16.07.2001

Comeback der Mutter

Die Emanzipation steckt in einer Krise: Überraschend viele Frauen suchen neuerdings ihre Erfüllung nicht mehr im Beruf, sondern im Zusammenleben mit Kindern. Die Rolle des Superweibs, das locker Karriere und Familie verbindet, überfordert sie. Triumph althergebrachter Mütterlichkeit?
Mutter - schon das Wort klingt mythisch, urzeitlich, es erinnert an den Anfang aller Anfänge, an ewige Wiederkehr und Geborgenheit in umfassender Wärme. "Der Mutterliebe zarte Sorgen", die den "goldnen Morgen" des jungen Menschen "bewachen", gehören zu einem archaischen Traumbild. Derselbe Friedrich Schiller, der es im "Lied von der Glocke" beschwor, prägte auch das fatale Szenario von der "züchtigen Hausfrau", die brav "drinnen waltet", während der Mann "hinaus ins feindliche Leben" strebt.
Drinnen walten - das wirkt eng, unfrei, langweilig. Die Emanzipation der Frau zielte zunächst auf die Befreiung aus dieser Art Haustier-Existenz. Je effektiver sie gelang, desto kälter und blasser wurde aber auch das Mutterbild.
Es wurde als altmodisches Konstrukt belächelt, als reaktionäres Echo nationalsozialistischen Mutterkults verachtet und endlich - nach jahrzehntelanger, erfolgloser Polemik der Konservativen gegen das moderne "Mannweib" - durch einen famos unideologisch glitzernden Begriff ersetzt: die "Erfolgsfrau", auch "Karrierefrau" genannt.
Diese Karriere- oder Erfolgsfrau, kaum hat sie sich als Konsensprodukt sozialgeschichtlich etabliert, wenn auch längst noch nicht real durchgesetzt, ist, so scheint es, jetzt überraschend in die Krise geraten. Die Berufswelt erscheint ihr zu eisig, zu männertreu, zu stressig - zu wenig mütterlich. Kinderkriegen macht mehr Spaß. Eine erstaunliche, ärgerliche, wunderbare, jedenfalls bedenkenswerte Entwicklung: das urplötzliche Comeback eines Mutterstolzes, der längst verschwunden schien in den ver-
staubten Kulissen einer bürgerlich-patriarchalischen Gesellschaft, an die sich kaum noch einer erinnern mag.
Superweib Veronica Ferres, film- und TV-erprobte Erfolgsschauspielerin an der Seite erfolgreicher Regisseure oder Werber? Super-Party-Maus und Boulevard-Knalltüte Jenny Elvers, promigeil und busenfrech? "Tagesschau"-Star Gabi Bauer, der weibliche Bildschirm-Souverän ohne Fehl und Tadel? Nichts da - lauter Mädels, die zu begeisterten Müttern mutieren oder zumindest diese Wandlung nicht mehr für sich ausschließen. Kind statt Karriere, Mutterglück statt Quotenhit - die deutsche TV-Frauenprominenz jubelt derzeit über die neue Sinnfülle, die der Nachwuchs ihrem Leben verleiht. Und in ein paar Monaten gehört nun auch Steffi Graf zu jenen, für die Mutterschaft eine zweite Karriere ist.
Veronica Ferres, 36, wäre am liebsten noch "ein paar Jahre lang im neunten Monat schwanger" gewesen, denn das Kind im Bauch habe ihr eine ganz neue "Energie, Kraft und Gelassenheit" gegeben.
Und erst die Geburt: "Es ist ein unbeschreibliches Gefühl", jubelte Ferres, an diesem 5. Juni, "als wenn ich den Kilimandscharo in einer Stunde zehnmal bestiegen hätte." Seitdem steht die Schauspielerin auf dem Gipfel des Glücks. Denn wie der Vater Martin Krug noch am selben Tag verkündete, ist Lilly Katharina "ein richtig zufriedenes Kind". Schon nach 20 Minuten habe sie gelacht.
Für Jenny Elvers, 28, war es das "größte Glück, das ich jemals gespürt habe", als ihr Sohn Paul nach dem Kaiserschnitt frisch gewaschen auf ihrem Bauch lag und "zufrieden vor sich hin schmatzte". Sie habe "angefangen zu weinen", bekannte Elvers und beschloss: "Für diesen Zwerg werde ich mein Leben ändern" - statt Partys und Prominenz werden Pampers und Pausbacken zum neuen Lebenselixier.
Auch diesseits der Medien-Berühmtheiten bestätigen etliche Frauen den Trend. Wenn das Etikett "Erfolgsfrau" auf jemanden passt, dann auf Nadine Thoma, 31: Erst besuchte sie eine Grafikschule, dann stieg sie in die Werbung ein und etwas später in die Filmproduktion um. Zügig ging es mit der Karriere bergauf, und nach fünf Jahren im Job wurde sie Geschäftsführerin der Produktionsfirma Markenfilm Berlin. Ein Zehn-Stunden-Arbeitstag im Büro war Durchschnitt, aber die Hälfte des Jahres reiste Thoma sowieso quer über die Welt von Drehort zu Drehort. Dort waren die Produktionspläne immer so eng, dass an mehr als drei Stunden Schlaf gar nicht zu denken war.
