02.06.2001

„Blühende Landschaften“

Geologe Ulrich Berner über verfrühte Warnungen vor einer Klimakatastrophe, die überschätzten Wirkungen von Kohlendioxid und die Uneinigkeit der Klimaforscher
SPIEGEL: Herr Berner, in Ihrem kürzlich erschienenen Buch "Klimafakten" behaupten Sie, das Treibhausgas Kohlendioxid habe keine Hauptschuld an der Temperaturerhöhung. Halten Sie die Warnungen vor der Klimakatastrophe etwa für Panikmache?
Berner: In der Tat. Natürlich fügt der Mensch der Atmosphäre CO2 hinzu. Aber wie groß die Auswirkungen auf das Klima sind, das vermag im Augenblick noch niemand zu sagen. Ich bezweifle, dass der Temperaturanstieg der letzten 150 Jahre vollständig auf CO2 zurückzuführen ist. Neuere Computersimulationen zeigen, dass wir den Temperaturverlauf nur nachvollziehen können, wenn wir den Einfluss der Sonne mit einberechnen, deren abgestrahlte Energiemenge ständig schwankt.
SPIEGEL: Was sagt denn Ihr oberster Dienstherr, Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, zu Ihren Erkenntnissen?
Berner: Das Ministerium hat sich sehr positiv zu unserem Buch geäußert. Wir sind eine nachgeordnete Behörde des Wirtschaftsministeriums, weshalb unsere neuen Erkenntnisse dort auch schnell landen.
SPIEGEL: Wie genau muss man sich den Einfluss der Sonne auf unser Klima vorstellen?
Berner: Die Sonne wirkt wie ein riesiger Motor, der unser Klimasystem antreibt. Sie brennt allerdings nicht konstant wie eine Glühbirne. In ganz bestimmten Zyklen bilden sich auf ihrer Oberfläche mal mehr und mal weniger Sonnenflecken. Wir haben bislang unterschätzt, wie stark diese Sonnenflecken das Wettergeschehen auf der Erde steuern. Denn erstaunlicherweise ändert sich mit der Zahl der Sonnenflecken auch die Wolkenbedeckung auf der Erde. Wie genau das funktioniert, wissen wir leider noch nicht. Und wenn wir mehr Wolken haben, reflektiert auch mehr Energie zurück in den Weltraum. Sind weniger Wolken da, gelangt mehr Energie in unser irdisches Klimasystem.
SPIEGEL: An welchem Punkt des Sonnenfleckenzyklus befinden wir uns gerade?
Berner: Im Rahmen der letzten 150 Jahre erleben wir von Zyklus zu Zyklus einen
Anstieg der Sonnenfleckenintensität, der ziemlich genau den Temperaturverlauf der letzten Zeit nachzeichnet.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, nicht der Mensch mit seinem massenhaften Ausstoß von Kohlendioxid ist schuld daran, dass sich die Erdatmosphäre aufheizt, sondern die Sonne?
Berner: Jedenfalls sind die Klimamodelle, mit denen heute die Temperaturentwicklung vorhergesagt wird, falsch, weil sie diesen wichtigen, wenn nicht gar entscheidenden Faktor einfach ausklammern.
SPIEGEL: Eine Arbeitsgruppe von über 600 Klimaforschern des so genannten Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hat Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan als die eigentlichen Verursacher des Temperaturanstiegs identifiziert. Unterstellen Sie, dass sich alle diese Wissenschaftler irren?
Berner: Die Aussagen des IPCC sind überhaupt nicht eindeutig. Innerhalb der Fachgemeinde gehen die Auffassungen weit auseinander. Lediglich die so genannte Summary for Policymakers, die Zusammenfassung für die politischen Entscheidungsträger, suggeriert eine Einigkeit, die in Wahrheit nicht existiert.
SPIEGEL: Aber eine Kernaussage der Klimaforscher ist eindeutig: Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre war in den vergangenen 420 000 Jahren noch nie so hoch wie heute. Wagt die Menschheit nicht doch ein globales Glücksspiel mit möglicherweise katastrophalem Ausgang?
