09.07.2001

ITALIENDicker Brocken für die Mafia

Mit Milliardenhilfen aus Brüssel soll Sizilien wirtschaftlich fit gemacht werden. Aber die Gelder der europäischen Steuerzahler drohen in dunklen Kanälen zu verschwinden. Das organisierte Verbrechen pflegt wieder beste Beziehungen zur Politik.
So könnte das Paradies aussehen: leuchtend roter Klatschmohn unter silbern schimmernden Olivenbäumen, goldener Ginster, eine strahlende Sonne am stahlblauen Mittelmeerhimmel, Duft nach Zitronen. Am Hang des Monte Marone schläft das mittelalterliche Kleinstädtchen Gangi. In der Ferne hebt sich die Spitze des Ätna aus dem Dunst.
Toni holt eine neue Flasche Wasser. Die Terrasse ist schattig, das Gutshaus massig. Es gibt viele solcher "masserie" hier im sizilianischen Bergland, knapp hundert Kilometer südöstlich von Palermo. Manche sind Bauernhöfe geblieben, andere offerieren sich als Pensionen, bei den meisten bleibt unklar, welchem Gewerbe ihre Bewohner nachgehen. Das ist oft auch besser so.
Toni, der seinen Nachnamen nicht gedruckt sehen möchte, ist 30, die "rechte Hand" seines Onkels und erstaunlich offen: Klar, dass der nahe gelegene, neu gebaute Staudamm unsinnig ist, denn im Tal gibt es gar kein Wasser, das man stauen könnte. Klar, dass das gigantische Autobahnkreuz auf dem verkehrsarmen Landsträßchen nach Nicosia völlig überflüssig ist - nur in die Landschaft gesetzt, um ein paar Firmen einen Millionenauftrag zu bescheren. Toni lacht, "so ist das eben hier".
Er hat ein paar Jahre in Deutschland gelebt, später in Rom. "Diese stumpfsinnige sizilianische Verschlossenheit" findet er seither "schrecklich". Nichts sehen, nichts sagen - "das ist nicht mein Ding". Doch wenn im Gespräch bestimmte Namen fallen, wird auch Toni stumm.
Giuseppe Farinella? Von Gangi aus soll der die Ausschreibungen aller wichtigen Bauprojekte in der Provinz Messina gesteuert haben. Und er soll sie auch jetzt noch, obwohl er im Knast sitzt, kontrollieren. Das vermutet jedenfalls die DIA, die Polizeisondereinheit gegen die Mafia.
Antonino Giuffrè und Salvatore Lo Piccolo? Auch sie sind Vorstandsmitglieder der größten Firma Siziliens: "Cosa Nostra" (unsere Sache), zuständig für den Großraum Palermo. Beide leben seit Jahren im Untergrund. Ihre Fluchtburgen, glauben die DIA-Fahnder, sind Bauernhäuser im Paradies um Gangi. Die Idylle ist traditionelles Stammland der Mafia.
Selbst der "Boss der Bosse" könnte sich hier versteckt haben, Cosa-Nostra-Chef Bernardo Provenzano, 68, seit über 37 Jahren flüchtig.
Still ist Toni auch, als sein Onkel sich dazusetzt und das heikle Gespräch beendet. "Was redet ihr da? Mafia? Ihr habt doch keine Ahnung! Ein Staudamm ohne Wasser, eine überdimensionierte Kreuzung - na und? So fließt wenigstens ein bisschen Geld nach Sizilien, und wir profitieren alle."
Der plätschernde Geldfluss soll nun zum riesigen Strom anschwellen: Aus Brüsseler EU-Quellen sind Sizilien bis 2006 rund 18 Milliarden Mark zugesprochen für Straßen- und Wasserleitungsnetze, Häfen und Brücken, Museen und Kläranlagen. Und weil Europa in der Regel fördert, was auch der Empfängerstaat subventioniert, werden die italienischen Steuerzahler 27 Milliarden dazulegen. Insgesamt 45 Milliarden Mark schwappen so auf die fünf Millionen Inselbewohner zu.
"Noch nie ist so viel Geld nach Sizilien geflossen", rechnet Leoluca Orlando vor, lange Jahre Bürgermeister von Palermo. Es ist "eine einzigartige Chance für die Entwicklung unserer Insel". Leider auch, fürchtet Orlando, "ein passender Brocken für den Appetit der Mafia".
