18.06.2001

„Literatur muss Spaß machen“

Marcel Reich-Ranicki über einen neuen Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke
SPIEGEL: Herr Reich-Ranicki, Sie haben für den SPIEGEL Ihren persönlichen literarischen Kanon zusammengestellt, die Summe Ihrer Erfahrung als Literaturkritiker -
für Schüler, Studenten, Lehrer und darüber hinaus für alle, die an der Literatur interessiert sind. Gibt es überhaupt einen Bedarf für eine solche Liste literarischer Pflichtlektüre?
Reich-Ranicki: Ein Kanon ist nicht etwa ein Gesetzbuch, sondern eine Liste empfehlenswerter, wichtiger, exemplarischer und, wenn es um die Schule geht, für den Unterricht besonders geeigneter Werke. Die Frage, ob wir einen solchen Katalog benötigen, ist mir unverständlich, denn
der Verzicht auf einen Kanon würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten. Ein Streit darüber, wie der Kanon aussehen sollte, kann dagegen sehr nützlich sein.
SPIEGEL: Wie lange kann ein solcher Kanon Gültigkeit haben? Der Geschmack ändert sich doch - von Individuum zu Individuum, von Epoche zu Epoche.
Reich-Ranicki: Jeder Kanon ist ein Produkt seiner Epoche und vom persönlichen Geschmack gefärbt. Wie er in 20 oder 30 Jahren aussehen wird, interessiert mich überhaupt nicht. Sicher ist: anders als heute.
SPIEGEL: Leben wir nicht längst in einer Epoche der totalen Beliebigkeit?
Reich-Ranicki: Wenn das zutrifft, dann ist ein Kanon erst recht notwendig. In der Sehnsucht nach einem Kanon verbirgt sich die Angst vieler Zeitgenossen, überinformiert und dennoch unwissend zu sein, und daraus ergibt sich die Sehnsucht nach einer Ordnung. Gerade wer fürchtet, in der unentwegt wachsenden Bücherflut zu ertrinken, wird für einen Kanon dankbar sein.
SPIEGEL: Haben Sie sich mit den aktuellen Lehrplänen vertraut gemacht?
Reich-Ranicki: Die von den Ministerien der einzelnen Bundeslän-
der verfassten Rahmenrichtlinien und Lehrpläne für den Deutschunterricht an den Gymnasien haben einen generellen Fehler: Sie sind zu reichhaltig. Es handelt sich um lange, allzu lange Listen. Bisweilen hat man sogar den Eindruck, dass irgendjemand die Namen nacheinander aus einer Literaturgeschichte abgeschrieben hat. Ich bin dafür, dass man dem Lehrer die Möglichkeit der Wahl gibt. Aber bei den jetzigen voluminösen Listen sind alle überfordert - die Lehrer ebenso wie die Schüler. Diese Richtlinien und Lehrpläne zeugen vor allem von einem: von Weltfremdheit.
SPIEGEL: Nennen Sie ein Beispiel.
Reich-Ranicki: Der Bildungsplan für die Gymnasien in Baden-Württemberg ist von erschreckender Vollständigkeit: Aus der Epoche nach 1945 werden ganz einfach - jedenfalls entsteht dieser Eindruck - alle Autoren empfohlen, die in dieser Zeit publiziert haben, einschließlich des mittlerweile zum Glück vergessenen Gerd Gaiser. Nichts gegen Ruth Rehmann oder Reinhold Schneider oder Erich Loest: Aber ich erlaube mir die schüchterne Frage, ob sie wirklich zum Kanon für den Gymnasialunterricht gehören sollten. Das Kultusministerium von Sachsen-Anhalt nennt in seinem "Lektüre- und Medienangebot" für den Deutschunterricht an Gymnasien und Fachgymnasien Irina Liebmann und Jens Sparschuh und den ehrenwerten Erich Loest - und wiederum Gerd Gaiser. Im Lehrplan für die gymnasiale Oberstufe in der Freien und Hansestadt Hamburg finden sich - doch etwas überraschend - die Autorinnen Karin Struck und Elisabeth Plessen. Auf einer in Rheinland-Pfalz gültigen Lektüreliste sehen wir nicht ohne Verwunderung die Autoren Innerhofer und Woelk, Peter Schneider, Leonie Ossowski und auch die liebe Elke Heidenreich. Bemerkenswert der Lehrplan des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus: Da werden auch "Texte der Unterhaltungsliteratur von Konsalik bis Simmel" empfohlen. Auf irgendeinem dieser Verzeichnisse habe ich Ephraim Kishon gefunden.
SPIEGEL: Unterhaltend braucht demnach der Deutschunterricht nicht zu sein?
Reich-Ranicki: Im Gegenteil: Gerade der Deutschunterricht sollte unbedingt unterhaltend sein. Nur kommt es darauf an - und das ist durchaus möglich -, die Schüler nicht mit minderwertiger, sondern mit guter Literatur zu unterhalten.
SPIEGEL: Was soll denn die Schule bei der Vermittlung von Literatur leisten?
