16.07.2001

SERIE - TEIL 11 DER NEUE MENSCHREINE RASSE

Gendiagnostik, Klonen, Sterbehilfe: Wenn Wissenschaftler den Fortschritt feiern, lösen sie auch heftige Abwehrreflexe aus. Denn die Erinnerung an die Euthanasie-Mordaktionen der Nazis bleibt wach. / VON KLAUS FRANKE --- S.134 Klaus Franke war bis 1999 SPIEGEL-Redakteur in Hamburg.
Das Schriftstück mit Datum vom 1. September 1939 bestand aus sieben getippten Zeilen und nur einem einzigen Satz. Für Zehntausende Deutsche kam der formlose Wisch einem Todesurteil gleich.
"Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt", so der Text, "sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann." Unterschrift: Adolf Hitler.
Philipp Bouhler, Leiter der Kanzlei des Führers, und Karl Brandt, SS-Obersturmbannführer und offizieller "Begleitarzt" Hitlers, wussten den verklausulierten Wink ihres obersten Dienstherrn richtig zu deuten. Das Schreiben, auf einem Privatbriefbogen Hitlers, erteilte den beiden Adressaten den Auftrag, die systematische Vernichtung aller unheilbar Geistesgestörten zu organisieren.
In der Berliner Tiergartenstraße 4 etablierten Brandt und Bouhler unverzüglich eine "Euthanasie"-Zentralstelle (nach der Anschrift "T4" genannt), in der ein Ärztekollegium Patienten-"Meldebögen" entwarf, die an alle Heil- und Pflegeanstalten versandt wurden. Anhand der Formulare, die Fragen nach Art und Dauer des Leidens, aber auch nach "Rasse" und Vorstrafen des Patienten enthielten, sollten ärztliche Gutachter später die Todeskandidaten unter den Kranken ermitteln.
Die Suche nach einem praktikablen Tötungsverfahren beendete Brandt mit einem Experiment. Anfang 1940 reiste er mit seinem T4-Stab in die Heilanstalt Brandenburg an der Havel, wo er und der Reichsärzteführer Leonardo Conti sechs Patienten mit Hilfe tödlicher Injektionen ums Leben brachten. Acht weitere wurden in einen bunkerähnlichen Raum geführt; nachdem die Türen verriegelt waren, ließen Helfer über ein Rohrsystem Kohlenmonoxid in das Verlies strömen.
Am Ende des schauerlichen Vergleichstests wusste das T4-Team, wie es sich entscheiden würde: für die Gaskammer. Bald schon rollten graue Busse mit verhängten Fenstern durchs Land, die Gruppen von Kranken und geistig Behinderten in eigens geschaffene Tötungsanstalten transportierten.
Mehr als 100 000 Patienten, darunter auch deutsche Soldaten, die an der Front Gehirnschäden erlitten oder den Verstand verloren hatten, starben in den psychiatrischen Mordstätten. Hitler ließ die T4-Aktion nach Protesten aus Kirchenkreisen im August 1941 stoppen. Doch auch danach ging das Morden, insgeheim, weiter.
Wenige Tage zuvor, am 3. August 1941, hatte der katholische Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, von der Kanzel herab die Tötungsaktionen verdammt und bereits Ende Juli Strafanzeige gegen die mutmaßlichen Täter erstattet. Ruchbar geworden waren die Morde, als immer häufiger Psychiatrie-Patienten plötzlich verlegt wurden und die Angehörigen bald darauf die Nachricht vom Tod der Kranken erhielten, samt der Aufforderung, eine Adresse anzugeben, an welche die Asche der Verstorbenen übersandt werden sollte.
In Briefen an Anwälte und Behörden wurde von Galen noch deutlicher als in seiner Predigt. So sprach er in einem Schreiben an den westfälischen Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow von "organisiertem Mord" und einem "Verbrechen, das zum Himmel schreit und das zum Unheil und Verderben für das deutsche Volk führen wird".
Dass ausgerechnet ein Arzt die später in Auschwitz oder Treblinka noch perfektionierte Technik der Massentötung als Erster erprobt hat, wirkt im Rückblick wie Hohn auf die glorreiche Tradition der deutschen Medizin. Wie konnten deutsche Ärzte, akademische Nachfahren weltberühmter Lichtgestalten wie Robert Koch oder Rudolf Virchow, zu Komplizen einer Mörderbande werden, die kranke Kinder, Frauen und Greise wie Unkraut beseitigte?