Früher und intensiver als die öffentliche Verwaltung hat sich Cosa Nostra auf die Geldflut aus dem Norden eingestellt. "Die sizilianischen Mafia-Familien hoffen", glaubt der palermitanische Chefstaatsanwalt Piero Grasso, "mit den angekündigten Milliarden aus Brüssel und Rom ihre Verluste aus den neunziger Jahren wettzumachen." Das organisierte Verbrechen hat neue, unbelastete Firmen gegründet, unbescholtene Fachleute engagiert, seine internationalen Finanznetze neu geknüpft und vor allem seine Beziehungen zur Politik stabilisiert.
Denn die Mafia hat schlechte Jahre hinter sich. Nach den Attentaten auf die Mafia-Fahnder Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992, nach blutigen Politikermorden, nahmen viele Italiener - und viele Sizilianer - den Kampf gegen die Mafia auf.
Über 1500 mutmaßliche Mafiosi sind seither festgenommen worden. Viele haben, um ihre Strafen zu mildern, das Schweigegesetz "omertà" gebrochen und freimütig erzählt, was sie über den Kriminellen-Konzern wussten. Die Justiz hat Vermögenswerte von mehr als 400 Millionen Mark beschlagnahmt.
"Beachtliche Erfolge, gewiss", resümiert Mafia-Jäger Grasso, doch damit sei die Organisation noch lange nicht besiegt: "Wir sind nicht einmal in der Nähe des Sieges."
Im Gegenteil. Mit den Milliarden aus den Fördertöpfen könnte die Mafia, fürchtet Ex-Bürgermeister Orlando, "die Vorherrschaft in Sizilien zurückerobern, die sie in den neunziger Jahren verloren hat". Der Ausgang des Verteilungskampfes ist offen. "Alles", sagt Grasso, "hängt von den nächsten fünf Jahren ab."
Etwa 3,5 Milliarden Mark aus den Entwicklungsfonds müssen schon bis Ende kommenden Jahres ausgegeben sein, sollen sie nicht verfallen. Schon das ist - mit legalen Mitteln - kaum zu schaffen. Denn die Hilfsgelder "treffen in Sizilien auf eine schwache Unternehmensstruktur", so die Sorge von Pater Ennio Pintacuda, "die diesen Summen gar nicht gewachsen ist".
Der Jesuit Pintacuda, 67, war einer der führenden Anti-Mafia-Aktivisten der achtziger Jahre. Gemeinsam mit Orlando gründete er 1991 die Partei "La Rete" (das Netz), organisierte den Protest gegen die mafiaverfilzte Dauerregierungspartei Democrazia Cristiana. "Wir müssen", sagt Pintacuda, "Professionalität in die Wirtschaft und in die sozialen Strukturen bringen", die Fähigkeit der Sizilianer stärken, "ohne die Firmen und Fachkräfte der Mafia zu planen und zu bauen".
Hoch über Palermo, in einem Schloss, das einst als Hotel geplant war und heute eine kleine halb staatliche, halb private Akademie beherbergt, bildet Pintacuda Manager und Bankangestellte aus, trainiert Beamte der Gesundheits- und Forstbehörden. Er ist Italiens einziger Kirchenmann mit Bodyguards und gepanzerter Limousine. Die Mafia liebt ihn nicht.
Die ist noch immer eine der Hauptschuldigen an der Krankheit des Südens: Mit 100 000 Mark Subventionen werden im Norden Italiens im Schnitt drei neue Arbeitsplätze kreiert, im Süden nur einer. Das übrige Geld bleibt irgendwo hängen. Insgesamt etwa 80 Milliarden Mark sind den Südregionen seit 1992 aus Rom und Brüssel zugeflossen. Die Wirtschaftskraft ist trotzdem weiter gesunken. Private Investoren wagen sich kaum nach Neapel oder Sizilien, wenn nicht, wie bei den Fiat-Zweigbetrieben in Melfi oder Termini Imerese, der Staat kräftig zuschießt.
Wenn es nicht gelingt, die Wirtschaft Siziliens in Rekordzeit umzukrempeln, fürchtet Padre Pintacuda, "werden sich Mafia-Interessen der Milliarden bedienen, weil sie die unternehmerischen Strukturen dafür haben".
Die kriminelle Großfamilie sei gerade dabei, warnt der Sekretär der sizilianischen Linksdemokraten und Europa-Abgeordnete, Claudio Fava, "die Politik neuerlich zu kolonialisieren". Die Rolle des "organischen und strategischen Partners" der Mafia sei früher vom Andreotti-Flügel der Christdemokratischen Partei ausgefüllt worden, erklärt Fava. Heute habe Forza Italia, die Partei des Medientycoons und Regierungschefs Silvio Berlusconi, diese Funktion jedenfalls "in Teilen geerbt".
