenlos fromme Revolutionsführer Chomeini.)
Auch die Schiiten berufen sich auf den Koran, der zu Mohammeds Lebzeiten noch nicht in seiner heutigen schriftlichen Form existierte und wohl erst unter dem dritten Kalifen Uthman (644 bis 656) zusammengestellt wurde. Doch die Schiiten akzeptieren nicht dieselben Überlieferungen (Hadithe) wie die Sunniten-Mehrheit, weil sie vielen Gefährten des Propheten Fälschungen unterstellen.
Bis zu einer halben Million "Hadithe" zirkulieren: ein Sammelsurium von teilweise dubiosen Erzählungen und durchsichtig parteilichen Auslegungen seiner Worte. 9000 werden gemeinhin anerkannt, auch davon sind mit einiger Sicherheit viele Fälschungen.
Während den sunnitischen Gläubigen in engem Rahmen Kritik an diesen Hadithen erlaubt ist, bleibt der Koran sakrosankt. Er besteht aus 114 Suren mit 6236 Versen. Angegeben ist, ob sie in Mekka oder nach der Auswanderung nach Medina zu Stande kamen. Aber sie sind nicht chronologisch geordnet, sondern nach Länge. Fünf Eckpfeiler, so genannte Säulen, sollen das Leben jedes Muslim bestimmen: Das Bekenntnis zu Allah und seinem Propheten ("Schahada"); das täglich fünfmal zu verrichtende Gebet ("Salat"), das Fasten im Monat Ramadan ("Saum"), das Entrichten einer Armensteuer ("Sakat"); die Pilgerfahrt nach Mekka ("Hadsch").
Es ist eine Religion ohne Erbsünde, ohne Dreifaltigkeit, ohne Papst oder andere Religionsvermittler, ohne Gottessohn auf Erden - "ungeheuerlich ... die Berge stürzen darüber ein, dass sie dem Erbarmer ein Kind zuschreiben", heißt es tadelnd im Koran, der viele andere Elemente der Bibel aufgreift. Ob Wort Gottes oder Werk eines menschlichen Genies: Vor allem, wenn es um Frauen und Krieg geht, spaltet der Koran bis heute die Geister. Unmenschlich, sagen die einen; progressiv, die anderen.
Die Fakten zur Frauenfrage:
Nirgendwo im Heiligen Buch der Muslime ist davon die Rede, dass Frauen "kein Recht auf Arbeit und Bildung haben", so der ägyptische Religionsminister Hamdi Saksuk im SPIEGEL-Interview. Der Koran eignet sich auch schlecht dafür, andere soziale Benachteiligungen der Frauen zu zementieren: Die Rechtsvorschrift der afghanischen Taliban, die einer Frau befiehlt, im Fall einer Vergewaltigung gleich vier Zeugen beizubringen, ist eine Interpretation der Neuzeit.
Mohammeds Einstellung zum anderen Geschlecht zeigt ihn als progressiven Denker, zugleich jedoch als Vertreter einer patriarchalischen Gesellschaft: Er hat über Ungleichheiten nachgedacht, sich aber zu ihrer Überwindung nicht ganz durchringen können. Männer stünden "eine Stufe höher", sagt der Koran; andererseits dürften "Frauen dasselbe beanspruchen". Falls sie sich freilich zu unmoralischen Handlungen hinreißen ließen, predigt der Prophet den Männern, "so hat Gott erlaubt, euch von ihnen zu trennen und sie zu schlagen, aber nicht heftig".
Der Schleier sollte die Damenwelt ursprünglich schützen, nicht degradieren: "Auf diese Weise ist es am ehesten gewährleistet, dass sie erkannt und nicht belästigt werden" (Sure 33, Vers 59). Die Stammesscharmützel haben zu Lebzeiten Mohammeds viele Mekkanerinnen zu Witwen gemacht, manche Sklavinnen wurden zum Verkauf ihres Körpers gezwungen. Mohammed verurteilt die Prostitution. Mit der Erlaubnis, mehrere Frauen zu heiraten - aber nicht mehr als vier -, betont der Koran die Verpflichtung der Männer, die Unversorgten in eine Familie einzubinden.