Bis in die Gegenwart reicht die Kette der Erklärungsversuche, die das verstörende Rätsel umkreisen. Warum regte sich im ärztlichen Kollegenkreis kein Widerstand gegen das "Euthanasie"-Programm? Kein einziger deutscher Psychiater protestierte; kaum einer zögerte, die ihm anvertrauten Patienten nach den T4-Kriterien zu selektieren und an die Tötungsanstalten auszuliefern.
Erst spät, lange nach Kriegsende, gelang es Historikern, die Details der T4-Aktion aufzuklären; Unterstützung aus der Ärzteschaft wurde den Forschern selten zuteil. Jede Studie lässt den Horror von einst wieder aufleben - ein Trauma, das ungehindert weiter schwelt.
Wo immer derzeit zwischen Rhein und Oder über Euthanasie und Sterbehilfe debattiert wird, tauchen unweigerlich die Schatten des Dr. Brandt und seiner T4-Gehilfen auf, die mit ihrem Treiben die Nation, wie es damals hieß, von nutzlosen "Ballastexistenzen" befreien wollten.
Als kurz vor Ostern das niederländische Parlament ein Gesetz verabschiedete, das - bislang einmalig in der Welt - den Ärzten aktive Sterbehilfe erlaubt, vereinigten sich Politiker, Kirchen und Medien zu einer geschlossenen Abwehrfront. Dergleichen, schwor die Berliner Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, werde es in Deutschland niemals geben. Vor einem ethischen "Dammbruch" warnte Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, die Gesetzesregelung öffne "Tür und Tor dem Missbrauch".
Obwohl die Niederländer jedes Euthanasie-Begehren vor der Genehmigung von unabhängigen Ärzten, Juristen und Ethikberatern prüfen lassen wollen, signalisierten selbst liberale Beobachter in Deutschland schroffe Ablehnung. Das Gesetz, schrieb die "Süddeutsche Zeitung", könne "nicht verhindern, dass wirtschaftliche Gründe Sterbehilfe diktieren" und dass "aus der Sorge um ein würdiges Sterben die Entsorgung eines vermeintlich nicht oder nicht mehr lebenswerten Lebens wird".
Ähnlich scharf und emotionsgeladen klingen nicht selten die Reaktionen, wenn es um die neuesten Errungenschaften der Gentechnik geht. Eingriffe ins Erbgut, selbst wenn sie der Behandlung schwerer Erbkrankheiten dienen sollen, sind den Deutschen nicht geheuer. Allein die Terminologie des Genexperten, klagt ein Hamburger Bioforscher, löse "bei vielen Unbehagen und Abwehrreflexe aus".
In einem Artikel mit der Überschrift "Frankenstein im Land der Dichter und Denker" hat die US-Zeitschrift "Science" ihren Lesern unlängst das Dilemma der deutschen Gentechnologen verdeutlicht: "Weil die Sprache der Biologie Bestandteil der Nazi-Ideologie war, in deren Namen die fürchterlichsten Verbrechen begangen wurden, und weil der aus der deutschen Geschichte abgeleitete moralische Imperativ lautete: nie wieder, ist die Antwort klar: Hände weg von der Genmanipulation und der Biotechnologie" - darüber bestehe "ein breiter Konsens unter deutschen Intellektuellen und bei einem Großteil der deutschen Bevölkerung".
Wohl wahr: Ein Sturm der Entrüstung brach los, als 1999 der Philosoph Peter Sloterdijk in einem raunenden Essay (Titel: "Regeln für den Menschenpark") nach einem "Codex der Anthropotechniken" verlangte und die Frage aufwarf, ob "die Menschheit gattungsweit eine
Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion wird vollziehen können" - ob sie also willens und fähig sei, ihre Fortentwicklung demnächst mittels "expliziter Merkmalsplanung" gentechnisch zu steuern, anstatt sie dem evolutionären Zufall zu überlassen.
