Von Overy, Richard
Im Jahr 1945 grübelte Hitlers früherer Außenminister Joachim von Ribbentrop in seiner Nürnberger Zelle über die Gründe für den Zusammenbruch des NS-Regimes. "Die Tragik, dass wir diesen Krieg verloren haben", sinnierte er wehmütig, "wird noch größer durch die Erkenntnis, dass wir ihn hätten gewinnen können."
Nur die allerwenigsten Zeitgenossen teilen heute diese Auffassung. Die meisten glauben selbstverständlich, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg gar nicht gewinnen konnte.
Als das Deutsche Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs auf seiner Jahrestagung im Juni 2000 einen Workshop zum Thema "Warum die Allierten den Zweiten Weltkrieg gewannen" veranstaltete, galt das Hauptinteresse bezeichnenderweise der stereotyp anderen Frage -
warum Hitler den Krieg verlor und verlieren musste.
Musste? Wer davon ausgeht, dass das Deutsche Reich spätestens dann zur Niederlage verdammt war, als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 - vor genau 60 Jahren - zum Angriff auf die Sowjetunion überging, beurteilt den Zweiten Weltkrieg von seinem Ende her. Und er unterschätzt die gewaltigen Anstrengungen, welche die Alliierten auf sich nehmen mussten, um die Deutschen zur bedingungslosen Kapitulation zu zwingen.
Dabei fanden die ungleichen Alliierten Roosevelt, Stalin und Churchill erst allmählich zu wirkungsvoller Zusammenarbeit. Denn weder die Sowjetunion noch die Vereinigten Staaten erwarteten oder wollten zu diesem Zeitpunkt den Krieg, aus dem beide Staaten 1945 dann als Weltmächte hervorgingen.
Alle Erklärungen, die Hitler die Schuld an der deutschen Niederlage geben, heben die mangelnden Führungsqualitäten des "Führers" hervor. Seine Diktatur habe dank schlechter Organisation und chaotischer Verwaltung auf tönernen Füßen gestanden. Sie habe die wirtschaftlichen Ressourcen im Krieg deshalb nur zur Hälfte mobilisieren können, lautet die Argumentation.
Vor allem aber habe Hitler sich zu viele Gegner gleichzeitig aufgeladen. Zwar habe die Wehrmacht im Krieg großen Mut und taktisches Geschick bewiesen, sie sei aber auf Grund des enormen zahlenmäßigen Übergewichts der Alliierten zur Kapitulation gezwungen worden. Eine grobe Vereinfachung, die der historischen Wirklichkeit nicht gerecht wird.
Dem weit verbreiteten Determinismus liegt die Annahme zu Grunde, dass materielle Ressourcen entscheidend für die Kampfstärke der Streitkräfte und für den Ausgang eines Krieges sind. Im 20. Jahrhundert hat es jedoch zahlreiche bewaffnete Konflikte gegeben, in denen die materiell überlegenen Mächte am Ende zur Aufgabe gezwungen waren: in Vietnam, Afghanistan, Algerien, selbst in Tschetschenien, wo die Rebellen den Russen noch immer Widerstand leisten.
Mit dem Gesamtpotenzial an Ressourcen - Eisenerz, Leichtmetall, Kautschuk, Buna und Erdöl - war Deutschland 1940 seinen Kriegsgegnern unterlegen, dennoch errang es einen vollständigen Sieg über Frankreich. Die Kampfkraft hängt demnach nicht allein von materiellen Grundlagen ab. Es kommt vielmehr darauf an, die Ressourcen für große Mengen hochwertiger Militärausrüstung zu nutzen - und es kommt auf den Willen an, den Kampf unter allen Umständen, trotz demütigender Niederlagen und vorübergehender Unterlegenheit, fortzusetzen. Das hat die Sowjetunion im "Großen Vaterländischen Krieg" gegen die Deutschen exemplarisch vorgeführt.
Seit 1941 besaß das Deutsche Reich Zugriff auf die Rohstoffe fast des gesamten europäischen Kontinents. Selbst nicht besetzte Länder wie Schweden, Spanien oder Rumänien lieferten Eisenerz und Mineralöl.
