Von Ridder, Michael de
VON MICHAEL DE RIDDER
Fahle, schrundige Haut, Nissenbefall des Kopfhaars, altblutiger Schorf am Hinterhaupt, Eiterschlieren zwischen den Wimpern. Soor der Mundschleimhaut, gebrochene Zahnprothese. Handtellergroße Blutergüsse an der rechten Schulter, floride superinfizierte Gürtelrose in der linken Leiste, ausgedehnte Pilzbesiedlung des äußeren Genitales. Erhebliches Flüssigkeitsdefizit. Schwerste Atrophie der gesamten Muskulatur, Kontrakturen an allen Extremitäten. Blutdruck systolisch 60. Kontaktaufnahme nicht möglich."
Routiniert und doch fassungslos dokumentiert meine Kollegin den klinischen Zustand der reglos auf einer Trage liegenden 79-jährigen Alma S. Der entsetzlichste Befund tritt erst zu Tage, als zwei Schwestern die Patientin behutsam zur Seite drehen: eine von den Lendenwirbeln bis zu den Kniekehlen reichende, bestialischen Dunst verströmende geschwürige Kraterlandschaft, an deren Grund mehrere Wirbelkörper sichtbar sind. Diagnose: Ausgedehnter verjauchender Dekubitus, Sepsis im Finalstadium. Therapie: aussichtslos.
Nachbarn hatten die Feuerwehr alarmiert, da sich im Treppenhaus ein übler Geruch bemerkbar machte. Acht Monate zuvor hatte die Rentnerin einen ausgedehnten Schlaganfall mit einer Lähmung der rechten Körperhälfte erlitten. Ihr im gleichen Haushalt lebender Sohn, ein arbeitsloser Elektriker, kassierte für die Pflege seiner Mutter 1300 Mark monatlich von der Pflegeversicherung. Nie hatte diese seine Leistungen überprüft. Der Hausarzt berichtet auf telefonische Nachfrage, bei einem Hausbesuch vor vier Monaten sei "alles in Ordnung gewesen". Im Übrigen werde ein Hausbesuch von der Kasse mit lediglich 25,05 Mark abgegolten: "Sie verstehn doch, Frau Kollegin, allein die Zeit für die Parkplatzsuche - mehr war da einfach nicht drin."
Kaum hörbar wimmernd, bewusstlos und mit verebbender Atmung kommt Alma S. auf unsere Aufnahmestation. Ein Morphintropf - das Einzige und Letzte, was jetzt noch für sie getan werden kann. Zwei Stunden später ist ihr Blutdruck nicht mehr messbar. Alma S. stirbt am Abend des 8. Februar 2001 gegen 19.30 Uhr. Niemand ist zugegen. Eine halbe Stunde später liegt sie im Kühlraum des Pathologischen Instituts. Der Leichenschauschein weist einen natürlichen Tod aus.
Natürlicher Tod? Zweifellos litt Alma S. an einer schweren Erkrankung, den Folgen eines Schlaganfalls. Doch Ursache ihres Todes war er nicht. Nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10), die jedes nur denkbare Gebrechen definiert und mit einem Zahlencode versieht, hätte die Todesursache vielmehr lauten müssen: "T74.0: Vernachlässigen oder Imstichlassen". T74 steht dabei für den Diagnosenkomplex: "Misshandlungssyndrome".
Mag auch das Ende der Alma S. besonders krass sein; mit den erbarmungswürdigen Folgen von Gleichgültigkeit und Vernachlässigung pflegebedürftiger Menschen durch Angehörige, Pflegedienste und Ärzteschaft konfrontiert zu werden gehört in bundesdeutschen, zumal Berliner Krankenhäusern zum Alltag.