Sloterdijks lustvoll zelebrierter Tabubruch, obwohl weitgehend frei von wissenschaftlicher Fachkenntnis, wirkte besonders provozierend, weil er einen Hauptnerv des menschenverachtenden Nazi-Regimes berührte, nämlich jenen Komplex von erbbiologischen und rassistischen Wahnvorstellungen, die zum ideologischen Kernbestand der NS-Bewegung gehörten.
Schon in dem programmatischen Wälzer "Mein Kampf", den Hitler großteils während seiner Landsberger Festungshaft verfasste, schwadronierte der kurz zuvor gescheiterte Putschist von "Entartung", "Degeneration" und der Notwendigkeit, die desolate völkische Erbmasse durch "Rassenhygiene" und "Auslese der Tüchtigen" aufzubessern.
Mit dem Blick eines Viehzüchters musterte der spätere "Führer" seine Volksgenossen. Ganz oben auf der politischen Agenda standen für ihn das "Heranzüchten kerngesunder Körper" und die Sorge um die "rassische Qualität des gegebenen Menschenmaterials". "Bastarde", untaugliche Kreuzungsprodukte aus unterschiedlichen Rassen, sollten aus der Herde verschwinden; biologisch Minderwertigen - "Syphilitikern, Tuberkulösen, erblich Belasteten, Krüppeln und Kretins" - dürfe es, so Hitler, künftig nicht mehr erlaubt sein, sich fortzupflanzen.
Das hysterische Machwerk mit seinen teils schwülstigen, teils vulgären Tiraden stieß bei seinem Erscheinen auf wenig Interesse. Was der Möchtegern-Politiker da im Knast produziert hatte, war nach dem Urteil zeitgenössischer Kritiker nicht nur verheerend schlecht geschrieben, sondern obendrein nicht gerade originell.
Richtig ist: Hitlers Botschaft vom angeblich verrottenden Genpool der Deutschen war dem Publikum damals längst auch aus anderen Quellen geläufig.
Themen der Erbbiologie und Eugenik, der Sorge um die Erbgesundheit, waren in den zwanziger Jahren ähnlich populär wie heute die Nachrichten aus den Labors der Genforscher. Überall, in Europa wie in den USA, waren Wissenschaftler erstmals systematisch dem Ursprung von Erbkrankheiten auf der Spur. Rassenforscher fahndeten im europäischen Völkergemisch nach womöglich noch unverfälschten "fälischen", "ostischen" oder "dinarischen" Urtypen. Kriminologen studierten die Familienstammbäume von "Gewohnheitsverbrechern" oder vermaßen die Schädelformen Krimineller, in der Hoffnung, Hinweise auf eine "asoziale Veranlagung" finden zu können.
Wie ein Zerrspiegel reflektierte Hitlers Buch das gelehrte Durcheinander, ein explosives Gemisch aus Biologie und Politik, das schon lange vor dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte, die Atmosphäre in Europa zu vergiften. "Selektion" etwa, jener Terminus, der später auf der Rampe von Auschwitz zum Schreckenswort und zur Chiffre für den Holocaust wurde, war bereits im Werk des genialen britischen Naturforschers Charles Darwin (1809 bis 1882) zu einem gefährlich schillernden Schlüsselbegriff geworden.
Jede neue Generation von Lebewesen, lehrte Darwin, habe sich in einem unerbittlichen Prozess der Auslese ("selection") zu bewähren; überleben könne dabei nur, wer dank geeigneter Erbanlagen besonders gut für den Daseinskampf gerüstet sei - ein grimmiger, aber laut Darwin auch wohltätiger Wettbewerb, der schließlich den Urmenschen vom affenartigen Höhlenbewohner zum hoch talentierten Homo sapiens befördert habe.
Dass die bislang glänzende Laufbahn des Menschengeschlechts plötzlich einen Karriereknick erleiden könnte, dämmerte Darwin, als er die Schriften seines Landsmanns Thomas Robert Malthus studierte. Der Ökonom und Historiker hatte um 1800 als Erster die damals in Europa beginnende Bevölkerungsexplosion bemerkt und sie als Folge wirtschaftlicher, technischer und sozialer Fortschritte gedeutet.