Die 1937 gegründete Aktiengesellschaft Reichswerke "Hermann Göring" wuchs mit der Einverleibung großer Industriebetriebe aus Österreich, Böhmen, Polen und Elsass-Lothringen zum größten europäischen Wirtschaftsunternehmen heran. Knapp eine Million Menschen arbeiteten für den Mammutkonzern, dessen Vermögenswerte fast das Sechsfache der IG Farben betrugen.
Der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 brachte einen Großteil der sowjetischen Industrie und Landwirtschaft in deutsche Hand. Ein Jahr später produzierte der von Deutschland besetzte Teil Europas 32 Millionen Tonnen Stahl, der Rumpfstaat der UdSSR dagegen nur 8 Millionen Tonnen.
Deutschland war zu diesem Zeitpunkt eine wirtschaftliche Supermacht. Hätten die Wehrmachtstruppen die Ölfelder des Kaukasus erobert, wäre die Treibstoffversorgung selbst für einen Krieg gegen Amerika gesichert gewesen.
Das Kräfteverhältnis ließ eigentlich erwarten, dass Deutschland die Sowjetunion 1941/42 niederwerfen und auch den britischen Widerstand brechen würde. Der Ausgang des Krieges darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine solche Entwicklung in diesen Monaten möglich war.
Die Sowjetunion hatte zwei Drittel ihrer gesamten Industriekapazität verloren. Sie büßte die für die Lebensmittelversorgung unersetzbare Ukraine, ihren "Brotkorb", ein und dazu den größten Teil ihrer Panzer und Flugzeuge. Fünf Millionen Sowjetbürger waren in dieser Phase des Krieges schon getötet worden oder in Gefangenschaft geraten. Jeder nüchterne Betrachter musste zu dem Schluss kommen, dass sich das Land von diesem Schlag kaum wieder erholen würde.
1942 war Stalingrad dem Zusammenbruch nahe. Die Generäle der deutschen Wehrmacht planten bereits die Vereinigung der südlich des Kaukasus und östlich von Ägypten vorstoßenden Streitkräfte; diese Achse im Nahen Osten sollte den Nachschub und die Versorgung mit Erdöl sichern. Im Atlantik fügte die deutsche Marine den westlichen Alliierten schreckliche Verluste im U-Boot-Krieg zu.
Was mussten die Alliierten tun, um die Wende im Krieg herbeizuführen, und wer besiegte Hitler am Ende - England, Amerika oder die Sowjetunion?
DIE ANTWORT DER ALLIIERTEN
Die Alliierten standen 1941/42 vor der Alternative, entweder mit Hitler-Deutschland einen "Zwangsfrieden" zu schließen (wie ihn die Deutschen Frankreich 1940 auferlegt hatten) oder den Krieg bis zur vernichtenden Niederlage des Deutschen Reiches fortzusetzen. Für Franklin Delano Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin kam nur in Frage, Deutschland auf dem Schlachtfeld zu besiegen.
1942 bedeutete dies, dass drei erheblich schwächere Armeen Hitler bezwingen sollten. Die Vereinigten Staaten besaßen in Friedenszeiten keine große Armee - und sie war zudem noch schlecht bewaffnet, als sie im Dezember 1941 nach Pearl Harbour in den Krieg eintrat. Die britische Armee hatte bis dahin wenig mehr als ihre Fähigkeit zum Rückzug unter Beweis gestellt. Die Rote Armee befand sich im Frühjahr 1942 in Auflösung; nur acht Prozent der ursprünglichen Armeekader hatten die verheerenden Niederlagen des Vorjahres überstanden.
Am Ende besiegten die Alliierten Deutschland, weil die Streitkräfte aller drei Großmächte bemerkenswerte Verbesserungen in Organisation, Aufklärung, Taktik und Technologie durchsetzten. Die Alliierten hatten gelernt - ähnlich wie die Koalition, die Napoleon schließlich in die Knie zwang -, zu den Bedingungen des Feindes zu kämpfen.
Nachdem die Rote Armee im harten "Winterkrieg" gegen Finnland 1939/40 etliche Schwachstellen offenbart hatte, gingen die deutschen Generäle im Sommer 1941 davon aus, dass sie auf einen schlecht ausgebildeten und operativ unbeholfenen Gegner treffen würden. "Einer neuzeitlich ausgerüsteten, führungsmäßig überlegenen Armee", urteilte ein Stabsoffizier, "ist die russische Masse nicht gewachsen."
