09.07.2001

Verbannt in die Dunkelheit

Die ungewöhnliche Lichtallergie der Alt-Bundeskanzler-Gattin Hannelore Kohl
Am Ende ihres Lebens hatte Hannelore Kohl alle Hoffnung aufgegeben. Drei Monate vor ihrem Tod antwortete sie auf die Frage, was man gegen ihre Allergie tun könne: "Ich weiß es nicht, und meine Ärzte auch nicht."
Acht Jahre lang, seit 1993, hatte sie Mediziner im In- und Ausland konsultiert, vergebens. Ihre "Lichtallergie" nahm einen besonders bösartigen Verlauf. Die krankhafte Überempfindlichkeit entwickelte sich erst zu Beginn ihres siebten Lebensjahrzehnts, in einem Alter, welches normalerweise nicht mehr zur Allergie disponiert. Und das Leiden verschlechterte sich unaufhaltsam.
Ausgelöst wurde die Krankheit durch die Einnahme von drei Tabletten Penicillin. Dieses keimtötende Arzneimittel gilt zu Recht als "Jahrhundertmedikament" - wirksam und im Regelfall gut verträglich. Treten nach Penicillingabe unerwünschte Nebenwirkungen auf, so sind sie meist harmloser Natur. Nicht so bei Hannelore Kohl: Die gesundheitlich robuste, physisch belastbare und durch ein moderates Fitnesstraining stets in Form gehaltene Alt-Bundeskanzler-Gattin entwickelte auf das Antibiotikum eine "Fotoallergie": Die Haut reagiert auf Licht mit Juckreiz, Entzündung, Bläschenbildung, im Schlimmsten sogar mit ihrer Selbstzerstörung ("Nekrolyse").
Es gelang nicht, das Fortschreiten dieser seltenen Allergie - von der schweren Verlaufsform sind in Deutschland nur wenige hundert Patienten betroffen - zu dämpfen. Anfänglich konnte Hannelore Kohl aus zwei Umständen Zuversicht schöpfen: Es gab Zeiten, in denen die Hauterscheinungen seltener und schwächer wurden; auch blieben Gesicht und Hände - wie oft bei einer Fotoallergie - einige Jahre erscheinungsfrei.
Weshalb Penicillin ausgerechnet die Haut ruiniert und dort einen Zerstörungsprozess in Gang setzt, der ganz von allein, ohne jede weitere Zufuhr des Antibiotikums, sich selbst unterhält und sogar eskaliert, ist unerforscht. Grundsätzlich gelten Allergien als überschießende Abwehrreaktionen des Organismus auf alle möglichen Substanzen, sogar auf körpereigene. Diese Fehlsteuerung versuchen die Mediziner auf vielerlei Weise zu korrigieren. Alles in allem ist es mit den Erfolgen jedoch nicht weit her.
Der Kontakt mit dem auslösenden Stoff, dem "Allergen", muss konsequent gemieden werden, bei Penicillin gar kein Problem. Bei einigen Patienten spielen auch seelische Gründe als Ursache eine Rolle - bei einer schweren Lichtallergie, wie Hannelore Kohl sie hatte, kommt dieser Mechanismus jedoch nicht in Betracht. Die quälenden, sich jeder Therapie widersetzenden Hautsymptome ziehen die Seele in Mitleidenschaft, nicht umgekehrt.
Im vergangenen Jahr unterwarf sich Hannelore Kohl, enttäuscht von der Erfolglosigkeit und den Nebenwirkungen der verschiedenen Behandlungsversuche, einer heroischen Therapie. Sie stimmte einer "Desensibilisierung" zu: Dabei wird der Organismus mit geringen, jedoch schrittweise ansteigenden Mengen des schädlichen Reizes in Kontakt gebracht - die Patientin Kohl wurde gezielt und limitiert Lichtstrahlen ausgesetzt.
Die Methode ist unter Ärzten umstritten. Bei Hannelore Kohl wirkte sie desaströs. Die Hautsymptome verschlimmerten sich deutlich. So blieb der geplagten Kranken nur noch ein Ausweg: ein Leben ohne Sonne, bald auch ohne Tageslicht. Selbst helle Glühbirnen verschlechterten das Krankheitsbild.
Hannelore Kohl war verbannt in die Dunkelheit ihrer Oggersheimer Villa, deren Fensterläden in den letzten Monaten Tag und Nacht geschlossen bleiben mussten; um jeden Bewegungsspielraum gebracht, blieben ihr nur in tiefer Nacht wenige Schritte in frischer Luft - in diesem freudlosen, einsamen Dasein ohne Hoffnung auf Besserung wird es Hannelore Kohl ergangen sein wie vielen alten, chronisch kranken Menschen.
Nicht länger fähig, "den Kampf mit sich und der Welt fortzuführen" - so hat der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers die Situation beschrieben -, wird der Gedanke an einen Freitod als letzte sittliche Anstrengung eines autonomen Menschen immer faszinierender. Am Ende, sagt Jaspers, ist "der freiwillige Untergang wie eine Heimkehr zu sich selbst". HANS HALTER
* "Der Jägerwinkel", wo Hannelore Kohl zeitweise in Behandlung war.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 28/2001
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