Zum Alltag gehört auch das Schicksal der alleinstehenden 67-jährigen Frieda L., die seit Jahren unter osteoporotischen Rückenschmerzen, erheblicher Sehkraftminderung, Herzschwäche und den Folgen eines leichten Schlaganfalls litt. Da sie ihren Haushalt noch recht und schlecht bewältigte und ihr Lebensmut ungebrochen schien, versagte ihr der Medizinische Dienst der Krankenkasse (MDK) trotz eines hausärztlichen Gutachtens eine Hilfe nach Stufe I der Pflegeversicherung. Schon seit Jahren konnte sich Frieda L. nicht mehr bücken, Schuhe und Füße waren in unerreichbare Ferne gerückt.
Die Dienste einer Fußpflegerin in Anspruch zu nehmen ließ ihre schmale Rente nicht zu. So versuchte sie anfänglich, sich mit Hilfe ihres Krückstocks der Schuhe zu entledigen, was an ihrer Immobilität und ihren schlechten Augen scheiterte. Seitdem ging sie in Schuhen zu Bett. Am Abend des 8. Dezember 2000 ruft sie wegen nun nicht mehr erträglicher Schmerzen in den Füßen die Feuerwehr.
Der Chirurg Dr. K. entbindet die dreckstarrenden, in Auflösung befindlichen Schuhe von Füßen, an denen Haut und Strumpf nicht mehr voneinander unterscheidbar sind. In einer halbstündigen Prozedur - nach Gabe eines Schmerzmittels - gelingt es, Strumpfreste und Füße weitgehend voneinander zu trennen. Der Großzehennagel des linken Fußes, blutunterlaufen und von einer pilzigen Entzündung durchsetzt, war innerhalb des Schuhs zu einem monströsen Horn gediehen.
Der Fall Frieda L. - auf den ersten Blick eine bloß grotesk anmutende medizinische Rarität. Doch er verweist auf anderes: Er konterkariert drastisch und stellvertretend für die vielen entstellenden und schmerzhaften Gebrechen des Alters den obszönen Körperkult einer dem Anti-Aging-Wahn erlegenen Gesellschaft. Deren Elite zerbricht sich zwar in den Feuilletons den Kopf über die künftige Optimierung des menschlichen Genoms; der auf den Nägeln brennenden, längst überfälligen Debatte über die Versorgung der Schwächsten und Hinfälligsten, die zudem in naher Zukunft mehr als ein Drittel der Gesellschaft ausmachen werden, zollen die Edelfedern der Kultur- und Sozialkritik kaum eine Zeile.
Pflegenotstand ist ein Tabuthema, die Situation in vielen Heimen gespenstisch. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden seit 1998 in Berlin - 26 000 Menschen leben hier in 336 Pflegeeinrichtungen - 18 Heime geschlossen; kürzlich erst "Haus Mannack" in Berlin-Spandau, dem der MDK gravierende Missstände bescheinigte: mangelhafte Patientenbetreuung, inkompetentes Personal, nicht tragbare hygienische Zustände. Die Überprüfung zahlreicher anderer Pflegeheime förderte zu Tage, dass 75 Prozent der Bewohner keinerlei Ansprache hatten, bei 40 Prozent die Trinkmengen nicht ausreichten und Brei auch dann auf dem Speiseplan stand, wenn das Essen fester Kost noch möglich war, von Unterhaltungsangeboten ganz zu schweigen.
Niemand kennt die Zahl der Krankenhausaufnahmen, die allein schweren Pflegemängeln geschuldet sind. Niemand will es auch wissen. Mit bornierter Ignoranz leben Gesundheitspolitik und Pflegeversicherungsbürokratie allemal bequemer als mit harten Zahlen zur gesundheitlichen und seelischen Verfassung der Alten, würden doch solche Zahlen die Schlagseite unseres chronisch schlingernden Gesundheitswesens nur noch deutlicher werden lassen. Denn die Krankenkassen honorieren mit Milliardenbeträgen eher eine Unzahl unnötiger Herzkatheteruntersuchungen oder Tomografenaufnahmen als die personal- und zuwendungsintensive Versorgung von Alzheimer-Patienten oder den Hausarztbesuch bei hilflosen Parkinson-Kranken.
