25.06.2001

INVESTMENTBANKENDie Abzocker der Wall Street

Reichtum nach Plan: Mit unsauberen Methoden haben Investmentbanker Millionenbeträge eingestrichen, am dreistesten in den USA. Die amerikanische Börsenaufsicht und New Yorker Staatsanwälte ermitteln - bei den ersten Adressen des Geldgewerbes.
Wenn Frank Quattrone, 45, Freunde besuchte, legte er Wert auf Stil. In der Regel schwebte der Investmentbanker mit jenem Privatjet ein, der einst Bob Dylan gehörte.
Seine Geschäftspartner lud der Leiter des Tech-Teams der Credit Suisse First Boston, der im vergangenen Jahr 100 Millionen Dollar verdient haben soll, gern zum Skifahren nach Aspen ein. Am liebsten ließ Quattrone die Abende in einer Karaoke-Bar ausklingen, indem er den alten Beatles-Song "Rocky Raccoon" zum Besten gab.
Nicht nur Quattrone, der mit Vorliebe Pullover aus den siebziger Jahren trägt, wurde in der Hoch-Zeit des Tech-Booms zum hoch bezahlten Star. Auch Analysten, früher eher als Zahlenfreaks belächelt, kassierten auf einmal Traumgehälter.
Mary Meeker, 41, bekam von ihrer Bank Morgan Stanley 15 Millionen Dollar im Jahr, weil sie als "Diva of the Internet" mit optimistischen Studien den Internet-Hype befeuerte. Ihr Kollege von Merrill Lynch, der telegene Henry Blodget, stieg ebenfalls in die höchste Einkommensklasse auf, auch seine Analysen kannten nur eine Richtung: steil nach oben.
Niemand hat vom Aktienboom der letzten Jahre so schamlos profitiert wie die Golden Boys in den Investmenthäusern, deren Geschäft der Börsengang eines Unternehmens ist und die Bewertung seiner Kursaussichten. Und weil der Wertpapierhandel auch für die Banken Milliardengewinne brachte, sahen die Herren in den Vorstandsetagen großzügig darüber hinweg, dass bei den Gurus des schnellen Geldes alles ein wenig größer ausfiel als im vornehmen Finanzgewerbe üblich: die Gehälter, die Spesen und auch die Feste.
Doch seit die Party an den Technologiebörsen vorbei ist, interessieren sich plötzlich nicht mehr nur die Zeitungen für den extravaganten Lebensstil der Investmentbanker - und ihr Geschäftsgebaren. Nach der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC hat nun auch die New Yorker Staatsanwaltschaft Ermittlungen bei einer
Reihe führender Investmentbanken eingeleitet. Zudem ist seit Mitte Juni eine Kommission des US-Kongresses dabei, Hinweisen nachzugehen, wonach Anleger bei vielen Börsengängen in den letzten zwei Jahren systematisch übervorteilt wurden.
Die ersten Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass die angeblich unabhängigen Empfehlungen der Analysten häufig den Interessen der Banken dienten, die sich gerade bei Börsengängen ein paar aufmunternde Worte an die Anleger wünschten. Auch bei der Zuteilung von Aktienpaketen wurde offenbar kräftig manipuliert: Großinvestoren, die sich zu Nachkäufen verpflichteten und so die Kurse in die Höhe trieben, erhielten häufiger die gewünschte Stückzahl.
Im Zentrum der Ermittlungen stehen derzeit die Credit Suisse First Boston (CSFB) und das Team des für die Technologiewerte zuständigen Investmentbankers Quattrone, dem zeitweise bis zu 400 Leute angehörten. Manche aus Quattrones Truppe sollen sich bei Börsengängen von Technologiefirmen auch persönlich bereichert haben. Außerdem wird ihnen vorgeworfen, dass sie von ihren Klienten Sonderprovisionen für die Zuteilung von Aktien kassiert haben, so genannte Kickbacks.
Für die Abnehmer war das trotzdem eine lohnende Sache: Weil auf der Höhe des Internet-Booms praktisch jede Aktie nach Börseneinführung einen kräftigen Kursanstieg verzeichnete, konnten alle, die zum Emissionspreis kauften und wenige Tage später wieder verkauften, einen schönen Gewinn einstreichen. Unter Profis heißt diese Praxis "Flipping".
Dabei treffen die Ermittlungen der New Yorker Staatsanwälte, die wohl zu Verfahren führen werden, nicht nur die CSFB. Der Fondsmanager Anthony Bruan hat die meisten führenden Investmentbanken schwer belastet, nachdem ihm die Ermittler Straffreiheit zugesichert hatten. Auch renommierte Adressen wie Goldman Sachs, Morgan Stanley, Lehman Brothers, Merrill Lynch oder Salomon Smith Barney sollen einen Teil der Kursgewinne gefordert haben, bevor sie Aktien von besonders begehrten Neuemissionen zuteilten.
