DER SPIEGEL



Jeder liest für sich allein

Von Schmitter, Elke

Wie Lektüre den Menschen prägt - mein privater deutscher Literaturkanon. Von Elke Schmitter

Langeweile - mein erstes Lesemotiv. Und wie beglückend, es wiederzufinden: In einem Kinderbuch, das heute vergriffen ist (aber es gibt ja Antiquariate) und den obskuren Titel "Harriet M. Welsch - Spionage aller Art" führte, macht sich die Heldin aus Langeweile auf den Weg in die Welt. Ihre Mittelklasse-Familie kennt sie längst besser, als ihr lieb ist, und sie hat gelernt, dass sie deren Geheimnisse deshalb nicht ergründen wird, weil sie mittendrin steckt.

So wählt sie die Beobachtung, das heißt: Ein Mädchen von elf Jahren erforscht die Nachbarschaft, denkt sich eine Route aus und hockt sich unter Küchenfenster, versteckt sich im Gebüsch, setzt sich in einen Speiseaufzug und hört täglich mit, was Maier, Müller, Schulze reden, wenn sie mit sich allein sind. Und schreibt es auf. Denn sie will Schriftstellerin werden.

Wie Zeit langsam vergeht, sich eintrübt und verdickt, ist meine Erfahrung von Kindheit - das zähe Gefühl der Absonderung, das damit verbunden ist und das übergeht in Absonderlichkeit, auch das fand ich aufgeschrieben wieder: Im "Anton Reiser", der literarischen Lebensbeschreibung des unglücklichen Karl Philipp Moritz, des ersten modernen Neurotikers. Eine arme Jugend im zerstückelten Deutschland der Goethe-Zeit, ein verwahrlostes Kind, das mit trockenem Brot

und pietistischen Schriften gefüttert wird und als Erwachsener, voller Mitgefühl und Selbstmitleid, einen Bildungsroman verfertigt: nicht klassisch und nicht gut gebaut, weder erbaulich noch heiter.

Man war nicht allein in jener Phase des leichten Jugend-Irreseins, die wir ja alle durchlaufen (durchgehen, heute vielleicht durchtanzen): Die Tagebücher von Kafka waren mein Brevier - und der Anstreichungen kein Ende. "Wie fern sind mir z. B. die Armmuskeln" (20. Februar 1911). Dieses mitgeführte Befremden, dem er seine ganze Kraft widmet: nur kein Unglück vergessen! Da baut sich einer ein Gehäuse aus Schmerz, macht hin und wieder ein Fenster auf, erschrickt vor Luftzug und Licht und kehrt zurück zu seiner ureigenen Scham, ein Mensch zu sein. Viel schwarze Tinte ist da geflossen, mit kleinen Lachen in Lakonie.

Von da aus war es nicht weit zu Heine, dem es wie keinem gegeben ist, mit jedem Entsetzen Scherz zu treiben: "Ich aber verhänge die Fenster / Des Zimmers mit schwarzem Tuch; / Es machen mir meine Gespenster / Sogar einen Tagesbesuch."

Es ist der Rhythmus, der alles bei ihm grundiert, eine verlässliche Eindeutigkeit in diesem Kosmos von Ambivalenz: Romantik und deren Verspottung, Polemik und äußerste Zartheit, totale Selbstbezogenheit und großer politischer Scharfsinn. Mein Gedächtnis für Lyrik ist dürftig, doch bei Heine hält es fest: "Das Fräulein stand am Meere / Und seufzte lang und bang ..." Wer hier nicht singt, ist taub!

Das Melodische ist nicht mit Schönheit identisch, doch bei Matthias Claudius ist es vereint: "Kalt ist der Abendhauch. / Verschon uns, Gott! mit Strafen / Und lass uns ruhig schlafen! / Und unsern kranken Nachbarn auch!" Getrost würde ich das ganze kleine Werk von Georg Büchner als den Gipfel dessen annoncieren, was die deutsche Sprache erreichen kann, wenn sie Schärfe und Klugheit behalten will - doch schön ist es eher im Untergrund, im Rumor der einzelnen Zeilen, im Unerbittlichen, Schroffen, Nichtversöhnlichen: "Blutwurst sagt: komm Leberwurst!"

