09.07.2001

SERIE - TEIL 10 HITLERS FRÜHE JAHRE

DER FÜHRER, MEIN ONKEL

Von Mayr, Walter

Etliche Verwandte Hitlers wurden nach Kriegsende in die Sowjetunion verschleppt. Nur einer aus der Sippe überlebte und kehrte nach Österreich zurück. / VON WALTER MAYR

Der Mann, der den Führer "Onkel" nannte, legt wenig Wert auf Fragen Fremder. Er spricht nicht gern, schon gar nicht von früher. Er lebt sein Rentnerleben, heimlich, still, leise - in einem lindgrün gestrichenen Haus mit Garten im Waldviertel, einem herben Landstrich am Nordrand Niederösterreichs.

Es ist das Gesicht, das Johann Schmidt verrät: die unter leicht fliehender Stirn mächtig vorspringende Nase, eingerahmt von zwei steilen Falten über der Wurzel, flankiert von eng stehenden und dunkelbraunen Augen - Hitlers Züge.

Schmidts Vater Johann und der "Führer" waren Vettern, die Oma und Adolfs Mutter Klara, geborene Pölzl, Schwestern (siehe Grafik). Als Hitlers Neffe zweiten Grades sagt Schmidt, geboren 1925, wenn er vom toten Führer spricht, bis heute: "der Onkel".

Flott zu Fuß und gut im Bild ist er, der alte Mann, aber eher einsilbig, wenn es um alte Geschichten geht. Jene etwa vom Linzer Realschüler Hitler, wie der, auf Besuch bei seinen Waldviertler Vettern, mit einem Laubfrosch in der Hand sachgerechtes Massakrieren predigt: "Schaut''s her, wenn ich hier den Nerv treffe, dann ist er tot."

Anschließend, sagt Johann Schmidt, habe Hitler der schlüssigen Beweisführung halber den Frosch betäubt, getötet, aufgeschnitten und zerteilt: "Meinem Vater ist das Gruseln gekommen. Onkel Adolf hat dann allen die inneren Organe erklärt."

Beim Wirt im Dorf Spital, wo früher Hitlers Vorfahr Johann Nepomuk Hüttler Bier und Wein ausgeschenkt hat, ist heute Johann Schmidt stiller Zeitgenosse rotbackiger Stammtischler. Er sitzt auf seiner Holzbank, trinkt rubinfarbenen Zweigelt, sagt dazu scherzend: "Die Roten muss man vernichten", und ist sich selbst genug. Keiner fragt ihn hier nach seinem braunen Verwandten, dem toten Führer. Waldviertler sind wortkarge Menschen.

Lang gezogene Bauerndörfer winden sich an der Grenze zu Böhmen durchs Hügelland. Die Häuser stehen geduckt, als seien sie nach und nach in die Knie gegangen vor der rauen Natur. Zwischen den Dörfern verstreut, bezeugen Marterl und Feldkreuze Volksfrömmigkeit.

In einer der zahllosen Senken schlummert Spital, wo, Haus an Haus entlang der Hauptstraße, Adolf Hitlers Vater Alois und Adolfs Mutter Klara gewohnt haben, lange bevor sie ein Paar wurden. Hier, im tiefsten Waldviertel, nicht etwa im Geburtsort Braunau am Inn, ist Hitlers Wurzelboden.

Kein Hinweisschild verweist in Spital auf die ehemaligen Höfe der Eltern, keine mahnende Tafel zeigt Bilder aus jener Zeit nach dem Einmarsch 1938, als die "Stammhäuser" des Führers mit Girlanden und Hakenkreuzen aufgeputzt wurden zu Wallfahrtsstätten der Bewegung.

Johann Schmidt, der Sohn eines Bauern aus Mistelbach mit damals 20 Hektar Land, ist einer der letzten Lebenden, für die der Jahrhundertverbrecher Hitler noch eine quasi natürliche Bezugsgröße ist: nicht kanonisiertes Holocaust-Monstrum, vielmehr der streng gescheitelte Herr mit gestutztem Oberlippenbart aus dem Familienalbum. Schmidt erst gibt einem Phantom Kontur - der Hitler-Sippe.