Auch die Staatsanwaltschaft in Palermo gab sich in einem langen Bericht überzeugt, dass die Mafia Ende 1993 "mit allen ihren Kräften eine neue politische Formation unterstützte" - Berlusconis Forza.
Für Berlusconi sind das alles unbewiesene Unterstellungen, zumal er selbst regelmäßig zum entschiedenen "Kampf gegen die Mafia" aufruft. Offensichtlich ist aber auch, dass es Fäden gibt, die vom Dunkel der Cosa-Nostra-Welt in Berlusconis Partei führen. Manche enden sogar ziemlich nahe bei ihm.
Vor allem ein langjähriger Vertrauter und Ex-Chef seines PR-Konzerns Publitalia, der Forza-Italia-Abgeordnete im römischen Parlament, Marcello Dell'Utri, gerät immer wieder unter einschlägigen Verdacht. So beschuldigte ihn die Staatsanwaltschaft, er habe mit etwa zwei Millionen Mark ein Drogengeschäft finanzieren wollen. Weil die mutmaßlichen Lieferanten des Stoffs noch vor dem Deal geschnappt wurden, stellten die Richter das Verfahren vor ein paar Wochen ein, ohne die Vorwürfe gegen Dell'Utri abschließend zu klären.
In einem anderen Verfahren setzen die Ankläger den ehrenwerten Politiker sogar neben den mutmaßlichen Mafia-Boss Vincenzo Virga auf die Anklagebank. Der, so glauben die Fahnder der DIA-Sonderpolizei, sei bis zu seiner Verhaftung im Februar dieses Jahres das "unternehmerische Hirn" von Oberboss Provenzano gewesen. Virga und Dell'Utri sollen gemeinsam den republikanischen Ex-Senator Vincenzo Garaffa zur Zahlung von etwa 700 000 Mark Schmiergeldern genötigt haben, was Dell'Utri nachdrücklich bestreitet.
Vor einem anderen Gericht, auch das ein noch laufendes Verfahren, ist Dell'Utri angeklagt, "pentiti" - so nennt man in Italien aussagebereite, "reuige" Ex-Mafiosi - zum Lügen angestiftet zu haben, um andere Pentiti-Aussagen gegen ihn selbst in Zweifel zu ziehen. Für Dell'Utri sind das "alles Erfindungen".
Aber wahr ist: Der Mann, mit dem der Forza-Politiker und Topmanager nach Ansicht seiner Ankläger über Rauschgift verhandelt haben soll, Vittorio Mangano, lebte zu der Zeit, Anfang der siebziger Jahre, in Berlusconis Villa in Arcore bei Mailand. Er war dort offiziell als "Stallmeister" engagiert. Schon Staatsanwalt Borsellino sah, wenige Tage bevor ihn die Mafia 1992 umbrachte, Mangano als "einen der Brückenköpfe der mafiosen Organisation nach Norditalien". Cosa Nostra habe in der Zeit Kontakt zur Wirtschaft gesucht, sowohl um schmutziges Geld zu waschen, als auch um Kapital profitabel zu investieren. Mangano, der voriges Jahr an Krebs starb, galt als "eine der wenigen Personen von Cosa Nostra, die in der Lage waren, derartige Beziehungen zu regeln".
Die wohl ungeheuerlichste Anschuldigung gegen Dell'Utri und seinen Chef Berlusconi befasste die Justiz bis in dieses Frühjahr hinein - wenige Wochen bevor der Medientycoon Regierungschef wurde. Der damalige Mafia-Boss Totò Riina habe "von bedeutenden Personen" Geld für die tödlichen Attentate auf Falcone und Borsellino im Jahr 1992 bekommen, gab im Februar 1994 der Pentito Salvatore Cancemi vor der Staatsanwaltschaft zu Protokoll. Ermittlungen liefen an.
Erst fünf Jahre später, im Gerichtssaal von Caltanissetta, nannte Cancemi Namen: Berlusconi und Dell'Utri seien jene "bedeutenden Personen" gewesen. Diese wiesen die Vorwürfe entschieden zurück und erklärten, Cancemi habe auch in anderen Fällen gelogen.
Ein junger Staatsanwalt, Luca Tescaroli, verbiss sich damals in den heiklen Fall. Seine These: Die Blutbäder seien bei der Mafia bestellt worden, um die Regierenden zur Aufgabe zu bewegen. Ein Zeuge aus Berlusconis Umfeld bestätigte, er habe im Juni 1992 von Dell'Utri von einem Projekt erfahren, "eine neue politische Struktur zu schaffen", die zudem wichtig sei für die Berlusconi-Firma Fininvest. Die Aussagen zweier anderer Pentiti lieferten passende Details. Tatsächlich gründete Berlusconi 1993 die Forza Italia.