Falls sie demnächst nachts wenig schläft, dann hat das andere Gründe: Thoma ist im fünften Monat schwanger und findet, das ist auch gut so. Sehr gut sogar: "Ich bin einfach nur glücklich", sagt sie. Ihren Chefjob gibt sie auf und zieht zu ihrem Freund nach Hamburg - "eine klare Entscheidung fürs Kind". Thoma möchte dann erst mal Mutter sein, über alles Weitere will sie später nachdenken: "Ich genieße, dass etwas Neues in meinem Leben beginnt und ich in der Lage bin, ein Kind zur Welt zu bringen."
Denn im Job, so Thoma, habe sie sich schon bewiesen. "Was soll ich noch erreichen? Noch mehr Karriere machen? Irgendwann dreht man sich im Kreis." Das Kind ist für sie "ein neues Lebensthema".
Es ist tatsächlich schick geworden, Mutter zu sein. Schwangere tragen gern und ungeniert kurze T-Shirts, um den runden Bauch stolz vorzuzeigen, anstatt ihn, wie früher, unter kaftanartigen Gewändern zu verstecken. "Bild am Sonntag" schwärmte von "Deutschlands schönen Müttern", die aussehen "wie das blühende Leben und auch noch schlank sind wie Fotomodelle" und die "Power, Lebensfreude und Gelassenheit" ausstrahlen. Die Körperkult-Zeitschrift "Shape" erklärt zum Glück in einem Sonderheft "Fit Mama", wie man das schafft. Bücher mit Titeln wie "Geburt einer Mutter" oder auch "Neue Mütter hat das Land", ein Plädoyer für die Vollzeit- und Vollblutmutter, sind Verkaufsschlager.
Auch der Hildesheimer Pastor Claus-Ulrich Heinke, 57, hat zu seiner Überraschung bei Trau- und Taufgesprächen eine Renaissance der "Die Mutter gehört zum Kind"-Ideologie festgestellt: "Immer mehr junge Frauen erklären, sie wollten nach der Geburt des Kindes zu Hause bleiben und ihre Mutterschaft bewusst erleben." Unterstützung finden sie in einem neuen Urteil des Bundesgerichtshofs. Der entschied in einem Sorgerechtsstreit, dass "die Mutter naturgegeben mit der Geburt die Hauptverantwortung für das Wohl des Kindes trägt".
Die Trendwende hat schon die höchste sozialdemokratische Ebene erreicht. Bundeskanzler Gerhard Schröder mahnt: "Selbstverwirklichung beginnt in der Familie" - so ein konservatives Bekenntnis zur Sinnerfüllung durch Reproduktion hätte sich bis vor kurzem allenfalls die CSU erlaubt. "Dass man das Positive der Mutterschaft so herausstellt", sagt der Familientherapeut an der Uniklinik Heidelberg Manfred Cierpka, 50, "ist eine ganz neue Entwicklung in unserer Gesellschaft."
Eine List der Evolution, die den Primat der Fortpflanzung und Arterhaltung über die Kriege, Hungersnöte und Seuchen der Jahrtausende mühsam genug behauptet hat und nun zurückschlägt gegen vermehrungsunwillige Konsum-Narzissten und egozentrische Selbstverwirklicher? Gewiss nicht, denn zur Kinderlosigkeit neigen ja nur einige Wohlstandsnationen wie eben die deutsche, nicht aber die Spezies Mensch - sie ist immer noch fruchtbar zum Fürchten. Und evolutionäre Veränderungen, die sich an nationale Grenzen hielten, müssen erst noch erfunden werden.
Eher schon hat die zunehmend positive Wertung der Mutterschaft ökonomische Gründe. Tatsächlich braucht ja das Land nichts so sehr wie Nachwuchs: Brachte 1970 in Westdeutschland jede Frau noch durchschnittlich 2,02 Kinder zur Welt, waren es 1999 nur noch 1,41 - viel zu wenige, um die Jobs der Zukunft zu erledigen und die Renten- und Gesundheitskosten zu bezahlen. In Ostdeutschland sank die Geburtenrate in der gleichen Zeit noch dramatischer ab, von 2,19 auf 1,15. Jede dritte 1965 geborene Frau wird gar keine Kinder bekommen. Von den Akademikerinnen bleiben sogar 40 Prozent ohne Nachwuchs.
Ob die aktuelle Wandlung des kulturellen Leitbilds - von der Powerfrau zur Brutpflegerin - am Ende zu einem neuen Kindersegen führt? Die Wirtschaft muss es hoffen, denn sie braucht Arbeitskräfte und Konsumenten und weiß, dass ausländische Familien in Deutschland, die in der Regel kinderreich sind, meist in der nächsten Generation beginnen, mit dem Nachwuchs ähnlich zu geizen wie ihre deutschen Nachbarn.
Immerhin, so diktiert es der Markt, je knapper ein Gut, desto wertvoller ist es: Kinder gelten plötzlich nicht als Belastung, sondern als Glücksversprechen. Selbst das Zeitgeistmagazin "Max", das sonst "Diättricks der Stars" oder den "neuen Busen" auf seiner Titelseite feiert, warb kürzlich mit einem properen Windelbaby zwischen zwei schlanken Frauenbeinen für das "Abenteuer Kind".
Das mythische Ideal der Mutterschaft kehrt jedenfalls zurück - "back to the fifties". Allenfalls damals wurden Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, so hoch geschätzt wie heute. "Die Mutter ist wieder das vorherrschende Frauenbild", sagt Martin Textor, 47, vom bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik, der zum Thema "Mutterschaft, Vaterschaft" forscht. "Selbst Feministinnen finden zu einem Bild zurück, in dem Mutterschaft wieder vorkommt." So bedauerte beispielsweise die in England lebende Frauenrechtlerin Germaine Greer, 62, im vergangenen Jahr, dass sie nie ein Kind bekommen habe.
