16.07.2001

Nachwuchs in der Warteschleife

Von Lakotta, Beate

Erst Karriere, dann Kinder: Ärzte verhelfen zu später Mutterschaft.

Die Aufforderung in Genesis 1, 28 klingt einfach: "Seid fruchtbar und mehret euch." Doch in Deutschland bleibt jede dritte Frau über 35 Jahren kinderlos. Viele wollen schlicht keinen Nachwuchs. Jeder zweite Kinderwunsch scheitert an untauglichen Spermien des Partners. Oft lautet die Diagnose aber auch: zu alt und deshalb unfruchtbar.

Aus medizinischer Sicht sind die Jahre von 20 bis 25 das ideale Alter für die Mutterschaft. Schon heute liegt das Alter der Erstgebärenden jedoch im Schnitt bei 30 Jahren - Tendenz: steigend. "Der Glaube an die beliebige Planbarkeit der Schwangerschaft ist heute bei vielen Paaren stark ausgeprägt", sagt der Bonner Frauenarzt Hans van der Ven.

Womit viele Frauen nicht rechnen: Die Chance, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, verringert sich vom 30. Lebensjahr an dramatisch. Das wahre Ausmaß der Verzweiflung zeigt sich in den Praxen der Fortpflanzungsmediziner, wo täglich verhinderte Mütter zusammenbrechen.

Etwa die Hälfte der Patientinnen, schätzt Robert Fischer vom Fertility Center Hamburg, seien Mitte 30 oder älter. Erst hätten sie ihre Karriere geregelt, doch unterdessen habe das Potenzial ihrer Eizellen gelitten. "Die meisten sind nicht von Natur aus unfruchtbar, sondern suchen sich einfach eine unpassende Zeit zum Kinderkriegen aus", sagt Fischer. "Eine egoistische Einstellung: Die Frauen sehen nicht das Wohl des Kindes, sondern zuerst ihr eigenes." Nicht wenige hätten erst ein, zwei Jahre zuvor eine Abtreibung hinter sich gebracht.

Klappt es mit dem Baby dann zum strategisch günstigen Zeitpunkt nicht, soll die Medizin die verkorkste Lebensplanung retten. Doch ab 35 hat auch die Reagenzglas-Befruchtung immer seltener Erfolg - in Deutschland führte 1999 die Methode nur bei jeder siebten Frau über 40 zur Schwangerschaft, oft erst nach mehreren psychisch und körperlich belastenden Hormonkuren.

Doch die Babymacher arbeiten ständig an einer Verbesserung ihres Arsenals. Die amerikanische Starfotografin Annie Leibovitz, 51, freut sich seit kurzem über ihr spätes Mutterglück. Auch die deutschen Reproduktionsmediziner wollen künftig noch 50-Jährige mit Hilfe von gespendeten Eizellen schwängern, wenn deren eigene Eier verwelkt sein sollten. Als Wegbereiter der späten Mutterschaft gilt der italienische Frauenarzt Severino Antinori, der auf diese Weise erstmals einer 62-Jährigen Nachwuchs bescherte.

Im vergangenen Jahr pflanzte Mediziner van der Ven einer 39-jährigen Frau ihre eigene befruchtete Eizelle ein, die neun Jahre lang auf Eis gelegen hatte. Das "Kind in der Warteschleife", so die Vorstellung der Mediziner, könnte eines Tages den Konflikt zwischen Karriereplanung und Kinderwunsch lösen: Eine Frau könnte in jungen Jahren ein Kind auf Eis legen, einen Posten ergattern und anschließend Mutter werden.

Reproduktionsmediziner feiern solch eine Schwangerschaft auf Bestellung schon als Akt der weiblichen Selbstbestimmung. Dabei müssen alte Schwangere bislang mit ernsten gesundheitlichen Komplikationen rechnen: Thrombosen, erhöhtem Blutdruck, Wassereinlagerungen. Mit jedem Jahr steigt auch das Risiko, ein behindertes Kind zu empfangen.

"Mit ihrem Körper reparieren Frauen einen gesellschaftlichen Versorgungsskandal", konstatiert die Bremer Landesbeauftragte für Frauen, Ulrike Hauffe. "Sie versuchen, ihr Problem individuell durch die Medizin zu lösen, statt bereits im Vorfeld sozialpolitische Veränderungen einzufordern." BEATE LAKOTTA


DER SPIEGEL 29/2001
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