Von Holm, Carsten
Die Herren aus dem Hause Siemens waren so stolz, als hätten sie gerade die "Titanic" vom Stapel gelassen. Mit dem so genannten Eurochip für Telefonkarten präsentierten die Siemens-Leute 1996 ein kleines Wunderding, dessen Qualität "von keinem anderen Telefonchip der Welt" erreicht werde und das "höchste Anforderungen an Sicherheit" erfüllen solle. So kann man sich irren.
Vor allem dem Ganoventum glaubten die Halbleiter-Experten, inzwischen zum Siemens-Tochterunternehmen Infineon Technologies gehörend, ein Schnippchen zu schlagen: Ab und an hatten Hightech-Täter nämlich Telefonkarten früherer Generationen gefälscht und ihre Abnehmer preiswert in alle Welt telefonieren lassen. Jetzt aber sei es "unmöglich, die Karte zu manipulieren, also nach Benutzung wieder aufzuladen", priesen die Chip-Hersteller ihre Ware.
Heute, fünf Jahre später, hat sich der Optimismus als Hochmut entpuppt. Umfangreiche Strafverfahren der Kölner und der Münchner Staatsanwaltschaft offenbaren schonungslos die Schwächen der Telefonkartentechnik - und decken exemplarisch, so Ulrich von Reth, Cheffahnder im Kölner Polizeipräsidium, "die Sicherheitsrisiken moderner Kommunikationstechnologien" auf.
Hunderte von Tätern, das ergaben die Ermittlungen, haben Hunderttausende, wenn nicht Millionen Telefonkarten manipuliert und damit das streng geheime Zusammenspiel von Sicherheitssystemen der Chip-Hersteller und der Deutschen Telekom überlistet. Der Münchner Leitende Oberstaatsanwalt Manfred Wick hat "deutliche Hinweise auf Organisierte Kriminalität" gefunden und spricht von einer "neuen Dimension" des Verbrechens.
Profiteure der Telefonkartentrickserei sind vor allem Ausländer: Asylbewerber etwa, die keinen Festnetzanschluss haben und nicht zu Billigtarifen in ihre Heimat telefonieren können. So überführte das thüringische Landeskriminalamt Täter aus Indien, Pakistan, Vietnam, Weißrussland, Aserbaidschan, Togo, Liberia, Nigeria, Syrien und dem Sudan, die binnen Jahresfrist mit gefälschten Karten für 722 000 Mark in ihre Heimatländer telefoniert hatten.
Der Gesamtschaden für die Telekom ist wesentlich höher. Offiziell schätzt das Unternehmen den Verlust durch entgangene Telefongebühren von 1997 bis heute "auf einen mehrstelligen Millionenbetrag"; genauer will sich der Konzern nicht festlegen. Fachleute aus der Industrie gehen davon aus, dass der Ausfall bei "weit über 100 Millionen Mark" liegt - eine Zahl, die Experten der Strafverfolgungsbehörden immer noch für "eher untertrieben" halten. Schließlich hat auch das Bundeskriminalamt (BKA) "Hinweise auf ein hohes Dunkelfeld" beim Telefonkartenbetrug.
Die beiden Mammutverfahren - mit mehr als 100 Tatverdächtigen in Köln und Dutzenden mutmaßlicher Täter in München - zeigen auf, wie weit verzweigt und fein gesponnen das Netz der Telefonkartenmafia ist, wie effizient die Fälscher arbeiten und wie hoch ihre Gewinne sind. Allein in dem Kölner Großverfahren rechnete die Polizei im September 1999 den monatlichen Schaden für die Telekom auf eine zweistellige Millionenhöhe hoch. Deutsche und niederländische Ermittler hatten damals zwischen Rotterdam und München 147 Wohnungen und Geschäftsräume von mutmaßlichen Fälschern und Hehlern gefilzt und mehr als zwei Millionen Telefonkarten sichergestellt. Die Drahtzieher werden voraussichtlich im Herbst vor dem Kölner Landgericht angeklagt.