Die frühen Umfassungsoperationen offenbarten das ungleiche Kräfteverhältnis. Sowjetische Soldaten kämpften mit an Tollkühnheit grenzender Tapferkeit, doch ihre Befehlshaber waren nicht in der Lage, die einzelnen Kampfhandlungen effizient zu organisieren. Die Niederlagen der Jahre 1941 und 1942 riefen die Katastrophen der zaristischen Truppen von 1914 und 1915 in Erinnerung. Als Hitler für den Sommer 1942 an der Südflanke den Vorstoß in die Don-Steppe und den Kaukasus befahl, fanden die deutschen Streitkräfte erneut eine desorganisierte und ungeschickt operierende Rote Armee vor. Innerhalb weniger Wochen standen deutsche Truppen an der Wolga.
Doch Stalins Armee war nicht die des Zaren. Im Verlauf des Jahres 1942 setzte die sowjetische Führung tief greifende Reformen bei sämtlichen Teilstreitkräften durch. Sie ließ taktische Konzepte korrigieren, sie ließ Industriebetriebe demontieren, nach Osten verlagern und am Ural, in Sibirien oder Kasachstan wieder aufbauen. Ohne solche einschneidende Reformen wäre die Sowjetunion besiegt worden.
In den ersten 15 Kriegsmonaten bestand Stalin darauf, als oberster Kriegsherr die Planungen des Generalstabs zu lenken - genauso wie Hitler. Dabei trieb er seine Streitkräfte von einer aussichtslosen Operation in die nächste. Angesichts seines brutalen und kompromisslosen Führungsstils brachten nur wenige Generäle den Mut auf, Stalin die Stirn zu bieten. Durch das System der politischen Kommissare und Komitees, die jedem Befehlshaber und jeder größeren Einheit zugeordnet waren, hielt die Kommunistische Partei die Rote Armee fest im Griff.
Im Sommer 1942 sah Stalin ein, dass der Vorrang des Politischen über das Militärische falsch war. Anders als Hitler, der im Dezember 1941 zum Oberbefehl über die Wehrmacht auch noch den über das Heer an sich zog, überließ Stalin die operative Führung des Krieges fortan den Militärs.
Ende August 1942 beförderte er den jungen Kommandeur Georgij Schukow zu seinem Stellvertreter. Schukow war ein außerordentlich fähiger Befehlshaber und einer der wenigen Generäle, die es wagten, Stalin zu widersprechen. Auf sein Betreiben hin wurde der eiserne Griff der Partei auf die Streitkräfte gelockert. Die Offiziere der Roten Armee mussten nun nicht länger Angst haben, in der Lubjanka zu landen, und konnten sich auf den Krieg gegen die deutschen Invasoren konzentrieren.
Nach dem Vorbild deutscher Luftflotten fasste die Rote Armee Bomber, Jäger und Schlachtflugzeuge zu operativ unabhängigen Luftarmeen zusammen. Deutsche Panzerdivisionen und motorisierte Einheiten standen auch Modell für die Neuordnung der Panzertruppen zu Großverbänden, die der Roten Armee höhere Mobilität und Schlagkraft verliehen.
Die größte Schwäche der sowjetischen Streitkräfte war die Kommunikation. Sie wurde mit ebenso einfachen wie wirkungsvollen Maßnahmen entscheidend verbessert. Panzer und Flugzeuge erhielten Funksprechgeräte; neu errichtete Kommunikationszentralen, die die Operationen mehrerer Divisionen oder Luftstaffeln koordinierten, erlaubten es den sowjetischen Befehlshabern erstmals, einen Kriegsschauplatz mit Millionen Soldaten und Tausenden Panzern und Flugzeugen unter Kontrolle zu halten.
Funkaufklärung, Täuschung, Tarnung und Überraschungsangriffe zählten ebenfalls zu den Mitteln, die die Rote Armee für sich nutzte. Bei der "Operation Uranus", mit der die deutsche Südfront im November 1942 aufgebrochen und Stalingrad schließlich befreit wurde, bewies die Rote Armee erstmals, dass sie zu großräumigen Offensivoperationen im Stande war.