Reich-Ranicki: Die Aufgabe des Deutschunterrichts besteht nicht nur darin, den Schülern bestimmte literarische Texte zu vermitteln. Wichtiger ist es, dass die Schüler etwas lernen, was sich durchaus erlernen lässt, nämlich: Wie sollte man ein Gedicht oder eine Novelle lesen und verstehen? Es ist eine Banalität, aber vielleicht sollte man doch darauf hinweisen: Wer gelernt hat, ein Gedicht von Eichendorff zu begreifen oder gar zu lieben, der wird auch mit Gedichten von Mörike oder Rilke zu Rande kommen. Der Schüler soll lernen, was eine Ballade ist und was eine Metapher, was die Begriffe Romantik oder Naturalismus bedeuten. Er soll erfahren, warum ein bestimmtes Gedicht von Goethe oder Heine, das von allen für schön gehalten wird, tatsächlich schön ist. Aber das Allerwichtigste kommt erst jetzt.
SPIEGEL: Wir sind gespannt.
Reich-Ranicki: Dem Schüler soll gezeigt und bewiesen werden, welche Aufgabe Literatur vor allem hat: Sie soll den Menschen Freude, Vergnügen und Spaß bereiten und sogar Glück.
SPIEGEL: Ist das machbar?
Reich-Ranicki: Aber sicher. Freilich hängt es vom pädagogischen Geschick des Lehrers ab und von der richtigen Auswahl der zu behandelnden Werke.
SPIEGEL: Manches von Kishon oder der Heidenreich ist doch durchaus vergnüglich.
Reich-Ranicki: Lassen Sie die Scherze, denn Sie zwingen mich, Sie zu belehren, dass Fontane noch unterhaltsamer ist als die Heidenreich und Joseph Roth besser als Kishon!
SPIEGEL: Also wie wollen Sie Ihre hehren Ziele erreichen? Mit einem entsprechend ergänzten und aktualisierten Kanon?
Reich-Ranicki: Umgekehrt - zunächst mit einem entsprechend gekürzten, mit einem rigoros zusammengestrichenen Lektüreplan. Er muss berücksichtigen, dass dem Lehrer oft für Deutsch nicht mehr als drei Unterrichtsstunden in der Woche zur Verfügung stehen und dass die Schüler für die Lektüre heute erheblich weniger Zeit haben als vor 30 oder gar 50 Jahren. Umfangreiche Werke, längere Romane vor allem, muss man, wie schmerzhaft es auch sein mag, weglassen, "Die Wahlverwandtschaften" oder den "Zauberberg" etwa.
SPIEGEL: Sind diese Romane nicht gut genug?
Reich-Ranicki: Ich kenne keine besseren. Aber sie sind für Schüler zu schwierig und zu anspruchsvoll. Auch auf den "Grünen Heinrich", den "Joseph"-Roman und erst recht auf den "Mann ohne Eigenschaften" muss man verzichten. Im Vordergrund sollten Gedichte, Dramen und kurze Romane, besser noch: Erzählungen, stehen.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sich die Literatur des Mittelalters in der Schule vor?
Reich-Ranicki: Zwei - nicht zu lange - Auszüge aus dem "Nibelungenlied" müssen sein. Das Allerwichtigste aus dem deutschen Mittelalter ist, glaube ich, die Lyrik Walthers von der Vogelweide, von ihm sollte man mindestens fünf Gedichte behandeln. Aus der Epoche des Minnesangs empfehle ich überdies einige wunderbare (und nicht Zeit raubende!) Kleinigkeiten. Auf Wolfram von Eschenbach muss man in der Schule verzichten, leider auch auf Gottfried von Straßburg. Danach Luther: unbedingt zwei, drei Auszüge aus der Bibelübersetzung, beispielsweise "Amnons Schandtat an Absaloms Schwester" aus dem zweiten Buch Samuel.
SPIEGEL: Warum gerade diese Geschichte?
Reich-Ranicki: Weil sie beweist, wie modern das Alte Testament bisweilen ist, hier gibt es Stellen, die von Strindberg oder Hemingway hätten stammen können.
SPIEGEL: Was wollen Sie mit der Barockdichtung machen?
Reich-Ranicki: Wir müssen uns auf drei geniale Autoren beschränken - auf Hofmann von Hofmannswaldau und Gryphius und als Übergang zur Sturm-und-Drang-Zeit Johann Christian Günther. Mit der Literatur des 18. Jahrhunderts sollte man in der Schule besonders streng verfahren, also keine Lyrik von Lessing oder Klopstock, keine Prosa von Wieland oder Herder. Das muss man den Studenten der Germanistik überlassen.
SPIEGEL: Warum wollen Sie den Schülern einen genialen Dichter wie Klopstock vorenthalten?
Reich-Ranicki: Weil wir Zeit und Platz brauchen für noch Wichtigeres und Bedeutenderes - für Goethe und Schiller, für Kleist, Hölderlin und die Romantiker.
SPIEGEL: Von Lessing bleibt nichts im Kanon?