Die Fakten zum "Heiligen Krieg":
"Allah liebt diejenigen, die auf seinem Weg in Schlachtordnung kämpfen", heißt es in Sure 61. Den muslimischen Kämpfern winkt dabei Belohnung auf Erden - Anteil an der Kriegsbeute - wie auch im Jenseits. Wer im Kampf um den Glauben fällt, dem sollen sich sofort die Pforten des Paradieses öffnen, mit allerlei Attraktionen "zum Lohn für ihre Werke".
Doch daraus lässt sich schwerlich eine grundsätzliche Aufforderung zu einem Heiligen Krieg ableiten. "Dschihad" bedeutet zunächst einmal nichts anderes als die individuelle Anstrengung für den Glauben, "Krieg" im üblichen Sinn hat im Arabischen andere Bezeichnungen. Dschihad kann allerdings auch "Gottesdienst unter Waffen" bedeuten. Zur religiösen Pflicht für Muslime wird er nur bei einem Angriff von außen.
Wenn es sich für die Gemeinschaft als dienlicher erweist, mit den Ungläubigen Frieden zu schließen, "ist gegen die Aussetzung des Dschihad auch über längere Zeit nichts einzuwenden", schrieb der Islamwissenschaftler Albrecht Noth. Vor einer selbstvernichtenden Opferbereitschaft warnt der Koran sogar ausdrücklich: "Stürzt euch nicht mit eigenen Händen ins Verderben!" (Ein neuzeitlicher Präzedenzfall: Die bei Sunniten hoch angesehene Azhar-Universität in Kairo erklärte in einem religiösen Rechtsgutachten den Camp-David-Frieden mit dem feindlichen Israel 1979 für "zulässig".)
Der historische Siegeszug des Islam ist ein Sieg durch Schwerter wie durch Überzeugungskraft: 635 fiel Damaskus, 638 Jerusalem, 642 ganz Ägypten in die Hand der muslimischen Kämpfer. Dann wurde der Irak überrannt und von dort ein großer Teil Zentralasiens. Mohammeds Krieger setzten im Jahr 711 von Marokko nach Spanien über und drangen gleichzeitig 6000 Kilometer östlich ins heutige Afghanistan ein. Die neue Lehre des Propheten-Feldherrn-Staatslenkers verbreitete sich auch durch Kaufleute. Sie trugen die göttlichen Gesetze bis nach Schwarzafrika, sogar bis über den Hindukusch.
In Europa wurde der Vormarsch erst vom Franken Karl Martell 732 bei Tours und Poitiers gestoppt, vor den Toren seiner Hauptstadt. Den Parisern entging dadurch viel - an fortschrittlichem Denken und toleranter Führung. Denn nicht das Reich des Propheten war damals kulturell und wissenschaftlich weit im Rückstand, sondern das christliche Abendland.
In einer Zeit, als in Deutschland und Frankreich die Menschen an Seuchen und Hungersnöten zu Grunde gingen, entstanden im Orient öffentliche Krankenhäuser und Apotheken, baute der Kalif von Bagdad eine Bibliothek mit griechischen und lateinischen Klassikern auf. An den maurischen Höfen im südspanischen Córdoba und Granada blühten Kunst und Architektur, legten muslimische Forscher die Grundlagen der Mathematik, Astronomie und Chemie.
Der wissensdurstige Staufenkaiser Friedrich II. (1194 bis 1250) umgab sich in seiner sizilianischen Residenz zu Palermo mit arabischen Wissenschaftlern. Von Aristoteles wüsste das Abendland kaum etwas, hätten nicht islamische Gelehrte seine Werke herausgegeben und kommentiert. Sie übermittelten das Papier, den Kompass, das Schießpulver aus Fernost, sie br illierten als Forscher selbst beim "Erfinden" der Meteorologie. Der "Türkentrank" Kaffee und der Diwan kamen nach Europa und machten das Leben angenehmer.