Nun lief auch die sowjetische Rüstungsfabrikation auf hohen Touren. 1942 produzierte die UdSSR 25 400 Flugzeuge und 24 400 Panzer. Die entsprechenden Zahlen für Deutschland: 15 400 und 9200 Stück.
Die Produktion von Waffen hatte in der Sowjetunion absoluten Vorrang vor allen anderen Gütern. Die arbeitende Bevölkerung wurde wie ein Heer mobilisiert. Wer nicht arbeitete, erhielt keine Lebensmittel. Unter dem energischen jungen Ökonomen Nikolai Wosnessenski entstand ein zentraler Zwangsapparat, der Arbeitskräfte, Rohstoffe und Maschinen auf die gigantischen Massenproduktionsanlagen verteilte, die das sowjetische Industriesystem prägten.
Aus eigener Kraft hätte die Sowjetunion dieses "Produktionswunder" jedoch bestimmt nicht erreicht. Einen wesentlichen Beitrag leisteten die Hilfslieferungen aus den USA und Großbritannien, deren Bedeutung für den militärischen Erfolg von sowjetischer Seite lange Zeit heruntergespielt worden ist. Erst seit der Öffnung der russischen Archive in den neunziger Jahren lässt sich nachweisen, wie lebenswichtig die Wirtschaftshilfe der Westalliierten war.
"Hätten wir Deutschland eins zu eins entgegentreten müssen, hätten wir es nicht geschafft", gab Stalin gegenüber Nikita Chruschtschow zu.
Die westlichen Hilfsgüter umfassten in erster Linie Rohstoffe, Maschinen und Lebensmittel, so dass sich die Sowjetwirtschaft ganz auf die Produktion von Kriegsmaterial konzentrieren konnte. Amerikanische Lieferungen von 1,5 Millionen Kilometer Telefonkabel, 380 000 Feldtelefonen und 35 000 Funkstationen legten den Grundstein für die Modernisierung der Funk- und Fernmeldekommunikation in der Roten Armee.
Während des Krieges lieferten die USA nahezu sämtliche Lokomotiven und Güterwaggons für das sowjetische Eisenbahnnetz und mehr als die Hälfte der angeforderten Schienen. Aus dem Westen bezog die Sowjetunion über die Hälfte ihrer Gesamtmenge an Flugbenzin, Kupfer, Aluminium und Sprengstoff.
Die strategische Bedeutung der amerikanischen Wirtschaftskraft lag nicht in der Aufstellung einer großen amerikanischen Streitmacht (die U. S. Army war erheblich kleiner als die Rote Armee), sondern darin, dass sie die Sowjetunion durch Hilfslieferungen vor dem Untergang rettete.
In der Memoiren-Literatur nach 1945 blieb die Steigerung der sowjetischen Kampfkraft und Wirtschaftsleistung lange Zeit unbeachtet. In ihren Erinnerungen erzählten deutsche Generäle wie Heinz Guderian und Erich von Manstein, ihre Truppen seien von sowjetischen "Massen" überschwemmt, nicht aber durch effiziente Kriegführung besiegt worden. Das ist eine Legende.
In Wahrheit herrschte seit 1942 in der Sowjetunion ein eklatanter Mangel an ausgebildeten Soldaten. Viele Divisionen kämpften mit erheblich weniger Männern als vorgesehen. Die jungen Bauern, etwa aus Sibirien, waren zudem keineswegs versessen darauf, die Lücken in den Reihen der Roten Armee zu füllen. Ohne Millionen sowjetische Frauen auf den Feldern und in den Fabriken wäre die Rote Armee 1944 buchstäblich ausgeblutet.
Gegen nahezu jede Erwartung bot die Sowjetunion der deutschen Invasionsarmee zunächst Einhalt und trieb sie dann zurück - obwohl die Rotarmisten weniger gut ausgebildet waren; obwohl ihre technische Ausrüstung viel zu wünschen übrig ließ; obwohl die Kriegsindustrie mit nur einem Viertel der den Deutschen zur Verfügung stehenden Mengen an Stahl, Kohle und Aluminium produzieren musste.