Auf die Spur der Kriminellen waren bundesweit operierende Fahnder unter Leitung der Kölner Staatsanwaltschaft Anfang 1999 gekommen. Auf Tauschbörsen der etwa 40 000 deutschen Kartensammler fielen plötzlich Männer auf, die sich mit Liebhaber-Usancen nicht lange aufhielten. Stattdessen kauften sie "kiloweise Karten", angeblich "mal für Exportzwecke, mal für italienische Sammler", erinnert sich Michael Burzan, Telefonkartenexperte im Bundesverband des Deutschen Briefmarkenhandels.
Es dauerte nicht lange, da stieg der Stückpreis für leer geplauderte Karten von 30 Pfennig auf 3 Mark, später sogar auf bis zu 7. Ursache war ein Quantensprung in der Fälschertechnologie: Hacker aus den Niederlanden hatten eine so genannte Black box ausgetüftelt, die leere Telefonkarten in Sekunden wieder auflud. Weil nicht alle Chips aufladbar sind, brauchten die Trickser massenhaft leere Karten zur Auswahl.
V-Leute der Polizei drangen in die Szene ein, gaben Hinweise auf das enge Geflecht zwischen holländischen und deutschen Fälschern. Ins Visier der Ermittler geriet bald der Telefonkartenhändler Rainer P. aus dem nordrhein-westfälischen Rommerskirchen; er soll Regie geführt haben in einem Unterweltunternehmen, das erstklassige Renditen erwirtschaftete.
Das Geschäftsprinzip funktioniert bis heute: 10 000 Mark kostet eine Black box auf dem Schwarzmarkt; außer dem dunklen Kasten mit Schaltern, Drehreglern und einem PC-Anschluss benötigen kriminelle Existenzgründer noch Software für etwa 6000 Mark und ein Prüfgerät für 500 Mark. Mit dem lässt sich feststellen, welche Telefonkarten sich aufladen lassen.
Die Anfangsinvestition amortisiert sich schnell: Tageseinnahmen zwischen 2000 und 3000 Mark sind die Regel in der Branche, 5000 Mark halten Ermittler für machbar - einige Beschuldigte des Kölner Verfahrens kündigten deshalb ihren Job und widmeten sich hauptberuflich dem Aufladen.
Die Fahnder staunten denn auch nicht schlecht, als sie in mehreren Bundesländern Telefone überwachen ließen: Während die Täter etwa Preise besprachen, machte es im Hintergrund alle drei Sekunden "klack, klack" - das Geräusch, wenn Telefonkarten in eine Black box gesteckt werden.
Black boxes, sagt der Münchner Kriminalbeamte Stephan Sattler, Spezialist für gefälschte Telefonkarten, "sind reine Gelddruckmaschinen." Seit 1999 konfiszierten Ermittler 17 Ladegeräte, doch ein Fahnder fürchtet, dass noch "ein paar hundert Geräte in Deutschland in Betrieb" sind.
Noch nie hat die Polizei die Hersteller dingfest machen können. Die Boxes kommen offenbar aus den Niederlanden und werden nach Deutschland geschmuggelt.
Gelegentlich gelingt es der Polizei allenfalls, wie jüngst in München, einen Fälscherring auszuheben. Irakische Familienclans hatten die Stadt in zehn Verkaufsbezirke aufgeteilt. Saad A., 30, und Haider A., 24, sitzen in Untersuchungshaft und müssen sich demnächst vor dem Landgericht verantworten. Allein die mutmaßlichen Haupttäter sollen die Telekom um 340 000 Mark gebracht haben.
Für Absatz war stets gesorgt. Fahnder fanden heraus, dass Schleuserbanden, die Ausländer illegal nach München bringen, ihre Klientel mit einer Art Survival-Kit ausstatten: einer Adressenliste mit Anlaufstellen für Asylbewerber, mit Unterkünften - und mit Telefonkartenhändlern. "Die wollen daheim mitteilen, dass sie im Gelobten Land sind", sagt ein Ermittler.
Die Szene ist hervorragend organisiert. Meldet der Münchner Kartenmarkt einen Engpass, springen Kartenhändler aus anderen Bundesländern ein. Die Ermittler wissen, dass Kuriere mit Hunderten, manchmal Tausenden gefälschter Karten zwischen Leipzig, Berlin und München pendeln. Vergangenen Dezember fassten Münchner Fahnder einen Berliner Kurier mit 500 gefälschten 50-Mark-Telefonkarten am Hauptbahnhof.