Man muss es sprechen, mit dieser schrecklichen Pause, und leise, dann schaudert es einen sofort ... Manchmal gleicht das Melodische das Nichtverstehen aus und hält es fest, lötet den Leser an einzelne Zeilen, deren Rätselhaftigkeit durch Schönheit in Schwebe gehalten wird. "Der Herzog der Stille / wirbt unten im Schlosshof Soldaten" - der Lyriker Paul Celan ist darin einzigartig.

Ich erinnere mich, einen Morgen lang glücklich gewesen zu sein, weil jemand in der U-Bahn neben mir einen Satz (den ich vergessen habe) aussprach, der in seiner Melodie, in seinem Rhythmus dem ersten, vollkommenen Satz der Proust-Übersetzung von Eva Rechel-Mertens gleichgebildet war: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen."

Denn auch das Nüchterne kann schön sein: Fabian, Titelheld von Erich Kästners Roman, ist ein schwerer Melancholiker der neuen Sachlichkeit aus einer uns nicht so fernen Epoche, in der den Menschen die Utopien ausgingen und sie ihren Kopf zum Besserwissen, aber nicht mehr zum Klügerwerden nutzten. Ein luzides und bescheidenes Buch voller Sentenzen, zu denen ich eine Neigung habe, weil sie wie eine Abkürzung des Geistes scheinen, aber den Umweg des Begreifens erzwingen.

Deshalb, auch deshalb, Fontane - und da nicht nur "Effi Briest". Das "weite Feld" ist sprichwörtlich geworden, wie er überhaupt groß darin war, vorzugsweise älteren Herren zitierfähige Weisheiten anzudichten, die nur auf den ersten Blick, wenn überhaupt, gemütlich sind. Ich bewundere ihn als moralischen Autor: Die Auseinandersetzung Instettens, des betrogenen Ehemanns, mit einem Vertrauten über die Frage, ob er sich duellieren soll - wie wird da (in "Effi Briest") abgewogen!

Der Freund gibt die Zeit zu bedenken: Wofür Sie sich heute duellieren, liegt sieben Jahre zurück. Wann setzt eigentlich Verjährung ein? Das ist ein pragmatisches Argument, von großer Lebensklugheit, und Instetten gibt ihm beinahe Recht. Es stellt die einmalige Absolutheit des moralischen Vergehens gegen die totale und unpersönliche der Zeit, des trivialen Vergehens von Zeit. Aber jetzt wissen Sie davon, entgegnet Instetten schließlich, und selbst, wenn Sie nie davon sprechen, Sie werden es ja nicht vergessen. Weil Sie es wissen, ist es nun in der Welt, und damit bin ich nicht mehr Privatmann, sondern ein Mitglied der Gesellschaft, und als solches habe ich meine Ehre zu retten ...

Das ist ein großer, wie man heute sagt, "Diskurs", der deshalb so ergreift, weil nur seine Verkleidung historisch ist. Er setzt Scham und Schuld in Beziehung, Erfahrung und Prinzipien, den Einzelnen und die Gesellschaft: Was kann ein Roman, der zudem so wunderbar geschrieben ist, Größeres leisten? (Unterschätzt wird übrigens noch immer Fontanes traurigster Eheroman "Unwiederbringlich" - in seiner fatalen Abschüssigkeit, der inneren Konsequenz ein einzigartiges Buch, ein mähliches Versickern in die Ausweglosigkeit, tatsächlich: unerhört modern.)

Und das Glück in der deutschen Literatur - das gibt es natürlich auch. "Seelandschaft mit Pocahontas" von Arno Schmidt ist nicht nur eine Novelle für die gebildeten Stände - obwohl die, wie immer bei Schmidt, auf ihre erhöhten Kosten kommen. Es ist auch die erste mir bekannte Liebesgeschichte in der deutschen Literatur, die eine hässliche Heldin erhört. Der armen Selma Wientge, Stenotypistin aus der Provinz, im "zaundürren Wespenkleid", dünn und staksig: Ihr leuchtet in dieser Nachkriegsnovelle reine, erotische Erfüllung.