Hilflosigkeit - eine Diagnose, die nach den Leistungskatalogen deutscher Krankenkassen keine Krankenhausbehandlung rechtfertigt. Aber wohin mit einem "anhanglosen" 82-Jährigen, der nachts verwirrt im Schlafanzug von einer Polizeistreife aufgegriffen wird und nicht mehr weiß, wohin? Der am nächsten Morgen in seinem Klinikbett frühstückt und von Verwirrtheit keine Spur mehr zeigt, weil Menschen zugegen sind und er Ansprache hat? Sollte denn die Streife versuchen, verehrte Krankenkassenfunktionäre, ihn im Hotel Adlon loszuwerden? Ihnen sei empfohlen, im renommierten "New England Journal of Medicine" (Bd. 334, Nr. 26, S. 1738) nachzuschlagen: "Helplessness is a true medical emergency."
Für immer mehr Alte bedingen sich Krankheit und soziale Situation wechselseitig: Armut, Isolation, Partnerverlust, Depressionen, Mangelernährung, Kräfteverfall und nachlassende Hygiene verschränken sich mit diversen physischen Leiden oftmals zu stummer, nicht mehr erreichbarer Verzweiflung, die irgendwann nur noch erschöpft danach verlangt, ein Ende zu finden.
"Geben Sie mir doch die Spritze." Die matten Worte des 74-jährigen Neuköllners Kurt W. gelten mir, dem von einer Nachbarin alarmierten Notarzt. Röchelnd sitzt der sieche alte Mann, kaum mehr als 40 Kilogramm schwer, im Sessel. Blut trieft aus seinem linken Mundwinkel, eine Blutspur zieht sich bis in die Küche, in der Kubikmeter Müll vor sich hin rotten. Die Luft riecht säuerlich, die Vorhänge sind zugezogen, der Strom ist abgeschaltet. "Der will schon lange nicht mehr; die Töchter leben im Westen, und die Kiezpflege hat er nicht mehr reingelassen", erklärt schwer atmend die greise Nachbarin, die ich am liebsten gleich mit in die Klinik einweisen würde.
Nur widerwillig lässt sich der Alte absaugen, eine Sauerstoffbrille aufsetzen und eine Infusion anlegen. "Mein Wohnungsschlüssel ..." - seine letzten Worte. Den Schlüssel braucht er nicht mehr. Ein plötzlicher Hustenanfall schüttelt ihn, sein Gesicht läuft blau an, schwallartig spuckt er Blut; während des Transports in die Klinik verstirbt er. Sektionsergebnis: Lungentuberkulose - Krankheit des Elends.
Nach drei vergeblichen Versuchen, seine Wohnung zu betreten - der letzte vor einem halben Jahr - hatte die Kiezpflege aufgegeben und den Hausarzt informiert. Der empfahl - ohne den Patienten je gesehen zu haben - Krankenhausbehandlung, aber der Alte lehnte ab. Über den Sozialpsychiatrischen Dienst und das Vormundschaftsgericht einen Betreuer zu bestellen unterblieb mit vagen Begründungen des Arztes.
Manche Alte erklären, dass sie " nicht mehr wollen". Ihr Zorn ist stumm. Sie weigern sich zu essen, spülen ihre Tabletten ins Klo, werden aggressiv oder apathisch: passiver Widerstand als vorletztes Mittel der Selbstbehauptung und des Appells an eine Welt, die sie ausgegrenzt hat. Manche greifen zum Äußersten, wenn sie noch können und wenn man sie lässt. Sie horten ihre Tabletten und schlucken sie irgendwann. Wenige schaffen es. Die meisten werden gefunden: Magenspülung, Gerontopsychiatrie, Neuroleptika, Dahindämmern - Endstation Krankenhaus.