Ohne Kriege, große Seuchen und Hungersnöte, schätzte Malthus, werde sich die Bevölkerung in den zivilisierten Erdregionen etwa alle 25 Jahre verdoppeln, nach seiner Überzeugung eine Katastrophe, die alle inzwischen erreichten Verbesserungen der Lebensumstände schnell wieder zunichte machen würde.
Darwin hielt das Problem für noch weit ernster: Da bei der von Malthus vorhergesagten Entwicklung zunehmend auch den vital Schwachen, Kränkelnden und Minderbegabten das Überleben erleichtert werde, fürchtete Darwin, müsse zwangsläufig der evolutionäre Fortschrittsmotor ins Stottern geraten; mit dem Erfolgsmodell Mensch werde es dann wohl bald bergab gehen.
Der sanftmütige Brite war geneigt, sich in christlicher Demut mit dem zu erwartenden Niedergang abzufinden: "Wir müssen", schrieb er, "die ganz zweifellos schlechte Wirkung des Überlebenbleibens und Vermehrens der Schwachen ohne weitere Klagen ertragen." Dazu aber waren längst nicht alle seiner Anhänger bereit.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Darwin zum Kronzeugen einer wenig barmherzigen Politik, die jede Sozialfürsorge für schädlich hielt und stattdessen das "Recht des Stärkeren" als quasi naturgewollt akzeptierte. Es half nichts, dass Europas Linke mit dem Argument konterten, die kulturschaffende Menschheit sei ja zu ihrem Glück längst dem blinden Terror der Darwinschen Naturgesetze entronnen und habe, so Karl Marx, eine "zweite Natur" mit anderen, freundlicheren Regeln entwickelt.
Am Ende des Säkulums war der "Sozialdarwinismus" zur unangefochtenen Ideologie des konservativen Bürgertums geworden - wohl nicht zuletzt, wie sozialistische Kritiker vermuteten, weil Darwins Lehre vom "Kampf ums Dasein" und vom "Überleben der Tüchtigsten" wie eine Beschreibung der herrschenden kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft wirkte.
Keiner weiß, was den jungen Hitler, einen Schulversager ohne Berufsaussichten, bewogen hat, sich für die Verfechter eines unerbittlichen Ausleseprinzips zu begeistern.
Aus den unsystematisch zusammengeklaubten Lesefrüchten erwuchs allmählich das, was Hitler später seine "Weltanschauung" nannte, ein steiles, roh zusammengezimmertes Gedankengebäude, in dem auch aggressive Rassentheoretiker wie der alldeutsche Schriftsteller Jörg Lanz von Liebenfels umhergeisterten. Der hatte schon 1907 empfohlen, alle "erblich belasteten Familien auf schonende Weise auszurotten" und Sozialhilfe nur Personen mit ausgeprägt germanischem Erscheinungsbild zu gewähren.
Niemand, der Hitler damals kannte, hätte geglaubt, dass es diesem verschrobenen Klugschwätzer einst gelingen würde, die seinerzeit führende Industrienation Europas auf seine grotesken Ideen einzuschwören. Lag es an den Deutschen und einer für sie typischen, womöglich konstitutionellen Neigung zu irrationalen Ausschweifungen?
Alle Bundespräsidenten, von Theodor Heuss bis Johannes Rau, haben sich bemüht, wenigstens die Nachkriegsdeutschen von diesem deprimierenden Verdacht freizusprechen. Allerdings: Durch besonders krassen Rassenhochmut, fanatischen Antisemitismus oder eine mitleidlose Sozialpolitik waren die Deutschen auch vor 1933 kaum aufgefallen.
Die deutschen Erbbiologen und Eugeniker, als Forscher international hoch geachtet, standen damals noch nicht im Ruf, gefährliche Extremisten zu sein, wenn auch manche von ihnen den NS-Ideologen intellektuelles Futter lieferten - so etwa das Biologen-Trio Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz mit seinem "Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene", einem populärwissenschaftlichen Bestseller, der geeignet war, dem Rassenwahn der Nazis einen Anschein von Seriosität zu verleihen.
