18.06.2001

LINGUISTIKSprachschatz für die Zukunft

Mit einer Flaschenpost an die Zukunft will eine kleine Stiftung in San Francisco künftigen Jahrtausenden eine Ahnung vom sprachlichen Reichtum zu Beginn des 21. Jahrhunderts geben. Mit ihrem "Rosetta-Projekt" nehmen die Initiatoren Bezug auf den 1799 in Ägypten entdeckten "Stein von Rosetta", dem es die Sprachforscher zu verdanken haben, dass sie das Geheimnis der Hieroglyphen lüften konnten. Auf einer Basaltplatte hatten ägyptische Priester im zweiten vorchristlichen Jahrhundert ein Dekret in drei Sprachen eingraviert. Bei dem modernen "Rosetta-Projekt" sollen die ersten drei Kapitel der biblischen Genesis in 1000 verschiedenen Sprachen, von Abchasisch bis Zulu, mit Hilfe eines Ionenstrahles auf acht Zentimeter große Nickelscheiben graviert werden. Dem Schutz der Datenträger dienen Glashalbkugeln, die wie Vergrößerungsgläser wirken. Acht sich verjüngende Textanfänge am Rand der Scheiben sollen nachfolgenden Generationen von Archäologen und Linguisten einen Hinweis auf den miniaturisierten Sprachschatz liefern. Bisherige Härtetests haben die Scheiben zufrieden stellend überstanden: Weder Salzwasser noch Sonnenlicht oder radioaktive Strahlung konnten ihrer Botschaft etwas anhaben. Die stummen Zeugen, so glauben die Initiatoren des Projekts, werden voraussichtlich 2000 Jahre überdauern. Am Sinn der Rettungsaktion, bei der insgesamt 10 000 Scheiben an Bibliotheken, Museen und private Sammler abgegeben werden, ist nach Ansicht von Linguisten kaum zu zweifeln: Schon im Jahr 2100, so schätzen sie, werden bis zu 90 Prozent der heute weltweit 6000 bis 7000 Sprachen praktisch nicht mehr verwendet werden.

DER SPIEGEL 25/2001
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LINGUISTIK:
Sprachschatz für die Zukunft

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