Auch die Geburt von Berlusconis Holding Fininvest, dem Herzstück seines mächtigen Wirtschaftsimperiums, liegt bis heute im Dunkeln. Von insgesamt 21 Konten soll das Gründungskapital stammen. Wem die zuzuordnen sind, wurde nie richtig aufgedeckt. Strohmänner, Deckadressen, lautete immer wieder der Verdacht. Nichts da, erklärte Berlusconi selbst vor ein paar Wochen: Ein bekannter Kaufmann aus Mailand, Dr. Minna, dessen Sekretärin und dessen Ehefrau, hätten seinerzeit die Schecks unter ihren Namen ausgestellt, um die Gründungsprozedur zu beschleunigen. Gehört habe die Firma immer seiner Familie: "Alles regulär." Aber leider, leider hätten die damals beteiligten Banken die Unterlagen nicht mehr. Die seien fristgerecht geschreddert worden.
Im Herbst 2000 wurde der eifrige Staatsanwalt Tescaroli von Caltanissetta nach Rom versetzt. Ein halbes Jahr später stellten seine Nachfolger die Ermittlungen ein: keine ausreichenden Beweise.
Tescaroli beharrt bis heute darauf, hinter den blutigen Attentaten, die Italien erschütterten, hätten womöglich "Personen aus der Welt der Unternehmer, der Wirtschaft, der Finanzen" gestanden. "Ohne Beziehungen zur Politik", sagt auch Ex-Bürgermeister Orlando, "wäre die Mafia eine schlichte Räuberbande, aber nicht die Mafia."
Auf Sizilien hat die Berlusconi-Allianz bei der Parlamentswahl im Mai alle 61 Direktmandate gewonnen. Auch bei den Regionalwahlen vorigen Monat schlug Berlusconis Statthalter Salvatore Cuffaro (Spitzname: "Küsschen, Küsschen") den Anti-Mafia-Kämpfer Orlando haushoch. Selbst Toni hat rechts gewählt. "Warum denn nicht?" Er holt Wein. Es wird langsam dunkel zwischen den Hügeln um Gangi.
Sein Onkel hängt seit fast einer Stunde am Telefon, im Büro gegenüber der Terrasse. Durch die halb geöffneten Rollläden dringen Satzfetzen. Es geht um Namen von Leuten, die ihm gefallen oder nicht gefallen, Kandidaten, die er akzeptiert, oder auch nicht. Wofür wird nicht klar.
Toni weicht Fragen dazu aus. "In Sizilien", murmelt er nur, "muss alles im Konsens geregelt werden, im Konsens von vielen Beteiligten."
Konsens statt Knarre heißt die neue Devise. Im Jahr 2000 gab es in Palermo "einen einzigen Mafia-Mord", sagt Orlando, "vor zehn Jahren waren es 240".
"Die Mafia hat sich unsichtbar gemacht", bestätigt Staatsanwalt Grasso, "aber sie ist wahrscheinlich effizienter denn je." Das Geschäft ist dasselbe geblieben: Waffenschmuggel, Drogenhandel, Erpressung, Wirtschaftsbetrug. Nur der Stil hat sich gewandelt. "Die sagen nicht mehr ,minchia' (Scheiße)", so der Mafia-Kenner und Autor Beppe Grillo, "sondern ,excuse me'."
Der Cosa-Nostra-Umbau von der Schießtruppe alten Stils zum modernen Gangster-Konzern begann am 31. Oktober 1995. Bernardo Provenzano, der nach der Verhaftung des Oberbosses Totò Riina am 15. Januar 1993 das Kommando an sich gerissen hatte, versammelte die Mafia-Elite in einem Bauernhaus an der Straße Palermo-Agrigento, nahe der Abzweigung zum Dorf Mezzoiuso. Nach den Morden und Attentatsorgien der Riina-Zeit, nach den darauf folgenden Verhaftungen und Pentiti-Offenbarungen müsse sieben Jahre Ruhe herrschen, verordnete der neue Chef. Es begann, so Staatsanwalt Grasso, die "pax mafiosa".
Provenzano ist heute das Topziel der Fahnder. Alle Versuche, ihn zu fangen, scheiterten bislang. Mächtige Verbündete und hochrangige Informanten, so glauben seine Jäger, schützen den Mann, von dem es seit 40 Jahren nicht einmal ein Foto gibt, sondern nur ein zusammengebasteltes Phantombild.