In Fischers elitärem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, gegründet 1927, galt es auch nach 1933 als unfein, Kollegen mit dem Hitler-Gruß zu empfangen. Der dort herrschende unterkühlte Rassismus begnügte sich mit der Forderung nach einer Art von Apartheid: Die Juden sollten im Interesse der "Blutreinheit" vom deutschen Volkskörper tunlichst getrennt bleiben.
Seit 1918, glaubt der Kölner Genetikprofessor Benno Müller-Hill, waren sich die deutschen Biologen und Eugeniker einig in der "mehr oder weniger klaren Vorstellung, dass die minderwertigen Elemente die Niederlage verursacht und für sich den Krieg gewonnen hätten". Fortan habe sich der Glaube verbreitet, dass Deutschland durch den "Niedergang seiner Rasse dem nahen Untergang geweiht sei, wenn nicht binnen kurzem etwas Entscheidendes dagegen unternommen würde".
Was ja auch geschah. "Als am 30. Januar 1933 die Entscheidung für die Nationalsozialisten gefallen war", schreibt Müller-Hill, "befanden sich die Rassentheoretiker in einem wahren Taumel. Der Staat sollte nach ihren Vorstellungen geordnet werden." Noch im Jahr der "Machtergreifung" wurde das Erbgesundheitsgesetz erlassen; es folgten die Nürnberger Rassengesetze, die unter anderem Staatsangehörigen "deutschen oder artverwandten Blutes" die Ehe mit Juden verboten.
Als alles vorbei und auch der zweite Krieg verloren war, wuschen die Schreibtischtäter ihre Hände in Unschuld: Verantwortlich für die begangenen Untaten waren schließlich Mediziner; Ärzte hatten das Euthanasie-Programm entworfen und exekutiert, in Auschwitz und anderswo Häftlinge selektiert und ins Gas geschickt und in fast allen Konzentrationslagern schaurige Menschenversuche angestellt.
23 Angeklagte, darunter 20 Mediziner, standen 1946 im Nürnberger Ärzteprozess vor Gericht. Sieben von ihnen, darunter T4-Organisator Karl Brandt, wurden gehängt, neun erhielten langjährige Freiheitsstrafen, sieben wurden freigesprochen - ein Schlussstrich, der Gerechtigkeit herstellte?
Etwa 350 weitere Mediziner seien an den rassistisch oder eugenisch motivierten Verbrechen unmittelbar beteiligt gewesen, schätzte der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, der als Prozessbeobachter an dem Nürnberger Verfahren teilgenommen und die dort gewonnenen Erkenntnisse bald darauf in einem Buch ("Wissenschaft ohne Menschlichkeit") verarbeitet hatte.
Die erste Auflage von 10 000 Exemplaren war um 1950 komplett an die westdeutschen Ärztekammern ausgeliefert worden - und wie in einem schwarzen Loch verschwunden. "Keine Rezensionen, keine Zuschriften aus dem Leserkreis", klagte Mitscherlich; es war, "als ob das Buch nie erschienen wäre". Wer so hartnäckig seine Schuld verleugne, warnte der Freud-Schüler, müsse mit einer "Wiederkehr des Verdrängten" rechnen.
Die begann in den siebziger Jahren und hält seither an. In einer Fülle von Studien wurde die Medizingeschichte der NS-Zeit inzwischen ausgeleuchtet. Die Ergebnisse enthüllen, wie tief der Rassismus und das sozialdarwinistische Denken der Erbbiologen längst auch in den Köpfen der Heilbehandler verwurzelt waren.
Widerstandslos hatte die deutsche Ärzteschaft zugeschaut, wie ihr Berufsstand Schritt für Schritt von jüdischen Kollegen gesäubert wurde. Kein anderer Beruf, hatte im März 1933 der "Völkische Beobachter" geschrieben, sei "so verjudet" wie der medizinische. In den nächsten Jahren wurde den jüdischen Ärzten die Kassenzulassung und schließlich die Approbation entzogen. An der Berliner Charité verlor jeder dritte Mediziner seinen Posten.