Geht es im Kölner und Münchner Verfahren schon um die moderne Black-box-Technik, bereiten den Ermittlern auch noch ältere Produkte aus den Fälschermanufakturen Sorgen: so genannte Telefonkartensimulatoren.
Anders als bei Black boxes wird dabei nicht der Originalchip der Telefonkarte aufgeladen, sondern ein so genannter Mikrocontroller eingebaut: Die aus einfachen Bauteilen zum Preis von etwa einer Mark zusammengesetzten Schaltungen gaukeln den Telefonapparaten vor, sie hätten es mit einer echten Karte zu tun. Wer eine tschechische Internet-Adresse aufruft, erfährt bis heute, wie Telefonzellen damit ausgetrickst werden können. "Man braucht keine Vorkenntnisse", sagt ein Ermittler.
Die Simulatorentechnik stammt noch aus der Frühzeit der Kartentrickserei. Hackerkoryphäen war es zu Beginn der neunziger Jahre gelungen, die Sicherheitsbarrieren der Telefonzellen zu durchbrechen. Zur Legende der Szene stieg ein junger Berliner auf, dem ein Professor bescheinigte, anderen im Studium "um Zehnerpotenzen überlegen" zu sein: Boris F.
Im Oktober 1998 wurde der Hacker, der sich nach einer Figur aus dem gleichnamigen Walt-Disney-Film "Tron" nannte, unter dubiosen Umständen erhängt in einem Berliner Park aufgefunden; bis heute bleibt offen, ob er den falschen Leuten in die Quere gekommen war. Dabei ging es "Tron" nicht mal um kriminellen Profit - er wollte nur zeigen, wie leicht Software-Codes geknackt werden können.
Andere wollen allein ans schnelle Geld, und immer wieder verblüffen sie die Strafverfolger mit ihrem Einfallsreichtum. Der Kubaner Mario V. etwa erwarb eine Karte aus der Fabrikation des fränkischen Kfz-Elektrikermeisters Winfried G., 48, und richtete bei der Telekom einen Ansagedienst mit einer 0190-Servicenummer ein. 2,40 Mark Gebühr zahlten die Anrufer pro Minute, sein bester Kunde war V. selbst.
In fünf Monaten rief er seine Servicenummer mit der Telefonkarte, die niemals leer wurde, 2697-mal an. Die Telekom registrierte eingegangene Telefongebühren in Höhe von 95 269,24 Mark und zahlte Mario V. vertragsgemäß dessen Anteil in Höhe von rund 35 000 Mark aus.
Immerhin: Die Telekom lernte daraus. Sie sperrte etliche der rund 90 000 Telefonzellen mit Kartenschlitz für 0190er-Nummern.
Doch das reicht offenbar nicht mehr: Seit vergangenen Donnerstag sind Telekom-Spezialisten und Fahnder in heller Aufregung. Die Fälscher haben das Unternehmen offenbar erneut in großem Stil überlistet und rufen in mehreren Städten 0190er-Nummern mit gefälschten Karten an. Bundesweit schwärmten Kriminalbeamte aus, um verdächtige Telefonzellen zu observieren. "Ein irrer Coup, niemand weiß, wie die das technisch machen", sagt ein Fahnder. Die Gewinne gingen "offenbar ins Ausland".
Zwar hatten Telekom-Techniker in der Vergangenheit immer wieder heimlich, still und leise an technischen Barrieren gearbeitet, um die Fälscher abzuhängen. Aber auch die Banden rüsteten auf - und bisweilen gewann der Wettkampf zwischen den Profis der Guten und den Besten der Bösen nahezu sportliche Züge.
So fand die Telekom heraus, dass Karten mit Simulatoren sich wieder auf 12 oder 50 Mark aufluden, wenn das Guthaben auf Null sank. Flugs änderte sie ihre Software, und die Wiederaufladung wurde für ein paar Wochen oder Monate verhindert.
Der technische Fortschritt entging den Spitzbuben nicht. Prompt überarbeiteten sie ihre Produkte - und bald luden die sich bereits auf, bevor das Guthaben einen Pfennig unterschritt.