Reich-Ranicki: O doch: "Nathan der Weise" und "Minna von Barnhelm" und mindestens ein Auszug aus der "Hamburgischen Dramaturgie" - am besten das letzte Stück.
SPIEGEL: Und der gewaltige Goethe - was sollte davon in den Unterricht gelangen?
Reich-Ranicki: Da muss man rigoros und konsequent sein. Man muss Zeit haben vor allem für "Faust I" und für die Lyrik aus den verschiedenen Zeitabschnitten, insgesamt nicht weniger als 20 bis 30 Gedichte. Ferner sollte man auch den "Werther" gründlich behandeln und Auszüge aus "Dichtung und Wahrheit". Ob man die heutigen Schüler für den "Tasso" oder ein so herrliches Stück wie die "Iphigenie" begeis-
tern kann, weiß ich nicht. Nebenbei: Es ist das erste deutsche Rundfunk-Hörspiel.
SPIEGEL: Goethe und der Rundfunk - vielleicht bringen Sie hier was durcheinander?
Reich-Ranicki: Durchaus nicht. Hier haben wir es mit einem Werk zu tun, in dem es nur auf das Akustische ankommt.
SPIEGEL: Und ist das alles von Goethe?
Reich-Ranicki: Genügt Ihnen das nicht? Da hilft nun nichts: Wenn man das Zentrale bei Goethe ordentlich "durchnehmen" will, muss man auf "Egmont" und "Götz von Berlichingen" ebenso verzichten wie auf "Stella" und "Clavigo", von "Hermann und Dorothea" ganz zu schweigen.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Schillers Dramen, die Sie wohl nicht ignorieren wollen, junge Menschen noch interessieren?
Reich-Ranicki: Mit Sicherheit. Nur muss man seine Stücke aus heutiger Sicht erklären. Bei den "Räubern" bietet sich die Parallele zu den Vorgängen um 1968 wie von selber an. Ich habe einmal mit einer Abiturientenklasse über den "Tell" geredet. Sie fanden das Stück, das sie gerade gelesen hatten, sehr langweilig. Aber der Vergleich der Ermordung Geßlers mit dem Attentat auf Rudi Dutschke hat sie, ich übertreibe nicht, beinahe fasziniert.
SPIEGEL: Soll man also den "Tell" und die "Räuber" in der Schule behandeln?
Reich-Ranicki: Das kann man tun, aber ich würde doch eher den "Don Carlos" empfehlen und den "Wallenstein" und als drittes Stück entweder "Kabale und Liebe" oder "Maria Stuart".
SPIEGEL: Ist damit Schiller für Sie abgehakt?
Reich-Ranicki: Keineswegs. Drei, vier Balladen, vor allem "Die Kraniche des Ibycus" und den "Ring des Polykrates", sollte man unbedingt berücksichtigen, ferner zumindest Auszüge aus der Schrift "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet" und aus der Arbeit "Über naive und sentimentalische Dichtung".
SPIEGEL: Sie wollten doch rigoros kürzen - haben Sie keine Angst vor Überfrachtung?
Reich-Ranicki: Eben deshalb verzichte ich auf das gesamte Werk von Jean Paul. Hingegen müssen ganz stark repräsentiert sein: Kleist, Hölderlin und Büchner. Von Hölderlin mindestens ein halbes Dutzend Gedichte und wenigstens ein Brief aus dem "Hyperion". Von Kleist ziemlich viel: "Michael Kohlhaas", "Die Marquise von O." und zwei, drei der kleineren Erzählungen und natürlich und unbedingt der "Prinz von Homburg". Von Büchner beinahe alles, also "Dantons Tod", "Woyzeck" und die Erzählung "Lenz".
SPIEGEL: Doch wohl etwas viel Theater?
Reich-Ranicki: Es ist nicht meine Schuld, dass die meisten der großen deutschen Schriftsteller, also Lessing, Schiller, Kleist oder Büchner, vor allem Dramen und keine Romane geschrieben haben.
SPIEGEL: Bei der Lyrik wollen Sie sich ganz auf Goethe und Hölderlin konzentrieren?
Reich-Ranicki: In der Tat verzichte ich auf die Gedichte von Uhland, Achim von Arnim, Chamisso, Conrad Ferdinand Meyer, Herwegh und Freiligrath, um eben Platz zu haben für jeweils einige Gedichte von Novalis, Brentano, Eichendorff, Platen, Mörike, von der Droste und, das wird manche verwundern, von Raimund, zumindest das "Hobellied" aus dem Theaterstück "Der Verschwender".
SPIEGEL: Wie aber soll man mit der Prosa und mit dem Drama des 19. Jahrhunderts umgehen?
Reich-Ranicki: Bis heute merkt man unserem Kanon die Lektürelisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an. Damals war die Literatur des 19. Jahrhunderts noch sehr gegenwärtig und wurde daher viel zu stark im Deutschunterricht und auch im Theaterrepertoire berücksichtigt. Jetzt ist es Zeit, vieles, was längst verstaubt ist, zu streichen, also Gotthelf und Stifter, Grabbe, Grillparzer und Hebbel, Immermann, Conrad Ferdinand Meyer und Raabe.
