09.07.2001

INTERNETAttacke von Bill Gates

Der Software-Gigant Microsoft will dem Telefonieren via Internet zum Durchbruch verhelfen. Die Bedrohung für die etablierten Telefonkonzerne wächst.
So schnell wie der Israeli Elon Ganor schaffte selten ein Unternehmer den Sprung vom Nobody zum internationalen Star. Als seine gerade gegründete Firma VocalTec im Februar 1995 in einem New Yorker Hotel erstmals Telefongespräche von Computer zu Computer vorführte, schien eine Revolution auszubrechen - und Ganor galt als ihr Anführer.
Zwar krachte und knackte es bei Ganors Demonstration fast so stark wie vor mehr als hundert Jahren, als Graham Bell den Fernsprecher erfand. Bei der ersten Telefonverbindung über das Internet fehlten oft ganze Worte, und Sprechen war für die Beteiligten nur abwechselnd möglich - doch für Jim Clark, den damals noch einflussreichen Chef des Browser-Pioniers Netscape, läutete der Vorstoß des Israeli "das Ende des klassischen Telefonierens" ein.
Die Aussicht, via Internet zum Ortstarif rund um den Globus telefonieren zu können, löste weltweit eine Welle von Firmengründungen aus und versetzte bald darauf die alteingesessenen Telefongesellschaften in Panik. In der Branche, vermerkten Manager der Deutschen Telekom 1997 in einem internen Papier, herrsche "große Überlebensangst". Die Internet-Telefonie, warnten die Autoren, "könnte zur strategischen Nuklearwaffe im Telekommunikationsmarkt werden".
Die Realität ist eher ernüchternd. Im vergangenen Jahr liefen gerade einmal drei Prozent aller Gespräche im internationalen Telefonverkehr über Internet-Verbindungen. In diesem Jahr, so rechnet die International Telecommunication Union, wird ihr Anteil bestenfalls auf fünf Prozent steigen.
Nicht einmal Pionier Ganor hat den Durchbruch geschafft. Mit einem erwarteten Umsatz von rund 35 Millionen Dollar ist VocalTec sechs Jahre nach dem fulminanten Start immer noch ein Zwerg. Die Firma, an der die Deutsche Telekom seit 1997 mit 20 Prozent beteiligt ist, schreibt rote Zahlen und muss die Belegschaft von 390 auf 250 Mitarbeiter reduzieren.
Jetzt aber drängt ein neuer Angreifer aufs Spielfeld: Microsoft-Gründer Bill Gates, der die drohende Zerschlagung seines Monopolunternehmens durch ein US-Gericht fürs Erste abgewendet hat, will nun auch die Telefonfirmen attackieren.
Der Computer soll zur privaten Telefonzentrale umgebaut werden. Gates will die Technik, die zum Telefonieren über das Internet notwendig ist, standardmäßig in seinem neuen Betriebssystem Windows XP integrieren und dann mit aller Macht durchsetzen - so, wie er Windows, den Internet-Browser Explorer oder das E-Mail-Programm Outlook zur weltweiten Standardausrüstung fast jedes PC gemacht hat.
Wenn die neue Windows-Version Ende Oktober auf den Markt kommt, könnte sich innerhalb kurzer Zeit ein einheitlicher Standard für das Plaudern von PC zu PC etablieren. Der Monitor wird zum Telefonbuch, die Tastatur des Computers wird zur Wählscheibe, und die Übertragung der Sprache erledigt das World Wide Web.
Bislang krankte die Durchsetzung der neuen Technik an vielen Problemen. Zwar hat sich die Internet-Telefonie in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Die Klangqualität ist akzeptabler geworden, und inzwischen können die Gesprächspartner auch gleichzeitig reden.
Wenn von PC zu PC telefoniert werden soll, müssen sich die Gesprächspartner allerdings erst einmal verabreden. Anders als beim normalen Telefonieren haben Internet-Anschlüsse nämlich meist keine feste Nummer. Damit die Verständigung reibungslos klappt, sollten beide Teilnehmer außerdem die gleiche Software benutzen. Sie wandelt die ins Mikrofon gesprochenen Worte in Bits und Bytes um.