"Kinderlose Frauen gelten als defizitär", schrieb der britische "Guardian" kürzlich, fand dies aber - der Sog der Emanzipation ist noch mächtig - sehr bedenklich. Auch in Frankreich wird derzeit über das Comeback der Madonna debattiert. "Die Frau am Herd, die seit den siebziger Jahren ein Vogelscheuchendasein fristete, ist wieder zum erstrebenswerten Ideal geworden", schreibt die Pariser Bestseller-Autorin Benoîte Groult ("Salz auf unserer Haut"), "besser freudestrahlende Mutterschaft als das höllische, einsame Leben jener Frauen, die ihrer Karriere, auf die frau heute gern wieder verzichten darf, den Vorzug geben."
Ähnlich äußert sich die französische Philosophin Elisabeth Badinter: "Die Mystifizierung der Frau, die Simone de Beauvoir so entschieden zurückwies", sei "schleichend auf dem Vormarsch". Es sei groß in Mode, "die Mutterschaft und die weiblichen Eigenschaften wie Sanftmut, Altruismus und Friedfertigkeit wieder hervorzukehren".
Der Imagewandel ist radikal: Heute, so gibt das neue, alte Leitbild es vor, ist eine Frau erst mit Kind vollständig. In den siebziger Jahren dagegen galten Kinder vielen Feministinnen als "schwerste Ketten" der Frauen: Sie fesselten die Mütter an Küche und Babybett - wie Alice Schwarzer damals in ihrer Zeitschrift "Emma" schrieb.
Karriere und finanzielle Unabhängigkeit statt Kinder und wirtschaftlicher Abhängigkeit, das war die Devise, und sie wurde befolgt: Inzwischen sind Frauen besser ausgebildet, und mit einer Erwerbstätigenquote von 58 Prozent sind mehr von ihnen berufstätig als in früheren Jahrzehnten. In den achtziger Yuppie-Jahren war die Anzug tragende Powerfrau, die auf Pumps die Karriereleiter erklomm, das Ideal. In den Neunzigern erschien das vor allem in Hera Linds Frauenliteratur beschriebene Patent-Superweib als neue Leitfigur: Solche Frauen konnten die Kinder mit dem Job vereinbaren und wuppten auch noch Beziehung und Haushalt.
Doch dieses Hochglanzbild hat Kratzer bekommen. Es stellte sich heraus: Das Doppelglück aus Karriere und Familie ist in Wahrheit eine arg stressige Doppelbelastung. Kinofilme machen die Härten des Zweifachjobs zum Thema, statt die drei modernen K "Kinder, Küche, Karriere" als Errungenschaft der Emanzipation zu rühmen: Michelle Pfeiffer spielt in dem Film "Tage wie dieser" eine strapazierte Architektin und Mutter, die sich zwischen Geschäftsterminen und Kindergarten aufreibt. Abends schläft sie erschöpft auf dem Sofa ein, während die Kinder noch herumtoben - realistisch, aber abschreckend.
Die Hamburgerin Gabriele Reinelt, 37, ist eine dieser Frauen im Doppeljob. Sie stieg acht Wochen nach der Geburt wieder in ihren Job als Chefdesignerin der Sportartikelfirma "Venice Beach" ein, den Sohn betreut die Schwägerin. Zehn bis zwölf Stunden am Tag muss Reinelt arbeiten, und da blieb dann gleich die Milch weg. Abends fährt sie oft noch mal ins Büro und nimmt das inzwischen fünf Monate alte Baby mit.
Die "Umwelt reagiert schockiert", sagt Reinelt - viele ihrer Bekannten und Freunde halten sie für eine Rabenmutter. Am liebsten würde sie auch in Teilzeit oder daheim arbeiten, aber das ist unvereinbar mit den Anforderungen einer Chefposition. Dem Kind gebe sie ausreichend Liebe und Zeit, "aber ich selber komme zu kurz". Wenn der Sohn nachts schreit, startet das Flugzeug nach Portugal trotzdem um 6.20 Uhr, "und ich muss den ganzen Tag frisch sein". Die Alternative sei gewesen, auf ein Kind zu verzichten - und das wollte Reinelt auf keinen Fall. Auf die Karriere aber auch nicht, schließlich habe sie "lange Jahre daran gearbeitet", überhaupt eine zu machen.
Die meisten Frauen ihrer Generation haben es trotz aller Anstrengungen nicht so weit gebracht. Die 30- bis 40-Jährigen sind zwar mit gleicher Qualifikation wie viele Männer ins Berufsleben gestartet, mussten aber feststellen, dass die Kollegen die Karriereleiter hochstiegen, während sie selbst auf den unteren Sprossen zurückblieben: Nur 13 Prozent der Posten im mittleren Management sind in Deutschland von Frauen besetzt, im Topmanagement gibt es nur noch mickrige 3,5 Prozent Frauen - Energiebündel wie Innegrit Volkhardt, Hotel-Chefin im Bayerischen Hof München, die 2000 als "Unternehmerin des Jahres" gefeiert wurde. Von diesen ist die Hälfte kinderlos, während 80 Prozent der Chefkollegen Väter sind.