SPIEGEL: Das ist ja nicht zu glauben: Sie wollen den Schülern solche Glanzstücke wie "Das Amulett" von Meyer und "Die schwarze Spinne" von Gotthelf vorenthalten?
Reich-Ranicki: Jede Diskussion über den Kanon leidet darunter, dass die Gesprächspartner sich gern auf Werke berufen, die sie vor Jahrzehnten in ihrer Schulzeit gelesen haben. Sie wollen nicht bedenken, dass im Laufe der Zeit sich vieles überlebt hat. Ohnehin kommen hier stets auch regionale Interessen zum Zuge: Die Schweizer werden auf Gotthelf und Meyer nicht verzichten, die Österreicher nicht auf Stifter und Grillparzer - und dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Lesen Sie noch einmal Ihre Lieblingsbücher, Sie werden verblüfft erkennen, dass nicht nur Sie gealtert sind.
SPIEGEL: Was bleibt dann?
Reich-Ranicki: Noch eine Menge. Vor allem Chamissos "Peter Schlemihl", an dessen Beispiel den Schülern das Wesen des Phantastischen und zugleich des Romantischen bewusst gemacht werden kann. Überdies: sehr viel von der Lyrik und Prosa Heines, ferner "Die Judenbuche" der Droste, einige Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel, mindestens zwei Erzählungen aus den "Serapions-Brüdern" von E. T. A. Hoffmann und je zwei von Gottfried Keller und von Theodor Storm.
SPIEGEL: Ist denn Storm wirklich so ein bedeutender Erzähler?
Reich-Ranicki: Darüber kann man streiten, aber ich bin für Storm im Kanon, weil sich am Beispiel seiner Prosa sehr schön und anschaulich erklären lässt, was die moderne Novelle von einer Erzählung unterscheidet - vor allem der Konflikt im Mittelpunkt, von dem aus das Ganze straff organisiert ist. Überdies: Anders als die Erzählung ist die Novelle keineswegs eine Gattung in der Nachbarschaft des Romans, sondern des Dramas, übrigens schon bei Kleist. Wichtiger als Storm ist allerdings Fontane. Da brauchen wir unbedingt verhältnismäßig viel, also mindestens zwei Romane, nämlich "Effi Briest" und entweder "Frau Jenny Treibel" oder "Der Stechlin", ein Buch, das ich besonders liebe, das aber für die Jugend wohl etwas weniger geeignet ist. Überdies: wenn möglich noch die Erzählung "Schach von Wuthenow".
SPIEGEL: Sie haben die Liste des 19. Jahrhunderts deutlich reduziert, aber das wird Ihnen mit dem 20. Jahrhundert nicht gelingen.
Reich-Ranicki: Sie vergessen, dass wir hier nur ein Minimalprogramm entwerfen. Und wenn man sich auf kleinere epische Formen konzentriert, dann kann man so gut wie alle wirklich wichtigen Schriftsteller im Unterricht behandeln. Mit anderen Worten: Meist kommt es nicht auf einzelne Bücher an, sondern auf die Autoren.
SPIEGEL: Was wollen Sie also von Thomas und Heinrich Mann aufnehmen?
Reich-Ranicki: Von Thomas Mann drei oder vier Erzählungen - am besten "Tonio Kröger", "Tristan", "Der Tod in Venedig" und "Mario und der Zauberer" - und von allen Romanen bloß die "Buddenbrooks". Von Heinrich Mann ist alles schon verstaubt und überlebt, vielleicht mit einer Ausnahme: "Professor Unrat". Ich empfehle den Roman auch deshalb, weil man seine Behandlung mit dem Marlene-Dietrich-Film "Der blaue Engel" schön verbinden kann. Von den Kafka-Romanen nur "Der Prozeß", aber auf jeden Fall einige Geschichten, so "In der Strafkolonie", "Der Hungerkünstler", "Die Verwandlung", "Ein Bericht für eine Akademie". Ganz wichtig: Schnitzlers "Leutnant Gustl" - exemplarisch für den inneren Monolog, den er lange vor Joyce fabelhaft angewandt hat. Von Musil vor allem "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" und von den Erzählungen wohl "Tonka"; bei Hesse, der einst so populär war, sollte man sich mit "Unterm
Rad" begnügen, von Brecht empfehle ich unbedingt zwei, drei der "Kalendergeschichten", von Joseph Roth den "Radetzkymarsch" und zwei Geschichten, vielleicht "Die Legende vom heiligen Trinker" und "Stationschef Fallmerayer", von Döblin "Die Ermordung einer Butterblume" und da, wo der Berliner Dialekt nicht zu große Schwierigkeiten bereitet, "Berlin Alexanderplatz". Zwei, drei kurze Geschichten von Robert Walser sollten nicht fehlen und schließlich "Das siebte Kreuz" der Anna Seghers und auch noch ihre Erzählung "Der Ausflug der toten Mädchen".
SPIEGEL: Glauben Sie, dass es sinnvoll ist, in den Unterricht Verfilmungen literarischer Werke einzubeziehen?