Den Nachteil an materiellen Ressourcen machten die Soldaten der Roten Armee moralisch wett - durch ihren unbändigen Patriotismus und den Hass auf die deutschen Angreifer.
Schlüssel zum Sieg Am 12. August 1942 flog Winston Churchill in Begleitung des amerikanischen Sonderbeauftragten Averell Harriman in einem umgebauten B-24-Bomber von Ägypten nach Moskau. Das Geräusch der Motoren war derart laut, dass sich die beiden Passagiere nur schriftlich miteinander verständigen konnten. Das Gespräch mit Stalin im Kreml nahm zunächst einen ungünstigen Verlauf. Churchill legte Stalin dar, weshalb es zu diesem Zeitpunkt keine zweite Front zur Entlastung der Roten Armee geben konnte. Er stellte eine Offensive allenfalls für das Jahr 1943 in Aussicht. Stalin "machte bei jedem Punkt grobe, nahezu beleidigende Einwände, etwa: "Sie können keine Kriege gewinnen, wenn Sie kein Risiko eingehen wollen" und: "Sie dürfen nicht so viel Angst vor den Deutschen haben''", notierte Harrimann.
Als das Gespräch festgefahren war, unterbreitete der britische Premier dem sowjetischen Diktator das Angebot der Westmächte, Deutschland aus der Luft zu bombardieren. Schlagartig besserte sich Stalins Laune. Churchill versprach, die Bombardierung werde "gnadenlos" sein. Stalin regte an, neben Fabriken auch Wohnhäuser zu bombardieren, und machte Vorschläge, welche Städte sich am besten als Ziele eigneten.
Sowohl Churchill als auch Roosevelt waren begeisterte Befürworter einer starken Luftwaffe. Keiner von beiden griff in die Lenkung der Operationen ein, wie Hitler oder Stalin es taten. Sie betrieben mit Nachdruck den Aufbau einer offensiven Luftstreitmacht und schirmten sie gleichzeitig vor den Forderungen von Heer und Marine ab, die einzig an taktischer Luftunterstützung interessiert waren.
Doch als der U. S. Strategic Bombing Survey 1945 feststellte, dass Deutschland umso mehr Waffen produzierte, je stärker es bombardiert wurde, gilt als ausgemacht, die Bombardierung sei letztlich eine Kraftvergeudung gewesen.
Dazu kommt ein moralisches Argument: Die Bombenangriffe auf Berlin und Köln, die Zerstörung Hamburgs, Nürnbergs und vor allem Dresdens wären reiner Terror gewesen, und die Alliierten hätten sich eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht.
Tatsächlich war die Bombardierung in den ersten Jahren ineffizient und die Zielgenauigkeit gering. Deutsche Industrieanlagen in den Städten und um sie herum wurden eher zufällig getroffen; der angerichtete Schaden ließ sich leicht reparieren. Doch in den letzten drei Kriegsjahren konnten Taktik und Technologie spürbar verbessert werden. Radar und Navigationshilfen, Bombenzielgeräte, schwerere Bomber, größere Bomben und verbesserter Sprengstoff sowie ein präziser Plan zur Zerstörung des deutschen Wirtschaftslebens (von Churchill und Roosevelt auf der Casablanca-Konferenz im Januar 1943 beschlossen) verliehen der strategischen Bombardierung größere Wirksamkeit.
Die Stärke der deutschen Luftwaffe hatte immer in der Offensive gelegen - jetzt war sie in der Defensive. Das Reichsluftfahrtministerium musste ein nationales Luftverteidigungssystem aufbauen. Und statt Bombern und Frontflugzeugen mussten Jäger zur Abwehr der bald Tag für Tag, Nacht für Nacht heranfliegenden alliierten Flugzeuge produziert werden.
In Deutschland waren 1944 über eine Million Männer und Frauen damit beschäftigt, Verteidigungsanlagen zu bauen - und fielen damit für andere kriegswichtige Arbeiten aus. Der Sprengstoff, die Artilleriegeschütze, die Funkaufklärung und die Radarsysteme, die von der Industrie für den Kampf gegen "die fliegenden Festungen" der Amerikaner und Engländer hergestellt wurden, fehlten den deutschen Truppen im Osten.