"Wie können sich praktizierende Ärzte an erbbiologischer und eugenischer Forschung und Materialbeschaffung beteiligen?" So lautete ein Preisausschreiben im "Deutschen Ärzteblatt" vom Januar 1933. Gelegenheiten zur erwünschten Mitarbeit sollten sich bald häufen - etwa beim Euthanasie-Programm oder bei der seit 1934 gesetzlich erlaubten Zwangssterilisation von Geistesgestörten und Erbkranken, später auch von Sittlichkeitsverbrechern und Homosexuellen. Etwa 400 000 Personen wurden zwischen 1934 und Kriegsende operativ sterilisiert; rund 5000, meist Frauen, starben an den Folgen des Eingriffs.
Ärztliche Empathie, fürsorgliches Mitleiden, sollte aus dem Medizinbetrieb verdrängt werden. "Hart werden", "Gesundheit ist Pflicht", hämmerte die NS-Medizinpresse Ärzten wie Patienten ein. "Krankheit ist ein Versagen", hieß es in einem Handbuch zur Gesundheitserziehung Jugendlicher. "Wir wissen heute", schrieb 1944 die Zeitschrift "Natur und Gesundheit", "dass die Krankheit einer der Auslesefaktoren im Kampf ums Dasein ist, in dem nur das Starke erhalten und das Schwache ausgemerzt werden soll."
Während sich die Mediziner nach 1945 zunächst in teils schamhaftes, teils selbstgerechtes Schweigen hüllten, machten die Humangenetiker und Rassenforscher weiter, als wäre nichts gewesen. Obwohl von den wichtigsten Exponenten der Forschungsbranche einer Untersuchung zufolge 90 Prozent der NSDAP und 36 Prozent gar der SS angehört hatten, stritten sie die politische Bedeutung ihrer Arbeit weitgehend ab.
Seit 1953 die Desoxyribonukleinsäure (DNS) als Trägersubstanz der Erbanlagen entschlüsselt und der menschliche Gencode geknackt wurde, haben sie zwar das Interesse an ihren früheren, stets hoch spekulativen Rassentheorien fast völlig verloren. Aber von der seit Darwin geübten Gewohnheit, die im Tierreich geltenden Naturgesetze auf die menschliche Gesellschaft zu übertragen, trennten sich Bioforscher nur ungern.
Ein Beispiel dafür bietet der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der in der Nazi-Zeit beim Vergleich von Wildhühnern und ihrer Domestikationsform, den Haushühnern, auf die Menschenwelt gekommen war. Beim labilen, entwurzelten Stadtmenschen glaubte der Geflügelforscher denselben Verlust angeborener Sozialinstinkte feststellen zu können wie beim Haushuhn - laut Lorenz Folge einer genetischen Auslese, die dem vermehrten Vorkommen von "Asozialen", "Parasiten" und sonstwie "Gezeichneten" Vorschub leiste.
Bis in die siebziger Jahre setzte der spätere Nobelpreisträger, nun mit Graugänsen, seine Arbeit fort und erregte immer wieder Aufsehen mit vehementer Zivilisationskritik, die einen im Industriezeitalter angeblich fortschreitenden Werteverlust anprangerte.
Bei seinen moralisierenden Anklagen ("Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit") wich Lorenz allerdings stets der Frage aus, wie sich denn der Zivilisationsmensch von seiner offenbar destruktiven Erblast befreien könnte, ja, ob er dazu überhaupt in der Lage wäre.
Für die Nazis war die Antwort klar: Das unerwünschte Erbgut sollte, notfalls samt seinen Trägern, radikal "ausgemerzt" werden. An die Stelle der natürlichen Auslese trat das NS-Vernichtungsprogramm mit seinen Todesspritzen, Gaskammern und Massenerschießungen.
Der britische Soziologe Zygmunt Bauman, einst vor Hitler aus Polen in die Emigration geflohen, sieht in der braunen Revolution "ein gigantisches Projekt des Social Engineering" - eine Art umfassender Sozialplanung mit dem Ziel, die Utopie einer homogenen Gesellschaft rassisch gleichartiger Mitglieder durchzusetzen. Maßstab des Züchtungsvorhabens war der Idealtyp des germanischen Ariers, den einst der französische Graf Arthur de Gobineau (1816 bis 1882) zum wichtigsten Kulturträger der Menschheit erklärt hatte.