Reich-Ranicki: Ja, ich bin davon überzeugt - und man kann ruhig auch solche Filme einbeziehen, die nicht gerade Meisterwerke der Filmkunst sind. Und umgekehrt: Bücher, die nicht zu den Höhepunkten der deutschen Literatur gehören, können gelegentlich behandelt werden, wenn es eine gute Verfilmung gibt. Ein Beispiel: Ob "Homo faber" in den Kanon gehört, ist keineswegs sicher, aber der Film ist nicht schlecht und nützlich.
SPIEGEL: Findet sonst noch etwas von Max Frisch Gnade vor Ihren Augen?
Reich-Ranicki: Einige kleine Prosastücke aus seinem "Tagebuch" und eventuell "Montauk".
SPIEGEL: Wird eine 15-jährige Schülerin "Montauk" verstehen? Muss man dazu nicht mindestens 50 sein?
Reich-Ranicki: In "Montauk" geht es vor allem um die Liebe. Daran sind viele Mädchen und Jungen im Schulalter nach wie vor stark interessiert, auch wenn sie darüber nicht gern sprechen.
SPIEGEL: Erotische Motive in der Literatur spielen in Ihrer Kritik stets eine besonders große Rolle. Sollte etwa die Schule in dieser Hinsicht ähnlich verfahren?
Reich-Ranicki: Ja, ich widme der Liebe in der Literatur viel Platz. Das geht auf einen einfachen Umstand zurück: Die Liebe ist das zentrale Thema der deutschen Literatur - von Walther von der Vogelweide bis zu Ingeborg Bachmann und Sarah Kirsch. Zu den größten Erotikern der europäischen Literatur gehören zwei deutsche Autoren: Goethe und Heine. Gut beraten ist der Lehrer, der immer wieder auf Erotisches eingeht. Und ich hätte Sympathie für einen Deutschlehrer, der plötzlich, jeden Kanon ignorierend, seine Schüler beispielsweise Nabokovs "Lolita" lesen lässt oder Tschechows Erzählung "Die Dame mit dem Hündchen".
SPIEGEL: Und was ist mit den typischen deutschen Nachkriegsautoren, mit denen Sie sich als Kritiker zeitlebens beschäftigt haben - bleibt davon für Ihren Kanon nichts übrig?
Reich-Ranicki: Ja, hier muss man sehr vorsichtig sein - und da bleibt in der Tat nur wenig. Ich habe viel über große deutsche Schriftsteller der Vergangenheit geschrieben, aber zugleich so gut wie nie die deutsche Literatur der Gegenwart vernachlässigt oder gar ignoriert. Darunter waren nicht wenige gute oder zumindest brauchbare Bücher, die zu Recht viel diskutiert und 10 oder vielleicht sogar 20 Jahre lang so-
gar gelesen wurden. Aber sie haben sich überlebt. Vom literaturhistorischen Standpunkt gesehen, waren es Eintagsfliegen, nützliche Eintagsfliegen - Alfred Kerr hat einen Band seiner gesammelten Kritiken so genannt: "Eintagsfliegen". Aber es wäre falsch und auch schädlich, wollten wir diese Werke in den Kanon aufnehmen.
SPIEGEL: Welche Romane und Erzählungen waren denn keine Eintagsfliegen?
Reich-Ranicki: Von Wolfgang Koeppen "Tauben im Gras", von Böll "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen" und zwei kleine Geschichten, etwa: "Der Mann mit den Messern" und "Wanderer kommst du nach Spa ...", von Arno Schmidt "Seelandschaft mit Pocahontas" und "Die Umsiedler", von Grass "Katz und Maus" und ausgewählte Kapitel aus der "Blechtrommel", von Uwe Johnson einige Abschnitte aus den "Mutmassungen über Jakob", von Thomas Bernhard "Wittgensteins Neffe" und "Holzfällen".
SPIEGEL: Wie ist es mit Dürrenmatt bestellt?
Reich-Ranicki: Da ist vieles inzwischen verblasst und verstaubt. Ich glaube, es genügt eine einzige Novelle: "Die Panne".
SPIEGEL: Und die Prosa von Martin Walser, Peter Handke, Siegfried Lenz, Christa Wolf, Jurek Becker, Botho Strauß, Hans Erich Nossack?
Reich-Ranicki: Das sind natürlich allesamt ehrenwerte Autoren, aber sie gehören doch nicht in einen Kanon für Schulen. Hier zwei Beispiele. Ich habe Christa Wolfs Roman "Nachdenken über Christa T." nachdrücklich gelobt - und Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd" ebenfalls. In beiden Fällen bedauere ich meine nahezu enthusiastischen Urteile keineswegs. Aber seit dem Roman der Wolf sind 33 Jahre vergangen, seit Walsers Novelle immerhin 23 Jahre. Versuchen Sie, diese Bücher heute zu lesen - und Sie werden sehr verwundert sein.
