06.08.2001

Höllenfahrt ins Paradies

Mit frommen Heilsversprechen formten Hamas-Fundamentalisten den Palästinenser Saïd Hutari zum Selbstmordattentäter. Nach Israels jüngstem Schlag gegen die Islamisten wollen Freiwillige den Tod ihrer Führer auf gleiche Weise rächen.
Das Letzte, das der Taxifahrer Mahmud Nahdi von seinem Fahrgast sah, war der Moment, in dem sich dieser unter die Jugendlichen am Strand von Tel Aviv mischte. Ein viel zu weites Hemd hing lose um seinen schmalen Körper, bloß um die Hüften schien er etwas Schweres, Sperriges zu tragen.
Schon unterwegs war ihm die verdächtige Ausbuchtung unter der Kleidung des jungen Mannes aufgefallen. Doch Nahdi schwieg lieber, zumal an diesem Abend seine siebenjährige Tochter neben ihm saß. Nach kurzem Halt, so berichtete Nahdi später vor Gericht, sei er weitergefahren. Fünf Minuten später habe er den Explosionsknall gehört.
Eine infernalische Bombe, bei der Schrauben und Metallkugeln die Wirkung des Sprengstoffs verstärkten, zerriss in der Nacht des 1. Juni 21 israelische Jugendliche. Der palästinensische Selbstmordattentäter, der die tödliche Ladung um seinen Körper geschnallt hatte, war Nahdis Fahrgast.
"Wie kann man so etwas tun?", fragt Faik Kulijew, 18. "Wer das macht, ist doch kein Mensch mehr." Der junge Einwanderer aus Aserbaidschan ist einer von 120 Verletzten, die den Terroranschlag überlebten und nun mühsam genesen.
Faik hatte sich mit einem Freund gerade in die Warteschlange vor der beliebten Stranddisco beim Delfinarium gestellt, als plötzlich ein Feuerball auf ihn zuraste. "Ich brannte überall. Als ich meine Kleider herunterreißen wollte, sah ich, dass in meiner Hand ein Loch war."
Nach zwei Operationen ist Faik einigermaßen wiederhergestellt, doch in seinem rechten, von Brandwunden entstellten Arm stecken noch Metallsplitter. Seine Hand wird von Stahlschrauben zusammengehalten.
Der Attentäter, der ihm diese Wunden zugefügt hatte, war nur drei Jahre älter gewesen, als er sich und seine Opfer umbrachte. Bis dahin hatte Saïd Hutari als Elektriker in Israel auf dem Bau gearbeitet.
Saïd bedeutet glücklich im Arabischen. Und tatsächlich scheint der Sohn eines Maurers ein zufriedenes Kind gewesen zu sein. Alte Fotos zeigen ihn mit seinem Vater beim Kamelreiten am Toten Meer, im Garten unter einem Feigenbaum, als Jugendlichen mit Freunden bei einer Bootsfahrt. Auf allen Bildern lächelt er.
Nur widerstrebend hat sein Vater Assan, 61, das Fotoalbum hervorgeholt. Er will nicht zu viel Privates preisgeben, das gehört sich nicht in der arabischen Gesellschaft. Sicherheitshalber hat Hutari deshalb Nachbarn zu sich in das karge Wohnzimmer im jordanischen Ruseifa gebeten. Sie sollen bezeugen können, dass er sich an den palästinensischen Ehrenkodex hält und selbst die Wahnsinnstat seines Sohnes als gerechtes Mittel im Kampf gegen Israel preist.
Gefasst zeigt er sich als aufopferungsvoller Vater eines "Märtyrers", der sein Leben "im Widerstand" gegen die Besatzer opferte. "Ich muss stolz auf ihn sein", sagt er. Als ihm einmal Tränen in die Augen steigen, verlässt er hastig den Raum. "Saïd starb als Sohn Palästinas!", springt der Nachbar Abu Anas für ihn ein.
Auf den Bildern an der Wand hat sich Saïds Wandlung zum Helden Palästinas bereits vollzogen. Im Fotostudio hat ein Retuscheur Saïd vor dem Jerusalemer Felsendom einmontiert, im Hintergrund reckt ein vermummter Intifada-Kämpfer die Hand, die an Stelle eines Steins ein Passfoto von Saïd umschließt. Daneben prangt ein Jugendbild seines Vaters. "Wir Väter geben unser Erbe an die Söhne weiter", sagt Hutari.
