18.06.2001

Arche Noah der Bücher

Marcel Reich-Ranicki präsentiert in einem SPIEGEL-Gespräch seinen persönlichen Kanon deutscher Dichtung. Die Lektüreliste liefert in Zeiten der Informationsflut und eines neuen Bildungshungers wertvolle Orientierungshilfe - nicht nur für Schüler, sondern auch für erwachsene Leser.
Zum "Vorleser der Nation" ernannte ihn einst der Kritikerkollege Friedrich Luft, Verächter aber witterten schon mal den Oberlehrer mit "Beigeruch von Kreidestaub und Tafelschwamm".
Tatsächlich konnte der immer auf Publikumsnähe erpichte Marcel Reich-Ranicki, 81, eine pädagogische Ader nie verleugnen. Er wollte belehren und vor allem: verstanden werden. So wurde er zum prominentesten und umstrittensten deutschen Literaturkritiker, der bis heute unermüdlich schreibt und gerade erst zwei neue Bücher herausgebracht hat*. Seit dem Erscheinen seiner bereits rund eine Million Mal ver-
kauften Memoiren "Mein Leben" (1999) ist er zudem als Bestsellerautor geachtet. Nun zieht er für den SPIEGEL das Fazit seines langen Leselebens: Es dürfte ihm wiederum Ärger einbringen - und neue Verehrer.
Schon öfter hat sich Reich-Ranicki für einen literarischen Kanon stark gemacht; jetzt gibt er im Gespräch erstmals umfassend Auskunft darüber, welche Bücher der deutschsprachigen Literatur nach seiner Überzeugung jeder heute kennen sollte: eine Art Kompass für Schüler, Studenten und Buchbegeisterte.
Erstaunlich, provokant ist Reich-Ranickis Kanon vor allem dort, wo der Kritiker fürs "rigorose und konsequente" Weglassen plädiert. So empfiehlt er zwar Goethe, bezweifelt aber, dass "man die heutigen Schüler für den ,Tasso'' begeistern kann" - und auch von der deutschen Literatur der vergangenen 40 Jahre, mit der er sich in seinem Kritikerleben so intensiv beschäftigt hat, mag er nur wenig gelten lassen: Christa Wolf, Martin Walser und Peter Handke gehören nach Reich-Ranickis Urteil "nicht in einen Kanon für Schulen" (siehe Seite 212).
Aber wer überhaupt braucht einen Kanon in einer Zeit der Hitlisten, der Informationsüberschwemmung und des ausgiebig beschworenen Bildungsnotstands?
"Die Idee, einem Bürgertum, das inzwischen so ungebildet ist, wie nicht einmal polizeilich vorgesehen, einen literarischen Kanon nachzuwerfen, der ihm ohnehin piepe bleibt, ist so absurd, dass ich mich gern darauf einlasse", spöttelte der Verleger Klaus Wagenbach, als vor einigen Jahren die Hamburger "Zeit" Prominente nach den drei bis fünf wichtigsten Büchern deutscher Sprache fragte.
Die Deutschen, das Volk der Dichter und Denker - ein Volk ohne Lust aufs Buch? Tatsächlich scheint derzeit ein großer Teil der Gesellschaft den Mangel an (auch literarischer) Bildung als schmerzlichen Verlust zu begreifen.
Kurz nachdem "Big Brother" mit seinem autoschlossernden Forrest-Gump-Helden Zlatko - "Shakespeare? Wer ist das denn?" - das Kulturniveau in TV-Germanien auf neue Rekordtiefen senkte, kam es zu einer überraschenden, paradoxen Wende: "Big Bildung" war plötzlich angesagt, Günther Jauchs TV-Wissensquiz "Wer wird Millionär?" zwang halb Deutschland auf die virtuelle Schulbank zurück. Millionen Deutsche haben plötzlich den Wert alten Bildungsguts entdeckt - und greifen dabei sogar wieder zum Buch.
Der Oberzyniker und TV-Entertainer Harald Schmidt hat seine böse Satire-Show in eine Art Augsburger Puppenkiste der Erwachsenenbildung verwandelt, in der der Leipziger Thomanerchor Bach singt und klassische Dramen der Weltliteratur ebenso wie das "Literarische Quartett" des ZDF im Sandkasten nachgespielt werden.
Der emeritierte Hamburger Professor Dietrich Schwanitz, mit Chuzpe mindestens so gesegnet wie mit Kompetenz, hat die "Bildung - Alles, was man wissen muss" in einen locker-listigen Übersichtsband verpackt, der sich seit Monaten weit oben in Sachbuch-Hitparaden hält. Demnächst will der Eichborn Verlag das Nachfolgebuch aus der Feder einer Schwanitz-Adeptin lancieren: "Bücher - Alles, was man lesen muss".