SPIEGEL: Im Falle von Jurek Beckers Lager-Roman "Jakob der Lügner" sind wir anderer Meinung. Gibt es nicht Bücher, die vielleicht nicht gleich in den Kanon gehören, sich aber hervorragend als Schulstoff eignen?
Reich-Ranicki: Woran denken Sie?
SPIEGEL: Etwa an Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." oder Schlinks Roman "Der Vorleser".
Reich-Ranicki: Ich habe nichts dagegen, dass man Plenzdorfs Erzählung im Unterricht behandelt, aber in den Kanon gehört sie nun doch nicht. Und Schlinks "Vorleser"? Ein gut lesbares, verdienstvolles Buch, dessen sprachliches Niveau nicht sehr hoch ist. Jurek Becker? Nein, seine inzwischen schon vergessenen Romane haben im Kanon nichts zu suchen. Aber "Jakob der Lügner"? Jawohl, Recht haben Sie, ich gebe nach und nehme das Buch in meinen Kanon auf.
SPIEGEL: Was machen Sie mit den Dramatikern des Jahrhunderts?
Reich-Ranicki: Das Drama veraltet besonders schnell. Werfen Sie einen Blick auf das Repertoire der deutschen Theater zwischen den beiden Weltkriegen - was man damals gespielt hat, ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, längst vergessen. Für den Kanon kommen wohl nur acht oder neun Dramatiker in Frage: Hauptmann ("Die Ratten"), Schnitzler ("Reigen", "Professor Bernhardi"), Hofmannsthal ("Der Schwierige"), Wedekind ("Frühlings Erwachen"), Sternheim ("Der Snob"), Horváth ("Kasimir und Karoline"), Brecht ("Galilei", "Mutter Courage"), Peter Weiss ("Marat").
SPIEGEL: Und das ist alles? Keine Stücke von Frisch, Dürrenmatt, Walser, Handke?
Reich-Ranicki: Allenfalls Frischs "Biedermann und die Brandstifter". Von Dürrenmatt haben sich alle Stücke, sogar "Der Besuch der alten Dame", überlebt, ob die Stücke von Walser und Handke je gelebt haben, dessen bin ich nicht sicher.
SPIEGEL: Sind Sie im Bereich der Lyrik ebenso streng?
Reich-Ranicki: In der Lyrik haben die Anthologisten viel Unheil angerichtet. Ich liebe Anthologien, ich habe viele herausgegeben, und es hat mir immer Freude bereitet. Aber viele Anthologisten sind Faulpelze: Sie verlassen sich gern auf ihre Vorgänger. So werden manche Gedichte 100, ja 200 Jahre lang mitgeschleppt. Das gilt für Klopstock und Herder, deren literarhistorische Bedeutung niemand anzweifelt, für Lessing, der ein Genie, aber kein großer Lyriker war, für Uhland, den man überschätzt hat, für Fontane, dessen Gedichte oft nur Plaudereien in Versen sind.
SPIEGEL: Nun wollen wir aber hören, wen Sie von der Lyrik des 20. Jahrhunderts gelten lassen.
Reich-Ranicki: Auch hier ist vieles mitgeschleppt worden, worauf man verzichten kann, um Platz zu machen für sechs bedeutende Poeten: für Hofmannsthal, George, Rilke, Trakl, Benn und selbstverständlich für Brecht, den Jahrhundertlyriker.
SPIEGEL: Ist das alles?
Reich-Ranicki: Es sollten sich im Kanon noch einzelne Gedichte von der Lasker-
Schüler finden, von Morgenstern und Georg Heym, von Kästner, Huchel, Eich, Celan, Ingeborg Bachmann, Jandl, Enzens-
berger, Sarah Kirsch, Rühmkorf und auch Biermann und Robert Gernhardt.
SPIEGEL: Insgesamt ist die Zahl der Frauen in Ihrem Kanon recht klein.
Reich-Ranicki: Das stimmt schon, aber ich kann es nicht ändern. Anders als zum Beispiel in England, Frankreich oder Polen gibt es nur wenige deutsche Autorinnen von beachtlicher Qualität. Ich bin nicht bereit, einen ermäßigten Tarif wegen Geschlechtszugehörigkeit anzuwenden.
SPIEGEL: Und die Nobelpreisträgerin Nelly Sachs?
Reich-Ranicki: Ihre Lyrik wurde immer überschätzt und hat sich inzwischen überlebt.
SPIEGEL: Warum haben Sie die nichtfiktionale Prosa, außer derjenigen von Lessing, Goethe, Schiller und Heine, nicht aufgenommen?
Reich-Ranicki: Weil sie sich in der Schule verhältnismäßig schwer vermitteln lässt. Doch sollte man Essayistisches von Friedrich Schlegel, Nietzsche und Thomas Mann aufnehmen, vielleicht auch noch von Karl Kraus und Feuilletons von Kurt Tucholsky.
SPIEGEL: Insgesamt, so scheint uns, leidet auch Ihre Liste unter dem Problem der Überfrachtung. Wann sollen die Schüler das alles lesen?