Die Nachkommen von Adolfs Halbschwester Angela, verheiratete Raubal, sollen bis heute in Linz und Wels leben, im Dauerzustand höchster Abschottung. In ihrer Nachbarschaft, im Linzer Vorort Leonding, liegt das Grab der Hitler-Eltern, in dem der "k. k. Zollamtsoberoffizial i. P. und Hausbesitzer" Alois Hitler nebst Ehefrau zur letzten Ruhe kam. Hitlers 1979 verstorbener Lieblingsneffe Leo Raubal hat beim Leondinger Altpfarrer Josef Holzmann die Grabgebühren im Voraus bezahlt.

Die Nachkommen von Hitlers Halbbruder Alois leben nahe New York auf Long Island unter falschem Namen. Adolf Hitlers Schwester Paula ist 1960 kinderlos und kaum beachtet in Berchtesgaden verstorben, nahe der "Alpenfestung" ihres Bruders, dem Obersalzberg. Ihr Grab liegt in Schönau beim Königssee, dem Watzmann zu Füßen.

In einem Brief vom 23. Dezember 1955, unterzeichnet mit dem aus Adolfs früher Kampfzeit übernommenen Codenamen Wolf, klagt Paula Wolf, die Nachkriegszeit habe in ihrer "Familie weit größere Lücken gerissen, als es vorauszusehen war". Und sie sorgt sich in der Folge um jenen Verwandten, dem sie, als er noch ein Waldviertler Bub war und weit und breit kein Krieg in Sicht, schon Gummipanzer geschenkt hat - um Johann Schmidt.

Als Johann 1925 geboren wird, hat "der Onkel", aus Landsberger Festungshaft entlassen, in "Mein Kampf" bereits sein Manifest verfasst. Als Johann die zweite Klasse besucht, wird der Onkel Reichskanzler in Deutschland. Schmidt senior kauft einen Volksempfänger, der in die Küche, wo die Führerporträts hängen, die donnernde Stimme aus dem Reich trägt. Wann immer es so weit ist, sagt der Vater ernst: "Der Adolf redt."

Als Johann 13 ist, "marschiert" Onkel Adolf in Österreich ein. Johanns Vater, seit 1932 Mitglied der zwischenzeitlich verbotenen NSDAP, wird Bürgermeister und Ortsbauernführer von Mistelbach; Johann selbst und der Rest der Waldviertler Sippe werden vorübergehend berühmt.

Im "Ahnengau des Führers" pflanzen Aktivisten Adolf-Hitler-Eichen. Die Gemeinde Groß-Poppen verleiht als erste Österreichs Hitler die Ehrenbürgerwürde. Nur Hitler selbst ist wenig begeistert vom allgemeinen Interesse für seine Wurzeln. Er lässt im November 1938 verlautbaren, er wünsche keine "Gedenktafeln, die zur Erinnerung an Vorfahren des Führers oder an Aufenthalte des Führers selbst dienen sollen".

Hitler habe, behauptet sein Biograf Werner Maser, schon auf Fronturlaub in Spital 1918 erhellende Gespräche mit den Schmidts über die eigene, hochgradig inzestuös belastete Sippe geführt. Dabei habe er erfahren, dass Johann Nepomuk Hüttler, der Bruder des offiziellen Großvaters Johann Georg Hiedler, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sein Opa väterlicherseits, aber gleichzeitig auch der Opa von Adolfs Mutter Klara Pölzl sei. Die wäre demzufolge sowohl Ehefrau als auch Nichte von Adolf Hitlers Vater gewesen. Die Verbindung von Hitlers Eltern ist erst durch den Vatikan vom Verdacht der Blutschande freigesprochen worden.

Johann Schmidt und der Rest der Waldviertler Sippe werden ab Ende 1938 in kollektivem, großdeutschem Schweigen begraben. Der Führer befürchtet Enthüllungen. Seine im Wortsinn bucklige Verwandtschaft - sowohl Tante Johanna als auch der Cousin Eduard Schmidt gehen gekrümmt - erbittet vergeblich ein Treffen auf der Münchner Landwirtschaftsausstellung 1937 und in Nürnberg 1938.

Nur Paula Hitler knüpft noch Fäden zwischen Reichskanzlei und Ahnengau. Sie besucht die Verwandten, bringt Geschenke, gibt Geld, selbst Goldkronen werden bezahlt - alles im Auftrag des Bruders. Für den Vetter Eduard fällt ein eigenes Haus ab und für Johann Schmidt junior, immerhin, eine HJ-Uniform.