Viele Frauen fühlten sich in der hierarchischen Welt der Großbetriebe, die sich, historisch bedingt, immer noch an den Regeln des Militärs orientiert, einfach unwohl, erklärt Christine Borneff, Geschäftsführerin der Personalberatung Spencer Stuart in Düsseldorf: Wenn diese Frauen "dann mit Mitte, Ende 30 über Kinder nachdenken, verlieren sie die Lust, sich an diesen Befremdlichkeiten abzuarbeiten. Sie meinen einfach, dass sich der ganze Stress im Unternehmen nicht lohnt".
Dass die Frauen zunächst eine lange Ausbildung machen, dann in den Beruf einsteigen und darin Erfolge suchen, erklärt auch, warum es immer mehr Spätgebärende gibt: 1990 waren nur 5 Prozent der Mütter über 35 Jahre alt, im Jahr 2000 lag die Zahl schon bei knapp 14 Prozent. Für viele in dem Alter ist es dann jedoch zu spät, um noch Kinder zu gebären (siehe Seite 72).
In der Werbung kommt die Verbindung "Karrierefrau und Mutter" fast nie vor. "Deren Leben ist ein Kompromiss", sagt Dirk Evenson, Berliner Geschäftsführer der Werbeagentur Scholz & Friends, "und mit Kompromissen kann man nicht werben."
Die Frau im TV-Spot: Sie weht entweder als schönes Karrierewunder mit engelhaft geföhnten Haaren über den Bildschirm, oder sie hält als glückliche Mutter für ihre fröhlichen Kinder Toffifee, Pommes frites von McCain und Mondamin-Saucen bereit. Manche schmusen auch verliebt mit ihrem nackten Baby und ölen es mit Penaten ein. Lediglich für eine Großraumtasche von Goldpfeil, die Akten und Windeln fasst, hat Evenson schon mal geworben.
Doppelbelastete Männer dagegen gelten als schick, vermutlich, weil der mütterliche Vater ein Wunschbild der Frauen ist: Der offensichtlich allein erziehende "Melitta Harmonie"-Mann kommt in Anzughemd und Krawatte aus dem Büro nach Hause. Er findet eine unordentliche Wohnung vor - jede berufstätige Frau wäre mit so einem Bild als schlechte Mutter und Hausfrau diskreditiert. Nicht aber der Melitta-Mann. Denn sein Sohn sitzt mitten im Chaos entspannt am Schreibtisch, und der nette Hund trägt im Einkaufsnetz die Kaffeepackung herein. Die Botschaft ist: Vater und Sohn leben unkonventionell, sind aber glücklich.
Auch wenn die Werbung wenig Gefallen an der doppelt belasteten Karrieremutter gefunden hat, beherrschte dieses Emanzipationsmuster jahrelang die avancierte Mittelschicht und ihre Medien. Dass es nun über Nacht in Frage gestellt werden konnte, hat auch einen sehr trivialen Grund: In Wahrheit nämlich hat es nie sehr viele doppelt belastete Frauen gegeben. Nur 5 Prozent der Mütter von Kleinkindern sind in Vollzeit berufstätig (siehe Grafik Seite 67). Das liegt auch am dramatischen Mangel an Betreuungsmöglichkeiten, schließlich gibt es im Westen Deutschlands nur für 1,5 Prozent der Kleinkinder Krippenplätze (im Osten: 16 Prozent), und von denen sind die wenigsten ganztags geöffnet. So miserable Betreuungsangebote gibt es in kaum einem anderen von der OECD kürzlich untersuchten Land (siehe Grafik) - und das, obwohl die Versorgungssituation noch in den sechziger Jahren in Frankreich, England und Deutschland ähnlich war. Wenn hier zu Lande eine Kinderfrau das Baby betreut, geht dafür oft das Gehalt der Mutter drauf.
Was also soll, so fragen sich immer mehr Karrieremütter, die ganze Mühsal? Ist das durch die eigene Arbeit zweifellos gestärkte Selbstbewusstsein wirklich so viel wert? Wer dies verneint, entscheidet sich leichteren Herzens dafür, das eigene Kind lieber selbst zu betreuen. Dahinter steht zunächst eine nüchterne Güterabwägung und keine althergebrachte Mutter-Romantik - deren gesellschaftliche Rehabilitation befördern solche Entscheidungen gleichwohl.
Sobald die Karrieremütter sich für das Kind und gegen die Karriere entschieden haben, geraten sie in eine paradoxe Situation: Vor ihrer ersten Schwangerschaft waren sie ungewöhnlich unabhängig vom Verdienst ihres Mannes. Nach der Geburt des ersten Kindes aber sind sie plötzlich finanziell ungewöhnlich abhängig - weil sie die Erwerbsarbeit gegen die Erziehungsarbeit eintauschen. Etliche ertragen diese ungewohnte Situation erstaunlich gelassen. "Eine gewisse Erleichterung, sich dem Berufsstress nicht mehr aussetzen zu müssen", hat der Hildesheimer Pastor Heinke bei diesen Müttern beobachtet. Der Job wird angesichts einer Berufswelt, die durch zunehmende Hektik, wachsende Konkurrenz und technischen Wandel reichlich rau geworden ist, seltener als der Königsweg zum wahren Selbst empfunden. Auch das erleichtert den Rückzug ins Private.
Dennoch möchten 79 Prozent der Mütter von Kleinkindern unter drei Jahren gern in Teilzeit arbeiten. Doch das ist, trotz des neu eingeführten Gesetzes über das Recht auf Teilzeitarbeit, nicht immer möglich. Da bleibt oft nur die Entscheidung zwischen ganz oder gar nicht. Etwa 75 Prozent bleiben schließlich ganz zu Hause.