Aber muss man überhaupt Literatur lesen? Was soll ein Mensch, der beispielsweise ein erfolgreiches Start-up-Unternehmen gründen will, heutzutage mit Goethe, Georg Büchner oder gar Walther von der Vogelweide? Wo bleibt die Poesie unter den "Lernfeldern der Zukunft", von denen der Kanzler Gerhard Schröder spricht - er meint neben Wirtschaft, Computertechnik und Sprachen immerhin auch die "Vermittlung des kulturellen Erbes"?
Die ehrliche Antwort heißt: Man muss nicht. Auch wer nie ein Drama von Brecht, ein Gedicht von Benn oder Schillers "Glocke" gelesen hat, kommt ohne größere Schäden, ja oft sehr locker durchs Leben. Mögen Wirtschaftslenker, Politiker und Hochschullehrer noch so oft und leidenschaftlich den Wert profunder Allgemeinbildung beschwören: Für den realen Erfolg im Leben ist literarische Kenntnis längst eine verschwindende Größe.
Ohne Literatur lässt sich also nicht unbedingt schlechter leben - allenfalls ärmer.
"Literatur ist und war mir Lebenshilfe", sagt etwa der Modemacher Wolfgang Joop, "in den Märchenbüchern der Brüder Grimm und Hans Christian Andersens lernte ich, dass jeder im Leben Rätsel lösen und Aufgaben meistern muss, von Oscar Wilde die Kunst der ironischen Selbstverteidigung, von Gabriel García Márquez die Untrennbarkeit von Liebe und Wehmut."
"Materiell hat Deutschland heute fast alles", sagt der Fußballheld und TV-Kommentator Günter Netzer, "das Einzige, was diesem Land fehlt, ist Phantasie. Der Rückzug in eine Traumwelt gelingt aber nur, wenn der Fernseher aus bleibt und man sich in ein Buch vertieft - es muss ja nicht immer gleich Thomas Mann sein."
Was aber soll man lesen? Da ist Beratung dringend gefragt: Die Vorstellung von Bildung, die sich etwa im Multiple-Choice-Verfahren von Quizsendungen wie "Wer wird Millionär?" offenbart, hat sich längst verdinglicht - es wächst die Sehnsucht nach einem festen Inventar.
Bildung stellt sich dem modernen Zeitgenossen nicht mehr als offenes Unternehmen dar, als eine Wanderung zu immer neuen Horizonten, als ewiges Weiterfragen, als lebenslange faustische Sehnsucht. Heute genügt es oft schon herauszufinden, ob A, B, C oder D richtig ist. Da gibt es immer eine Antwort.
Als Zumutung dagegen empfindet es das Publikum, im Museum der Kulturgüter selbst auf die Suche gehen zu sollen - die wirkliche Lebenswelt ist doch schon unübersichtlich genug.
Darum sind Orientierungshelfer plötzlich so gefragt, selbst wenn sie gar keine besonderen Kenntnisse besitzen. "Iris Berben trifft: Giuseppe Verdi. Harald Schmidt trifft: Johann Sebastian Bach" heißt eine CD-Edition der Deutschen Grammophon, darin sind zwischen vier Scheiben mit den Hits der großen Komponisten profunde Sätze der Berben wie der folgende abgedruckt: "Ich glaube zwar nicht an ein Leben nach dem Tod, doch mal angenommen - ich würde gerne als Note wiedergeboren werden." So etwas läuft an der Ladenkasse - staune Bajazzo.
Ob Berben-geprüft oder Harald-Schmidt-getestet, ob in Verkaufsskalen eingeordnet, nach US-Manier mit Superlativen beklebt ("Einer der größten ...") oder von Kennerrunden à la "Literarisches Quartett" abgeschmeckt: Kultur hat es leichter, wenn sie vermessen wurde; als durchgerechnete Gegenwelt zur chaotischen Gegenwart und Zukunft.
Als drohte eine Zeitenwende, eine Sintflut des Vergessens, bringt die Moderne das Wissen der Toten auf die Arche Noah, auf eine Festplatte, die nicht unbeschränkt viel Speicherfläche bietet. Eingesammelt wird alles mit dem Etikett "groß", ob es zum Zeitgeist passt oder nicht.
Frühere Epochen würdigten aus der Vergangenheit das, was sie als vorbildlich anerkannten; im Zeitalter Michelangelos war es die Antike. Der verunsicherte Mensch von heute ist dagegen zum Antiquar geworden, der rastlos, aber gründlich sammelt. Man traut sich kein eigenes Urteil zu und beruhigt lieber das schlechte Gewissen: Gegen die spürbare Kulturvernichtung könnte die hektische Sicherung der Bestände helfen.