Gleichzeitig werden Spuren getilgt in der Heimat des Führers. In Döllersheim verschwinden das frisch angelegte Ehrengrab der Hitler-Großmutter Maria Anna, geborene Schicklgruber, ebenso der ihrem Sohn gewidmete Alois-Hitler-Platz und die Spruchbänder "Wir danken dem Retter". Schließlich werden ganz Döllersheim und neun weitere Dörfer einem gigantischen Wehrmachtsprojekt geopfert - dem mit 162,5 Quadratkilometer größten Truppenübungsplatz Westeuropas.

Einsam im Kanonendonner des österreichischen Bundesheers, das den Platz heute nutzt, steht noch die Ruine der alten Döllersheimer Kirche St. Peter. Dahinter liegt das Grab von Pfarrer Zahnschirm, der 1876 durch die von ihm beurkundete Legalisierung des unehelichen Hitler-Vaters Alois bewirkt, dass Millionen Deutsche Jahrzehnte später statt mit dem Ruf "Heil Schicklgruber" mit "Heil Hitler" die Welt in Schutt legen.

Dem kurzen Sommer der Euphorie im Ahnengau des Führers folgen knapp sechs Jahre Krieg. Manche Waldviertler wandeln sich mehrfach. So wie sie in der Nacht nach dem Anschluss 1938 das Kruzifix gegen das Hakenkreuz eingetauscht haben, so nehmen sie am 8. Mai 1945 wieder die Hakenkreuzfahnen ab und stellen stattdessen Brot und Salz bereit für die aus Osten anrückenden Russen.

Erst Ende 1955 trifft Johann Schmidt wieder zu Hause in Mistelbach ein. Auf dem Kriegerdenkmal seines Heimatdorfs, nahe beim alten Pranger, sieht er den eigenen Namen eingemeißelt - "vermisst". Mutter und Bruder Adolf stehen an seiner Seite. Der Schulchor singt zu Ehren des Totgeglaubten. Mehr als zehn Jahre hat Johann Schmidt junior nach dem Krieg in sowjetischen Gefängnissen eingesessen. Er war Häftling in der riesigen Moskauer Butyrka, dann in der Ljubjanka, später im KGB-Knast Lefortowo, auch in Werchni Uralsk, wo Onkel und Tante umkamen, und am Ende im sibirischen Irkutsk.

Er kann seit seiner Rückkehr aus der Sowjetunion "Ruki wwerch, ruki nasad" (Hände hoch, Hände zurück) im Rhythmus einer geölten Kalaschnikow herunterrattern und hat außer Häftlings-Russisch Schach spielen, Uhren reparieren und mit Wattebausch und Schwefelbrocken Feuer machen gelernt. Ein Tartare hat es ihm gezeigt. "Saschgi moju papirossu, nemez", sagen am Ende anerkennend die anderen Gefangenen - "Zünd mir meine Zigarette an, Deutscher".

Schmidt ist überzeugt, dass er, der den "Führer" leibhaftig nie zu Gesicht bekam, sitzen musste in der Sowjetunion, weil er ein Verwandter Hitlers war, der sich der anrückenden Roten Armee durch Selbstmord entzogen hatte. Und nicht, weil er, Schmidt, in der Waffen-SS war, ab 1943. Nach eigener Einschätzung ein "Znirchterl" nur, ein Schwächling, kam er doch zur Elitetruppe.

Mit der Division "Nordland" ist er in Jugoslawien, später in Russland gewesen. Im Gedächtnis geblieben sind ihm vor allem Malaisen - an der Adria die "Hax''n voller Seeigeln", vor Leningrad Ruhr und Läuse, später Gelbsucht durch verrottete Konserven aus dem Fundus von Rommels zerschlagenem Afrika-Korps.

Tote gibt es kaum in Johann Schmidts Erzählungen. "Ich habe keinen einzigen Soldaten erschossen", sagt er. "Kradmelder" sei er gewesen, immer unterwegs, zum Töten gar nicht gekommen. Die Sowjets haben ihn trotzdem wie einen Kriegsverbrecher behandelt - verhaftet im sowjetisch besetzten Waldviertel am 5. Juni 1945 aus dem Bett heraus, ausgeflogen nach Moskau, wird er knapp fünf Jahre später zu 25 Jahren Haft verurteilt.

Als im Gefolge von Adenauers Kriegsgefangenen-Heimholaktion auch er 1955 zurückkommt, sind alle anderen verschleppten Hitler-Verwandten aus dem Waldviertel nicht mehr am Leben. Tot ist seit 1945 Johann Schmidt senior, der noch im sowjetischen Untersuchungsgefängnis in Wien stirbt, offiziell wegen "Herzstillstands", nach Meinung des Sohns aber "gestorben worden" und in der Latrine versenkt worden ist.

