18.06.2001

RADRENNEN

Brisanter Saft

Von Ludwig, Udo und Pfeil, Gerhard

Die Razzia beim Giro d'Italia hat eine neue Dopingpraxis ans Licht gebracht: Athleten bedienen sich direkt in Pharmalabors.

Unvermittelt im internationalen Dopingsumpf stecken, das will sich keine Firma aus der Pharmabranche leisten. Baxter International, ein aktueller Börsenstar aus Deerfield bei Chicago, reagierte deshalb prompt, als die Razzia beim Giro d'Italia ein Blutersatzpräparat aus seinen Forschungslabors zu Tage förderte.

Patricia O'Hayer, Mitarbeiterin aus der Baxter-Niederlassung in Brüssel, machte sich vergangenen Mittwoch zur Staatsanwaltschaft nach Florenz auf. Sie sollte klären, wie das Mittel ins Gepäck von Radsportlern gelangen konnte.

Bei der bisher größten Durchsuchungsaktion im Sport hatten die Fahnder beim Italiener Dario Frigo den Blutersatzstoff Hemassist gefunden. Das war selbst für Dopingexperten eine Sensation: Das Mittel war offiziell nie auf dem Markt, der Pharmamulti hatte es noch in der klinischen Erprobung zurückgezogen.

Nicht nur dass Radfahrer offensichtlich bereit sind, immer größere Risiken einzugehen: Seitdem der beliebte Blutauffrischer Epo zuverlässig nachgewiesen werden kann, sind die Athleten bei der Beschaffung der Muntermacher in eine neue Dimension des Betrugs eingestiegen.

Bedienten sich Doper bisher bei zwielichtigen Apothekern, bei Schmugglern und geheimen Pillendrehern, so lassen die in San Remo beschlagnahmten Präparate vermuten, dass die Athleten und ihre Betreuer nun offensichtlich Zugang zu den Forschungslabors der Pharmaindustrie suchen. Der Fall Frigo, sagt Bengt Saltin, Mitglied der Welt-Anti-Dopingagentur, "zeigt uns, dass die Dopingmafia besser organisiert ist, als wir bisher gedacht haben".

Als die französische Justiz Ende Mai 41 Personen eines Dopingnetzwerks zu Geld- oder Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren verurteilte, glaubten viele Funktionäre noch, die pillenhörige Branche sei endgültig abgeschreckt. Die Funde von San Remo beweisen das Gegenteil. So stießen die Fahnder auch auf RSR-13 - ebenfalls ein Stoff, den es in Apotheken nicht gibt.

Jedes Medikament wird in drei Testphasen auf Verträglichkeit und Wirksamkeit geprüft, bevor es in den Handel geht. RSR-13 aus dem Hause des amerikanischen Pharmaherstellers Allos Therapeutics befindet sich zur Zeit in Phase drei. Das Präparat, das wie Epo den Sauerstofftransport im Blut ankurbeln soll, kommt frühestens in einem Jahr auf dem Markt.

Dass RSR-13, entwickelt zur Behandlung von Patienten mit Gehirntumoren, Ausdauersportlern auf die Beine hilft, blieb Medikamentenschiebern offensichtlich nicht lange verborgen - kundige Helfer waren dann schnell zur Hand. Die Herstellung von RSR-13, sagt Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, "ist simpel". Ein Anwalt könne - ganz legal - die Patentschrift besorgen. Für die Anmischung im Labor reiche anschließend das Know-how "eines Chemiestudenten". Wissenschaftler glauben jedenfalls, das beim Giro gefundene Mittel stamme aus einer illegalen Chemieküche.

Weit obskurer ist, wie das Mittel Hemassist ins Hotelzimmer des Radprofis Frigo ("Ich habe nie gedopt") gelangen konnte. Mit dem Produkt versuchte Baxter vor Jahren das Rennen um einen Blutersatzstoff zu gewinnen. Künstliches Blut gilt als Goldgrube der Branche, der Absatzmarkt verspricht Milliardenumsätze. 1998 ging Hemassist in Belgien, Frankreich, England, Holland, Finnland und Deutschland in die dritte Testphase. Verletzte mit starken Blutverlusten wurden damit behandelt. Doch es starben mehr Patienten, die Hemassist bekommen hatten, als in einer Vergleichsgruppe. Baxter zog das Präparat zurück und will alle Chargen vernichtet haben.

Dass der brisante Saft im Do-it-yourself-Verfahren nachgebaut wurde, schließt Baxter-Frau O'Hayer aus: "Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu." Für Sörgel gibt es nur eine Erklärung: Konserven wurden "geklaut" und sind nun verabreicht worden. Sollte das der Fall sein, dräut den Konsumenten Ungemach. Selbst bei minus 70 Grad hält sich Hemassist nur zwölf Monate - womit das in San Remo gefundene Mittel seit mindestens zwei Jahren abgelaufen wäre. "Wer das jetzt noch nimmt", sagt ein Baxter-Mitarbeiter, "ist nicht mehr verkehrstauglich."

Auf dem deutschen Schwarzmarkt sind Hemassist und RSR-13 nach den Erkenntnissen der Behörden bisher nicht zu haben. In den 109 Verfahren, die Ermittler im vergangenen Jahr in Deutschland gegen Dopingschmuggler einleiteten, waren die Substanzen nicht aufgetaucht. Denkbar sei aber, so Leonhard Bierl vom Zollkriminalamt in Köln, dass Präparate "umetikettiert werden" - also der tatsächliche Inhalt von Ampullen verschleiert wird.

Dass die Razzia von San Remo die Performance mancher Rennteams beeinträchtigt, ist eher nicht zu erwarten. Die US-Biotechnikfirma Amgen hat gerade rechtzeitig Aranesp auf den Markt gebracht, eine Art Super-Epo für Patienten mit Blutarmut. Der Vorteil: Die Wirkung von Aranesp hält zwei Wochen vor. Wer den Stoff in der nächsten Woche zu sich nimmt, steht bei der Tour de France voll im Saft. UDO LUDWIG, GERHARD PFEIL


DER SPIEGEL 25/2001
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