Das Bild von den wenigen Büchern, die jemand auf eine einsame Insel mitnimmt, enthüllt das Trauma der Gegenwart: Wir leben im Zeitalter des kulturellen Schiffbruchs. Da gilt es zu retten, was zu retten ist. "Der Verzicht auf einen Kanon", sagt denn auch Reich-Ranicki im SPIEGEL-Gespräch, "würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten."
An deutschen Schulen ist die Festlegung auf einen Pflichtlesestoff seit jeher Praxis - allerdings handelt es sich bei den "Empfehlungslisten" für das Fach Deutsch der einzelnen Bundesländer bloß um Rahmenvorschläge: Nur ein Bruchteil der dort aufgezählten Autoren und Werke wird tatsächlich im Unterricht gelesen. Die letzte Wahl trifft stets der Lehrer.
Reich-Ranicki hat diese Empfehlungslisten der Länder untersucht - und plädiert nun für eine entschlossene Ausmistung: Auf Autoren wie Christian Dietrich Grabbe und Franz Grillparzer etwa könne man im Unterricht getrost verzichten.
Ohnehin sind die Vorstellungen der Kulturbürokraten recht verwirrend. In Sachsen zum Beispiel präsentierte das Kultusministerium unlängst einen Vorschlag, den Oberstufen-Unterricht stofflich zu entlasten. Dem Plan wären Heinrich von Kleist, Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal zum Opfer gefallen. Empfohlen wurden hingegen der Revolutionsbarde Georg Herwegh oder der mediokre Verseschmied und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher. "Ein Zerrbild unserer Kultur", wetterte der Deutschlehrer Gottfried Böhme aus Leipzig - inzwischen wurde die Liste nachgebessert.
Eine neue nationale Lese-Vorgabe für die Deutschen müsse her, findet man bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Sankt Augustin bei Bonn. In einem Thesenblatt zur "Stärkung des Deutschunterrichts" stellten die Konservativen kürzlich "Literarische Mindestkanones" für Hauptschule, Realschule und Gymnasium vor. Demnach sollten sich Gymnasiasten mit dem Nibelungenlied und dem "Parzival" ebenso beschäftigen wie mit Ernst Jüngers "Zwille". Ganz schön viel verlangt von den Computerkids.
Immerhin ist der Versuch der Adenauer-Stiftung ernster gemeint als die jüngst auf den "Berliner Seiten" der "FAZ" aufgestellte Behauptung, das Sammelsurium aus rund 900 Büchern, das deutsche Verlage für die Bibliothek des neuen Kanzleramts gestiftet haben, sei "Des Kanzlers Kanon".
Natürlich haben Bestenlisten eine lange Tradition. Die allerersten Charts dieser Art wurden schon in der Antike aufgestellt, zum Beispiel von den Gelehrten der legendären, später durch Brand vernichteten griechischen Bibliothek in Alexandria an der Nilmündung. Die Auswahl, die sich daraufhin einbürgerte, hatte fatalen Erfolg.
Der rigorose Kanon (ursprünglich etwa: Maßstab) für Tragödiendichtung erklärte nur ganze drei Autoren für unanfechtbar: Aischylos, Sophokles und Euripides, und auch von ihnen nur wenige Stücke. Daraus schlossen Schulmeister folgender Jahrhunderte, alle übrigen Werke dieser Art seien schlicht überflüssig - und ignorierten sie. Der alexandrinische Kanon, darin sind sich die Philologen seit langem einig, trug entscheidend dazu bei, dass die Zahl der gelesenen und erhaltenen Autoren sich allmählich immer mehr verringerte.
Genau das wollten spätere Kanon-Tüftler natürlich auf keinen Fall erreichen. Fast alle bestanden deshalb darauf, ihre Liste sei bloß als Vorschlag gemeint.
Nur ein paar ganz Strengen reichte das nicht. Der herrische deutsche Lyriker Stefan George (1868 bis 1933) etwa verordnete seinen Jüngern ein regelrechtes Lesepensum. Georges umfangreiche Auswahl unterschied kommentarlos zwischen den "Unbedingten" - zu denen gehörte unter den Deutschen außer Luther, Goethe und Hölderlin nur er selbst -, den "Nötigen" und den "Nützlichen".