Ein weiterer Notarztwagen-Einsatz: Nahe der Hackeschen Höfe, im Epizentrum der Berliner Party- und Clubszene, betreibt ein privater Träger ein Pflegeheim für Schwerstpflegebedürftige: Demente, Tumorkranke, Wachkomapatienten. Eine Jungschwester - nachts die einzige Pflegekraft, zuständig für eine ganze Station - hastet genervt von Bett zu Bett. "Der Schlaganfall in der Zwölf", wirft die Schwester mir zu, "seine Sonde ist verstopft, ich bin nebenan." In der Zwölf dämmert Anton B., ein schnarchender ausgezehrter 89jähriger Herr, frisch gebettet seinem Ende entgegen. "Damit ihm nichts zustößt", sind seine Handgelenke mit Mullbinden an den Bettrahmen gebunden. Nach einem Schlaganfall vor drei Jahren hatten sich Schluckstörungen eingestellt, gleichwohl ließ er sich mit freundlichem Zureden und viel Zeit zu Hause von seinen Angehörigen füttern. Das ging einige Wochen gut, dann steckten sie ihn ins Heim. Er aß nicht mehr und verfiel zusehends. Die Heimleitung drängte die Familie, einer Ernährungssonde zuzustimmen - ein heute übliches Vorgehen bei geriatrischen Patienten, die nicht mehr essen können oder wollen. Ein kleiner operativer Eingriff, den jede Klinik durchführt, ist erforderlich, um die Sonde durch die Bauchdecke in den Magen zu legen. Zweimal täglich wird mit einer klistierähnlichen Spritze eine mit Kalorien und Vitaminen angereicherte Fertigsuppe "gefüttert". Zeitaufwand: 30 Sekunden. Anton B. - rationelle Geriatrie 2001.
"Die Frau in der 13 ist völlig verschleimt - können Sie noch das Sekret absaugen, wo Sie schon mal da sind?", bittet mich die Schwester. In der 13, Einzelzimmer, liegt Gertrud L., Schweißperlen auf der Stirn, tief eingesunken die Wangen, die Zunge rissig, auf ihren Lippen platzende Schleimblasen. Bewusstlos seit einer inoperablen Hirnblutung, wird Gertrud L. hier seit acht Monaten gepflegt, eine lebende Tote. "Wenn die meine Mutter wäre", und mit einem letzten Blick auf die Greisin versichere ich mich meiner Worte, "einschlafen ließe ich sie - für immer."
Angesichts der erbärmlichen und hoffnungslosen Lage vieler Pflegebedürftiger bleiben Scham und Zorn. Scham - weil eine Gesellschaft, die sich ihr gesundheitliches Wohlergehen mehr als 500 Milliarden Mark jährlich kosten lässt, ihre Gebrechlichsten zu Almosenempfängern degradiert und manchen gar das Nötigste vorenthält. Scham - weil nicht wenige Junge die gesetzliche Pflegeversicherung als Alibi betrachten, den Alten Zuwendung und Sorge zu entziehen, oder sich sogar an ihnen bereichern. Zorn - weil die Ärzteschaft, seit langem unfähig zur Selbststeuerung, sich ihre Ertragslage mehr angelegen sein lässt als die Erfüllung ihres Versorgungsauftrags. Zorn - weil die Budgetierung der von den Kassen getragenen Gesundheitsausgaben nur Sinn machte, würde man sie von überflüssigen Leistungen und anderer Quacksalberei zu Gunsten des Unverzichtbaren befreien. Zorn schließlich auch auf eine Politik, die Pflicht und Kür nicht mehr zu trennen vermag: Sie schenkt den Sirenengesängen der kommenden Biomedizin mehr Aufmerksamkeit als den aktuellen medizinischen Behandlungs- und Versorgungsnotwendigkeiten einer alternden Gesellschaft.
DER SPIEGEL 23/2001
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