Flexibel und weltoffen war der frühe Islam - bereit zu lernen. "Unsere Vorväter ließen keine Tabus gelten", sagt wehmütig der ehemalige algerische Religionsminister Mulud Kassim. Die Kalifen holten sich nach einem weit verbreiteten Hadith ihr Wissen "zur Not auch aus China", und sie teilten diese Erkenntnisse freimütig.
Nie blühte beispielsweise die jüdische Kultur in Jerusalem so wie unter islamischer Herrschaft. Der Kalif Umar lud jüdische und christliche Gläubige ausdrücklich dazu ein, gemeinsam mit den Muslimen in der Stad t zu leben und zu beten. Abd al-Malik baute 691 den Felsendom, um an Mohammeds legendäre Himmelsreise mit dem geflügelten Pferd Burak zu erinnern. Al-Kuds, wie sie auf Arabisch heißt, ist die drittwichtigste heilige Stätte für den Islam nach Mekka und Medina.
Christliche Kreuzritter vergalten solche Toleranz mit einer Blutorgie, als sie Jerusalem im Jahr 1099 eroberten. Aber auch einsetzende geistige Erstarrung verurteilte die islamische Welt zum Niedergang. Während der spanisch-arabische Philosoph Ibn Ruschd (Averroës) in Europa großen Zuspruch erfuhr, verbrannten Muslime seine Schriften. Lange hat es gedauert, bis der alte Kontinent mit der islamischen Herausforderung zurechtkam, sie als Chance zur Erneuerung begriff. Dann aber erlebte Europa - im 16. Jahrhundert - einen dramatischen Aufschwung: in der Reformation des Christentums, in der künstlerischen Blüte der Renaissance, in der Revolution der Wissenschaft durch unabhängige Geister wie Kopernikus.
Der Islam, dessen Prophet Mohammed soziale Gerechtigkeit versprochen hatte, verkam zum Deckmantel skrupelloser Diktatoren. 1529 und 1683 standen Osmanen-Herrscher noch einmal mitten in Europa und wurden bei Wien erst unter Aufbietung aller Kräfte besiegt. Aber den Krieg um die klügsten Köpfe hatten sie zu der Zeit schon verloren - zumindest vorübergehend. "Bis zu Karl Marx und zum Aufstieg des Kommunismus hat der Prophet den einzigen ernsthaften Angriff auf die westliche Zivilisation gestartet", meint der kanadische Orientalist Wilfred Cantwell Smith.
Nichts symbolisiert die Ohnmacht der Muslime so wie der Ägyptenfeldzug Napoleons 1798. Mit erstaunlicher Leichtigkeit schlug er die Heere der Mamelucken in die Flucht. Die Kolonialmächte taten sich dann im 19. Jahrhundert leicht, Stück für Stück aus dem verbleibenden islamischen Einzugsbereich herauszuschneiden: Algerien wurde Kolonie, Ägypten erst französisches, dann britisches Protektorat, Indien "das Juwel in der Krone des Empire". Die Folge war ein bis heute nicht überwundenes Trauma: "Die Muslime, Erben einer großen Kultur und Nachkommen der Beherrscher von Weltreichen, mussten erkennen, dass Fortschritt von Nichtmuslimen diktiert wird", sagt Udo Steinbach, Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg.
Während im christlichen Abendland eine moderne industrialisierte Welt entstand, sahen sich die Muslime ausgeliefert, ausgegrenzt. Die Alternative für islamische Denker: Erneuerung oder Rückwärtsgewandtheit, produktiver Selbstzweifel oder aggressiver Zorn.
Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg war das Osmanische Reich, die letzte imperiale islamische Ordnung, zerstört. Generationen neuer Führer versuchten es anschließend mit importierten Ideologien wie Nationalismus oder Sozialismus.
Kemal Atatürk erklärte seine Türkei zu einer säkularen Republik und reduzierte den Glauben weitgehend auf private Rituale - eine militante Re-Islamisierung als Gegenbewegung macht Ankara bis heute zu schaffen. Gamal Abd al-Nasser träumte in Kairo nach seinem Staatsstreich 1952 nicht von einem Großreich Allahs, sondern vom Panarabismus. Nach einer rauschhaften Begeisterung scheiterte auch dieses Konzept. Die dogmatisch-reaktionäre Muslimbruderschaft ging mit ihrem militanten Teil in den Untergrund. Sie ermordete 1992 den liberalen ägyptischen Schriftsteller Farag Foda, der eine Modernisierung der islamischen Rechtsprechung gefordert und Reformen angemahnt hatte: "Uns Muslimen fehlt ein Martin Luther."