Das Erbe eines Palästinensers ist seine Herkunft. Familie Hutari stammt aus Kalkilja nordöstlich von Tel Aviv. Im Sechstagekrieg 1967 wurde die bis dahin jordanisch regierte Stadt von der israelischen Armee erobert. Vater Assan Hutari, damals 26, arbeitete gerade in Kuweit, als die Kämpfe ausbrachen, er konnte nicht mehr zurück. So blieb er in Jordanien, wo er neun Kinder großzog und wo heute rund drei Millionen Palästinenser leben. "Die Israelis denken, alles ist vergessen, wenn wir Alten erst einmal tot sind", klagt Hutari, "doch meine Kinder wissen, wo sie herkommen!" Das Familienoberhaupt, ein schmaler, wortkarger Mann, reicht die klassische arabische Getränkefolge herum - Kaffee, Cola, Zuckertee, Limonade. Die Männer rauchen Kette, gestikulieren und schimpfen. Sie sind alt und gallig geworden, doch noch immer ist Palästina nicht befreit. Fern ihrer Heimatdörfer verfolgen sie nun schon die zweite Intifada, die bisher nur neue Repressionen, aber keine greifbaren Erfolge gebracht hat.
Hutaris Sohn, so sehen es alle, hat mit seiner Tat das übermächtige Israel wenigstens herausgefordert. "Alle Araber sollten tun, was Saïd getan hat!", ereifert sich Nachbar Abu Anas, der für die Opfer kein Wort des Mitleids findet. So wie Saïd stehe eine "ganze Generation" junger Kämpfer bereit, "die niemals akzeptieren werden, was wir hingenommen haben".
Er habe seine Kinder nie gelehrt, "die Israelis zu hassen", beteuert Hutari, "wohl aber, was unsere Rechte sind". Nach Kalkilja, den inzwischen palästinensisch kontrollierten Heimatort, kehrte die Familie erst vor zwei Jahren zurück. Doch schon bald wurde das Geld knapp, und Hutari reiste wieder nach Jordanien.
Der Sohn Saïd blieb in Kalkilja zurück. "Er war glücklich dort", behauptet sein Vater. Trotz regelmäßiger Telefongespräche war ihm entgangen, dass er längst die Kontrolle über ihn verloren hatte. Denn in Kalkilja schloss sich der schüchterne Einzelgänger einer neuen Familie an - der Hamas. Die islamistische Bewegung war 1987 während der ersten Intifada im Gaza-Streifen entstanden. Angeführt von dem blinden und weitgehend gelähmten Scheich Ahmed Jassin bekämpfen die Fundamentalisten Israel mit Terroranschlägen. Die Stadt Kalkilja mit ihren 45 000 Einwohnern zählt zu den Hochburgen der Organisation.
Saïds Cousin Abdullah, 41, der mit seiner Familie ebenfalls in Kalkilja lebt, bemerkte dessen wachsende Nähe zur Hamas. Doch er sprach ihn nie darauf an: "Ich wollte mich nicht einmischen." Ohnehin sei sein Vetter nur noch schwer zugänglich gewesen und habe immer mehr Zeit in der Moschee verbracht. Einen Job fand Saïd kaum noch, seitdem Israel die palästinensischen Arbeiter wegen der Unruhen immer häufiger aussperrte.
Die neuen Freunde von der Hamas brachten ihn rasch in Schwierigkeiten. Im vorigen Frühjahr steckte ihn die palästinensische Polizei zwölf Tage lang ins Gefängnis. Die Ermittler Jassir Arafats wollten Informationen über die Drahtzieher eines Selbstmordanschlags erhalten, bei dem am 28. März zwei jüdische Religionsschüler getötet worden waren. Der Attentäter Fahdi al-Talah war Saïds bester Freund gewesen.
Nach dessen Bombentod hörte Abdullah seinen Cousin sagen: "Wenn jede Familie einen Märtyrer geben würde, könnten wir uns von den Besatzern befreien." Doch der Lehrer für palästinensische Geschichte kam nicht auf die Idee, dass Saïd bereits selbst zum Äußersten entschlossen war.
