02.07.2001

RUSSLAND

Gemeinsame Sünde

Von Klussmann, Uwe

Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn widmet ein neues Werk der "jüdischen Frage" - und gefährdet damit seine Reputation.

Heikle Themen hat er nie gescheut, stets widersetzte er sich dem Zeitgeist. Bei Kriegsende 1945 feierten die Massen Stalins Sieg; der Dissident kam in Stalins Straflager.

Als sich im Westen viele das Sowjetsystem schönguckten, veröffentlichte der Unbestechliche den "Archipel Gulag", ein Jahrhundertwerk. Während die Nato 1999 Jugoslawien bombardierte, befand er, sie exekutiere "das Gesetz der Steppe". Wider tschetschenische Terroristen rät er zur Todesstrafe.

Jetzt hat Alexander Solschenizyn, 82, sein erstes großes Werk nach dem Zerfall der UdSSR veröffentlicht*. Sein Thema: die Geschichte der Juden in Russland.

Erschienen ist bisher nur der erste Band, der in die Zeit bis 1916 reicht. Wiktor Loschak, Chefredakteur der "Moskowskije nowosti", eröffnete dem Dichter halb besorgt, halb drohend: "Man wird mit Ihnen polemisieren." Dazu gibt er reichlich Anlass.

Sein gewichtiges Opus zeichnet ein zwar schattiertes, aber durchweg in dunklen Tönen gehaltenes Bild der Juden in Russland. In epischer Breite schildert er, wie jüdische Schankwirte zu Zarenzeiten sich am Elend trinkender Bauern bereicherten. Großen Raum nehmen auch die gescheiterten Versuche ein, Juden zu körperlicher Arbeit als Landwirte zu motivieren.

Das gesamte Buch durchweht der Geist von Dostojewskis umstrittenem Aufsatz zur Judenfrage von 1877, den Solschenizyn freilich nicht erwähnt. Mit seinem Dichterkollegen teilt er, gleichfalls am Lebensabend, die Kritik an der vermeintlich mangelnden Bereitschaft der Juden zur Assimilation. In einem Interview mit Loschak hingegen rühmt er die Weigerung, sich anzupassen, als eine "wunderbare Eigenschaft" der Juden.

Solschenizyn beschreibt die russischen Juden als "Frontabteilung, geschaffen vom Weltkapital". Bei der "Zerstörung der bürgerlichen Ordnung" in der russischen Revolution, so der Autor, hätten Juden "in vorderster Front gedient". Zwar betont er mit einem Zitat des Satirikers Michail Saltykow-Schtschedrin, von einzelnen "Wucherern" und "Ausbeutern" dürfe man nicht auf ein ganzes Volk schließen - und behauptet dennoch, die Juden hätten in Russland "als revolutionärer Brandsatz" gewirkt.

Der liberale Zar Alexander II. (1855 bis 1881), so seine These, habe durch rechtliche Reformen "die jüdische Frage lösen" wollen, indem er ihnen Zugang zu den Universitäten bot. Doch Verständnis bringt Solschenizyn auch dem (bis 1894) nachfolgenden Reaktionär Alexander III. entgegen, der für Juden einen Numerus clausus verordnete - das sei eine "antirevolutionäre Maßnahme" gewesen, erlassen wegen des Hangs junger Juden zum Sozialismus.

Der Dichter wagt sich weit auf verminte Gebiete der Geschichtsschreibung. Die Überfülle des Materials quellenkritisch zu verarbeiten misslingt ihm mehrfach. Berichte des Zaren-Senats nennt er "in hohem Maße wahrhaftig". Unbesehen kolportiert er die Behauptung ultrarechter Russen, fast alle Parlamentskorrespondenten vor 1917 seien Juden gewesen.

Als "kultiviert" empfindet er ausgerechnet Wladimir Purischkjewitsch, den Führer des antisemitischen "Bundes des russischen Volkes". Die Gruppe war als "Schwarzhundertschaft" bekannt und gilt als Urheber vieler Judenpogrome. Solschenizyn liefert eine fast anrührende Begründung für die Fehleinschätzung: Der Mann habe beteuert, nur "mit ökonomischen und kulturellen Mitteln, nicht mit Fäusten" gegen Juden vorgehen zu wollen.

Zwar verurteilt Solschenizyn die "hirnlose Abwesenheit" der Polizei beim Pogrom 1905 in Odessa. Doch die Ausschreitungen erklärt er zu einer Art Naturereignis, ausgelöst durch die "tragischen Züge des russischukrainischen Charakters", der leider zu blinden Gewaltausbrüchen neige.

Nirgendwo findet sich ein Hinweis darauf, dass die meis- ten links orientierten Juden in Russland vor 1917 die jüdische Arbeiterpartei "Bund" und die sozialdemokratischen Menschewiki bevorzugten und nicht Lenins Bolschewiki.

Warum nicht religiöse Juden dennoch während der zwanziger Jahre in der kommunistischen Partei und in der Geheimpolizei eine hervorragende Rolle spielten - das Thema des nächsten Buchs -, glaubt der Autor schon vorab herausgefunden zu haben: Weil russische Beamte das neue Regime sabotierten, habe Lenin befohlen, die meisten Posten mit Juden zu besetzen.

Das sowjetische System selbst sieht Solschenizyn als eine gemeinsame Sünde von Russen und Juden. Dazu komme es, wenn Menschen sich "nicht vom Kompass Gottes" leiten ließen. Dessen Mühlen, weiß Solschenizyn, mahlen langsam: Offenbar als Strafe für die Ermordung des Reformpremiers Stolypin durch einen Juden 1911 in Kiew sei der deutsche Massenmord an den Kiewer Juden exakt 40 Jahre später gefolgt. UWE KLUSSMANN

* Alexander Solschenizyn: "Zweihundert Jahre gemeinsam (1775 bis 1995)". Band 1. Verlag Russkij putj, Moskau; 508 Seiten; 130 Rubel.

DER SPIEGEL 27/2001
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