Ähnlich barsch ging 1951 der US-Dichter Ezra Pound zu Werk, als er sich in einem "ABC des Lesens" mit der Kanonfrage herumschlug: "Ein Klassiker ist klassisch nicht deshalb, weil er gewissen Formregeln entspricht oder weil er zu Definitionen passt, von denen sein Verfasser höchstwahrscheinlich nie gehört hat. Er ist klassisch dank einer gewissen ewigen, ununterdrückbaren Frische." Nur: Wer steht für die Frische-Garantie gerade?
"Höchst subjektiv und launenhaft" komme ihm seine Auswahl vor, gab der redliche Hermann Hesse zu, als er 1929 "Eine Bibliothek der Weltliteratur" für Anfänger zusammengestellt hatte. Aber die Literaturgeschichte habe eben auch Launen: "Während das deutsche Volk den ,Trompeter von Säckingen'' las und die Gelehrten in ihren Nachschlagebüchern uns den Theodor Körner als Klassiker empfahlen, war Büchner unbekannt, Brentano völlig vergessen, Jean Paul als verludertes Genie auf der schwarzen Liste!"
Mit der Zeit, so Hesse zuversichtlich, hätten sich solche Geschmacksverirrungen noch stets wieder eingerenkt. Viel wichtiger als alle Arsenale echter oder vermeintlicher Klassiker sei, was jeder Leser an eigener Begeisterung aufbringe: "Er muss den Weg der Liebe gehen, nicht den der Pflicht."
Das klingt plausibel, doch hauptamtlichen Hütern der Dichtung genügt es keineswegs. "Wer den literarischen Kanon der eigenen Muttersprache nicht kennt, hat sein (oder ihr) rechtmäßiges Erbe auf den Müll geworfen", meint Ruth Klüger. Das ist nicht einfach so dahingesagt. Die Germanistik-Professorin wurde als Kind in mehrere Konzentrationslager verschleppt; in ihrem Erinnerungsbuch "weiter leben" erzählt sie, wie die vielen auswendig gelernten Gedichte sie vor dem geistigen Zusammenbruch bewahrten.
Harold Bloom, Literaturprofessor in Yale und New York, wehrte sich in den neunziger Jahren gegen den multikulturellen Umbau der Lehrpläne an US-Universitäten, indem er eine eigene Liste von weit über tausend Werken anlegte; den harten Kern bilden 26 absolut unentbehrliche Autoren. Programmatischer Titel des Manifests: "The Western Canon". "Ohne den Kanon hören wir auf zu denken", behauptet Bloom - und erklärt neben seinem Hausheiligen Shakespeare ausgerechnet angelsächsische Spezialgrößen wie Emily Dickinson und Dr. Samuel Johnson für unentbehrlich.
Gerade ihre subversive "Seltsamkeit", so Bloom, mache literarische Werke langlebig. "Die größten Schriftsteller des Westens unterlaufen stets alle Werte, unsere und ihre eigenen."
Ganz gleich, in welcher Absicht die Leselisten entstanden sind: Heutige Studenten nehmen sie meist dankbar an. Für sie nämlich, so hat Michael Menard von der Hamburger Heinrich-Heine-Buchhandlung beobachtet, "gibt es nichts Schlimmeres, als drei Tage mit dem falschen Buch zu verbringen".
"Das vertiefte Lesen hat nachgelassen", sagt Menard. "Heute verlangen die Studenten ,Das Wichtigste auf 128 Seiten''. Die studieren nicht mehr, um sich auseinander zu setzen." Gerade diese Nüchternheit könnte der neuen Debatte um den Kanon nun sogar noch Auftrieb geben: Wenn ein fleißiger Leser - so die Rechnung des Schriftstellers und Literaturfexes Arno Schmidt - im Leben maximal "arme 5000" Bücher verarbeiten kann, lohnt es sich allemal, über die Auswahl nachzudenken.
Wer einen Kanon aufstellt, sieht das in der Regel sportlich: Er will nicht bloß dekretieren, sondern auch diskutieren. "Mit dem Wort ,Kanon'' bezeichnet man auf noble Art die Urteile, die schon sehr lange bestehen. Doch dieser Konsens muss immer ironisiert und relativiert werden", meint der amerikanische Kulturkritiker George Steiner.
Auch Marcel Reich-Ranicki versteht seinen Kanon der deutschen Literatur als Provokation und will durchaus zu Widerspruch herausfordern.
In Deutschland, so stellte er 1983 in seinem Aufsatz "Notizen zur Tradition" fest, seien anders als in England oder Frankreich, Spanien oder Italien immer wieder große Schriftsteller, mitunter gar komplette literarische Epochen "in nahezu gänzliche Vergessenheit" geraten. Man fange in diesem Land gern von neuem an. "Das ist verständlich und noch keineswegs verwerflich", so Reich-Ranicki. "Bedenklich wird es erst da, wo man von neuem anfängt, weil man das Alte nicht kennt oder kennen will."
