02.07.2001

TV-DOKUMENTATIONENDie Trauer des Kommissars

Die sechsteilige ZDF-Doku-Soap „Im Netz der Mordkommission“ zeigt den Alltag der Polizeiarbeit - für Krimi-Fans ebenso erschütternd wie ernüchternd.
Den ersten Leichenteil im Fall Yasmin Stieler entdecken die Fahnder im Oktober 1996 an der Bahnlinie Braunschweig-Hannover. Der Torso des Mädchens ist in einen Müllsack eingewickelt. Zwei Wochen später stoßen die Beamten an anderer Stelle auf ihre Beine, nach weiteren sechs Monaten finden sie ihren Kopf.
Die 18-jährige Yasmin wollte in eine Braunschweiger Disco. Bis heute weiß niemand, ob sie jemals dort ankam.
Der Dokumentarfilmer Michael Heuer, 46, drehte einen Beitrag über die Mordkommission in Peine und deren Suche nach Yasmins Mörder - und beschloss, mit seinem Kollegen Heiner Gatzemeier, das Projekt auszuweiten. "Schon länger planten wir eine dokumentarische Filmerzählung über eine Mordkommission. Ich wusste nur noch nicht, über welche", sagt Gatzemeier, 53, der mit der vor drei Jahren gesendeten Reihe "OP - Schicksale im Klinikum" das Genre der Doku-Soap in Deutschland etablierte und für seine Serie den "Bayerischen Fernsehpreis" bekam.
Das Resultat dieser Arbeit ist die von Freitag dieser Woche an ausgestrahlte sechsteilige ZDF-Doku-Soap "Im Netz der Mordkommission"*. Über vier Jahre beobachteten die beiden Filmer die Ermittler der Kripo Peine - und hatten es bald nicht nur mit einem, sondern mit drei grausigen Mordfällen zu tun.
Im März 1998 nämlich wird aus einem Kiesteich in Peine ein weiterer menschlicher Rumpf geborgen - der des 13-jährigen Markus Wachtel. Bald steht fest, dass der Junge zuerst erwürgt und dann zersägt wurde.
Kurz darauf wird die 59-jährige Ruth Buchelt gefunden - auch ihre Leiche wurde vom Täter zerstückelt.
Die Fahnder wissen schon nach den ersten Ermittlungen, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um Morde eines einzigen Täters handelt. Für die Filmer aber ist die offenbar zufällige Häufung, so
drückt es Gatzemeier aus, ein "journalistischer Glücksfall".
Das klingt frivol - und weist durchaus auf die Schwächen einer Langzeit-Beobachtung hin, deren Macher sich das Ziel gesteckt haben, mit den angeblich sensationslüsternen Medienkollegen abzurechnen. "Die Journalisten interessieren sich immer nur kurz für spektakuläre Mordfälle wie diese", behauptet Heuer. "Wenn nichts mehr passiert, ziehen sie ab, und die Angehörigen bleiben allein mit ihrem Schmerz. Wir sind mit unserem Team bei ihnen geblieben, haben am Ort des Verbrechens ausgeharrt und zeigen nun, wie das Leben nach so einer Tat weitergeht."
Tatsächlich schildert "Im Netz der Mordkommission" nun den ebenso erschütternden wie ernüchternden Alltag der Kripo-Beamten: In schier endlosen Sitzungen diskutieren die Fahnder über mögliche Tathergänge, entwerfen mit Hilfe von Psychologen Täterprofile, vernehmen Zeugen (allein 2500 im Fall Wachtel), lassen Speichelproben analysieren - alles umsonst.
Doch als hätten sie Angst, den Zuschauer mit allzu vielen kriminologischen Details zu langweilen, rücken die Dokumentarfilmer aufdringlich das Leid und die Seelenqualen der Beteiligten ins Bild: die Besuche der Ermittler bei Markus'' Eltern, denen sie nicht bloß Fragen stellen, sondern auch Trost zusprechen; die Trauer eines Kommissars, der nicht begreifen kann, warum Yasmin Stieler sterben musste; und die immer wieder abgespulten Privatvideos, die die Opfer zeigen, als sie noch lebten.
"Das Interessante an unserem Film ist die Darstellung von seelischem Geschehen auf der einen und von beruflichem Geschehen auf der anderen Seite", glaubt Heuer. Allzu ausgewogen allerdings gehen die Filmemacher nicht vor: Immer wieder präsentieren sie tränenreiche Szenen - und unterlegen sie mit gefühlvoller Musik, als hätten die Bilder eine künstliche Dramatisierung nötig.
Immerhin lehrt die ZDF-Reihe, was jeder Krimi-Fan ahnt: In der Realität ist ein Mord so gut wie nie in 90 Minuten aufzuklären, die Arbeit wirklicher Ermittler ist nur selten spannend und viel belastender, als es im Kino und im Fernsehen dargestellt wird. Allerdings ist sie auch oft erfolgreich: Den Mörder von Ruth Buchelt können die Kripoleute aus Peine neun Tage nach Auffinden der Leiche festnehmen, den Täter im Fall Markus Wachtel fassen sie im Herbst 1999. Wer Yasmin Stieler umgebracht hat, ist bis heute ungeklärt.
Die Aufklärerarbeit der Filmer Heuer und Gatzemeier war im September 1999 vom endgültigen Scheitern bedroht: Damals erhielt Heuer eine Drehgenehmigung für die Verhaftung des mutmaßlichen Mörders von Markus Wachtel. Entgegen der Abmachung, das Filmmaterial nur für die Doku-Soap zu verwenden, brachte der Sender die Bilder der Festnahme in den "heute"-Nachrichten - ohne das Gesicht des Verdächtigen unkenntlich zu machen.
"Das war ein Fehler", gibt Gatzemeier zu. Zunächst erwog das niedersächsische Innenministerium, die Dreharbeiten in Peine ganz zu stoppen. Schließlich durften die Filmer ihre Arbeit jedoch fortsetzen. ANNA STEINBACH
* Ab 6. Juli jeweils Freitag um 21.15 Uhr im ZDF.
Von Anna Steinbach

DER SPIEGEL 27/2001
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