30.07.2001

MÄZENEGargantuas Schatzkammer

Mit historischen Prachthandschriften macht der Antiquar Heribert Tenschert Millionenumsätze. Nun hat der rastlose Selfmademan ein eigenes Literaturarchiv gegründet. Auch Martin Walser will ihm sein literarisches Erbe anvertrauen.
Leise klackend fallen die Deckel der Papphülle auf den Tisch. "Da, schauen Sie nur", sagt Heribert Tenschert, nimmt den alten Lederband aus seinem Schutzkasten und schlägt ihn auf. "Wer hat schon so ein Manuskript?"
Winzige, akkurate Verszeilen heben sich ab vom sperrigen, mattgelben Pergament. Drumherum aber wird es bunt: Grüne Ranken umschlingen die Wörter, Anfangsbuchstaben in Blau und Rot leuchten auf, überall funkelt Blattgold, dazwischen Girlanden und Sternchen.
"Senecas Tragödien sind komplett ohnehin sehr selten", erklärt der Handschriftenfachmann. "Dieses Exemplar ist um 1390 vom berühmten Meister der Brüsseler Initialen illuminiert, und es stammt von Coluccio Salutati persönlich, dem großen Gelehrten und Papstsekretär, Petrarcas Brieffreund." Er klappt das edle Stück wieder zu. "Aber nun sehen Sie bloß diesen hässlichen Einband. Repariert, abgewetzt - das will doch niemand haben. Nein, den lasse ich ganz neu machen. Die Leute sollen staunen." Und bezahlen: so um die anderthalb Millionen Mark.
Das geben sie wirklich aus, regelmäßig. Dieses Frühjahr brachte Tenschert, 53, auf der Europäischen Kunstmesse in Maastricht ein mit 31 Miniaturen geschmücktes Stundenbuch von 1420 für zwei Millionen Schweizer Franken an den Mann. Ein weiteres für 1,2 Millionen Mark hatte er zuvor auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse verkauft. Noch mehr brachten einige kostbare Inkunabeln, vor 1500 gedruckte Bücher, die bei Sammlern hoch begehrt, aber im Handel fast nicht mehr aufzutreiben sind - außer eben bei Tenschert.
"Das schönste bekannte Exemplar", "einzig in seiner Art", schwärmt er dann, und das ist kaum je übertrieben. Seine Katalogbücher unter dem Namen "Leuchtendes Mittelalter" sind die größten und wissenschaftlich aufwendigsten der Zunft.
Häufe Schätze an und rühme sie, lautet sein Rezept. Wer auf der "Bibermühle", Tenscherts riesigem, idyllischem Anwesen am Rheinufer nahe dem Bodensee, nur ein paar der gut 10 000 Preziosen erblickt, fühlt sich bald wie inmitten einer unglaublichen Schwelgerei, etwa so, als würden pausenlos Kaviar, Austern, Hummer, Spargelspitzen, Gänseleberpastete, Trüffeln und Marzipan serviert. Da gibt es Aberhunderte wundervoll illustrierte französische Bücher des 18. Jahrhunderts, eine Hegel-Erstausgabe mit Autorwidmung, seltenste Handpressendrucke, eine Bibel aus Zarenbesitz - die Pracht will kein Ende nehmen.
Für seine Großtuerei ist er schon mal ein Gargantua der Buchkunst genannt worden. Ihm sind derartige Sprüche so selbstverständlich geworden wie die Sitzgarnitur in einem seiner Arbeitszimmer, die zufällig von Hitlers Obersalzberg stammt, oder der unentbehrliche 370-PS-Jaguar. Großspurigkeit gehört zum Image, aus Prinzip. Im Vorbeigehen deutet der gelernte Romanist auf lange Regale voller Nachschlagewerke, mit denen er jede Universitätsbibliothek neidisch machen könnte. Den üppigen Weinkeller habe er klimatisieren müssen, sagt er, als er nebenan seinen Tresorraum einbauen ließ.
