DER SPIEGEL



Ewiger Kampf gegen den Staat

Von Holm, Carsten

250 Deutsche demonstrierten in Göteborg - die meisten Verhafteten sind Krawallprofis.

Gerade zwei Wochen ist es her, dass Sebastian S., 19, am erzbischöflichen St. Angela-Gymnasium im nordrhein-westfälischen Bad Münstereifel sein Abitur gefeiert hat.

Jetzt liegt er, schwer bewacht, mit einer Schusswunde im Göteborger Sahlgrenska-Krankenhaus. Zwei Polizeibeamte sichern die Tür zum Krankenzimmer, und als seine Mutter ihn nach der ersten von inzwischen zwei Operationen kurz besuchen durfte, wachten ein Polizist und ein Dolmetscher darüber, dass ja kein Wort fällt über jenen Abend, an dem ein schwedischer Polizist auf Sebastian schoss und eine Kugel dessen linkes Bein durchschlug.

Rund 250 Deutsche demonstrierten laut Bundesinnenministerium am vorvergangenen Wochenende gegen den EU-Gipfel in Göteborg, fast alle blieben während der wüsten Krawalle friedlich - aber unter die Teilnehmer hatten sich auch ein paar alte Bekannte deutscher Sicherheitskräfte gemischt.

Gegen Sebastian S. und sechs weitere Deutsche erließen die Schweden Haftbefehl - und was dem Mann zur Last gelegt wird, wiegt schwer. Er soll am vorvergangenen Freitag gegen 21 Uhr in der Straße Vasa Gatan im Stadtzentrum mit Steinen auf Polizisten geworfen haben. In dieser Woche will die Polizei seinem Göteborger Anwalt Claes Oestlund Videoaufnahmen der Demonstration vorführen. Als der Abiturient, so die Ermittler, mit einem Stein auf einen am Boden liegenden Polizisten zielte, habe ein Kollege in Notwehr geschossen.

Die schwedische Polizei, sagt Anwalt Oestlund, sei "100-prozentig sicher", dass sie S. die Tat nachweisen kann. Zweifelsfrei sei er auf dem Videofilm identifizierbar - als Einziger habe er kurze Hosen getragen.

Offenbar gehört der Abiturient unter den Festgenommenen nicht zu den angereisten deutschen Krawallprofis. Lehrer und Schüler aus Bad Münstereifel können nicht fassen, was in Göteborg passiert sein soll. "Völlig unauffällig, eher ein Mitläufertyp", sagt ein Lehrer über S. "Politisch links eingestellt, aber ohne jede Spur von Radikalität", urteilt ein Mitschüler: "Das passt überhaupt nicht zu ihm, da muss er hineingeschliddert sein." Dafür spricht, dass weder Verfassungsschützer noch Polizei ihn kennen.

Mobilisiert wurden die deutschen Demonstranten, so Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden, vornehmlich von trotzkistischen Linken, die sich etwa in der "Sozialistischen Alternative Voran" (Sav) und ideologisch nahen Splittergruppen organisieren. "Die stehen klar für gewaltfreie Demonstrationen", sagt ein Geheimdienstexperte über die vom Verfassungsschutz beobachtete Gruppe.

Das nützte den Trotzkisten wenig. Zwei Busse mit etwa 120 Demonstranten aus Hamburg und Rostock, in denen Mitglieder der Sav, der Hamburger Wählervereinigung "Regenbogen", der Jugendinitiative "Widerstand International" und des Kieler "Bündnisses gegen Sozialabbau und Neoliberalismus" saßen, wurden kurz vor Göteborg gestoppt.

"Busse durchsucht, nichts gefunden, zehn Stunden festgehalten und mit einer Polizeieskorte zurück nach Deutschland", beschreibt Sav-Bundesvorstand Jörn Kroppach, 29, den missglückten Demonstrationsausflug.

Andere waren nicht so friedlich eingestellt. So staunten Staatsschützer der Polizei und Verfassungsschützer, als die schwedischen Behörden ihnen am vergangenen Montag die Namensliste der sieben Verhafteten übermittelten: viele alte Bekannte, wohltrainiert im ewigen Kampf gegen den Staat.

Als Rädelsführer einer fünfköpfigen Krawallgruppe aus Berlin und Umgebung will die Göteborger Polizei Hannes H., 20, ausgemacht haben. Er war unter anderem in Berlin bei einer Großdemonstration zum Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aufgefallen.

Der ebenfalls in Göteborg inhaftierte Berliner Jesse B., 24, soll dort einen Polizisten mit einer Eisenstange attackiert haben. Von ihm nahmen deutsche Behörden erstmals 1995 Notiz, als er beim fünften Jahrestag einer Hausbesetzung in Berlin-Friedrichshain eine 30-köpfige, teils militante Gruppe geführt haben soll.

Potenzielle Gewalttäter wie ihn möchte der nordrhein-westfälische Innenminister Fritz Behrens (SPD) nach den Erfahrungen von Göteborg nun gar "nicht mehr zu Demonstrationen ins Ausland reisen lassen". Das bewährte Hooligan-Präventionsmodell, mit dem Krawallmachern etwa die Fahrt zu internationalen Fußballspielen untersagt wird, müsse auf gewaltbereite Demonstranten übertragen werden.

Hilfreich, so Behrens' Idee, könne dabei die Datei "Gewalttäter Links" sein, die gerade aufgebaut wird, nachdem die Innenministerkonferenz das im November 2000 beschlossen hat. Militante Autonome müssten in Zukunft vor Großdemonstrationen im Ausland "unter anderem mit Meldeauflagen und so genannten Gefährderansprachen rechnen" - dem ermahnenden Hausbesuch von Polizeibeamten. CARSTEN HOLM


DER SPIEGEL 26/2001
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