Leicht, zeigt Bauman, war es nicht, die Durchschnittsdeutschen mit dem Rassenwahn zu infizieren, noch schwerer, sie auf die Ausrottungspolitik vorzubereiten. Auch massive Propaganda etwa mit Filmen, in denen geistig Behinderte als Monstren und Juden als Ungeziefer dargestellt wurden, änderte daran wenig. Auf alte landesübliche Ressentiments gegen Außenseiter konnten sich die NS-Führer bei ihren Plänen nicht verlassen - nicht einmal auf einen starken deutschen "Nationalstolz", wie Hitler in "Mein Kampf" beklagte.
Hitlers Vollstrecker bemühten sich deshalb, ihre Vernichtungsprogramme in aller Heimlichkeit abzuwickeln. Die Tötungsanstalten der T4-Aktion firmierten intern als "Institute für Euthanasie", nach außen als "Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege". Die Busfahrten zu den Gaskammern wurden als "Krankentransporte" getarnt; das ganze Unternehmen, hieß es, diene der "aktiven Steuerung der Bevölkerungsentwicklung".
Mit den wilden Judenpogromen von einst oder früheren Ausrottungsfeldzügen gegen Fremdvölker und Andersgläubige, meint Bauman, weise die von den Nazis planmäßig betriebene "Ausmerze" keinerlei Ähnlichkeit auf. Der Holocaust war nach seiner Erkenntnis in jeder Hinsicht eine Erscheinung der "Moderne" - ein Unterfangen mit allen Merkmalen des wissenschaftlichtechnischen Zeitalters.
"Modern" war danach schon die ideologische Grundlage des Vernichtungswerks, das sich am darwinistischen Konzept der biologischen Auslese orientierte und darauf hinauslief, ein ganzes Volk genetisch zu manipulieren. Bei der Ausführung folgten die Täter dem industriellen Organisationsprinzip der Arbeitsteilung, ohne das die monströse Aufgabe gar nicht hätte bewältigt werden können.
Erst ganz am Schluss, vor den Türen der Gaskammern, traten die Mörder in Erscheinung; was vorherging, wurde in viele Einzelschritte zerlegt - vom bürokratischen Erfassen der Opfer bis zu ihrer Festnahme und dem Abtransport in die Vernichtungsstätten, den Beamte der Reichsbahn organisierten. Die hochgradige Arbeitsteilung trug nicht nur zur Effizienz des Massenmordens bei, sie besänftigte auch mögliche Skrupel der Beteiligten, die, jeder an seinem Platz, nur ihren gewohnten Job verrichteten.
Nur ein Industriestaat mit seiner komplexen Infrastruktur konnte laut Bauman den reibungslosen Lauf der Mordmaschinerie gewährleisten, eine Erkenntnis, die kaum hilft, die Furcht vor einer Wiederholung des Horrors zu dämpfen - zumal die moderne Gentechnik, wie ihre Kritiker warnen, eine Rückkehr eugenischer Zuchtphantasien fördere.
Zwar halten sich deutsche Molekularbiologen stets zurück, wenn über heikle Themen wie das Klonen von Menschen oder pränatale Diagnostik debattiert wird. Anderswo aber, etwa im Heimatland des Rassentheoretikers Graf de Gobineau, nehmen Forscherkollegen den Mund oft mächtig voll.
"Es lebe die Herrschaft des Menschen über alles Leben", schreibt der Pariser Genomforscher Daniel Cohen: "In einer mehr oder weniger nahen Zukunft wird der Mensch die Macht haben, sein genetisches Erbe zu verändern." Der Homo sapiens, "dieser ungestüme, eifernde Mensch", schwärmt Cohen, werde "die ihm eigenen Barrieren überwinden" und eine "neue Spezies von Hominiden" in die Welt setzen - eine neue Variante des seit Friedrich Nietzsche umherspukenden Übermenschen?
Natürlich nicht, versichern die Genforscher, niemand denke daran, bei der Genmanipulation an Nietzsches "blonder Bestie" Maß zu nehmen oder gar an Heinrich Himmlers schwarz uniformierter Fortpflanzungselite. Fürs Erste, behaupten sie, gehe es nur um das Identifizieren oder die Reparatur schadhafter Gene, um Therapie also, nicht um Menschenzüchtung.