"Diese Geschichte trifft in das Herz der Wall Street, denn im Gegensatz zu früheren Skandalen sind diesmal viele große Traditionsfirmen betroffen", sagt der US-Anwalt Melvyn Weiss, der nun Schadensersatz für Anleger fordert, die erst bei den aus seiner Sicht nach oben manipulierten Kursen eingestiegen sind. Über 30 solcher Fälle betreut mittlerweile allein die Kanzlei Milberg Weiss. Insgesamt, so schätzt der Jurist, sind derzeit bei den amerikanischen Gerichten rund 150 Klagen anhängig. Natürlich weisen die betroffenen Investmentbanken die Vorwürfe zurück.
Auch bei regulärem Geschäftsbetrieb war der Handel mit Neuemissionen für die Investmentbanken in der Vergangenheit hoch profitabel. Auf vier bis sechs Prozent beläuft sich in der Regel die Provision, die sie bei einem erfolgreichen Börsengang in Rechnung stellen - eine Gebührenordnung, die den Wall-Street-Firmen in den letzten beiden Jahren knapp neun Milliarden Dollar einbrachte.
Doch das reichte den Investmentbankern offenbar nicht. Wer über die Zuteilung der Aktienpakete heiß begehrter Neuemissionen entschied, verfügte schließlich über eine handfeste Währung. Welcher Fondsmanager konnte sich leisten, die Forderung der Emissionshäuser zu ignorieren?
Als die CSFB das Software-Unternehmen VA Linux Systems am 9. Dezember 1999 an die Börse brachte, schoss der Aktienkurs am ersten Tag um 697 Prozent nach oben. Einer der glücklichen Kunden, die über zahlreiche Konten eine große Zuteilung und damit weitgehend sichere Gewinne erhielt, war der Hedge-Fonds PTJP Partners von Bruan, der nun als Kronzeuge gegen die Banken aussagt. Den Ermittlern liegt zudem eine Aussage eines Hedge-Fonds-Traders vor, dem ein Aktienhändler der Credit Suisse gesagt haben soll: "Du hast mit dem Börsengang zwei Millionen Dollar an Gewinn gemacht, aber uns nur 500 000 Dollar an Provision bezahlt." Der Hedge-Fonds-Händler verstand die Botschaft: "Der wollte sagen, hör zu, kannst du das nicht ein bisschen aufstocken?"
Mit einer verqueren Logik wehrt sich die CSFB gegen die Ermittlungen der amerikanischen Organisation der Wertpapierhändler, die belegen sollen, dass die Bank im Gegenzug für solche Zuteilungen hohe Handelsgebühren kassiert hat. Es gebe keine Regeln, die es Kunden verbieten würden, durch freiwillige Zahlungen solcher Kommissionen zu beweisen, "dass sie ausreichend gute Kunden sind, um Aktienzuteilungen zu erhalten".
Vorsorglich hat die Bank allerdings bereits den Chefhändler für Hightech-Aktien und zwei seiner Mitarbeiter beurlaubt. Die Organisation der Wertpapierhändler hat den Untersuchungsbehörden mitgeteilt, dass sie die Strafverfolgung weiterer enger Mitarbeiter von Quattrone befürworte.
Nun rächt sich, dass den Vorständen der großen Investmentbanker im Kampf um Marktanteile beinahe jedes Mittel recht war, um Spezialisten von der Konkurrenz abzuwerben. Nicht nur dass die Geldhäuser die begehrten Experten mit horrenden Gehältern lockten, auf Verlangen waren sie auch zu weit reichenden Zugeständnissen bereit, wenn es um lukrative Zusatzgeschäfte ging.
Wie der Anführer einer Söldnertruppe war Quattrone 1996 mit 25 Getreuen von Morgan Stanley zur Deutschen Bank gezogen. Der Deutsche-Bank-Vorstand hatte ihm 50 Prozent aller Erträge versprochen, die er mit seinem Team im kalifornischen Palo Alto erzielen würde. Und Quattrone baute mit seiner Bank in der Bank ein florierendes Geschäft auf, brachte Amazon und viele andere ehemalige Highflyer der Internet-Welt an die Börse.
Doch als ihn die Deutsche Bank stärker an die Kandare nehmen wollte, ging er mit über hundert Gefolgsleuten zur CSFB. An der Unternehmenszentrale in Palo Alto, die die Deutsche Bank für ihn gemietet hatte, musste nur das Firmenschild ausgewechselt werden.