Einige Jahre schien es, als hätte die islamische Welt eine schlagende Waffe, einen Stein der Weisen gegen den übermächtigen Westen gefunden: das Erdöl, das in großen Mengen aus den Wüsten um die Arabische Halbinsel und den Persischen Golf sprudelt. Doch das Kartell behielt nicht lange seine Zähne. In Europa und - ansatzweise - auch in den USA besann man sich auf neue Technologien und aufs Energiesparen. Milliardentransfers machten die Regierungen im Mittleren Osten nicht reformbereiter. Die Habgierigen zerstritten sich und schauten begehrlich hinüber zum noch reicheren Bruder.
Es blieb nicht immer nur beim Blick: 1990 marschierte Iraks Diktator Saddam Hussein im Emirat Kuweit ein. So kam es für viele Muslime zum letzten Glied in einer Kette der Kulturschocks. Westliche Truppen, diesmal sogar herbeigerufen von arabischen Staaten und mit ihrer Einwilligung auch unweit der heiligen Stätten Mekka und Medina stationiert, schlugen den Irak vernichtend.
Der Despot von Bagdad hatte als Führer seiner sozialistischen Staatspartei zuvor muslimische Würdenträger in seinem Land gnadenlos verfolgt, ein Jahrzehnt lang einen erbitterten Krieg gegen den Export der islamisch-iranischen Revolution des Ajatollah Chomeini geführt. In der Stunde der Not aber feierte Saddam, kühl berechnend, seine religiöse Wiedergeburt: "Die Ungläubigen haben sich in eine Front gereiht, nun sollen sich die Gläubigen zusammenschließen. O Muslime, wo immer ihr seid, verbrennt den Boden unter ihren Füßen, rettet das Grab des Propheten vor seinen Besatzern!"
Die Rhetorik fiel auf fruchtbaren Boden, weil Saddam an der Macht blieb, weil er sich zum Underdog gegen eine westliche Übermacht stilisieren konnte. Vor allem Millionen verzweifelter jugendlicher Slumbewohner in Algier, in Kairo und Karachi konnten sich mit einem radikalen Kampf gegen westliche Teufel und deren "Statthalter" in ihren eigenen Ländern identifizieren: Saddams Unterlegenheit empfanden diese Chancenlosen als kollektive Demütigung, "deren Tiefe Menschen im Westen kaum abschätzen können", so der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun. Sie hatten einen neuen Helden.
Bis heute wittern viele eine Verschwörung des Westens, zumal Washington "den Zionisten" erlaubt, Jerusalem mit seinen auch für Muslime so heiligen Stätten zu okkupieren. Fundamentalisten berufen sich auf den Kampf, den ihnen der Koran gegen Besatzer erlaubt, und schließen daraus, er dürfe mit allen Mitteln geführt werden. Doch wenn Politiker im Westen daraus pauschal auf eine weltweite "grüne" Gefahr durch den Islam schließen, tun sie das oft aus Eigeninteresse. Oder verkennen die Verhältnisse.
Den Weltfrieden könnte in Gefahr bringen, wenn bewaffnete Glaubensfanatiker tatsächlich die ganze Südflanke der ehemaligen Sowjetunion erobern, bekämen sie die von Muslimen bewohnten Republiken Tadschikistan, Usbekistan und vor allem das öl- und erdgasreiche Turkmenistan in ihre Gewalt. Aber wenig spricht dafür, dass die von den Taliban unterstützten Krieger das schaffen. Die brutalen Herrscher in Kabul sind nicht gerade ein leuchtendes Vorbild für die von Moskau wie Washington enttäuschten, mit ihren korrupten Herrschern hadernden Völker: Sie pervertieren den Koran, indem sie Suren, die Vergebung predigen, einfach ignorieren. Ihr Leben ist nur das Flammenschwert.