Lange vor der Invasion in der Normandie hatten die Alliierten, wie es Churchill seinem Gastgeber Stalin versprach, doch so etwas wie eine "Zweite Front" im Westen errichtet. Die bereitete den Deutschen nach den Worten Albert Speers "die größte verlorene Schlacht".
Ohne den erfolgreichen Luftkrieg gegen Deutschland wäre die Invasion in der Normandie, aber auch der Vormarsch der Russen ein ziemlich großes Wagnis gewesen.
FÜHRER UND GEFÜHRTE
Jeder Krieg besitzt eine moralische Dimension. Dass Engländer und Amerikaner daheim den Krieg unterstützten, den ihre Soldaten gegen Hitler-Deutschland führten, war das Verdienst von Churchill und Roosevelt.
Ungeachtet aller Kritik, die Historiker an seiner Person inzwischen geübt haben, war Churchill als Premierminister eine glückliche Wahl. Er verkörperte den demokratischen Widerstand gegen den autoritären Totalitarismus zu einer Zeit, als das Ende der liberalen Demokratie in Europa gekommen schien.
Roosevelt, dessen Leistungen bis dahin allein auf dem Gebiet der Innenpolitik gelegen hatten, erwies sich als bemerkenswerter Kriegsführer. Er gewann das Vertrauen der Amerikaner, die eigentlich stark isolationistisch und pazifistisch eingestellt waren. Er vermochte es, die bizarre Allianz zwischen amerikanischem Liberalismus und sowjetischem Kommunismus zusammenzuhalten.
Churchill und Roosevelt fühlten sich beide vom Kommunismus abgestoßen. Und Stalin erwies sich wie erwartet als schwieriger Partner. Er war aber zu sehr vom Kriegsbeitrag des britischen Empire und der Vereinigten Staaten abhängig, als dass er die Beziehung zu den Westmächten hätte aufs Spiel setzen können. Er misstraute den beiden kapitalistischen Westmächten zutiefst und versuchte manches Mal, Churchill gegen Roosevelt auszuspielen.
Stalins politische Fähigkeiten überstiegen bei weitem seine militärischen. Trotz aller Fehler, trotz allen Terrors blieb er in seiner Heimat Mittelpunkt tiefster Verehrung. Der Personenkult, der in den dreißiger Jahren von den Kommunisten inszeniert worden war, um die sozialen Umwälzungen und die Terrorherrschaft zu rechtfertigen, diente nun dazu, die Bevölkerung auf den Krieg einzuschwören.
Stalin, Churchill und Roosevelt erklärten den Krieg zum Kreuzzug gegen Hitler. Der Anspruch, auf der Seite der Guten gegen das Böse zu stehen, hielt das Bündnis zusammen und verlieh seinen Kriegsanstrengungen einen mächtigen moralischen Imperativ. Das gemeinsame Ziel der ungleichen Allianz - schließlich verbanden sich zwei demokratische Staaten mit einer kommunistischen Diktatur - war der Sieg über den Nationalsozialismus.
Der Gegensatz zu Deutschland hätte nicht größer ausfallen können. Viele Deutsche besaßen keine klaren Vorstellungen darüber, welche Kriegsziele Hitler wirklich verfolgte. Nach der Niederwerfung Polens im September 1939 und Frankreichs im Juni 1940 verbreitete sich im Land die Hoffnung auf einen Friedensschluss - ein neues Versailles, bei dem Deutschland diesmal die Bedingungen diktieren und die europäische Landkarte neu zeichnen würde. Ein solcher Kriegsausgang hätte 1940 die Zustimmung der großen Mehrheit gefunden und Hitler zu einem Bismarck seiner Zeit gemacht.
Der Überfall auf die Sowjetunion und die Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten im Dezember 1941 änderten alles. Die meisten Deutschen kämpften aus Patriotismus weiter, eine Minderheit glaubte womöglich unverdrossen an Hitlers Vision von einem neuen germanischen Großreich. Die äußere Konformität in der NS-Diktatur kaschierte die inneren Zweifel am Sieg. Hoffnung auf ein irgendwie gutes Ende ging einher mit Fatalismus und Resignation. Während sich die Alliierten als Streiter für eine gerechte Sache verstanden, kämpften die Deutschen am Ende ums schiere Überleben - aus Angst vor den Konsequenzen einer Niederlage.