Wie deutlich das herkömmliche Emanzipationsmodell zum Auslaufmodell abgesun-
ken ist, bestätigen prominente Powerfrauen: "Es gibt da die Erwartung, zumal aus Teilen der Frauenbewegung, Kind und Karriere quasi mit links auf die Reihe zu kriegen", sagt die ehemalige "Tagesthemen"-Moderatorin Gabi Bauer, 39, die in diesem Monat Zwillinge erwartet. "Am Ende funktioniert frau nur noch, und das Leben rast vorbei." Sie habe sich überlegt, "wozu soll ich denn Kinder haben, wenn ich täglich 13 Stunden arbeite?" Die Antwort war: erst mal gar nicht arbeiten.
Die Frage lautet, auch dies ein Indiz für den Wertewandel, heute nicht mehr: Wie lassen sich Kinder mit dem Beruf vereinbaren? Sondern: Wie lässt sich der Beruf mit Kindern vereinbaren? Der Job ist nicht mehr automatisch das Primäre, und Kinder gelten nicht mehr unbesehen als Karrierekiller, eher schon, und da warten neue Fallen, als Heilsbringer. Rund ein Drittel der Mütter hängt nach der Geburt des ersten Kindes den Job ganz an den Nagel: "Von allen Frauen, die hier in den Erziehungsurlaub gegangen sind", erklärt Tilman Falt, Geschäftsführer der Bonner Sponsor Partners Agentur, "ist noch keine wieder- gekommen."
"Ich habe Kinder in die Welt gesetzt, um das Leben mit ihnen zu genießen", sagt die Münchner Krankenschwester Ulla Fischer, 31. Und zum Genuss gehört Zeit. Ihr Mann verdient den Lebensunterhalt, sie hat ihre Arbeit aufgegeben und ist ganz für die drei Söhne da; sie versteht sich vor allem als deren Lebensbegleiterin. Ihr Ziel sei es, den Kindern "eine gute Mutter" zu sein, basta. Damit ist sie nicht allein: 44 Prozent der befragten Schwangeren räumten - in einer Wiener Studie - ein, die Frage "Werde ich eine gute Mutter sein?" beschäftige sie intensiv. Allein die Sorge darum, ob das Kind gesund sei, erschien den meisten Frauen noch drängender.
Auch die Münchner Erzieherin Andrea Keil hat festgestellt, dass Frauen wieder einen erstaunlichen Ehrgeiz entwickeln, "in jedem Fall eine gute Mutter" sein zu wollen. Vor allem jene Frauen, die ihre Selbstbestätigung jahrelang aus einem anspruchsvollen Beruf bezogen, hat der Hamburger Architekt Frank Pawlik, 38, mit einiger Befremdung in seinem Freundeskreis beobachtet, versuchten nun nach der Geburt, die Karriere in der Mutterschaft fortzusetzen: "Sie gehen das Muttersein mit der gleichen Intensität und Systematik an wie vorher ihren Job." Wenn sie dann das Kind nicht so im Griff haben wie ihren Job, sagt der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 77), sei das "eine kränkende Erfahrung für eine Karrierefrau".
Die zur reinen Übermutter mutierte Karrierefrau schafft sich in der Tat neue Probleme, kaum leichter zu meistern als die Verbindung von Karriere und Mutterschaft. Die Dinslakener Stillberaterin Silke Lehr, 35, die ein Adoptivkind und zwei leibliche Kinder großzieht, begegnet immer mehr "belesenen Frauen, die sich nicht auf den eigenen Körper, sondern auf Bücher verlassen". Die Schwangeren, so Lehr, hetzten von der Akupunktur zum Yoga-Kurs und dann zur Geburtsvorbereitung; junge Mütter schleiften ihre Babys pausenlos zur Massage, zum Schwimmen und zum Turnen: "Die haben das dringende Bedürfnis, jedes verfügbare Angebot zu nutzen, um bloß dem Kind das Beste zu geben."
Die Wissenschaft belegt Lehrs Schilderungen: 182 in einer Zürcher Studie befragte Schwangere besuchten 322 Kurse, zum Beispiel für die Säuglingspflege. Zusätzlich informierten sich 88 Prozent dieser Frauen ausführlich durch Bücher über Mutterschaft an sich. Fast alle diese Ratgeber idealisieren das Leben mit dem Kind, auch deshalb werden sie so häufig von Schwangeren gekauft.
Sich selbst setzen die Mütter damit unter viel zu hohen Druck: "Die Werbung zeigt ihnen, wie entspannt, schön und glücklich Mütter sind", sagt Lehr, "dann schreit das Kind nachts dauernd, und den Frauen bleibt bei dem Stress die Milch weg." Da hilft selbst "Das Stillbuch" nicht mehr weiter.
Eine Langzeitstudie an 175 Paaren, die der Münchner Familienforscher Wassilios Fthenakis 1995 im Auftrag der Landesbausparkasse begann, liefert eine Erklärung für dieses Phänomen: Überehrgeizige Frauen, die von einem anspruchsvollen Posten in die Mutterschaft umsteigen, waren als Kinder selbst einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt. Ihre Eltern verlangten, dass sie es "zu etwas bringen". Diese "restriktive Erziehung" führe dann zu "höheren Anforderungen an die eigene Ausübung der Elternrolle".