Tot ist seit 1949 der Onkel Ignaz Koppensteiner - erlegen im KGB-Gefängnis Lefortowo einer, so offiziell, "kavernösen Lungen-Tbc". Tot ist seit 1951 auch der On-

kel und Hitler-Vetter Eduard Schmidt, laut Akte durch eine Tbc-Infektion im Lagerkrankenhaus von Werchni Uralsk dahingerafft. Dort im Gefängnis ist 1953 auch die Tante und Hitler-Cousine Maria Koppensteiner gestorben. Todesursache: "dekompensierter Herzschlag".

Keiner von Johanns Verwandten war im Krieg. Sie wurden verschleppt und verurteilt unter dem Vorwand, sowjetische Zwangsarbeiter beschäftigt oder von Adolf Hitler Vorteile erschlichen zu haben. Beim Verhör in Stalins Reich bekennen sie laut Protokoll, "die Politik des Hauptes des faschistischen Deutschlands, meines Vetters Adolf Hitler, gebilligt" zu haben. Sie sterben an den Haftbedingungen, wohl auch am Heimweh. Mit Hitler verwandt und von Stalin dafür bestraft, hat Johann Schmidt in wenigen Jahren mehr durchgemacht als andere Waldviertler Bauernsöhne in ihrem ganzen Leben. Er selbst hat wenig dazu beigetragen. Das Schicksal hat mit ihm gespielt wie der Sturm mit dem Blatt.

Wenn Johann Schmidt heute ins nahe Langfeld fährt, zu seinem Vetter Adolf Koppensteiner, dann trifft er dort noch einen, dem das Schicksal den wohl größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts in die Verwandtschaft gemengt und so das Leben verpfuscht hat. Koppensteiner, Landwirt und Sägearbeiter vom Jahrgang 1940, sitzt feierabends in seiner Küche unter Jesusbildern und einer bestickten Regalbordüre, auf der ein Gedicht der Mutter huldigt: "Du hast uns einst zur Welt gebracht, oft über unsern Schlaf gewacht."

In Wahrheit wurde die Mutter, Maria Koppensteiner, nach Moskau verschleppt, als Adolf fünf Jahre alt war. Und Ignaz, der Vater, ist freiwillig mitgegangen. Später, als Johann Schmidt mit Ignaz Koppensteiner in Moskau in einer Zelle saß, hat der geflucht: "Warum habe ich gerade eine Hitlersche heiraten müssen?" Schmidt hat ihm geantwortet: "Warum bist du mitgegangen? Wärst lieber bei deinen Kindern geblieben."

Adolf Koppensteiner, der als Vollwaise aufwuchs und heute in bitterer Armut lebt, weiß bis heute nicht, woran seine Eltern wirklich gestorben und wo sie begraben sind. Er, der nach den Vererbungsgesetzen als nächster lebender Verwandter Hitlers mütterlicherseits prädestiniert wäre, um per Erbgutanalyse zu klären, ob Adolf Hitlers Schädel wirklich, wie von den Russen behauptet, in Moskau liegt, hat bis heute Angst - die Russen, befürchtet er, könnten ihn holen wie damals die Mutter.

Sein Vetter, Johann Schmidt, hat um späte Gerechtigkeit gekämpft und verloren. Während alle - toten - Verwandten inzwischen rehabilitiert sind, hat in seinem Fall in Kaliningrad am 21. August 1997 das "Kriegsgericht der zweifach mit dem Rotbannerorden ausgezeichneten Baltischen Flotte" festgestellt: "Schmidt Johann-Johann wurde zu Recht verurteilt und ist nicht zu rehabilitieren."

Schmidt ist der Letzte, der den toten Hitler "Onkel" nennt. Er ist auch der Letzte, der, von Stalin in Sippenhaft genommen, überlebt hat. Er sieht seine Rolle als Fußnote in der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts wirklichkeitsnah und leidenschaftslos. Hitler, sagt er, habe letztendlich seine Waldviertler Wurzeln verleugnet: "Wir waren ihm irgendwann dann zu minder."

* Erkennungsdienstfotos des KGB. Im nächsten Heft lesen Sie: Teil 11 DER NEUE MENSCH Deutsche Ärzte planten und vollstreckten Hitlers Euthanasie-Programm. Bremst die Erinnerung an die rassistische Mordaktion den medizinischen Fortschritt?

DER SPIEGEL 28/2001
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