DAS MORALISCHE DEFIZIT
So wichtig die materiellen und moralischen Anstrengungen der Alliierten für die Erklärung der deutschen Niederlage auch sind, so müssen doch auch die deutschen Verhältnisse selbst berücksichtigt werden. Die Niederlage hat eine spezifisch deutsche Dimension.
Hitler gab sich keinerlei Mühe, die imperialistischen Ambitionen seiner "Lebensraumpolitik" zu verbergen. Die von deutschen Truppen besetzten Gebiete wurden rücksichtslos ausgebeutet. So glaubten Nationalisten in Weißrussland nach der Okkupation, dass die Nazis sie von der kommunistischen Tyrannei befreien wollten. Menschenmengen zogen durch die Straßen und feierten Hitler auf Plakaten als Befreier. Ein absurdes Missverständnis.
Hitler wollte Russland zum deutschen Indien machen, begriff aber nicht das Geheimnis der britischen Herrschaft über den Subkontinent: dass sich lokale Eliten für die britische Sache gewinnen ließen. Die einzigen Kollaborateure, die Deutschland in der Sowjetunion für sich gewinnen konnte, waren Milizionäre, die Partisanen und Versprengte in gnadenloser Hetzjagd ermordeten.
Die deutsche Besatzungsherrschaft bestand in Terror gegen jedwede Form von Widerstand und "rassisch Minderwertige". Soweit sich Kollaborateure fanden, wurden sie vom Rest der Bevölkerung verachtet. Das Verhalten der deutschen Besatzer bestärkte die Alliierten weiter in ihrer Überzeugung, dass Hitlers Reich ein einziges Reich des Bösen sei.
Auch die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und seinen Verbündeten unterschied sich gravierend von der Kooperation der drei Alliierten. Die Achsenmächte gingen keine Absprachen ein, die mit den großen Konferenzen von Teheran oder Jalta vergleichbar wären. Deutschland behandelte seine kleineren Verbündeten - Ungarn, die Slowakei, Rumänien - wie Satellitenstaaten.
Japan führte seinen eigenen Krieg und bezog wenig Hilfe aus Deutschland. Italien wiederum wurde von den Deutschen wie ein Untergebener behandelt, und als das Land im September 1943 die Seiten wechselte, übten die Deutschen in den besetzten Gebieten Terror aus.
Deutschland führte den Krieg isoliert und diktierte, anstatt zu verhandeln. Die Hauptschuld daran trägt zweifellos Hitler. 1939 lagen die meisten Schlüsselfunktionen staatlicher Politik in seiner Hand. Er nahm seine Position als Oberbefehlshaber nicht nur im Militärischen, sondern auch im Politischen wörtlich.
Er umgab sich entweder mit Experten, die seinen Willen eilfertig interpretierten, oder mit willfährigen Lakaien wie Ribbentrop und Wilhelm Keitel, die seine Anweisungen widerspruchslos in die Tat umsetzten. Nach der Ernennung Albert Speers zum Rüstungsminister 1942 nahm Hitler auch noch größeren Einfluss auf die Wirtschaftspolitik und Waffenentwicklung.
Als der "Führer" 1944 zusätzlich die Verantwortung für Entwicklungen in der Luftfahrttechnik übernahm und die taktische Luftunterstützung für Operationen des Heeres befahl, hatte er de facto Hermann Göring als Chef der Luftwaffe verdrängt. Er misstraute den Entscheidungen anderer auf allen Gebieten und machte sich, wie Speer sagte, zum "Sklaven der Arbeit".
Churchill, Roosevelt und seit 1942 auch Stalin setzten regelrechte Militärmanager ein, um den Krieg effizient zu führen: Feldmarschall Alan Brooke, General George C. Marshall und Marschall Alexej Antonow, der Chef der sowjetischen Operationsabteilung im Generalstab des Heeres wurde. Hitler dagegen hielt sich für einen Strategen, der besser sei als alle seine Generäle.