Luxus überall, brutaler Luxus geradezu. Auch Tenscherts Geschichten handeln gewöhnlich von enormen Summen, aber mehr noch davon, was er mit ihnen bewegt. 1988 etwa konnte er dank cleverer Absprachen die Originalhandschrift von Kafkas "Process" für das Marbacher Literaturarchiv erwerben, gegen "sehr, sehr räsonable" 3,15 Millionen Mark.
Schlagzeilen hatte er schon gemacht bei der Rückführung des Quedlinburger Stiftsschatzes. Das bleibt für ihn allerdings eine trübe Story: Niemand habe es ihm gedankt, dabei lägen die einzigartigen Evangeliar-Codices nur durch das Werk seiner Kontakte und Verhandlungen wieder dort, wo sie bei Kriegsende geraubt wurden - für den "Bettel" von dreieinhalb Millionen Dollar "Finderlohn", während ihm selbst, wie er vorrechnet, sogar ein Minus blieb.
Richtig in Rage bringt ihn so etwas: In Deutschland sei er als erfolgreicher Seiteneinsteiger für viele weiterhin der "bestgehasste" Mann der Branche. Noch deprimierender sei nur der Umgang mit öffentlichen Sammlungen und Bibliotheken. Geschäfte mit denen machten für ihn seit langem "höchstens fünf Prozent aus"; Kulturbürokraten seien viel zu reaktionsschwach, phantasielos und knauserig. "Erst fehlen die Mittel. Dann, am Ende des Jahres, muss das Geld plötzlich raus - ein Elend."
Aber auch die privaten Geschäftspartner bleiben nicht ungeschoren. Erst vor ein paar Wochen ließ einer seiner ehemals besten Kunden, der holländische Großsammler Joost Ritman, bei Sotheby's in London Spitzenmanuskripte versteigern, darunter viele einst von Tenschert erworbene. "Er hat mich nicht einmal gefragt, ob ich sie zurückkaufen will", beklagt sich der Selfmademan.
Und wenn schon: Er bleibt ja trotzdem einer der Größten in der Branche und gewiss der Besessenste. Seit wenigen Wochen gibt es dafür einen neuen Beweis: Im bayerischen Rotthalmünster, einem verschwiegenen Nest südlich von Passau, existiert jetzt ein "Rudolf-Borchardt-Archiv", beherbergt, eingerichtet und finanziert von Heribert Tenschert.
Borchardt? Archiv? Rotthalmünster? Die Verbindung ist schnell erklärt: Vom heimatlichen Niederbayern aus startete Tenschert 1977 sein Antiquariat; noch immer lautet seine deutsche Geschäftsadresse Rotthalmünster, drei große Häuser sind dort mit kostbaren Büchern angefüllt. Und Rudolf Borchardt, das ist sein Abgott, sein literarisches Idol, "ein unglaublicher Mann, ein Genie".
Selbst er hat Mühe zu beschreiben, was dieser Borchardt, der von 1877 bis 1945 gelebt hat, alles sein wollte und auch war: Lyriker und Erzähler, aber zugleich ein überwältigender Rhetoriker; jüdischer Abstammung, aber streng deutschnational, dabei angewidert vom braunen Ungeist; kärglich und einsam in gemieteten Villen in Italien hausend; ein herrischer Traditionalist, dessen gewaltige Bildung von Homer bis zu den englischen Spätviktorianern reichte; ein Sprachbesessener, der aus dem Stegreif altitalienische Sonette ins Altenglische übersetzen konnte; Verehrer, Freund und Konkurrent Hugo von Hofmannsthals.
Schon als Schüler fand Tenschert in dem wortgewaltigen poetischen Draufgänger sein geistiges Vorbild. Seither las und kaufte er, was immer er von und über Borchardt auftreiben konnte. Heute besitzt er neben den Erben und dem Marbacher Literaturarchiv die wichtigste Kollektion der oft extrem raren, bei Kennern legendären frühen Privatdrucke - und er wäre nicht Tenschert, wenn er daraus nicht etwas Großes, Prächtiges, Erstaunliches machen wollte.
