11.06.2001

WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Erinnerung an den Teufel

Von Halter, Hans

Erstmals entschuldigen sich deutsche Spitzenforscher für die Kooperation mit den Nazis, für Mord und Menschenversuche.

Dr. med. Dr. phil. Josef Mengele, SS-Hauptsturmführer und von 1943 bis 1945 Lagerarzt im Konzentrationslager Auschwitz, galt als gebildet und wissenschaftlich interessiert. An der Rampe des Vernichtungslagers selektierte er die Neuankömmlinge, 90 Prozent kamen gleich in die Gaskammern.

Die anderen erhielten eine winzige Chance: Wer jung und noch kräftig war, wurde von Mengele den benachbarten Rüstungsfabriken als Zwangsarbeiter zugeteilt. Das besondere Interesse des Arztes, Anthropologen und Eugenikers aber galt den Kindern. Seine Helfer liefen an den Güterwagen entlang und riefen laut: "Zwillinge! Wer ist ein Zwilling?"

Zwillinge und Zwerge waren Mengeles wissenschaftliche Liebhaberei. Für sie unterhielt er im KZ eigene Baracken. Dort forschte er nach Gutdünken. Die Zwillinge, meistens Kinder, deren Eltern und Verwandte er nach der Ankunft sofort hatte töten lassen, wurden gewogen und vermessen, dreimal pro Woche nahm er ihnen Blut ab. Jede biologische Kleinigkeit schien dem Erbforscher von Interesse.

Unklarheiten - etwa: Hat der kleine Mensch eine innere Organanomalie? - klärte er sofort. Mengele injizierte fünf Milliliter giftiges Phenol direkt ins Herz und sezierte seine Opfer noch lebendwarm.

Die Präparate - Augen, Gehirne, Blutseren - gingen sofort ("Kriegswichtig! Dringend!") an das "Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik" in Berlin-Dahlem. Dort war Mengeles Doktorvater, Otmar Freiherr von Verschuer, als Direktor tätig. Beide waren überzeugte Nazis. Sie propagierten "Rassereinheit", "Aufnordung", Züchtung, Auslese und Antisemitismus. Die "Ausmerze" im KZ sahen sie als gute Gelegenheit, unbeschränkt an junge, frische Organe heranzukommen.

Wie viel hundert Kinder der deutsche Arzt Mengele für seine obskuren Rasseforschungen umgebracht hat, ist unbekannt. Als die Sowjetarmee das KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 befreite, fand sie noch rund 200 Zwillingskinder lebend vor. Von ihnen leben, in zehn Ländern auf vier Kontinenten, noch etwa 80. Acht von ihnen waren Ende vergangener Woche in Berlin - denn jetzt, 56 Jahre nach Kriegsende, wollte sich die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) bei ihnen entschuldigen.

Die MPG ist die Erbin der "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft" (KWG) und zugleich die Spitzenorganisation der deutschen Wissenschaft. Ihr Präsident, der bayerische Biologe Hubert Markl (Jahrgang 1938), hat vor vier Jahren eine unabhängige Kommission von Zeithistorikern eingesetzt, die sich um Aufklärung bemüht. Markl: "Wir sind das den Opfern schuldig und uns selbst."

Die Täter sind inzwischen tot und haben deshalb nichts mehr zu befürchten. Kein KWG-Wissenschaftler ist bestraft worden. Verschuer wurde nach dem Krieg ordentlicher Professor an der Universität Münster, diesmal nicht für Eugenik, sondern für Genetik, und starb 1969 friedlich im Bett. Sein Schüler Mengele setzte sich nach Südamerika ab. Dort erlitt er, 67-jährig, 1979 einen Schlaganfall beim Baden.

"Wir, die ,Mengele-Zwillinge'', erinnern uns noch gut an ihn", sagten in Berlin die Überlebenden Eva Mozes Kor und Jona

Laks, "er war der unumschränkte Herr über Leben und Tod, ein Teufel." Die Befürchtung der KZ-Opfer, beide Ende 60: "Mit uns stirbt die Erinnerung."

Dem wollen Markl und die acht Zeithistoriker der Kommission vorbeugen. "Jedes Archiv steht Ihnen offen, es gibt für Sie keine Geheimnisse", verspricht der MPG-Präsident - und vor allem: keinen hinhaltenden Widerstand mehr. Der hat, länger als fünf Jahrzehnte, erfolgreich Täter, Mitwisser und Sympathisanten geschützt.

Mengele und Verschuer haben offenbar alle belastenden Unterlagen rechtzeitig vernichtet. In Auschwitz sorgte Mengele, obwohl eigentlich gar nicht dafür zuständig, für die Sprengung der Gaskammern. "Lassen Sie mich von all dem Furchtbaren schweigen, das hinter uns liegt", schrieb Professor Verschuer 1946 an einen holländischen Fachkollegen. Bei anderen bedankte er sich herzlich für die übersandten "Persilscheine". Seine Kollegen verhielten sich ebenso. Denn während der Nazi-Zeit haben nicht nur Ärzte der renommierten Forschungsinstitute Schuld auf sich geladen. An Mord und Totschlag, ihrer Rechtfertigung und Perfektionierung, beteiligten sich auch die Juristen der KWG, ihre Polit-Ideologen ("Ostforscher"), selbst die Chemiker, Physiker und Metallurgen, die sich meist freudig in den Dienst der Aufrüstung stellten.

So gut es noch geht, sollen überall die verwehten Spuren aufgedeckt werden. Markl, dessen berühmter MPG-Vorgänger, der Nobelpreisträger Adolf Butenandt 1949 sogar Mengele einen Persilschein ausstellte, hat sich am Donnerstag voriger Woche pauschal und glaubhaft für alle Verbrechen seiner Vor- und Vorvorgänger entschuldigt und um Verzeihung gebeten, auch bei den "Mengele-Zwillingen".

Er tat dies im Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft zu Berlin-Dahlem. Die Forschungsstätte ist benannt nach einem Chemiker, Nobelpreisträger und KWI-Direktor. Der hatte ab 1914 für Deutschland das erste Giftgas entwickelt und seine erste militärische Anwendung, am 22. April 1915 an der Westfront, persönlich überwacht. Dabei starben Tausende französische und britische Soldaten.

Haber war sehr zufrieden. Er nannte seine heimtückische Erfindung nach dem Krieg, ohne Reue, eine "höhere Form des Tötens". HANS HALTER

* Im weißen Kreis: Eva Mozes Kor.

DER SPIEGEL 24/2001
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