In gewisser Hinsicht hatte er sogar Recht. Kein General hätte die Risiken auf sich genommen, die der "böhmische Gefreite" einging. Die frühen Siege bestärkten Hitler in seinem Glauben an sein strategisches Genie. Es gelang ihm, die Situation des Ersten Weltkriegs umzukehren, in der die Militärs den Ton angegeben hatten. Doch durch das Unvermögen, die vorhandenen materiellen Ressourcen voll auszuschöpfen, wiederholte er die Fehler des Ersten Weltkriegs.
Die These, Hitler habe die Rüstungsproduktion bewusst niedrig gehalten, um die Arbeiterklasse zu beruhigen und einen zweiten "Dolchstoß" in den Rücken zu vermeiden, findet heute kaum noch Anhänger. Hitler war es, der im Dezember 1939 das Rüstungsprogramm in Höhen schraubte, die das Hindenburg-Programm von 1916 bei weitem überstiegen.
Im Sommer 1941 waren fast zwei Drittel der gesamten Industriekapazität mit der Produktion von Kriegsgerät beschäftigt. Dennoch blieb der Ausstoß an Waffen hartnäckig unterhalb der gesetzten Planziele. Der Flugzeugbau, der rund 40 Prozent aller kriegswirtschaftlichen Ressourcen beanspruchte, stagnierte in den ersten beiden Kriegsjahren; die Produktivität der Kriegswirtschaft fiel im gleichen Zeitraum um 20 Prozent.
Der Hauptverantwortliche hierfür war in diesem Fall nicht Hitler, sondern die Wehrmacht. Sie beanspruchte die Verantwortung für ihre eigene Rüstungsproduktion und hielt zivile Ingenieure und Konstrukteure auf Distanz. Die deutschen Unternehmer, die zweifellos genauso erfolgreich wie ihre britischen und amerikanischen Pendants gewesen wären, vermochten die Vorteile industrieller Massenfertigung nicht zu nutzen.
Die Militärs gaben kleinen Stückzahlen qualitativ hochwertiger Ausrüstung den Vorzug vor standardisierter Massenproduktion. Zudem trugen sie in allen Phasen der Herstellung Änderungswünsche vor. Auf diese Weise verlangsamten sie die Serienfertigung.
Erst unter Speer wurden Planung und Rationalisierung zentralisiert - zu spät. Das Versagen, aus der deutschen Wirtschaftskraft Kapital zu schlagen, geht nicht zu Lasten ziviler, sondern militärischer Inkompetenz. Der "Dolchstoß" erfolgte diesmal nicht von hinten, sondern von vorn.
Wer also besiegte Hitler? Churchills Entschlossenheit 1940, den Krieg fortzusetzen, öffnete ein Jahr später den Weg in den Weltkonflikt. Auch wenn die drei ungleichen Alliierten in vielem unterschiedliche Auffassungen vertraten, waren sie sich doch alle Zeit darin einig, so lange Krieg zu führen, bis Deutschland bedingungslos kapitulieren würde.
Roosevelt, Stalin, Churchill - jeder der drei trug entscheidend zur deutschen Niederlage bei. Die Sowjets besiegten die Wehrmacht zu Land, Amerikaner und Briten vor allem zur See und in der Luft.
Dass der Sieg der Alliierten im Nachhinein wie eine absolute Notwendigkeit erscheint, macht ihn nicht zu einem vorherbestimmten Ereignis. Der Triumph über Hitler 1945 wird stets ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit bleiben.
"Wenn man eine Klapperschlange angriffsbereit aufgerichtet sieht, wartet man mit dem Totschlagen nicht, bis sie einen gebissen hat."
Franklin D. Roosevelt über Deutschland, September 1941
"Wenn Hitler eine Invasion in die Hölle unternehmen würde, dann würde ich den Teufel im Unterhaus zumindest lobend erwähnen."
Winston Churchill am Vorabend des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, 1941
"Der Feind ist nicht so stark, wie ihn einige verängstigte Intellektuelle darstellen. Der Teufel ist nie so stark, wie man ihn an die Wand malt."
Josef Stalin über Deutschland, November 1941
DER SPIEGEL 26/2001
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