Dass bei der vorgeburtlichen Gendiagnostik (mit womöglich darauf folgender Abtreibung) Selektion betrieben wird, bestreiten die Forscher nicht. Diese neue Form der Eugenik, konstatiert der Molekularbiologe Gunther Stent, schaffe nun einmal "ethische Dilemmata", mit denen die Menschheit fortan leben müsse.
Menschen zu klonen, erst recht in großem Stil, hält Stent für fragwürdig, ein Verbot aber sei überflüssig, meint er: Die Idee einer gleichförmigen Menschenmasse, wie sie in fast allen politischen Utopien der Vergangenheit auftaucht, wirkt nach Stents Überzeugung so abstoßend, dass sie kaum viel Anklang finden dürfte.
Offensichtlich folgt die neue, gentechnische Eugenik nicht mehr den Planzielen autoritärer Machtzirkel, die einst einen im voraus konzipierten Menschentypus verwirklichen wollten. Wie die von Genomforscher Cohen avisierte "neue Spezies von Hominiden" aussehen soll, lässt der faustische Gelehrte ausdrücklich offen; darüber, glaubt er, werde irgendwann die Gesellschaft entscheiden müssen.
In Deutschland haben die Politiker, stets im Schatten einer dunklen Vergangenheit, den Gentechnologen besonders enge Fesseln angelegt. Eingriffe in die Keimbahn sind wie das Klonen von Menschen gesetzlich verboten. Doch der Zeitgeist beginnt sich zu wandeln. Dass der Bundeskanzler unlängst seine moralische Richtlinienkompetenz in Sachen Gentechnik an einen "Nationalen Ethikrat" delegierte, könnte auch als Befreiung der Politik von historischem Ballast verstanden werden.
Beim Thema Euthanasie jedenfalls steht der deutsche Volkswille keineswegs hinter den Moralurteilen der Politiker, die unisono das niederländische Gesetz verurteilten. 67 Prozent der Deutschen finden die Gnadentod-Regelung trotz aller Missbrauchswarnungen nachahmenswert.
In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts, glaubt der amerikanische Zukunftsdenker Francis Fukuyama, werde es ohnehin keinem Staat mehr gelingen, im Alleingang seinen Bürgern eine bestimmte Moral aufzuzwingen. "Die Globalisierung", schreibt Fukuyama, "bedeutet, dass jeder souveräne Nationalstaat, der beispielsweise das Klonen oder Erzeugen von Designer-Babys eingrenzen will, dazu gar nicht in der Lage ist." Wer ein Klon-Baby wolle, finde mit Sicherheit ein Land, wo ihm sein Wunsch erfüllt werde.
Wie von selbst, ungesteuert und ohne festen Plan, schätzt Fukuyama, werde die Menschheit auf die Dauer ihre Evolution in eigene Regie nehmen. "Die Biotechnologie", schreibt er, "wird in letzter Konsequenz das leisten können, was die radikalen Ideologien der Vergangenheit wegen ihrer kruden Methoden nicht zu leisten vermochten: einen neuen Menschentypus zu schaffen."
Aber wird der neue, womöglich schönere und gesündere Menschentyp auch besser sein als der alte - sanftmütiger, klüger, freundlicher? Optimismus verbreitet auch Fukuyama nicht, allenfalls Gelassenheit angesichts einer Entwicklung, die ohnehin nicht zu stoppen ist.
Zwischen den Zeilen scheint auch bei ihm die Erinnerung an den Holocaust auf, den der Soziologe Bauman als düsteres Lehrstück begreift: Wichtiger als jede moralische Anklage ist ihm die Erkenntnis, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt den Massenmord nicht nur nicht verhindert, sondern im Gegenteil das Ausmaß des Schreckens noch gesteigert hat.
"Auf die Dauer gesehen, hilft gegen das Untermenschentum nur die Ausmerze."
"Deutsches Ärzteblatt", 1940
"Es war ein schauriger Anblick, wenn die Kranken nach und nach zusammensackten."
Zeuge im Hadamar-Prozess, 1946
"Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Feldmaus zu Feldmaus, der Wolf zur Wölfin."
Adolf Hitler in "Mein Kampf"
* Vor seiner Hinrichtung 1948.
Von Franke, Klaus

DER SPIEGEL 29/2001
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