Berner: In der Erdgeschichte gibt es viele Beispiele dafür, dass Kohlendioxidkonzentration und Temperatur kein Zwillingsleben führten. Es kam immer wieder vor, dass der CO2-Gehalt zunahm und die Temperatur zurückging. Das belegen die für Paläoklimatologen wichtigsten Archive: die Eiskerne aus Bohrungen in der Arktis und Antarktis.
SPIEGEL: Aber für den momentanen rasanten Anstieg der CO2-Konzentration gibt es in der jüngeren Erdgeschichte kein Vorbild. Woher nehmen Sie ihre Gelassenheit?
Berner: Aus der jüngsten Klimageschichte. Schauen wir uns die letzten 150 Jahre an. Der CO2-Anstieg in der Atmosphäre stimmt nicht mit der Temperaturkurve überein. Bis 1940 hat es einen Temperaturanstieg gegeben, der vom Anstieg des Kohlendioxid überhaupt nicht mitgemacht wurde. Dann wiederum sind Anfang der fünfziger Jahre die Temperaturen gefallen, während das Kohlendioxid in der Atmosphäre zugenommen hat. Viele Klimaforscher nehmen mittlerweile Rückzugspositionen ein und betrachten nur noch die letzten 30 Jahre, in denen man tatsächlich einen gleichzeitigen Anstieg von Kohlendioxid und Temperatur sieht.
SPIEGEL: Beunruhigend ist doch die Prognose des IPCC, dass es sogar in Zukunft noch schneller wärmer wird als befürchtet. Die Schätzungen für die nächsten 100 Jahre variieren zwischen 1,4 bis 5,8 Grad.
Berner: Es wird sicherlich schon deshalb eine Temperaturerhöhung geben, weil wir uns noch im Anstieg eines langfristigen Sonnenfleckenzyklus befinden. Nur, wie stark dieser Temperaturanstieg am Ende ausfallen wird, das wissen wir noch nicht. Sicher wird es nicht um 5,8 Grad wärmer, eine solche Vorhersage ist ganz sicher überzogen.
SPIEGEL: Die Klimaforscher entdecken bereits heute immer mehr Auswirkungen einer Klimaveränderung: Viele Gletscher ziehen sich zurück, die Erwärmung des Ozeanwassers schreitet voran, und die arktische Meereisdicke ist um 40 Prozent geschrumpft. Wie erklären Sie all diese Beobachtungen?
Berner: Die Beobachtungen sind sicherlich richtig. Allerdings ist das Klima nie stabil. Auch ohne Einfluss des Menschen pendelt es zwischen kühleren und wärmeren Zuständen. Und im Augenblick bewegen wir uns in eine wärmere Phase hinein. Wir kommen aus der letzten kleinen Eiszeit, die ungefähr ab dem Mittelalter ausbrach und ihre stärkste Phase im 17. und im 19. Jahrhundert hatte.
SPIEGEL: Erst vorvergangene Woche haben 17 nationale Wissenschaftsorganisationen im Magazin "Science" bei den Politikern Maßnahmen zum Klimaschutz eingefordert. Panikmache?
Berner: Auch Wissenschaftler argumentieren in erschreckender Weise monokausal. Dass die Menschheit seit 20 Jahren nur vor dem Treibhausgas CO2 gewarnt wird, ist eine einseitige Informationspolitik, die ein Umdenken hin zu einem vielschichtigen Klimaverständnis verhindert hat.
SPIEGEL: Sie hat aber auch das Bewusstsein auf die Gefahren durch den Klimawandel gelenkt. Welche Auswirkungen würde eine Aufheizung der Atmosphäre für die Menschheit haben?
Berner: Die bevorstehende Temperaturerhöhung wird nichts übersteigen, was die Menschheit nicht schon in früheren Zeiten erlebt hat. Und in der Vergangenheit haben Klimaveränderungen die Menschen immer wieder dazu veranlasst, aktiv zu werden und sich anzupassen. Negatives Beispiel sind sicher die Völkerwanderungen. Aber es hat auch sehr positive Auswirkungen gegeben, beispielsweise während des mittelalterlichen Klimahochs: Damals lebten wir hier in Europa in blühenden Landschaften. Der Weinbau in England florierte. Er war sogar ein großer Konkurrent für den Weinbau auf dem französischen Festland.