Reich-Ranicki: Also, was wollen Sie? Dass ich dieses Programm noch mehr reduziere? Das kann ich nicht. Das sollen andere machen. Es wird ohnehin manchen geben, der mich erdrosseln wird: kein Stifter, kein Jean Paul!
SPIEGEL: Auch ohne Jean Paul wirkt Ihre Liste opulent.
Reich-Ranicki: Ich habe doch schon auf so vieles verzichtet! Zum Beispiel auf die ausländische Literatur. Ich bin in Berlin auf die Schule gegangen, da haben wir im Englischunterricht "Hamlet" gelesen und Dickens und Joseph Conrad, im Französischunterricht Molière und Maupassant und andere. Heute sei das unmöglich, sagt man mir. Andererseits: Abiturienten, die keine Ahnung haben, was sich hinter den Namen Shakespeare, Balzac, Dostojewski verbirgt - wäre das nicht absurd?
SPIEGEL: Könnten Sie zehn oder zwölf Bücher nennen, die ein Abiturient unbedingt kennen sollte?
Reich-Ranicki: Sehr ungern, aber meinetwegen: "Werther", "Effi Briest", "Buddenbrooks", "Der Prozeß", "Faust I", je ein Band mit ausgewählten Dramen von Schiller und Kleist, je ein Band mit ausgewählten Gedichten von Goethe, Heine und Brecht. Und wenn Sie mir noch zwei Titel genehmigen sollten, schlage ich einen Band mit den Werken von Büchner vor und einen Auswahlband mit der Lyrik der deutschen Romantiker.
SPIEGEL: Dass die Kultusministerkonferenz Ihren Kanon zumindest in den Hauptzügen akzeptiert - halten Sie das für möglich?
Reich-Ranicki: Nein, wo denken Sie denn hin? Das ist ja eine ganz weltfremde Frage.
SPIEGEL: Und die Germanisten?
Reich-Ranicki: Ob in Deutschland, in Österreich oder in der Schweiz - es wird sich kein einziger Germanist finden, der einen solchen Kanon-Vorschlag für ansatzweise akzeptabel hält. Jeder wird empört darauf hinweisen, dass dieser oder jener Autor fehlt. Ich aber meine, dass mein Kanon-Vorschlag immer noch viel zu umfangreich ist. Jeder Kenner der deutschen Literatur (und es gibt Hunderte von hervorragenden Kennern) ist ganz und gar sicher, dass er einen besseren Kanon machen kann als ich. Und das gilt ebenfalls für alle, die sich für Kenner, für Experten unserer Literatur halten. Ihre Zahl beträgt schätzungsweise zwei bis drei Millionen.
SPIEGEL: Also alles für die Katz?
Reich-Ranicki: Nein. Aber nicht ich sollte mich über den eventuellen Nutzen meiner Arbeit äußern, sondern doch wohl andere.
SPIEGEL: Wie kommt es, dass Sie die Kanon-Idee, die Sie ja seit Jahren immer neu diskutiert haben, nicht loslässt?
Reich-Ranicki: Das hat zunächst mit einer Warschauer Gymnasialschülerin zu tun, die mir vor vielen Jahren aufgefallen ist. Sie stand an einer Haltestelle und las ein Buch. Dann kam die Straßenbahn, sie ging zur Bahn, ohne die Lektüre zu unterbrechen, und auch auf den Stufen des Waggons, in den sie stieg, las sie weiter. Ich folgte ihr und setzte mich neben sie. Ich wagte es nicht, sie anzusprechen. Doch es gelang mir, den Titel des Buches zu lesen. Es war Leo Tolstois "Anna Karenina". Wie man sieht, habe ich diese Schülerin bis heute nicht vergessen.
SPIEGEL: Aber sie gehört doch mit Sicherheit einer Minderheit an.
Reich-Ranicki: Ja, wahrscheinlich einer verschwindend kleinen Minderheit. Nur habe ich als Kritiker dafür zu sorgen, dass diese Minderheit nicht noch kleiner, dass sie vielleicht sogar arg größer wird. Das habe ich von meinen Lehrmeistern gelernt, von den Brüdern Schlegel, von Heine und Fontane, von Kerr und Polgar: Sie alle waren der Ansicht, dass Kritik vor allem vermitteln müsse, und zwar zwischen der Literatur und dem Publikum. Diesem Zweck dient der Kanon. Und ich bin sicher, dass viele Leser, junge und alte, Schüler und Lehrer und sogar Rentner, für einen solchen Kanon dankbar sein werden. Denn ein fragwürdiger Kanon ist immer noch besser als überhaupt kein Kanon.
SPIEGEL: Warum eigentlich?
Reich-Ranicki: Ohne Kanon gibt es nur Willkür, Beliebigkeit und Chaos und, natürlich, Ratlosigkeit. Ich habe einmal geschrieben: Ohne Liebe zur Literatur gibt es keine Kritik. Ich darf das hier ergänzen: Einem Deutschlehrer, der die Literatur nicht liebt, wird es nicht glücken, das Interesse an der Literatur zu wecken und eben die Liebe zur Literatur. Es wird ihm nicht gelingen, seine Schüler zu überzeugen, dass Literatur - ich wiederhole es - Spaß machen kann, darf und soll.