Auch Iran, das andere Modell eines islamischen Gottesstaates, ist gescheitert. Die Mullahs sprechen längst nicht mehr vom Export ihrer Revolution. Sie versuchen Schadensbegrenzung an der heimischen Front. Das Land ist heruntergewirtschaftet, Korruption und Vetternwirtschaft regieren, die Pressefreiheit bleibt in Ansätzen stecken. Und der womöglich schlimmste Feind Teherans ist heute das benachbarte Taliban-Regime, das Flüchtlinge und Fanatiker über die Grenze spült.
Der Westen sieht den Islam als eine Einheit, doch für den liberalen ägyptischen Mufti Sajjid Tantawi ist das eine Illusion: "Die Muslime zerfleischen sich." Das von Mohammed erträumte Weltengebäude Dar al-Islam, unter dessen Dach alle Menschen leben sollen und das von Muslimen beherrscht wird, scheint ihm bis heute nicht mehr als ein Kartenhaus.
Es gibt nicht "den" Islam, sondern - oft grundsätzlich verschiedene - Ausprägungen. Und dennoch breitet sich diese Religion weit greifend aus, wie Mohammed vorhersagte: Mit ihren klaren Regeln, mit ihren strikten Vorschriften bis in den Privatbereich, fasziniert sie die Menschen. Vor allem in Afrika und Asien zählt die durch den Islam gewonnene Gemeinsamkeit offensichtlich mehr als die andernorts versprochenen individuellen Freiheiten.
Aufgeklärte Muslime sehen heute die Gegensätze zwischen den Menschenrechten, wie sie in westlichen Demokratien verstanden werden, und den Vorschriften des Propheten aber nicht mehr als unüberbrückbar. Sie setzen neue Schwerpunkte sogar für das Verständnis des Korans. Sie sprechen zum Beispiel von der Chance eines "Euro-Islam".
Zu seinen Verfechtern gehört Bassam Tibi, 57, der in Damaskus geboren wurde und in Harvard und Göttingen lehrt. Er plädiert dafür, das islamische Rechtssystem mit seinen Vorschriften vom Auspeitschen bis zum Enthaupten - dem Henkerschwert fielen in Saudi-Arabien erst vorigen Dienstag wieder drei Straftäter zum Opfer - nicht als ewiges göttliches Dogma zu sehen. Allah habe zeitgemäße Interpretationen erlaubt. Das Ziel müsse sein, "die Menschenrechte im Sinn der Uno-Deklaration zu definieren und mit dem Islam in Einklang zu bringen". Euro-Muslime wie Tibi sehen sich im Einklang mit westlicher Demokratie, die sie gegenüber ihren radikalen Glaubensbrüdern verteidigen.
Die Erfolgsaussichten eines aufgeklärten Islam wachsen womöglich weniger bei den muslimischen Neu-Einwanderern als ausgerechnet im traditionellen Stammland des europäischen Islam: in Andalusien, bei den sich früherer Glanzzeiten besinnenden Studenten von Granada. Und in Bosnien, wo stets muslimische Toleranz gegen Andersgläubige herrschte - bis zur Belagerung Sarajevos durch die Serben von April 1992 bis September 1995 mit ihren Tausenden von Opfern.
"Schön, dass Sie uns noch zu Europa rechnen", sagt der Großmufti von Bosnien mit einem ironischen Lächeln.
Mustafa Ceric, 49, muss laut sprechen, damit man ihn hört. Gott sei Dank sind es nicht mehr die Schüsse aus der Allee der Heckenschützen und der Kanonendonner vom Hügel hinter der Moschee, die seine Worte schwer verständlich machen. Sondern Kirchenglocken. Sie könnten von der nahen römisch-katholischen Kathedrale kommen oder von der orthodoxen Kirche. Gemeinsam mit der Synagoge und weiteren Moscheen bilden die Gotteshäuser, alle nur einen Steinwurf voneinander entfernt, in Sarajevo ein großartiges gesamtreligiöses Ensemble. Der Islam knapp vorn: Bosnien-Herzegowina mit seinen 40 Prozent Muslimen hat heute nach Albanien den höchsten muslimischen Bevölkerungsanteil in Europa.