Bei Arno Schmidt darf es nach Blutwurst und nach Bratkartoffeln riechen, nach schalem Bier und faulen Witzen, und doch gibt es ein Glück des Kleinbürgeralltags, das neben ihm nur Heinrich Böll - in schlichteren Worten - zu würdigen wusste. Dessen wunderbare Leni Pfeiffer, Zentrum seines "Gruppenbilds mit Dame", ist mir ans Herz gewachsen schon bei der ersten Lektüre.

Und beiläufig gelingt es Böll, auch hier in diesem Roman mit seinen nervösen Kettenrauchern und heimgekehrten Soldaten, bigotten Kirchenmännern und gläubigen Menschen, freundlichen Richtern und vergesslichen Nazis ein Bild des Nachkriegsdeutschlands zu zeichnen.

Wer "Gruppenbild mit Dame" und "Das Brot der frühen Jahre" geschrieben hat, dem ist selbst "Frauen vor Flusslandschaft" zu verzeihen - wie auch dem begnadeten Prosapoeten Schmidt eine Neigung zum ranzigen Altherrenwitz ...

Und Simmel, wenn ich gerade dabei bin, verzeihe ich ohnehin alles, was andere über ihn sagten, als er noch nicht promoviert war zum Zeitdiagnostiker - und zwar für eines seiner Bücher, das mich mehr amüsiert hat als vieles andere: "Es muss nicht immer Kaviar sein". (Nicht nur wegen der Rezepte!)

Was darf man nicht vergessen? Die "Buddenbrooks", die ich beinahe nacherzählen kann (was bestürzend vermessen klingt, aber doch keine große Leistung ist, weil es auch eine Pointen-Fibel ist). Erst spät ist mir aufgefallen, wie wenig Thomas Mann selbst hier, in seinem ersten Roman, seinen Figuren verfällt, wie sehr er sie auf Abstand bringt zu sich wie zu seinen Lesern und wie gekonnt er dafür sorgt, dass wir, mit ihm, über sie lachen. Er ist ein Autor ohne Mitgefühl, doch seine Geschöpfe, in all ihrem Reichtum und ihrer Beschränktheit, sind meine Verwandten geworden, und was ich von jener geschichtlichen Phase weiß, verdanke ich nicht zuletzt seiner klugen Anschaulichkeit.

Die "Buddenbrooks" also, und von Max Frisch den leichtesten Roman, sein anmutigstes Spiel mit Einbildungskraft und Identität: "Mein Name sei Gantenbein": ein Mann, der den Blinden spielt und durch diesen kleinen Trick - oder auch diese große Lüge - die Menschen aufrichtiger werden lässt, weil sie sich vor ihm, der ja nichts sieht, nicht mehr verstellen müssen. Frischs Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän", ein mürbes Spätwerk von feinster Ironie, darf auch nicht unterschlagen werden: Ein alter Mann, allein im Gebirg, der von einem Unwetter heimgesucht wird, und das mögliche Ende der Welt und das seines unauffälligen Lebens scheinen zusammenzufallen.

Zuletzt ein Zeitgenosse, der eigentlich alles kann - er lebt in Hamburg und lacht über sich und die Welt, beherrscht jede literarische Form und hört nie auf zu probieren, schreibt unerbittliche Prosa und zarteste, politische Lyrik, meißelt am Alterswerk und hat den Mut, auch dann bei sich zu bleiben, wenn die Besichtigung seines porösen Innersten nicht eben schmeichelnd ausfällt: Peter Rühmkorf. Es wäre zu sprechen von den frühen Memoiren "Die Jahre die ihr kennt", von seinen letzten Gedichten, vom Tagebuchwerk "Tabu".

Es wäre noch von vielem zu sprechen! Ein großer Vorteil der Literatur gegenüber journalistischer Arbeit ist eben am Ende auch: dass ihr niemals der Platz ausgeht.

* Oben: Alain Noury (l.) in "Und Jimmy ging zum Regenbogen" (1970); rechts: mit Angelica Domröse (1968).

DER SPIEGEL 25/2001
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