Der Datenstrom wird dann in kleine Pakete zerlegt und über das World Wide Web zum anderen Gesprächsteilnehmer geschickt. Wenn alles gut läuft, kommen die Datenpakete dort in der richtigen Reihenfolge an, und die Software verwandelt die Bits und Bytes wieder in Worte und Töne. Egal, wohin das Gespräch geht - bei der Online-Kommunikation fällt dann nur der Preis an, den die Teilnehmer in dieser Zeit für ihren Internet-Zugang zahlen - jeweils etwa zwei bis drei Pfennig pro Minute.
Inzwischen sind nicht nur Verbindungen von PC zu PC möglich, sondern es können auch normale Telefone zu Hause und im Büro angerufen werden. Dazu muss man sich allerdings bei einem Service-Provider wie Net2Phone, HotTelephone oder Dialpad anmelden, der den Übergang auf das herkömmliche Netz erledigt und dafür meist eine Extragebühr kassiert.
Trotz verlockender Angebote schaffte bislang jedoch keiner der zahlreichen neuen Anbieter den wirklichen Durchbruch. Selbst Net2Phone, führend in den USA, zählt nur rund drei Millionen Nutzer. Der Grund für den mäßigen Erfolg ist nicht allein die immer noch relativ komplizierte und störanfällige Technik. Auch die Einsparmöglichkeiten sind inzwischen deutlich geringer als anfangs erwartet.
Denn der Start der Web-Telefonie fiel zusammen mit der Liberalisierung der Telefonmärkte, in deren Folge die Preise in den meisten Industriestaaten dramatisch abrutschten. In Deutschland zum Beispiel fielen die Gebühren für Ferngespräche in den vergangenen drei Jahren um 50 Prozent, Auslandsgespräche verbilligten sich im Schnitt um 56 Prozent.
Die Bertelsmann AG, die mit Callas ebenfalls in das neue Geschäftsfeld einsteigen wollte, beendete den Ausflug deshalb schon nach kurzer Zeit. Ein großes Zusatzgeschäft, entschied Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, sei hier nicht zu machen.
Dennoch ist die Sprachkommunikation via Web keineswegs tot. Denn die im Branchen-Slang Voice over Internet Protocol (VoIP) genannte Methode nutzt die Netz-Infrastruktur deutlich ökonomischer aus als die traditionelle Vermittlungstechnik, da für die in Datenpakete verpackten Gespräche nicht mehr eine komplette Leitung freigeschaltet werden muss.
Das machen sich vor allem Firmen zu Nutze, die mit der neuen Technik ihre hausinternen Netze renovieren und in so genannten Intranets nicht nur Daten, sondern auch Sprache transportieren. Manche Firmen wie der Telekommunikationsausrüster Cisco haben die alte Telefonanlage bereits komplett abgeschafft.
Ohne dass die Kunden es merken, sind auch immer mehr Telefonkonzerne dabei, auf VoIP umzurüsten. Während die Telefonriesen bei der Verschmelzung der Netze weitgehend standardisierte Software einsetzen, herrscht bei den Privatanwendern im Web noch Wildwuchs. Der könnte durch den Vorstoß von Microsoft verschwinden. Und wenn Heimcomputer oder die Maschinen im Büro eine ganz normale Telefonnummer bekommen, könnte das Telefonieren im Web ähnlich populär werden wie das Chatten.
Erste Schritte dazu sind schon getan. So ließ sich die Internet-Firma Web.de von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation die Vorwahl 01212 genehmigen und teilte jedem der rund fünf Millionen registrierten E-Mail-Kunden eine individuelle Telefonnummer zu. Damit ist der Nutzer unter anderem in der Lage, zu normalen Online-Kosten Faxe zu verschicken und einen virtuellen Anrufbeantworter im Netz zu betreiben.
So ganz entspannt sind die Telefonfirmen daher nicht. Andrew Kessler, Manager bei der Investmentfirma Velocity Capital, meint gar: "Die Telekommunikationskonzerne sollten ernsthaft besorgt sein."
Anders als in den Anfangstagen der Internet-Telefonie herrscht derzeit jedoch keine Alarmstimmung. "Eine Euphorie zu Gunsten der Internet-Telefonie wie vor fünf Jahren", glaubt Telekom-Manager Wulf Bauerfeld, "wird es nicht wieder geben." Dazu seien die Preisunterschiede inzwischen viel zu gering.
"Eine Bedrohung" sei die neue Technik allenfalls für Telefongesellschaften in Afrika und Asien. Denn die, so Bauerfeld, "wiegen ihre Tarife noch immer in Gold auf".
KLAUS-PETER KERBUSK
Von Klaus-Peter Kerbusk

DER SPIEGEL 28/2001
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