Von Mohr, Reinhard
Am Anfang der modernen Zeitrechnung war das Mikrofon. Wo politische Prominenz auftritt, hängt es vom Himmel herab, festgezurrt am Ende galgenartiger meterlanger Stöcke, hellebardengleich eingesetzt als Waffe im öffentlichen Nahkampf um Wort und Wahrheit: Der Mikrofonwald ist das stehende Heer der Mediengesellschaft, bereit zu tagelanger Belagerung wie zur blitzschnellen Attacke.
Schon die erste Szene von Herlinde Koelbls 90-minütigem Dokumentarfilm "Die Meute - Macht und Ohnmacht der Medien", den die ARD am kommenden Freitag um 21.45 Uhr ausstrahlt, zeigt die Front der Informationsgesellschaft, wie sie summt und brummt, wieselt und werkelt: "Da is' dat Diepchen!", ruft ein Kameramann wie der Ausguckposten eines Walfängers, und schon stürzt sich die Pressemeute auf den ehemaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, als wäre Käptn Ahabs Hochsee-Crew hinter Moby Dick her - um am Ende doch nur die kleinen Platitudenfischstäbchen ("Möglichkeit eines Konsenses ...") einzufangen. Der Rest ist: stundenlanges Warten. Just get the Moment.
Monatelang hat Koelbl, die sich als Fotografin große Anerkennung erwarb, die Orte aufgesucht, an denen Politiker und Journalisten im hektischen O-Ton-Gedrängel direkt aufeinander treffen, jenen bleihaltigen Frontabschnitt, an dem der Rohstoff für die Nachrichten von "Tagesschau", "heute" und "RTL aktuell" anfällt: Pressekonferenzen, Parteiversammlungen, gesellschaftliche Ereignisse wie die "Bambi"-Preisverleihung, aber auch den Alltag des Bundestagsuntersuchungsausschusses zur CDU-Spendenaffäre, wo Sisyphos Regie führt.
Wir sehen die Medienarbeiter an der Bordsteinkante mit Stehleiter und Ellbogeneinsatz im Kampf um die erste Reihe, Tonknechte und Kamera-Djangos, deren Gerätschaften bei längeren Wartepausen schon mal auf dem Bürgersteig in Standby-Position paradieren wie die schweren Motorräder am Rand der Avus. Wir sehen die Politiker, denen das flatternde Medienspalier, das notorische Flehen um vermeintlich brisante Statements das Gefühl vermitteln, sie seien tatsächlich "Masters of the Universe", Könige der Welt - womöglich das wahre Entgelt für ihren eher unterbezahlten Job. Und wir sehen die führenden Hauptstadt-Journalisten, die aus all dem ihre Kommentare, wertvolles Hintergrundwissen und die berüchtigten Live-"Aufsager" destillieren müssen. Im Gegenschnitt zu den Szenen vom alltäglichen Kampfplatz an der Info-Front äußern sie sich über ihr journalistisches Selbstverständnis und über die unaufhebbar ambivalente Konstellation zwischen Politik und Publizistik, Macht und Medien. Keine Frage: Wo "Triebtäter" auf "Profilneurotiker" treffen, "Schmeißfliegen" und "Wegelagerer" auf "eitle Selbstdarsteller", da herrschen die Strukturen einer Suchtgemeinschaft in leidenschaftlicher gegenseitiger Abhängigkeit.
Was Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye "zwei Seiten einer Medaille" nennt, charakterisiert "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann als ein "Geben und Nehmen". Andere sagen es deutlicher: Journalistische Nähe zur Macht, so ergiebig sie sein mag, hat ihren Preis. Das Geben und Nehmen birgt die Gefahr mangelnder Distanz, unkritischer Berichterstattung. Der Hang zu Personalisierung und symbolischer Inszenierung, die weiter gesteigerte Umlaufgeschwindigkeit der Neuigkeitsproduktion - all dies verstärkt noch den Trend zur Vermischung der Bataillone. Da duzt man schon mal Kanzler und Außenminister, trinkt das eine oder andere Bierchen zusammen, ruft auch mal zu Hause an. Doch plötzlich schlägt das "Hosianna!" in ein "Kreuziget ihn!" um, und das fröhliche Halali ist eröffnet. ARD-Mann Hartmann von der Tann redet vom "Herdenproblem", das sich zuweilen in einem "Hosenlatzjournalismus mit eruptiven Entladungen" Luft verschafft, wie der langjährige Pressesprecher im Arbeitsministerium, Ludger Reuber, formuliert. "Schreibe so, dass du dem, über den du schreibst, in die Augen schauen kannst" lautet die Maxime von "FAZ"-Korrespondent Karl Feldmeyer, der sich im Übrigen darüber empört, wie Politiker Journalisten immer wieder zu Objekten ihrer Machtstrategie degradieren.
Schönes Bild: Gerhard Schröder lässt ARD-Korrespondent Werner "Wichtig" Sonne ("Ich habe vor niemand Angst") samt Mikrogalgen und kritischer Frage einfach hart im Raum stehen - und rauscht wortlos davon, um sich mit einer Schulklasse fotografieren zu lassen.
Andererseits geben auch Journalisten zu, "Politikern gelegentlich üble Dinge" anzutun, wie Kurt Kister von der "Süddeutschen Zeitung" selbstkritisch sagt.
Koelbls Film, gegen Ende ein wenig zu lang, lebt vom intensiven Wechsel zwischen Genrebild und Reflexion, stiller Beobachtung und krachender Selbstdarstellung. Wie ist das also mit der Macht der Medien? Carl Weiss, einst ZDF-Korrespondent in London, spricht die Faszination des Journalismus offen aus: "Die Oberflächlichkeit des Berufes, bei dem man nicht gezwungen ist, allzu sehr in die Tiefe zu gehen - und es reicht trotzdem."
Es könnte das Motto auch für die Triebtäter der Politik sein. REINHARD MOHR
DER SPIEGEL 32/2001
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