Zudem entwickelte der Würzburger Autodidakt Marc H., 29, ein Programm, das die neunstellige Identifikationsnummer der Telefonkarte nach jedem Aufladen an vier oder fünf Stellen veränderte. Die Folge: Der Telekom-Rechner konnte eine leer telefonierte Karte nicht mehr erkennen, da eine neue Nummer für ihn gleichbedeutend mit einer neuen, nicht leer telefonierten Karte war. Schon gab er keine Fehlermeldung mehr an den Zentralrechner ab.
Dann war wieder die Telekom am Zuge. Sie baute eine Technik ein, die so genanntes atypisches Kundenverhalten sofort dem Zentralrechner meldete. So fiel auf, wenn mehrere Personen stundenlang, aber im Abstand von einer Minute mit einem nigerianischen Anschluss sprachen - ein Indiz für den Einsatz gefälschter Karten und Anlass für einen Wink an die Polizei.
Der Versuch, die Szene zu unterwandern, kann indes für Ermittler lebensgefährlich sein. So hatte Josef R., Inhaber der Detektei Mossid im bayerischen Emmering, erfahren, dass Osteuropäer Millionen gefälschter Karten nach Deutschland bringen wollten - hergestellt mit Insiderwissen der Firma Siemens. Tatsächlich hatte R. manipulierte Karten besorgen können und von Siemens dafür 200 000 Mark kassiert.
Doch offenbar schlug die Mafia zurück. Anfang 2000 wurde ein Mossid-Mitarbeiter von Unterweltlern enttarnt. Als der Detektiv am 19. Februar vergangenen Jahres auf einem Travemünder Parkplatz in seinen Mercedes steigen wollte, hörte er ein verdächtiges Geräusch und warf sich instinktiv hinter eine schützende Mauer.
Sekunden später jagte eine russische Handgranate das Auto in die Luft; mit dem Öffnen der Tür hatte der Mann die Granate entsichert. Zwei Tage später rief ein Unbekannter in seiner Stammkneipe an. Wenn der Schnüffler seine Ermittlungen gegen Fälscher nicht einstelle, werde "alles noch schlimmer".
Auch BKA-Spezialisten zerbrachen sich den Kopf darüber, wie den frei flottierenden Fälscherbanden das Handwerk gelegt werden könne. Das Referat für Wirtschafts-, Informations-und Kommunikationskriminalität regte etwa an, verbrauchte Karten in den Telefonzellen automatisch einzuziehen und gleich zu schreddern. Die Telekom lehnte den Vorschlag ab - der erforderliche "vielfache Millionenbetrag" sei "jenseits aller Akzeptanz".
Um einen mehrstelligen Millionenbetrag könnte es auch in einem Prozess gehen, der zwischen der Telekom und dem Chip-Hersteller Infineon im Raum steht. Noch allerdings streiten sich die Juristen beider Unternehmen intern darüber, wer für das Falschkartendebakel verantwortlich ist.
Die der Telekom gelieferten Chips der Eurochip-1-Generation seien nicht ausreichend gegen Manipulationen geschützt gewesen, argumentiert die Telekom. Die Gegenposition von Infineon: Keiner konnte, als die Chips auf den Markt kamen, ahnen, wie schlau Ganoven sein können. Die hatten nämlich herausgefunden, wann die Chips angreifbar sind - dann nämlich, wenn sie in den Telefonzellen mit dem Sicherheitssystem der Telekom-Apparate kommunizieren.
Bei der neuesten Generation, der Eurochip-2-Familie, seien Black-box-Angriffe "nach allem, was wir wissen, nicht möglich", sagt Infineon-Sicherheitschef Wolf-Rüdiger Moritz, "die Hürden sind sehr, sehr hoch". Doch den Sicherheitsabteilungen der Chip-Hersteller und den Ermittlungsbehörden bereiten Entwicklungen Sorgen, die sie in diesen Tagen in der Sammlerszene beobachten.
Die Nachfrage nach Telefonkarten mit dem Eurochip 2 steigt sprunghaft, der Stückpreis für leere Exemplare beträgt schon drei Mark - für den Münchner Kriminalbeamten Sattler "ein klares Indiz, dass da etwas läuft". Sein Kölner Kollege Helmut Picko wäre nicht überrascht, wenn auch die Technik des Eurochip 2 in den Telefonzellen überlistet würde. "Jeder von Menschen installierte Code kann von Menschen geknackt werden", sagt Picko, "die Frage ist: wann." CARSTEN HOLM
DER SPIEGEL 28/2001
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