Abdullah ist einer der wenigen in Kalkilja, die es wagen, den Selbstmordanschlag öffentlich zu verurteilen: "Was erreicht man damit? Eine solche Tat macht doch keinen Sinn." Überdies seien die Opfer "vollkommen unschuldig".
Der Großteil der bisher etwa 40 Selbstmordattentate - und etlicher mehr, die misslangen - geht auf das Konto der Hamas. Seit 1993 starben rund 200 Israelis durch die menschlichen Bomben, fast 1500 wurden verletzt und teilweise schwer verstümmelt. Nachdem die israelische Armee vergangene Woche in Nablus mit den beiden Hamas-Führern Dschamal Mansur und Dschamal Salim zwei prominente Hamas-Führer getötet hatte, gelobten Dut-
zende weiterer Todeswilliger, sie stünden bereit für die nächsten Anschläge.
Die Freiwilligen, die Hamas anscheinend ohne jede Mühe rekrutieren kann, ähneln fast alle Saïd: Sie sind fanatische Nationalisten, jung, allein stehend und häufig fromme Muslime. Nur in wenigen Fällen, so glauben Terrorexperten, handele es sich um klassische Selbstmordkandidaten. Was sie vor allem zu der Tat treibe, sei der psychische Druck der Organisation, die ihre Attentatskandidaten einer Gehirnwäsche unterzieht.
Den Anführern der Hamas gelingt es, die Mord-Mission mit einer "Aura religiöser Heiligkeit" zu versehen, erklärt Reuven Paz vom israelischen Anti-Terrorismus-Institut in Herzlija. Die Killer dürfen fortan in der "Dschund Allah", der Armee Gottes dienen - Saïd bekleidete dort den Rang eines Leutnants. Hat der Bomber erst einmal den "heiligen Pakt" geschlossen, gibt es kein Zurück. "Der Kandidat ist so programmiert, dass er zu jedem beliebigen Zeitpunkt quasi über Fernsteuerung gezündet werden kann", sagt der Terror-Experte.
Dass Selbstmord und die Tötung Unschuldiger auch nach den Regeln des Islam verboten sind, stört die Fanatiker nicht. Sie deuten die Tat als Opfer im Heiligen Krieg gegen die Feinde Allahs. Als Lohn wird den Kämpfern ein ewiges Leben im Paradies verheißen, wo angeblich Dutzende von Jungfrauen auf sie warten.
Anders als bei der Terrorwelle Mitte der neunziger Jahre finden die Selbstmordanschläge der zweiten Intifada breite Unterstützung bei den Palästinensern. Auch Arafats Polizei, die in der Vergangenheit wiederholt gegen Hamas vorging, lässt heute die religiösen Extremisten in Ruhe.
Ungestört konnten die Hamas-Führer deshalb Saïd Hutari bis zum Schluss kontrollieren. Mehrmals riefen sie während der Fahrt nach Tel Aviv über Handy an, um zu hören, ob alles nach Plan verlaufe. Wenige Minuten, nachdem Saïd das Taxi verlassen hatte, betätigte er den Zünder.
Für die Überlebenden des Anschlags bleibt der Täter ein grausames Rätsel. "Ich kenne nur ein Foto aus der Zeitung, darauf sieht er aus wie ein schmächtiger Bub", sagt Nadia, 16, die einen doppelten Beinbruch erlitt und deren Lunge von Metallschrott durchschlagen wurde. In ihren Träumen stürzt sie unaufhörlich aus einem Fenster, während ihre Mutter vergebens versucht, sie zu halten.
Saïds Angehörige warten unterdessen noch immer auf die zerfetzten Überreste seines Leichnams. Sie ahnen nicht, dass er längst in Israel bestattet wurde - auf einem geheimen Sonderfriedhof für tote Terroristen. ANNETTE GROßBONGARDT
* Links: mit Sohn Hussein; rechts: Anschlagsopfer vor der Discothek in Tel Aviv am 1. Juni.
Von Annette Großbongardt

DER SPIEGEL 32/2001
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