Reich-Ranicki selbst hat mit seinen Lehrern Glück gehabt. Zunächst förderte ihn in der evangelischen Volksschule in der polnischen Stadt Wloclawek seine Lehrerin - "ein deutsches Fräulein namens Laura", wie er sich später erinnerte. Später ging er in Berlin aufs Gymnasium. Besonders ein Lehrer, den er sogar daheim besuchte, unterstützte den Schüler bis zum Abitur 1938. "Dass er sich meiner so annahm", so Reich-Ranicki in seinen Memoiren, "hatte wohl auch mit dem ,Dritten Reich'' zu tun, mit der Verfolgung der Juden."
Der Terror des Nazi-Reichs, der ihn zunächst verschonte, verleidete dem Jungen nicht etwa die deutsche Literatur, sondern ließ sie ihn, ganz im Gegenteil, als wunderbare Gegenwelt erscheinen - zumal die jener Autoren, deren Bücher nun öffentlich verbrannt und aus den Bibliotheken verbannt wurden. So stieß der eifrige Leser früh auf die Werke von Thomas, Heinrich und Klaus Mann, auf Döblin, Schnitzler und Werfel, auf Brecht, Joseph Roth und viele andere.
Im Oktober 1938 wurde der 18-jährige Abiturient in einen Zug nach Polen gesetzt, wie durch ein Wunder überlebte er das Warschauer Ghetto - nahezu alle aus seiner Familie, auch seine Mutter, wurden ermordet.
Nach dem Krieg dauerte es lange, bis er wieder zur Literatur fand. Nach missglückter diplomatischer Karriere wurde er in Polen Lektor, und fast 20 Jahre nach seiner Deportation siedelte er im Juli 1958 wieder nach Deutschland über, wo er als Literaturkritiker arbeitete - zunächst vor allem bei der "Zeit", später bei der "Frankfurter Allgemeinen", wo er von 1973 bis 1988 Literaturchef war.
Er habe, sagte Marcel Reich-Ranicki 1994 in einer Ansprache - und zitierte dabei Heinrich Heine - ein "portatives Vaterland": eines, das nicht die schlechteste Heimat sei, nämlich "die Literatur, genauer, die deutsche Literatur". VOLKER HAGE,
JOHANNES SALTZWEDEL
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Walther von der Vogelweide
Gedichte
Von Burg zu Burg, von Hof zu Hof - so romantisch es klingt, der Alltag eines fahrenden Sängers um das Jahr 1200 war trist und gefährlich. Konkurrenz gab es obendrein. Umso erstaunlicher, dass der Liedermacher gleich in beiden Hauptgattungen Maßstäbe setzte: Bis heute haben Walthers Liebesverse ("Under der linden") ihre Frische bewahrt; zu seiner Zeit aber war er berühmter für seine herben politischen Songs, die Kaiser und Papst gleichermaßen aufs Korn nehmen. In ergreifenden Altersliedern ("Owê, war sint verswunden alliu mîniu jâr") klang sein Werk aus: ein konsequenter Weg von der Rollenkunst zum persönlichen Bekenntnis.
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Die Bibel
"Amnons Schandtat"
Die wohl spannendste Erzählung des Alten Testaments findet sich im 13. Kapitel des 2. Buchs Samuel - in einem der "Geschichtsbücher", die von der Entstehung Israels berichten. Das Ganze ist eine Love-Story von Shakespeareschem Ausmaß. "Warum wirst du so mager von Tag zu Tag, du Königssohn?", fragt der weise Jonadab den jungen Amnon, Davids erstgeborenen Sohn. Der verzehrt sich nach seiner Schwester Tamar, die im Haus ihres Bruders Absalom lebt. Also stellt sich der Liebeshungrige, wie Jonadab ihm rät, krank und lockt Tamar an sein Bett. Er tut ihr Gewalt an - und verstößt sie bald danach. "Dass du mich von dir stößt, dies Unrecht ist größer als das andere", sagt Tamar - und bitter wird Amnon dafür bezahlen. Luthers Bibel-Übersetzung (1534 erschien erstmals eine komplette Ausgabe) hat die deutsche Sprache mächtig mitgeprägt.
* Marcel Reich-Ranicki: "Ein Jüngling liebt ein Mädchen. Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen". Insel Verlag, Frankfurt am Main; 144 Seiten; 25 Mark. - "Vom Tag gefordert". Deutsche Verlags-Anstalt, München; 208 Seiten; 39,80 Mark.
Von Volker Hage und Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 25/2001
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