"Wir in Sarajevo haben uns immer über das Multireligiöse definiert", sagt der Mufti. Und ist das immer noch so? Ceric zögert. "Ob der Gast zu uns als Katholik oder als orthodoxer Christ kommt, als Jude oder Muslim: Er kann sich immer noch in seiner Stadt fühlen", sagt er dann. Aber natürlich weiß der oberste Muslim, dass nichts mehr so sein wird wie vor der Belgrader Belagerung. Vor der Ordensverleihung an den Kriegsverbrecher Ratko Mladic, die ein orthodoxer Bischof vollzogen hat.
Weltbürger Ceric - in Kairo ausgebildet, in Chicago promoviert, als Dozent in Kuala Lumpur tätig - denkt nicht wie viele seiner Glaubensbrüder. Er meint nicht, dass es ein Religionskrieg war, den die Serben angezettelt haben. Er könnte verzeihen. Ihn hat aber keiner um Vergebung gebeten. Kein Politiker aus Belgrad; kein Kleriker, der den Krieg absegnete.
Der Großmufti weiß, wie schwer unter diesen Umständen Versöhnung ist, und wie tief sich der Riss durch die Religionsgemeinschaften zieht: Viele orthodoxe Serben sind weggezogen, weil sie die Vergeltung der Muslime fürchten. Der ganze bosnische Staat zerfällt in ethnisch-religiös "reine" Gebiete, nur Sarajevo ist noch eine tolerante Ausnahme. Und natürlich gibt es auch Scharfmacher auf muslimischer Seite, vor allem bei den Mudschahidin, die während des Kriegs aus islamischen Ländern zum Beistand für die Verteidiger gekommen sind. Die geblieben sind und jetzt im Untergrund agitieren.
"Dieser schreckliche, dieser überflüssige Krieg", sagt Ceric seufzend. "Wir hatten doch die Unduldsamkeit schon überwunden. Wir bosnischen Muslime waren ein integraler Bestandteil Europas - eines Europa, das eben nicht ausschließlich christlich ist." Er glaubt an die universellen Prinzipien des Korans, er sieht die Chance des Euro-Islam. In Sarajevo sei kein einziges Gotteshaus beschädigt worden, betont er, vielleicht ein Fingerzeig Gottes. Das sei die Verpflichtung zu einem neuen Versuch, wie früher zusammenzuleben: "Der Preis der Freiheit besteht darin, sich nicht zu verstecken - nicht bei der Verteidigung, nicht bei der Versöhnung."
Der Mufti ist vor vier Wochen mit einer Delegation nach Banja Luka gefahren. In der zweitgrößten bosnischen Stadt war die historische Moschee zerstört worden. Jetzt sollte Grundsteinlegung für den Neuaufbau sein. Doch serbisch-nationalistische Fanatiker verhinderten die Zeremonie, die Honoratioren wurden stundenlang festgehalten, mussten von der Polizei mit Waffengewalt befreit werden.
Der sanfte Friedensstifter in Bosnien weiß, was das bedeutet - wieder schlaflos in Sarajevo. Radikale Muslime haben Rache geschworen. Ein Teufelskreis: Sie werden ihrerseits Gewalt anwenden. Sie werden sich dabei auf willkürlich aus dem Zusammenhang gerissene Koran-Verse berufen. Missbrauchend die Lehren Allahs. Schändend den Namen Mohammeds, seines Propheten, der seinen Platz sicher hat in der modernen Welt.
* Links: im Libanon, mit Koran und umgebundenen Sprengstoffgürtelattrappen; rechts: ohne Gesichtskonturen im Gespräch mit dem Erzengel Gabriel, in einer türkischen Handschrift Ende des 16. Jahrhunderts. * Oben: hergestellt in Toledo im Jahr 1029; unten: Darstellung in einer arabischen Handschrift. * Oben: "Sheherazade", 1962; unten: nach Selbstverstümmelung.
Von Follath, Erich

DER SPIEGEL 23/2001
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