Selbst im fernen Deutschland wurden die sizilianischen Fahnder aktiv. Im Dezember 1999 verfolgten sie Provenzanos Ehefrau Saveria Benedetta und seine Söhne Angelo und Francesco Paolo bis ins Haus von Bernardos Bruder, der seit vielen Jahren in der Nähe von Frankfurt wohnt. Ohne Erfolg.
Gelegentlich verhindern die Behörden selbst einen erfolgreichen Zugriff, ob mit Vorsatz oder aus Schludrigkeit, wird unter den Beamten heftig diskutiert. So glaubten die Anti-Mafia-Spezialisten der Carabinieri im Januar dieses Jahres an eine neuerliche todsichere Chance, Provenzano zu greifen. Sie hatten dessen Freund Nicola La Barbera seit Wochen Tag und Nacht beschattet und abgehört. Der trug, wie sie wussten, Briefe von Provenzanos Frau und Kindern in der Tasche und organisierte die heimliche Übergabe. Doch kurz bevor sich La Barbera und Provenzano treffen konnten, fing eine andere Einheit den Boten ab, verhaftete ihn und rettete so möglicherweise Provenzano.
Irgendwann wird allerdings auch er ins Netz gehen. Provenzano sei krank, sagen Mafia-Jäger, habe ein Nieren- und Prostata-Leiden, gehe wahrscheinlich am Stock. Zudem, bescheinigt ihm Orlando, habe er seinen Auftrag erfüllt, "das Fell der Mafia zu wechseln". Orlando ist überzeugt, der bisherige Chef werde verhaftet, "sobald die Mafia komplett in den Händen der neuen, unbekannten Bosse liegt, die Anzug und Krawatte tragen und vier, fünf Sprachen sprechen". Wenn sie den alten Mann aus Corleone nicht mehr brauchen, werden sie ihn fallen lassen.
Cosa Nostra und die Mafia-Kollegen der benachbarten Regionen Kalabrien, Kampanien und Apulien, schätzt der italienische Wirtschaftsverband Confcommercio, setzen etwa 300 Milliarden Mark pro Jahr um; das sind etwa zwölf Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts. Die kriminellen Clans kontrollierten Sach- und Kapitalanlagen von zwei Billionen Mark.
Damit ihnen die Milliarden, die jetzt Brüssel und Rom für Sizilien spendieren, nicht allzu leichte Beute werden, soll das Vergabe- und Ausschreibungssystem für öffentliche Aufträge reformiert werden: Klarere Zuständigkeiten, eindeutige Verantwortung derer, die die Mittel verteilen, Transparenz der Entscheidungen lauten die Ziele.
Doch mehr Kontrolle bedeutet auch immer mehr Bürokratie - unbedingt notwendige Sanierungsprojekte würden dadurch noch weiter hinausgezögert werden. Schlössen Italiens Beamte mafiaverdächtige Unternehmer von den Auftragausschreibungen aus, würde sich die Zahl der Firmen, die Brüssel-konforme Pläne und Kalkulationen aufstellen können, drastisch verringern, in manchen Gebieten und Branchen sogar auf null.
Und wie ortet man die unsichtbare Mafia? Ist das Traditionsunternehmen aus Pisa, das in Palermo aktiv wird, längst einschlägig übernommen? Wessen Geld investiert die Finanzierungsgesellschaft? Bankkonten haben längst die "lupara" abgelöst, die Schrotflinte der Cosa Nostra alten Schlags.
Die Mafiosi, die jetzt noch verhaftet und abgeurteilt würden, seien alle von der alten Garde, spottet Palermos Ex-Bürgermeister Orlando. "Diese Bosse aus ihren Erdlöchern zu buddeln ist eigentlich Archäologie." Warum die von der Staatsmacht bedrohten Fossile nicht ihre Millionen nehmen und sich als Pensionäre in die Karibik absetzen, sondern sich jahrelang in Bauernhäusern verstecken, ehe sie dann doch - meist mit dem Urteil "lebenslang" - hinter Gitter wandern, ist für Orlando so klar wie für Grasso und jeden anderen sizilianischen Mafia-Jäger:
"Es geht um Macht, nicht um Geld", sagt der Palermitaner Grasso, "und Macht ist ans Territorium gebunden." In der Karibik hätte ein Mafioso Geld, aber nichts zu bestimmen.
"Was soll er da?", fragt auch Tonis Onkel zurück. Er gießt sich noch ein Gläschen vom schweren Roten nach und sagt bedächtig: "Kommandieren ist dreimal so schön wie vögeln." HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 28/2001
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