"Ich verdanke Borchardts Kulturvision so viel, das bin ich ihm schuldig", sagt er mit Blick auf die sechs Briefbände, die er seit 1993 in einer eigenen "Edition Tenschert" im Hanser Verlag finanziert hat. Schon diesen Herbst soll endlich der große Briefwechsel zwischen Borchardt und seinem Bremer Freund Rudolf Alexander Schröder erscheinen, "ein Dichtergespräch, das man nur mit dem zwischen Goethe und Schiller vergleichen kann, ganz großartig", sagt der Mäzen stolz. Kommentarbände werden folgen.
Natürlich kann der Händler all diese Bücher nicht selbst herausgeben. Seit ein paar Wochen arbeitet in Rotthalmünster ein Spezialist, der auch schon für die bisherigen Briefbände verantwortlich zeichnet: Gerhard Schuster, bis vor kurzem Chef des Goethe-Nationalmuseums in Weimar. Er hat den aufreibenden Posten quittiert, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass seine zupackende Art dem Klüngel der Klassikerstadt nicht passte.
Dank Tenscherts Engagement ist Schuster, 45, nun endlich in der Lage, das zu tun, "was ich schon immer wollte": Borchardt erkunden und herausgeben. Allein die Dokumente zur geheimnisumwitterten Frühzeit des Dichters, die er seit Jahren gehortet hat, füllen bereits über hundert Aktenordner: Von 1902 bis 1906 ließ sich Borchardt kreuz und quer durch Europa treiben, ein faszinierend dämonischer, ja vulkanischer Poet, Privatgelehrter und Bohemien, der mindestens einmal knapp einem Duell entkommen sein soll.
"Wir machen hier eine richtige Forschungsstelle", sagt Tenschert und nickt zu Schuster hinüber. "Wenn ich eine Handschrift haben will, gehe ich ja auch aufs Ganze. Da bin ich Machiavellist." Eines Tages könnte dann seine geräumige Bibermühle ein Kulturzentrum werden, ein Mekka für Miniaturexperten, Buchkunstforscher und Borchardtianer.
Aber auch Verehrer und Kenner von Martin Walser dürften sich irgendwann einmal dort einfinden. Denn seit einiger Zeit ist Walser, 74, gut mit Heribert Tenschert befreundet. Bewundernd spricht der Romancier davon, wie "unglaublich kundig" der Antiquar seine immensen Schätze betreut; zu einem der Kataloge hat er schon ein kleines Vorwort geschrieben. Walser wünscht sich nun, dass Tenschert später einmal für das sorgt, was er "sein literarisch Hinterlassenes" nennt.
"Ich denke, dass ich mich dort wohl befinden werde", sagt er zurückhaltend, aber begeistert. Tenschert werde die Erbschaft nicht einmotten, sondern "aktiv wahrnehmen", was an Poesie noch in den Manuskripten und Entwürfen stecke: mit Veröffentlichungen, Ausstellungen und dergleichen. Richtig "gut aufgehoben", sagt Walser, fühle er sich bei dem Gedanken an diese Regelung.
Tenschert ist stolz auf den Entschluss seines prominenten Bodensee-Nachbarn. Walsers Werke stehen selbstverständlich als Luxusausgabe gleich mehrfach in seinen Arbeitszimmern griffbereit. Den eben erschienenen Roman "Der Lebenslauf der Liebe" durfte er schon im Manuskript lesen. Und kürzlich, verrät Tenschert, habe Walser ihm sogar schelmisch gedroht: Er könne ja in einem seiner nächsten Bücher mal das Schicksal eines Mannes schildern, der Tag für Tag mit unglaublich kostbaren, schönen Manuskripten handelt. JOHANNES SALTZWEDEL
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 31/2001
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