SPIEGEL: Mehr als eine Milliarde Menschen lebt in Regionen, wo selbst geringfügige Klimaveränderungen katastrophale Folgen haben könnten. Verhalten Sie sich nicht zynisch angesichts der Bedrohungen, denen ein Bauer in Bangladesch ausgesetzt ist?
Berner: Für solche gefährdeten Regionen müssen natürlich Vorkehrungen getroffen werden. In gewissem Rahmen müssten auch Umsiedlungen vorgenommen werden, wenn wirklich katastrophale Änderungen eintreten sollten. Solche erwarte ich aber nicht, denn ein moderater Temperaturanstieg lässt den Meeresspiegel um weniger als einen Meter ansteigen - wenn überhaupt.
SPIEGEL: US-Präsident George Bush lehnt das Kyoto-Protokoll zur Verringerung der CO2-Emissionen ab, weil ihm die wissenschaftlichen Argumente dafür nicht reichen. Hat er demnach Recht?
Berner: Wenn ihm seine Berater ehrlicherweise sagen, dass sie für die Zukunft keine verlässlichen Klimaprognosen abgeben können, hat er in der Tat allen Grund für seine Zurückhaltung. Dennoch sollte er Energiesparmaßnahmen forcieren.
SPIEGEL: Halten Sie demnach das Protokoll von Kyoto, in dem sich die Industriestaaten auf eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes geeinigt haben, für überflüssig?
Berner: Nein. Kyoto bewegt schon einiges. Weniger für den Klimaschutz, mehr für Energiesparmaßnahmen.
SPIEGEL: Warum sollten wir nicht weiter 3,5 Milliarden Tonnen Öl jährlich verbrauchen, wenn das für das Klima keine negativen Folgen hat?
Berner: Weil die leicht zu erreichenden fossilen Energiereserven schon Mitte dieses Jahrhunderts knapp werden. Die Zeiten, als wir große Ölvorkommen gefunden haben, sind definitiv vorbei. Was wir jetzt noch an Erdgas und Erdöl entdecken, ist Beiwerk. Man könnte anfangen, Schweröle, wie wir sie beispielsweise im Orinoco-Becken vorfinden, zu fördern. Oder aber Lagerstätten in größeren Wassertiefen vor den Küstenzonen anzapfen. Doch der finanzielle und technische Aufwand wäre sehr groß.
SPIEGEL: Und andere fossile Energieträger wie Methan, das gefroren in großen Mengen unterhalb der Meeresböden lagert?
Berner: Für Meeres-Methan gibt es momentan noch keine sichere Fördermethode. Wir müssen einfach realistisch bleiben und regenerative Energiequellen wie zum Beispiel Geothermie erschließen. Das sind wir den nachfolgenden Generationen schuldig.
Der Geologe
Berner, 48, leitet die Klimaabteilung an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, einer dem Wirtschaftsministerium unterstellten Bundesbehörde. Neben der Suche nach Rohstoffen und neuen Energieträgern sowie der Erdbebenüberwachung rekonstruiert das Institut auch die Klimageschichte. Dazu ziehen die Wissenschaftler von Forschungsschiffen wie der "Sonne" Sedimentbohrkerne. Aus diesen Fundstücken rekonstruieren sie dann historische Klimadaten der Erde.
* Sammlung von Salzkernen in der BGR.

DER SPIEGEL 23/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Blühende Landschaften“

Video 00:53

"Fast" Gigantisches Radioteleskop in Betrieb

  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart" Video 00:53
    Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart
  • Video "Video zu Legal Highs: Psychotrips aus der Chemie-Küche" Video 03:29
    Video zu "Legal Highs": Psychotrips aus der Chemie-Küche
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste
  • Video "Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: Wie eine tickende Zeitbombe!" Video 02:38
    Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: "Wie eine tickende Zeitbombe!"
  • Video "Filmstarts im Video: Kampf den Supermüttern" Video 08:02
    Filmstarts im Video: Kampf den Supermüttern