Die schweizerische Investmentbank garantierte ihm die Autonomie, die der Deutschen Bank unheimlich geworden war. So durften Quattrone und seine Mitarbeiter sogar vorbörslich in Unternehmen wie Interwoven, einem Hersteller von Internet-Software, investieren.
Vier Monate nach ihrem Einstieg brachte die CSFB das Unternehmen an die Börse, Quattrone und seine Teamkollegen kassierten rund zwei Millionen Dollar extra, indem sie ihre Anteile später verkauften.
Zu Quattrones Rundum-Service für die Technologiekunden aus dem Silicon Valley gehörte, dass er auch über ein Team von 50 Analysten gebot, die gern mal pünktlich zum Börsengang hymnische Studien ablieferten.
Häufig suchten sich die Börsenkandidaten die Bank aus, deren Analysten die Zukunftschancen ihres Unternehmens scheinbar kompetent in den rosigsten Farben schildern konnten. Die Analysten waren hoch motiviert, denn Quattrone bestimmte am Ende des Jahres mit, wer welche Boni erhielt.
Nicht nur bei der CSFB, auch bei anderen Investmentbanken wie Lehman oder Donaldson, Lufkin & Jenrette war es üblich, die Analysten danach zu bezahlen, wie ihre Studien die Geschäfte der Investmentbanker fördern. "Die konnten sich für das Jahr 2000 anhand der Börsengänge genau ausrechnen, wie hoch ihre Boni sind", sagt ein hochrangiger Londoner Investmentbanker.
Selbst die Deutsche Bank, die bislang von Ermittlungen verschont blieb, zahlte Erfolgsprämien an einzelne Analysten - zu übermächtig war der Wunsch, endlich den Anschluss an die Großen des Investmentbanking zu schaffen.
So kassierte beispielsweise Stuart Conrad, Chefanalyst für Telekommunikationsfirmen bei der amerikanischen Tochtergesellschaft Deutsche Bank Alex Brown, 20 Prozent der Erträge aus den Geschäften, an denen er mit seinen scheinbar unabhängigen Experten beteiligt war. Mittlerweile hat er sich als Fondsmanager selbständig gemacht und spekuliert gegen die Werte, die er früher an die Börse begleitet hat.
Wie unabhängig die Analysten der Banken sind, belegt beispielsweise ein interner Vermerk von J.P. Morgan: Alle Analysten wurden angewiesen, Verkaufsempfehlungen zuerst den Investmentbankern vorzulegen, die diese Klienten betreuen.
Mittlerweile beschäftigt sich in den USA ein Komitee des amerikanischen Kongresses mit den Praktiken an der Wall Street. Aus Angst vor einer gesetzlichen Regelung verabschiedeten die Chefs der 14 größten Emissionshäuser Mitte Juni neue Standesregeln. "Analysten sollen nicht an die Investmentbanker berichten", heißt es im ersten Paragrafen.
Wenn alle Investmentbanken sich an ihr eigenes Regelwerk halten, wäre das eine Revolution. Daran glauben die Kongressabgeordneten nicht, sie plädieren für eine Überwachung durch die New Yorker Börsenaufsicht SEC. "Ich glaube nicht, dass wir uns allein auf den Privatsektor verlassen können", sagt der demokratische Abgeordnete Edward Markey. Von einer "Besorgnis erregenden Erosion der ethischen Standards an der Wall Street" spricht sein Kollege Richard Baker.
Die Investmentbanken geben sich kooperationsbereit. Bei Goldman Sachs wird betont, dass die Bank ihren Managern nie direkte Vergütungen für die von ihnen eingefädelten Geschäfte versprochen hat.
Allerdings sorgt bei Goldman Sachs wie bei den anderen Investmentbanken schon die extrem erfolgsabhängige Bezahlung dafür, dass die Interessen der Kunden oft an zweiter Stelle kommen. Schon leisten sich viele Unternehmen Berater, die sie im Umgang mit den mächtigen Investmentbanken beraten.
Die CSFB, die derzeit am ärgsten unter den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen leidet, hat ihren einstigen Superstar Quattrone etwas zurechtgestutzt und ihm nun die Kontrolle über die Technologieanalysten entzogen.
Der Schaden für die CSFB hält sich in Grenzen: Quattrones Tech-Team brachte in den vergangenen fünf Monaten nur mickrige Erlöse. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum rauschten die Einnahmen aus Börsengängen von Hightech-Firmen um 97 Prozent nach unten.
JAN FLEISCHHAUER, CHRISTOPH PAULY
* Im Handelssaal der New Yorker Börse 1998.
Von Jan Fleischhauer und Christoph Pauly

DER SPIEGEL 26/2001
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