Was eine gute Mutter ausmacht, geben wiederum die "traditionellen Geschlechtsrollen vor", analysiert die Langzeitstudie. Die Elternrolle ist danach "die primäre Aufgabe der Frau" - die alte Mutter-Mythologie lässt grüßen. Dabei sei "überraschenderweise selbst das Ausmaß von traditionellen Haltungen zu den Geschlechtsrollen weder bei den Frauen noch bei den Männern mit dem Bildungsgrad verknüpft". Starke Mythen überspringen auch soziale Unterschiede.
Allerdings hält die Erlanger Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim dies vor allem für ein nationales Phänomen: In Deutschland hat sie ein "sehr viel konservativeres Mutterbild" ausgemacht als in anderen europäischen Ländern.
Die Hamburger Romanistikprofessorin Barbara Vinken, selbst Mutter eines Kindes, sucht dafür in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos" nach einer Erklärung. Vinkens These: So unterschiedliche Protagonisten deutscher Geschichte wie Luther und Hitler hätten ein Ideal propagiert, das maßlose Ansprüche an die deutsche Frau stelle; die Mutter gelte demnach als Hauptverantwortliche für das Seelenheil der Familie, als diejenige, die sich "um alles kümmert", damit ihre Brut "gegen die kalte, harte Welt bestehen kann". Sie hält dieses Mutterbild für die politisch brisanteste Form, die Selbstbestimmung der Frauen zu reglementieren. Es ist auch existenziell brisant, wie zuletzt der Freitod von Hannelore Kohl gezeigt hat - sie hat dem ehemaligen Bundeskanzler jahrzehntelang fast allein die Familie "besorgt" und ist wohl auch daran zerbrochen.
Dabei ist der deutsche Muttermythos viel älter als 70 oder auch 500 Jahre. Die Wurzeln reichen bis tief ins Mittelalter. Damals waren Frauen zwar nicht in dem Maße für die Kinderbetreuung zuständig wie heute, schließlich gab es Großeltern, unverheiratete Verwandte oder Ammen, die auf die Kleinen aufpassten. Doch Aberglaube wie Hochreligion lehrten: Niemand auf der Welt ist wichtiger für das Kind als die Mutter, die "hehre Frau".
Schon die Schwangere, so der Volksglaube damals, verfügte über Zauberkräfte: Alles, was sie säte und pflanzte, geriet doppelt gut. Die Gebärende dagegen, so nahm man in einigen Regionen an, hemmte die Produktivität ihrer Umgebung: Im ganzen Haus musste die Arbeit ruhen, damit nichts missriet.
Das leuchtende Vorbild aller europäischen Mutterideologien aber war Maria, die Mutter Gottes, wie sie auf unzähligen Altarbildern verewigt wurde. Maria ist heilig, weil diese Frau ein göttliches Kind ausgetragen hat. Ihre Mutterschaft ist geistlich und physisch zugleich, und Jesus ist im selben Maß Sohn Gottes und Mensch. Die Mutter Maria ist somit die irdische Vermittlerin zwischen dem Menschen und allem Göttlichen - und das große Vorbild für alle frommen Christenfrauen. Sogar der Protestantismus, der mit Maria eher zurückhaltend umgeht, schätzt die Mutterschaft hoch. Fand für den Katholiken des Mittelalters die wahre Frömmigkeit in Kirche und Kloster statt, erklärte der entlaufene Mönch Martin Luther, der die ebenfalls entlaufene Nonne Katharina von Bora geheiratet hatte, die Familie für heilig. Nicht die Nonne, sondern die Ehefrau und Mutter führte von nun an das wahre, erfüllte, gottesfürchtige Frauenleben.
Diese Auffassung übernahm das erstarkende Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts, das es als Privileg betrachtete, die Ehefrauen nicht mehr zur Arbeit schicken zu müssen. In Bauernfamilien, aber auch in Adel und Großbürgertum wurde, wenn möglich, die tägliche Erziehungsarbeit delegiert - an Verwandte oder Gouvernanten.
Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem die Psychoanalyse genauer auf die frühe Kindheit und die Mutter-Kind-Beziehung schaute, entstand eine - wissenschaftlich mehr oder weniger begründete - "Ideologie der intensiven Bemutterung", wie die amerikanische Soziologin Sharon Hays es in ihrem Standardwerk "Die Identität der Mütter" formuliert.
Dieses Betütern beginnt heute allerdings schon während der Schwangerschaft. Frauen, die früher gern Pop von Radiohead hörten, legen plötzlich Mozart-CDs ein, damit der Nachwuchs intelligent wird - "von manchen Müttern wird das richtig zelebriert", sagt der Heidelberger Familientherapeut und Psychiatrieprofessor Cierpka. In der Juli-Ausgabe von "Geo" mit dem an Disneyland erinnernden Titel "Erlebniswelt Mutterleib", derzeit vermutlich die Lieblingslektüre von Schwangeren, wird erklärt, wie amerikanische Eltern dem Fötus mit Hilfe einer blinkenden Halogenlampe das Zählen beibringen. Und im Internet gibt es unter www.zappybaby.de eine Website von begeisterten Eltern für werdende Eltern.
Doch spätestens mit der Geburt kommt der "Realitätsschock", wie der Münchner Frühpädagoge Textor es nennt: Nicht nur sind 80 Prozent der Mütter in den ersten Wochen nach der Entbindung phasenweise von Depressionen geplagt. "Entgegen der gesellschaftlichen und der eigenen Erwartung, dass Mütter von Anfang an die Bedürfnisse ihres Kindes verständen, müssen sie zumeist erleben, dass dies nicht der Fall ist."