SPIEGEL: Herr Reich-Ranicki, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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Johann Christian Günther
Gedichte
Wortgewaltige Barockdichter hatte es schon viele gegeben. Aber der Schlesier Günther traf ganz neue Töne: Seine Verse klingen bei aller Rhetorik so authentisch, kraftvoll und Ich-bewusst nach Liebe, Hass, Reue, Zweifel, Ergebung, Übermut oder Groll, dass man ihn zum Vorläufer des Sturm und Drang erklärte. So beschwerte sich der Poet, der in seinem kurzen Leben wenig Glück hatte, einmal über die Frauen: "Viel versprechen, wenig halten; / Sie entzünden und erkalten / Öfters, eh ein Tag verfließt. / Dieses ist / Aller Jungfern Hinterlist." Goethe rühmte den nahezu vergessenen Kollegen später für seine Kunst, "im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervorzubringen".
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Arthur Schnitzler
"Leutnant Gustl"
Ein großes kleines Werk: Kaum mehr als 30, 40 Seiten (je nach Schriftgrad) umfasst dieses legendäre Selbstgespräch eines Soldaten in der Nacht vor dem geplanten Selbstmord. Die 1900 publizierte Novelle ist der erste durchgespielte innere Monolog der deutschsprachigen Literatur - ein vollendetes Lehrstück aus dem Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, eine Novelle, in der sich die erwachende psychoanalytische Neugier der Zeit ebenso spiegelt wie eine heute kaum noch nachvollziehbare Vorstellung von Ehre und Satisfaktion. Wie in anderen frühen Erzählungen lässt der Österreicher Schnitzler auch hier seine Figur sich selbst entlarven - am Ende erübrigt sich der pathetische Plan des Offiziers, sich am Morgen eine Kugel in den Kopf zu jagen, auf überraschende Weise.
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Stefan George
Gedichte
Bei den Pariser Symbolisten hatte er sein Handwerk gelernt. Doch in den eigenen Gedichten überwand Stefan George bald die Jugendstil-Dekadenz: Er fühlte sich zum Lehrmeister kultureller Erneuerung berufen. Unbeirrbar sammelte der priesterlich strenge Poet, der zeitlebens bei Freunden und Gönnern logierte, eine Elite junger Männer um sich. In diesem "Geheimen Deutschland" galten seine Gedichtbände ("Der Siebente Ring", "Der Stern des Bundes") als Heiligtümer, und seine Übersetzungen von Dante oder Shakespeare wurden auch außerhalb des Kreises gerühmt. Mit ihrer rätselhaft kristallinen Klarheit ist Georges Sprachkunst wegweisend für die deutsche Dichtung des 20. Jahrhunderts geworden.
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Hugo von Hofmannsthal
"Der Schwierige"
Als letzter großer Dichter des alten Europa ist der Wiener Hugo von Hofmannsthal gerühmt worden. Sein Geheimnis: Er überwindet die Tradition, ohne sie lächerlich zu machen. Sein "Schwieriger" (1921), der entschlusslose Junggeselle Graf Hans Karl Bühl, fühlt sich fehl am Platz in der feinen Gesellschaft, zu der er doch zählt; am Schluss wird er überrascht und erlöst von der menschlich-echten Liebe der Gräfin Helene Altenwyl. Diese Selbstfindung auf höchstem Niveau, nach klassischem Muster auf wenige Momente konzentriert, ist in einem virtuos beiläufigen Dialog erzählt, der das Drama zu einer der besten deutschsprachigen Konversationskomödien macht.
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Max Frisch
"Montauk"
Ein Wochenende auf Long Island, das ein Schweizer Schriftsteller mit einer viel jüngeren Frau verbringt, bevor er zurück nach Europa reist. Beide sind erst seit kurzem ein Paar, kennen sich noch wenig, die Gespräche finden in englischer Sprache statt, was dem Mann Gelegenheit gibt, sein Leben noch einmal wie aus weiter Ferne zu betrachten. Wenig Stoff eigentlich, und doch weitet sich, dank raffinierter Montage kleinster Erinnerungsstücke, die 1975 erschienene Erzählung "Montauk" zu einer faszinierenden autobiografischen Skizze mit Tiefenschärfe, zu einem melancholischen, dabei niemals sentimental gestimmten Alterswerk ("Sowie eine Frau mir gefällt, komme ich mir jetzt als Zumutung vor"): kluge Reflexionen über die Liebe, ohne Schmu und Schmus.
Das Gespräch führte Redakteur Volker Hage. * Mit Bruno Ganz, Corinna Kirchhoff (2000). * Links: mit Sam Shepard und Julie Delpy (1991); rechts: Probe mit Kaya Bruel in Kopenhagen (2000). * Mit Günter Lamprecht (1980). * Mit Dirk Bogarde und Björn Andresen (1970). * Mit Marie Gillain, Jean-Hugues Anglade (1996).
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 25/2001
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„Literatur muss Spaß machen“

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