Viele Mütter fremdeln mit dem neuen Wesen - und schlagen sich gleich mit Schuldgefühlen herum. Noch schlimmer wird es, wenn das Kind dauernd schreit oder beim Stillen den Kopf wegdreht. Dann sei die Mutter überzeugt, dass es sie nicht liebe, hat Psychiater Cierpka in seiner "Eltern-Säugling"-Sprechstunde beobachtet. Da helfe nur, die "Gleichung zwischen Mutter und Kind möglichst schnell miteinander neu zu formulieren".
Doch dass sie keine Ahnung haben, was die Kleinen plagt, müssen Frauen erst mal zugeben. Eine Untersuchung der Ohio State University ergab, dass Mütter zwar überzeugt sind zu wissen, was in den Köpfen ihrer Kinder vorgeht, in Wahrheit aber oft danebenliegen; und zwar umso weiter, je älter Sohn oder Tochter sind.
Viel schwieriger als das Kennenlernen des eigenen Nachwuchses ist es aber, ihn auch wieder loslassen zu können. "Ich wollte den kleinen Wurm nicht in fremde Hände geben", sagt die in Schwäbisch Hall lebende Soziologin Annette Cölsch-Limbacher, 36. "Ich dachte, der braucht mich, und wenn ich nicht drei Jahre lang zu Hause bleibe, bin ich eine Rabenmutter." Also verzichtete sie erst mal auf ihre Karriere.
Auch wenn diese Ansicht weit verbreitet ist - ein wissenschaftliches Fundament hat sie nicht, im Gegenteil: Internationale Studien über die Auswirkungen der Fremdbetreuung von Kindern unter drei Jahren ergaben keinerlei negative Folgen für die Psyche. "Wenn sich immer dieselben Bezugspersonen um das Kind kümmern, die Gruppe nicht zu groß ist und das pädagogische Konzept stimmt", sagt Pädagoge Textor, "dann ist auch eine achtstündige Betreuung nicht schädlich."
Vielleicht nicht für das Kind - aber für die Mutter. "Die Trennungsszenen von meinem Kind waren filmreif", erzählt die zweifache Mutter Regina Oldenburg, 39, aus Wittingen. Als ihr erstes Kind ein paar Monate alt war, wollte sie wieder als Tex-
tilbetriebswirtin arbeiten. Ihre eigene Mutter wohnte im selben Ort und war bereit,
die Betreuung des Enkels zu übernehmen. "Aber ich konnte mich kaum losreißen. Und den ganzen Tag lang hatte ich ein schlechtes Gefühl, nicht in der Nähe meines Kindes zu sein", berichtet Oldenburg.
"Dabei war es bei der Oma bestens aufgehoben." Sowieso bleibt die Frage, warum eine Frau, die jahrelang ihre Tage zum Bei-
spiel mit Meetings, E-Mails und Aktenstudium verbracht hat, eine so viel bessere Betreuerin für ihr Kind sein soll als eine ausgebildete und erfahrene Tagesmutter.
Für die in Hannover lebende Zahnärztin Martina Kuntze, 43, ist das westdeutsche Gluckentum befremdlich. In der DDR hatte sie ihren kleinen Sohn Hagen jeden Morgen in die Krippe gebracht und nach einem neunstündigen Arbeitstag wieder abgeholt. Keine Frau musste sich persönlich anlasten, eine Rabenmutter zu sein - das Erwerbssystem in der DDR sah eben vor, dass die Kinder den Tag im Kindergarten verbrachten. Der inzwischen 17jährige Hagen sei, so Kuntze, ein aufgeweckter junger Mann geworden.
Im Westen habe sie dagegen reichlich Gelegenheit, das "Übermutter-Phänomen" zu studieren. So könne sie in ihrer Zahnarztpraxis fast täglich beobachten, "dass viele Kinder mutterfixiert sind, altklug und trotzdem unselbständig". Sie fingen beispielsweise viel später als die Kinder in der DDR an, sauber zu werden - was sicher auch daran lag, dass es dort keine Pampers gab.
Die Westkinder dagegen nützten gezielt die Überfürsorglichkeit der Mütter aus und entwickelten sich manchmal zu regelrechten Terroristen. "Die Angst, etwas verkehrt zu machen, und Selbstzweifel führen dazu, dass die Mütter sich bis zur eigenen Erschöpfung und darüber hinaus um die Kinder bemühen", erläutert Pädagoge Textor. Kein Wunder, hat die Psychoanalyse die Mutter doch für viele Neurosen ihrer Sprösslinge verantwortlich gemacht.
Unrealistisch hohe Ansprüche quälen etliche Mütter und sind gleichzeitig eine Belastung für die Kinder. "Die tun mir richtig Leid", sagt Kuntze, "denn die Eltern konzentrieren sich total auf das Kind, und wenn Oma und Opa da sind, stürzen die sich auch noch auf den einzigen Enkel." Erst nützen die das vielleicht noch fröhlich aus und lassen sich Mountainbikes für 1500 Mark, Handys für 600 Mark oder Tretroller für 500 Mark schenken. Doch dauernd derart wichtig sein, das bekommt nicht jedem Kind: Aus dem süßen Baby in der Oilily-Latzhose wird ein Haustyrann.
Auch Therapeut Cierpka beobachtet mit Sorge diesen grundsätzlichen Wandel in der Struktur der Familien: von der elternzentrierten Familie zu der um das Kind zentrierten Familie. Der Nachwuchs werde oft, so Cierpka, als Zuwachs an kreativen Möglichkeiten für die Lebensgestaltung betrachtet und nicht als Individuum mit eigenen Bedürfnissen: Möchte die kleine Tochter wirklich zum Flötenunterricht oder zur Geigenstunde gehen - oder wollen die Eltern nach neun mit Klassik-CDs verbrachten Schwangerschaftsmonaten nur Erfolge der musischen Erziehung sehen?
Die US-Kette "Baby Gap" mit ihren entzückenden Stramplern, zitierte eine britische Journalistin im "Observer" ihre Freundin, sei ein nicht unwesentlicher Grund, ein Kind zu bekommen. Das war zwar ironisch gemeint, ist aber trotzdem wahr: Eine Umfrage unter Ost- und Westdeutschen im Alter von 16 bis 45 Jahren ergab Anfang dieses Jahres, dass im Westen Kinder als "Prestigeobjekt" gelten, das man gern vorzeigt.
Deshalb muss es auf Hochglanz gebracht werden. Dass der Sprössling vom Tennisunterricht zur Klavierstunde zur Arbeitsgruppe gehetzt werde, meint Cierpka, entspreche oft mehr den Vorstellungen ehrgeiziger Eltern als den Wünschen der Kinder. Die Folge: Sie "können sich nicht kindgemäß entwickeln". Für den Zürcher Jugendpsychologen Allan Guggenbühl ist es auffällig, "welch überragende Bedeutung einem Einzelkind in einer Familie zugeschrieben wird" und wie darüber sogar "persönliche Interessen oder Kollegenkontakte" vernachlässigt würden. "In Kleinfamilien droht sich alles um das Kind zu drehen", ob es will oder nicht. Auch der Münchner Familienforscher Hartmut Kasten warnt, dass Eltern ihr einziges Kind mit Leistungsansprüchen überfordern. Tat- sächlich haben Depressionen, Ängste und Schulschwierigkeiten in etwa dem Maße zugenommen, wie die Geburtenrate sinkt.
Besonders groß ist nach Cierpkas Auffassung die Gefahr von Fehlentwicklungen für Kinder, die als Partnerersatz dienten. Das sei gerade bei Alleinerziehenden ein Problem: "Ich bin froh, dass man endlich darüber spricht, dass dies Risikokinder sein können", sagt Cierpka. Das Sozialverhalten dieser Kinder ist weniger angepasst als das von Kindern, deren Eltern zusammenleben. Die Untersuchungen zeigten "alle übereinstimmend, dass bei vater- beziehungsweise mutterlos aufgewachsenen Kindern mit spezifischen Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen gerechnet werden kann", erklärt die Oldenburger Soziologin Rosemarie Nave-Herz, "aber nicht muss".
Der amerikanische Psychiater Daniel Stern führt in seinem Buch "Geburt einer Mutter" die "häufigsten Leitvorstellungen" auf, die Frauen für ihr zukünftiges Baby und seine Rolle in ihrem Leben entwerfen: bedingungslose Liebe, das Baby als Ersatz, das Baby als Antidepressivum, das Stellvertreter-Baby - ernüchternder kann eine Aufzählung kaum sein.
Genauso ernüchternd sind allerdings die sozialen Ursachen für das Revival der Mutterschaft. Als die Hausfrau und Mutter Cölsch-Limbacher vor kurzem zum Arbeitsamt in Schwäbisch Hall ging, weil sie einen Job als Soziologin suchte, antwortete der Berater: "Ich schlage vor, Sie kriegen noch mehr Kinder. Sie wissen ja, dass die Deutschen aussterben, und Vollzeit-Mutter zu sein ist eine ehrenvolle Aufgabe." Eine Arbeit hat der Mann ihr nicht angeboten. Seitdem fragt Cölsch-Limbacher sich, ob "die vielen Frauen auf dem Arbeitsmarkt überhaupt gewollt sind".
Und sie überlegt, ob es nicht doch besser gewesen wäre, erst einige Jahre zu arbeiten und dann ein Kind zu bekommen - wie sie es geplant hatte. Wenn die Schwiegermutter und all die anderen ihr nicht dauernd davon vorgeschwärmt hätten, wie schön und erfüllend das Leben als Mutter sei, hätte sie das vielleicht auch so gemacht.
Aber warum haben sie ihr vorgeschwärmt, und warum war sie für diese Art Schwärmerei anfällig? Das sind die emotionalen Spätfolgen einer langen Tradition. "Ich wollt, die Mutter käm nach Haus", sagt das verwirrte Gretchen in Goethes "Faust". Ein Satz, der es in sich hat: Zu Hause sein, sich geborgen fühlen, sich "einfach" der Herkunft versichern - das wird seit Jahrhunderten mit der Mutter-Idee verbunden.
Diese komplexe, ikonenhafte Kraft des überlieferten Mutterbildes wirkt auch und gerade da, wo sie nicht ausdrücklich bemerkt oder reflektiert wird. Die Wiederkehr des Bildes dürfte umso triumphaler ausfallen, je länger es nicht groß beachtet wird. Viel spricht darum für diese Variante eines alten Liedverses: Wenn du noch eine Mutter hast, so danke Gott, und halt den Mund. SUSANNE BEYER,
MARIANNE WELLERSHOFF
* Computersimulation für Muttertags-Werbeplakat eines Pariser Kaufhauses; das Model ist wirklich schwanger. * Mit George Clooney in dem Film "Einer dieser Tage" (1996). * Gemälde von Andrea Solario (1507 bis 1510).
Von Susanne Beyer und Marianne Wellershoff

DER SPIEGEL 29/2001
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